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Wikinger, Miesmuscheln und Hundewälder
Wir sind in unserem vorerst letzten Hafen Dänemarks angelangt. Die Köpfe gefüllt mit Eindrücken, die Seelen noch am Nachkommen, die Muskeln schon ein klein wenig straffend, die Haut von der Sonne gerötet und das Gleichgewichtssystem schon etwas schwanken! Angekommen, am Ankerplatz bei Marstal, auf der Insel Aero. Eine Insel voll von Geschichte, eine Insel rechtweisend für die Zukunft. Denn Aero blickt zurück auf die glorreiche Zeit von Schiffsbau und ihrer Seefahrtsgeschichte und zeigt Stolz ihren Weg in die Zukunft voll erneuerbarer Energie und Unabhängigkeit. Doch halt, erst einmal zurückspulen, denn schließlich sind wir ja nicht hierher geflogen, schließlich gibt's etliches zwischen Sylt und Aero zu berichten! Also, ratter, ratter... begonnen hat alles auf der Nordsee:
Ach ja, die Nordsee: „Legen zeitig bei Hochwasser in Sylt ab und laufen anfangs unter Genua und Groß am Wind, bald hissen wir den Besan und LA BELLE fährt mit 4 bis 5 Knoten. Da der Wind abnimmt, setzen wir zusätzlich die Fock, die knapp einen Koten bringt.“ So berichtet das Logbuch. Und ja, nach und nach lernen wir unser Schifferl genauer kennen, nach und nach lernen wir damit umzugehen, dass wir nicht mehr zwei Segel zur Wahl haben, sondern vier Segel gleichzeitig setzen können. Nach und nach lernen wir, wie ein schweres, komfortables und doch segelfreudiges Schiffchen zu handhaben ist. Nach und nach lernen wir, wieder auf Seefüßen zu stehen und die Situation richtig einzuschätzen. Und zwischendurch müssen wir einsehen, dass sich auf der Nordsee nun mal alles um Tiden und Strömungen dreht und die eigenen Wünsche danach gerichtet werden müssen. Was leider einen entscheidenden Nachteil mit sich bringt: nimmt der Wind ab oder läuft die Yacht zu langsam, muss der Motor gestartet werden (um den, durch die Tiden vorgegebenen, Zeitplan einhalten zu können). Au, daran müssen wir uns erst gewöhnen! Drum tümpeln wir auch viel zu lange in der Nordsee herum und schaffen es erst Nachts, endlich in Esbjerg einzulaufen. Groß war die Verlockung, auf die Nacht vor Anker zu verzichten und einfach auf der Nordsee zu bleiben, zu schön und zu ruhig war der Nachmittag auf See!
„Im Osten geht die Sonne auf, im Süden steht sie Mittag, im Westen geht sie unter und im Norden steht sie nie“ – nein, liebe Lehrer, nein liebe Leute, ich schwöre, dieser – in der Volkschule gelernte - Spruch, ist falsch. Die Sonne hat einen Kreis um mich gedreht, denn hier geht sie niemals wirklich unter. Doch, fast, sie selbst ist hinterm Horizont verschwunden, doch ihr Schein und ihr warmes Versprechen ist den weiten Weg von Westen über den Horizont nach Osten gewandert um dort wieder in herrlichstem Rot den Tag zu wecken. Für den weiten Weg über den Norden hat sie sich ganze fünf Stunden Zeit genommen, dafür genießt sie den Unter- und Aufgang dermaßen, dass sie sich dafür weitere zwei Stunden Zeit nimmt. Noch nie zuvor in meinem Leben wurde ich schläfrig, während ich den Sonnenuntergang bewundert habe!
Der Morgen begrüßt uns mit türkisem Wasser. Verschwunden ist das tiefe Blau der Nordsee und wir überprüfen ungläubig die Seekarten, überwältigt vom schlechten Gewissen, ins seichte Wasser geraten zu sein.
Wir verabschieden uns von Anton. Wir spielen im Limfjord herum. Wir segeln zur Insel Fur, dösen am Strand und wandern durch die Kieferwälder. Genießen ein Fläschchen „Primus Austriakuss“ im Sand und zittern vor Kälte bei der abendlichen Decksdusche, düsen im Dingi herum und „verarzten“ – oder anders gesagt: lackieren – die paar Kratzer, die LA BELLE EPOQUE von ihren vielen Schleusenfahrten davongetragen hat. Es dauert Tage, bis wir wieder aufbrechen, bis wir uns auf den Weg Richtung Alborg machen. Im Nebel geht's durch die Brücke von Aggersund. Die Überreste der Wikingerburg lassen wir hinter uns, bei diesem dicken Nebel würden wir ohnehin nix sehen!
Über Funk ruf ich nach KILUHA , und tatsächlich, Alfred meldet sich und erzählt, dass er – mit neuer Crew – gerade Kurs nach Nibe segelt. So verbringen wir ein paar gemeinsame Tage in Nibe, denn kaum angekommen, bäumt sich der Wind auf und will sich nicht mehr beruhigen. Vierzig Knoten zeigt Alfreds Windmesser, doch uns soll´s egal sein, wir liegen sicher und bequem. Und irgend wann lassen wir den Limfjord und auch die KILUHA in unserem Kielwasser und bestaunen das grasgrüne (weil seichte) Wasser der Ostsee!
Und so backen wir gemeinsam mit einem Neuzeit-Wikinger (oder soll ich sagen, einem Wikingernachfahren) echtes Wikingerbrot im Langhaus, laufen am ehemaligen Burggelände im Kreis und genießen die Jause am Hafen von Hobro. Ja, die dänischen Wikinger waren wirklich mal zum Fürchten! Die Geschichte erzählt davon, wie sich sage und schreibe 1860 Boote, gefüllt mit Krieger, im Limfjord versammelt haben, um unter dem Wikingerkönig Knud dem Heiligen gemeinsam gegen England zu ziehen. Eine Flotte so groß, wie sie in Europa bis dahin noch nie gesehen worden war. Doch der König wurde aufgehalten, denn in Schleswig Holstein wollte man sich per du nicht unter seine Krone fügen. Dem riesigen Heer im Limfjord wurde es langweilig, auf den König und seinen Kriegszug zur Eroberung Englands auszuharren, während ihre Familien zuhause sehnlichst auf die Männer warteten und die Ernte auf den Feldern zu verrotten drohte. So zogen die wilden Bauernkrieger wieder ab, enttäuscht, ohne Beute nach hause segeln zu müssen. Nur die verbündeten Norweger warteten geduldig in Aggersund.
Als der König endlich wieder gen Norden zurückkam, war er erzürnt über die untreuen Dänen und verhenkte schwere Sanktionen. Zusätzliche Steuern sollten die Untreuen büßen und entflammte so erneut den Unmut des Volkes. Die stolzen und selbstsicheren Wikinger erduldeten diese Ungerechtigkeit des Königs nicht: sie kamen zurück, brannten die Burg Aggersborg bis auf ihre Grundfesten nieder und setzten dem flüchtenden König nach, bis sie ihn in der Kirche von Odense schließlich erschlugen! Ja, denn die Politik hat dem Volk zu dienen, so befanden die kriegerischen Bauern.
Das Limfjordmuseum in Hobro stellt sich zu unserer großen Freude als ein Museum „zum Angreifen“ heraus. Das schöne Hafengebäude, gefüllt mit Holzyachten vergangener Tage, ladet nicht nur zum Besichtigen ein, sondern auch zum Angreifen, reingehen, draufsetzen und drunter krabbeln. Mit Holzstufen wird der Weg in die Yachten erleichtert und mit offenen Mündern bestaunen wir jeden Winkel der traditionellen Yacht SILVANA. So macht Museum Spaß!
Zurück an Bord fahren wir ein klassisches „Pyjamamanöver“! Denn der Ankergrund ist schlecht und der Wind hat gedreht. LA BELLE EPQOUE schleppt ihren Anker und will einfach nicht am Platz bleiben. Wir legen uns um, suchen uns eine geschütztere Bucht und müssen dennoch um vier Uhr früh raus, um einen zweiten Anker auszubringen. Wie gut, dass der Yachtclub in Mariager gratis Warmwasserduschen hat. Wir stehlen uns früh morgens ins Badehaus und waschen die Anstrengung von uns. In Hasund verbringen wir einen Abend an Bord der TIMO und schlürfen Sangria, brüten mit Bernd über Seekarten und tratschen über die Ostsee.
Unter Motor verlassen wir den schönen Fjord und freuen uns über die süßen Versprechen, die unser kommender Zielhafen in unsere Köpfe gesetzt hat: Ebeltoft, die kleine Stadt in Djursland, mit ihren schiefen Fachwerkshäuschen und ihrer liebevoll restaurierten Fregatte JYLLAND im schönen Museumshafen.
Mit Rückenwind segeln wir im Schmetterling – also mit Segel zu beiden Seiten ausgebäumt Fünen entgegen, vor uns liegt einer der gemütlichsten Ankerplätze Dänemarks. Und wirklich, in Korshavn angekommen erleben wir endlich Ankeridylle, Badespaß vom Boot aus und unbegrenzten Sonnenschein. Denn wir haben das Festland und seine Wolkenfelder im Kielwasser gelassen. Spontan entscheiden wir uns, einen weiteren Tag in Korshavn zu bleiben und eine Radtour nach Kertminde zu starten.
Herrlich, entlang der hübschen Radwege geht's vorbei an Höfen und Wäldern. Entlang der Radwege gibt's überall Selbstbedienungsstände, an denen man Getränke, Obst und Gemüse kaufen kann. Wie praktisch doch die Dänen sind und wie einfach sie kleine Problemchen lösen! So ist der Radweg gleichzeitig ein Reitweg, gegen wilde Campfeuer im Wald gibt's überall öffentliche Griller an schönen Plätzchen, die vielen Mülltonnen, die auch entleert werden, halten die Natur sauber. Selbst an Hundefreunde wurde gedacht. Anstelle den ewigen Streitereien über leinenlose Hunde und ihre Häufchen haben die Dänen eine sehr einfache, aber effektive Lösung gefunden: Denn hier gibt es eigene Hundewälder, in denen die Leute ihre Hunde ohne Leine laufen lassen können und wo es keinen Jäger der Welt gibt, der mit dem Abschuss der herumtobenden Hunde droht. Einfach, aber genial!
Auch die kleine Insel Omo, die wir, nach passieren der Großen Beltbrücke, ansteuern, zeugt von dänischer Freundlichkeit. Denn 2006 wurde die winzige Insel von einer großen Sturmflut heimgesucht und viele Menschen verloren ihr Zuhause. Die Versicherungen jedoch deckten die Schäden nicht und so musste die Bevölkerung die Kosten und Arbeiten der Hausrenovierungen selbst bestreiten. Direkt am Hafen stand das kleine Häuschen von Mille, einer 80jährigen Dänin, das die Sturmflut fast dem Erdboden gleich gemacht hatte. Doch Mille hatte weder das Geld noch die Kraft, ihr Häuschen neu aufzubauen und stand vor dem Ruin. So kamen die Handwerker und Nachbarn in Omo zusammen und jeder half mit, Mille´s Haus zu reparieren. Die Frauen schaufelten den Sand aus Milles Garten und bald schon entstand ein neues feines Haus für die alte Dorfbewonerin. Noch heute zeigt ein kleines Schild mit der Aufschrift „Milles Hus“ ihre Dankbarkeit an das Dorf.
Wärend wir einen Abendspaziergang um die Insel machen und wieder einmal einen unbeschreiblichen nordischen Sonnenuntergang genießen, wiegt sich LA BELLE ruhig und geschützt am Ankerplatz vor dem weißen Sandstrand Omos. Herrlich, diese dänische Inselwelt! Noch in der Nacht frischt der Wind auf und bei einer steifen Briese verlassen wir zeitig am Morgen die kleine Insel. Jürgen ist in Hochstimmung, heute will er wissen, was unser Bötchen so alles kann. Und schon fliegen wir unter vollem Groß und gesetzter Genua bei Halbwind über die fast glatte Ostsee. Der Westwind bläst böig mit 5 bis 6 Windstärken (Beaufort) und mir wird ganz anders. Tja, meine Coolness beim Segeln hab ich offensichtlich noch nicht ganz wiedergewonnen und nachdem sich LA BELLE EPOQUE bis zu ihrem Schanzkleid überlegt und ich am GPS eine Fahrtgeschwindigkeit von 8,2 Knoten über Grund sehe, wird's mir zu bunt! REEEFFFFEEEENNNN... Sapperlot, und schon tümpeln wir nur noch dahin. Ok, ok, ich geb´s zu, Jürgen hatte recht, also wieder ausreffen und Genua hoch! Unser schweres Schifferl will nun einmal ihre Segelfläche und langsam schöpfe auch ich genug Vertrauen, um die rasante Fahrt genießen zu können. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil endlich auch der wolkenverhangene Himmel aufreist und ein paar Sonnenstrahlen durchsickern...
Die letzte Stunde bis Aero müssen wir allerdings wieder einmal den „Eisernen Judas“ anwerfen, denn der Wind bläst uns platt auf die Nase. Und so sind wir hier angekommen, am Ankerplatz unweit von Marstal, wir sind mit unsrem flotten Dingi in den Hafen geglüht, haben ein Dosenbier am schönen Ostseestrand getrunken und sind faul in der Sonne gelegen. Wir haben die ruhige Stadt durchwandert und werden noch einmal unsere Fahrräder auspacken, bevor wir dieses Land für eine Weile in unserem Kielwasser liegen lassen.
Und weil Pläne dazu verleiten, sie zu ändern, und weil Aero uns mit seinem Inselcharme verzaubert hat und wir uns bei den Fahradtouren über die Insel in selbige fast ein bischen verguckt haben, konnte Marstal schlussendlich doch nicht der letzte Ankerplatz werden. Gemütlich tuckern wir durch das schmale Fahrwasser nach Aeroskobing, genißen Räucherfisch am Hafen und ankern im türkis schimmernden Wasser der herrlichen Bucht. Verbringen gemütliche Abende mit Marion und Axel von der MOOTYE und können uns noch immer nicht von der dänischen Inselwelt trennen. Gemeinsam segeln wir nach Lyo, erleben Lagerfeuer und Grillgenüsse am weißen Sandstrand und fangen ganz nebenbei ein treibendes Segelboot und ein davongetriebenes Dingi ein! Nach einer Extrawoche Dänemark stehen aber die neuen Pläne und morgen werden wir Dänemark im Kielwasser liegenlassen.
Doch wir kommen wieder, denn spätestens, wenn wir die Ostsee mit ihren vielen schönen Flecken Erde verlassen werden, steuern wir noch einmal durch die dänische Südsee, um die viel versprechende Insel Seeland zu bestaunen und in das bunte Treiben der viel gelobten Stadt Kopenhagen einzutauchen!
Im Limfjord
...und im Mariagerfjord
tägliches Spektakel!
Wunderschöne Bauernhöfe...
...und überall Segelboote!
Unsere Mountainbikes bringen prima Abwechslung!
Inspiriert durch die Wikinger ziert ab jetzt ein Helm unseren Steuerstand!
Fischerboote, im Hafen...
... und im Fjord.
Die vielen schönen Inseln Dänemarks.
Ankern hinterm Schulschiff
Nicht jeder Ankerplatz ist optimal...
Liebevoll gepflegte Fachwerkshäuser.
Kaum zu glauben: Jointrauchende Statuen???
Hier dreht sich alles um die Schifffahrt
... und die Landwirtschaft.
Vom Meer geformt...
... und von uns bestaunt.
Tradition
Schmetterling-Segeln
Die Netze hängen zum Trocknen
am Trockendock in Marstal
Tümmler in Sicht !
Schöne Inselankerplätze...
... und herrliche Inseln
Der Glockenstein auf Lyo
Ein Bild, das eigentlich kein Komentar braucht...
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