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[fortgeblsen und angeschwemmt]

 

 

Kapitel 3

Abschied von Freunden

Die Zeit war gekommen, Cabo den Rücken zu kehren. Die täglichen Jetskis, die am Ankerplatz zwischen den Booten durchbrausten, die Katamarane, die voll gestopft mit betrunkenen „YMCA“-singenden Urlaubern an uns vorbei fuhren und die vielen Strandverkäufer, die an unseren Fersen wie Kletten hingen, sobald wir einen Fuß an Land setzten, waren einfach nicht jenes Mexiko, in dem wir längere Zeit verbringen wollten. Als dann auch noch der Wetterbericht so recht und schlecht passte, machten wir uns auf den Weg.

Die kommende Etappe war kurz und mit uns setzten viele Boote in Cabo die Segel. Es sollte die letzte Etappe mit einigen uns lieb gewordenen Freunden werden und so wurde Los Freilos, eine kleine Bucht gleich nach dem Kap, als gemeinsamer Treffpunkt beschlossen. Los Freilos, groß genug, einer großen Schar Boote einen sicheren Ankerplatz zu bieten, und unbewohnt, fern von all dem Trubel und Tourismus. Die ersten Boote, die ankerten, war verantwortlich für Feuerholz, um einen gemeinsamen Lagerfeuerabend zu sichern, so lautete die Abmachung. Es lag uns fern, uns von der Aufgabe zu drücken, doch wussten wir von Anfang an, das wir, mit unserem kleinen Boot, verschwindende Chancen hatten, diese Bucht als erste Yacht einzulaufen. Aber für die fünfundzwanzig Seemeilen sechzehn Stunden unterwegs zu sein, hätten wir bei diesem frischen Wind niemals für möglich gehalten.

Das Meer glitzerte im strahlenden Sonnenschein und unter der Genua schoss IRISH aus der ungeschützten Ankerbucht von Cabo San Lucas. Es sollte nicht lange dauern, und der Wind drehte, um sich gegen die kleine Schar Segelboote zu stellen. Die Wellen wurden unangenehm kurz und steil, wenn auch nicht besonders hoch. Wir trieben das kleine Segelboot hoch am Wind um wenigstens ein paar Seemeilen zu gewinnen und nicht endlos auf der selben Höhe zu kreuzen. So weit so gut, allerdings war IRISH ein Leichtgewicht und so kam es, dass sie durch Wellen und Strömung stampfte und jede neue Welle die Fahrt aus dem Schiff nahm.

Wir hatten unsre Hausaufgaben gemacht, denn nun blieb im Inneren des Boots alles auf seinen Platz, das Equipment an Deck war gut verzurrt und beide hatten wir ordentliche Seefüße, sodass wir uns den ganzen Weg gesund und stark fühlten. Die Arbeiten an Deck gingen Hand in Hand, doch die sechzehn Stunden vergingen langsam zwischen den nötigen Arbeiten an Deck.

Bald lief eine Yacht nach der anderen unter Motor an uns vorbei, ohne Segel rollten die Yachten im Seegang, was aber niemanden genug zu stören schien, um es doch wieder unter ihren weißen Garderoben zu versuchen. Viele Segler wählten lieber pünktlich und unbequem ans Ziel zu kommen, als sich mit Hilfe des Windes zu verspäten. Natürlich war es langweilig, stundenlang die selben Landmarken zu sehen, trotzdem verstand ich nie diese Eile beim Segeln, solange der Wetterbericht keine Veränderungen prophezeite. Viele Segler erzählten uns, sobald sie weniger als vier Knoten Reisegeschwindigkeit segelten, würden sie die Maschine anwerfen. Auch wenn ich davon ausging, dass zu einem guten Schiff auch ein guter Dieselmotor gehörte, wollte ich nicht einsehen, diesen dazu zu benützen, um übers Meer zu hetzen.

Wieder einmal zeigte sich das trockene Wetter Mexikos von seiner schönsten Seite. Die Sonne brannte uns ins Gesicht und das Meer rund um uns reflektierte das glitzernde Licht. Zwar war es langwierig und anstrengend, gegen Wind und Wellen zu segeln, aber das war eigentlich nicht der wirkliche Grund für die etwas laue Stimmung in uns. So sehr viele dieser Segler, die meisten davon unter kanadischer oder amerikanischer Flagge, das Reisen im Verband liebten, ich konnte diesem gemeinschaftlichen Segeln nicht sehr viel abgewinnen. Diese Menschen gaben sich das Gefühl, als würden sie aufeinander angewiesen sein, als seinen diese Etappen alleine nicht zu bewältigen. Als die schönen Yachten eine nach der anderen unter Motor und knapp unter der Küste vorbeizogen, bekam man das Gefühl, als wäre das Segeln eigentlich nur das notwendige Übel dieser Art zu reisen, eine Anschauung, die weder Jürgen noch ich teilten.

Die vielen „Buddy-Boats“, die wir auf dieser kurzen Etappe begleiteten, vermochten mir keine innere Ruhe zu lassen. Ich fühlte mich ein wenig gestresst, da wir ja noch rechtzeitig ankommen sollten und obendrein auch noch etwas gekocht werden musste. Ein klein wenig drückte da auch noch, dass ich, im Verband mit so vielen Yachties, zeigen wollte, dass inzwischen auch wir zu erfahrenen Seglern gehörten.

Wir waren die letzte Yacht, die diese Nacht in Los Freilos ankam, dafür auch das einzige Boot, das die Seemeilen zwischen Cabo und dieser verschlafenen Bucht unter Segel bestritten hatte. Das Lagerfeuer war bereits fast niedergebrannt und vom gemeinsamen Essen hatten uns unsre Freunde sorgsam zwei Porti-onen zur Seite gestellt. Eine flotte Gummiente mit Außenborder fungierte als Taxi zum Strand und mit großem Hallo galt unsre Begrüßung. Tapfer hielt ich den Abend durch, auch wenn ich erschöpft genug war, um fast im warmen Sand vor dem Lagerfeuer einzuschlafen.

Einige der Yachten, die hier ankerten und mit uns feierten, kannte ich bis zu diesem Abend nicht, wie überall gab es auch hier neue Gesichter kennen zu lernen.

Am Strand hatte sich eine kleine Gemeinschaft amerikanischer Wohnmobile gesammelt, sie zeigten uns am folgenden Tag den Weg zu einigen einheimischen Bauernhöfen, die uns für ein paar Geschenke Orangen von den Bäumen pflücken ließen und uns reichlich Käse verkauften. Ein kleines mexikanisches Mädchen wurde sogleich zum Liebling der Seglergemeinschaft ernannt und mit allen möglichen Geschenken versorgt. Ich war unsicher, ob es nicht besser wäre, den Leuten ihre Orangen zu lassen anstatt sie mit nichtsnutzige Geschenken einzudecken. Auch Jürgen hatte schon daran gedacht, da die Wirtschaft auf der Halbinsel sehr schlecht zu laufen schien und zahlte kurzerhand die Orangen mit ein paar Pesos, anstelle nichtsnutzige Kleinigkeiten auszuteilen, um so der Familie selbst die Wahl zu überlassen, das Geld in Lebensmittel oder doch in andere Güter zu investieren.

An einem alten Brunnen füllten wir die Wassertanks. Nach drei Tagen Aufenthalt wehte kaum spürbarer Südwind durch die Ankerbucht, und schon am Vormittag sah man Jürgen den Anker an Deck ziehen, während ich bereit am Steuer stand. Wir wussten nicht, wie lange sich diese herbeigesehnte Brise halten würde und kein zweites mal wollten wir länger als nötig in diesem Seegebiet gegen den Wind kämpfen. Nur wenige Yachten wollten heute ablegen, die Gemeinschaft entschied noch einen Tag auf konstante Winde zu warten. Doch der Wetterbericht prophezeite nur kurze Zeit Südwind und so verließen wir uns auf unser eigenes Gefühl. Über Funk sendeten wir fröhliche Grüße während IRISH unter ihren weißen Kleidern in den glatten Golf von Kalifornien pflügte.

Die wenigen Boote, die an diesem Morgen die Bucht verließen, hatten richtig entschieden, denn das Wetter änderte sich bald genug und die fröhliche Gemeinde an Yachties war für weitere zwei Wochen in Muertos gefangen, eine kahle Ankerbucht zwischen Los Freilos und La Paz, während der Nordwind in alter frische um die Wanten pfiff. Den Erzählungen nach war dieser Zwischenstop besonders langweilig, da es hier praktisch nichts zu tun gab, die einzige Abwechslung brachte ein kleines Kreuzschiff, das vom Wetter gezwungen war, drei Tage neben den wartenden Yachten zu ankern.

Uns war nicht bewusst, wie sehr sich diese Segler zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen hatten und von uns erwarteten, dass wir uns über eine mit Kurzwellenradio ausgestattete Yacht bei ihnen melden würden, um unsere glückliche Ankunft zu übermitteln. Wir dachten aber gar nicht daran und wussten nun mal nichts von diesem Brauch. Fieberhaft wurden Yachten in La Paz nach unserem Verbleib gefragt und schließlich verbreitete sich das Gerücht in Muertos, wir seien dem schlechten Wetter zu Opfer gefallen und IRISH MIST galt als verschollen. Vermutlich war es ihnen in Muertos einfach nur langweilig geworden und selbst eine schockierende Abwechslung war besser als keine.

IRISH MIST schaukelte jedoch schon längst in der großen Bucht vor La Paz am Anker, den Großteil der Segelstrecke hinter uns genossen wir vor dem Wind, nur das letzte Viertel unseres Weges hatte der Wind gedreht und aufgefrischt. Unsre Segel zeigten erste Schwächen und so zierte die alte Genua von nun an ein hässlicher Riss, der in La Paz an einem ruhigen Ankertag geflickt werden wollte. Die Bucht von La Paz war groß und anstatt bei finsterer Nacht in die überfüllte Hafenanlage zu steuern galt es, schon vorher einen geschützten Platz zu finden und erst mal ordentlich auszuschlafen.

Durchnässt und erschöpft saß ich am Steuer. Der Wind hatte in der großen Bucht von La Paz nachgelassen, lautlos schob sich IRISH MIST immer tiefer in die schwarze Bucht. Der Mond war noch nicht am Himmel und ich konnte nur schwer die dunklen Umrisse des Lands ausmachen. Ich schickte Jürgen an den Bug, denn vier Augen sehen mehr als zwei. Ich war vorsichtig, und beobachtete das Bild am Radarschirm.

Das Tosen der Brandung wurde lauter, lautlos glitten wir in eine kleine, von Felswänden umrahmte Bucht. Hier gefiel es mir nicht, Unbehagen machte sich in mir breit. Wind und Wellen trieben das Schiff weiter Richtung Land. Nein, hier wollte ich nicht ankern, die im Küstenhandbuch beschriebene geschützte Bucht war immer noch nicht zu entdecken und sollte der Anker hier nicht halten, würde IRISH MSIT auf den Felsen landen. Obendrein spielte das Echolot verrückt. Sechzig Fuß, nein doch zwanzig Fuß, von einem Augenblick zum nächsten sprang die Anzeige hin und her, doch im Buch stand nichts von Felsen und tiefen Stellen, das Echolot konnte offensichtlich den Meeresgrund nicht richtig „sehen“.

Die Felswände hatten uns inzwischen eingekreist und verschluckten jegliches Sternenlicht in ihren schwarzen Schatten. Angespannt und konzentriert bewegte sich Jürgens Silhouette am Bug. Er hatte den Anker längst entsichert, alles war bereit um zu ankern, doch auch er zögerte. Laut genug, dass auch Jürgen am Bug mich hören konnte, zweifelte ich am Ankergrund und schon war unsere Entscheidung gefallen, die lautete: „Hier nicht!“.

Kurz nachdem IRISH MIST die Bucht verlassen hatte, ging endlich der Mond auf und zeigte uns mit seinem fahlen Licht den Weg. In Nächten wie dieser konnte man zum Mondanbeter werden, so schön und friedlich wirkte plötzlich die Welt um einen herum. Unbemerkt schoben wir uns am Leuchtfeuer eines Felsen vorbei immer weiter Richtung Zivilisation. Auf den Docks eines kleinen Fischerhafens brannte noch Licht, ich beobachtete die übrig gebliebenen, arbeitenden Menschen, wie sie die letzten Spuren ihres hektischen Tages beseitigten. Einige Male schon waren wir nachts in Ankerplätze eingelaufen, nun segelten wir aber zum ersten Mal nachts in einem Kanal. Die Tonnen waren gut beleuchtet, und das Mondlicht ließ die schwarze Küste gut erkennen.

Ein eigenartiges Gefühl erfasste mich, als schlichen wir uns vorbei an diesen Fischerhäfen, ohne uns in ihrer Welt zu bewegen. Es war, als würden wir uns außerhalb des normalen Zeitfeldes bewegen, als wäre ich unbemerkt entschlüpft aus der Gegenwart der Menschheit. IRISH MIST machte fast kein Geräusch, nur das leises Plätschern der Bugwellen war zu hören, und so wurden wir zu stillen Beobachtern, die wie aus einer anderen Welt den Lauf der Zeit unbemerkt bestaunten.

Ein kleiner Kanal außerhalb der Stadt wurde zum Ankerplatz dieser Nacht ausgewählt, ohne rechtzeitig die Landebahn neben dem Kanal zu bemerken, denn der Anker war bereits gesetzt, die Segel verstaut und wir waren gerade im Begriff, in die Koje zu schlüpfen als die erste Propellermaschine dieses Abends lautstark und beinahe neben uns landete.

Diese Nacht gesellte sich noch ein weiteres Schiff zu uns, sie hatten das Licht der Petroleumlampe gesehen, das uns als Ankerlicht diente und so entschied sich das Pärchen auf SEALES, ebenfalls eine Nacht außerhalb des Hafentrubel zu verbringen. Ich war gefangen in dem Zauber der Nacht und kroch aus der Koje um dem Schiff beim Ankern zuzusehen. Schon etwas verschlafen kam Jürgen mit einer Decke auf Deck und wickelte uns beide darin ein. Noch lange nachdem auf der verankerten SEALES die Lichter ausgingen lungerten wir am Vordeck und fokussierten dabei unsre neuen Nachbarn, denn sie segelten ein interessantes Schiff.

Neben uns ankerte ein Stahlschiff, ein Knickspanter. Jürgen tippte auf ein Bruce Roberts Design, da ich noch keine Ahnung über Stahlschiffdesigner hatte, konnte ich nur bis morgen warten, um mehr über diese vertrauenserweckende Yacht zu erfahren.

Den jungen Kanadiern war unser Interesse an ihrem Schiff nicht entgangen und schon flog eine morgendliche Einladung zu Kaffe und Frühstück herüber. Aber nicht nur das Schiff war den Besuch wert, das Paar hatten viele tolle Geschichten zu erzählen und einen schönen Traum, den sie nun verwirklichten. Die letzten sieben Jahre hatten die Beiden in ihrem Wohnmobil in den Wäldern von British Kolumbien gelebt, um dort der wichtigen Arbeit der Aufforstung nachzugehen. Die kanadische Regierung und ver-schiedenen Forstfirmen bezahlten gut und das junge Paar konnte sich in der Branche als Baumpflanzer sogar selbständig machen.

Kennen gelernt hatten sie sich in Australien, wo Sue ihrer Leidenschaft nachgegangen war und mit dem Job als Tauchlehrerin ihren Lebensunterhalt verdiente. Schon immer träumten sie von einer Weltumsegelung und nun war es soweit. Sie hatten ein gutes Schiff gekauft und aufgerüstet, die Firma, das Wohnmobil und ihr kleines Haus in Kanada verkauft und sich auf den Weg gemacht. Die zwei waren nur um die zehn Jahre älter als wir und damit jünger, als die meisten Segler, die wir bisher getroffen hatten. Ihre Geschichten waren bunt und spannend und so übersahen wir beinahe, endlich nach La Paz abzulegen, um zumindest an diesem Tag bei Sonnenlicht anzukommen.

La Paz berührte uns vom ersten Tag an. Dutzende Boote lagen in der Ankerbucht vor dem Yachtclub. Ein Club, der von einem amerikanischen Seglerpaar aufgebaut worden war und alles bot, was ein Seglerherz begehrte, wobei das große Bücherlager den Höhepunkt darstellte. Denn hier, in einem großer Raum der bis unter die Decke voll gestopft mit Büchern war, konnte jeder nach Belieben seine Bücher selbst eintauschen, um noch nicht gelesene Geschichten nachzutanken. Es funktionierte so einfach, man brachte ein Buch und konnte sich dafür ein anderes nehmen. Der Raum war geöffnet für jedermann. Aber auch das restliche Angebot im Club konnte sich sehen lassen. Neben dem Postkasten für Segler gab es Duschen und Waschmaschinen, beides nicht teuer und auch für uns leicht zu bezahlen, ein Steg für Beiboote zur freien Nutzung, Trinkwasseranschlüsse und auch eine Bar, in der wir uns nicht zu oft aufhielten, da die Getränke dort mit amerikanischen Preisen verrechnet wurden.

Jeden Morgen um die selbe Zeit wurde über Funk das „Cruisingnet“ organisiert, wichtige Infos wurden so ausgetauscht und an alle gebracht, Wetterberichte wurden verlautbart und der „Gebrauchtteilemarkt“ fand auf diesem Weg statt. Yachten mit überschüssigem Bootsmaterial, Gebrauchtteile oder auch auf der Suche nach Bootszubehör konnten ihre Meldung per Funk loswerden. Eine praktische Lösung und für uns eine Möglichkeit, an einen weiteren guten Pflugscharanker zu gelangen.

Was man nicht über diesen Teilemarkt bekam, konnte man sich über amerikanische Händler mitbringen lassen. Einige Firmen in San Diego hatten sich sogar darauf spezialisiert, ihre Angebote bis La Paz zu verschicken.

Trotz dieser Masse an amerikanischen, kanadischen und europäischen Segler und auch den vielen amerikanischen Pensionisten, die sich hier ein kleines Häuschen gebaut hatten, war die Stadt selbst sehr mexikanisch geblieben. Es herrschte zwar ein merklich höherer Lebensstandard als im restlichen Bahia Kalifornien, soweit wir es kennen gelernt hatten, aber es war keine Touristenstadt wie Cabo San Lukas geworden, was sich gerade im höheren Lebensstandart der Einwohner von La Paz zeigte, denn hier floss das Geld aus dem Tourismus nicht in die Hände ausländischer Hotelbesitzer, hier profitierte die einheimische Wirtschaft. Im Herzen der Stadt lag der Marktplatz, entlang dieser Einkaufstraße säumten sich bunt dekorierte Stände, voll bepackt mit allen nötigen und unnötigen Gütern. Geschäftiges Treiben auf der Straße wurde mit Musik von den Kaufhäusern und dem lautstarken, tratschenden und lachenden Mexikanerinnen unterstrichen. Fast täglich sah man von nun an auch uns beide durch die Straße ziehen, sei es, um uns mit frischen Brötchen und süßen Köstlichkeiten vom Bäcker zu verwöhnen, oder um den Bordvorrat mit herrlich duftendem Obst und Gemüse aufzufrischen. Auch Bohnen, Reis, Kräuter und Gewürze, leckerer Bauernkäse, oder frischer Fisch wurde hier verkauft, neben Ständen mit Kleidung, Musikkassetten, Küchenutensilien oder anderem bunten Ramsch.

Während der Spaziergänge durch den Markt und die Gassen der Stadt leisteten wir uns zwischendurch Tacos und Fisch-Fajattas am Tacostand. Abends genossen wir hin und wieder Margaritas in den Bars, die von Tourismuskitsch verschont geblieben waren.

Die Zeit schritt voran, der November hatte sich längst verabschiedet und Weihnachten stand vor der Tür. Am Ankerplatz machte sich die Idee breit, wie konnte es auch anders sein, solange KIKIMO unter uns lag, ein großes Fahrtensegler-Fest zu veranstalten. Es wurde beschlossen, dass die kleine, verlassene Halbinsel am Ende des Hafenbeckens von La Paz zum Segler-Weihnachtsdomizil werden sollte. Gemeinsam nahmen wir uns einen Tag Zeit, die Insel vorzubereiten.

Feuerholz musste gesammelt und angeschwemmter Müll beseitigt werden. Die Geschichte hatte sich herumgesprochen und sogar das Interesse Einheimischer geweckt, die uns gleich mit einem guten Ratschlag vorsichtig werden ließen. Sie erzählten, das auf der kleinen Halbinsel Skorpione lebten, die gerne unter heruntergefallenen Palmblättern Schatten suchten, weshalb es, gerade da viele Familiencrews unter uns waren, ratsam war, die Blätter vor dem Fest wegzuräumen, damit keines der Kinder beim Spielen im Sand aus versehen gestochen werden würde. Da sich aber nun niemand freiwillig für diese Arbeit meldete, richteten sich die Leute an die jüngeren Segler und so wurde Jürgen und mir die Arbeit der „Strandsäuberung“ am Morgen des Festtages zugeteilt. Als Gegenzug hatte ich das Privileg, mich nicht sonderlich an den Vorbereitungen des Festmahls beteiligen zu müssen. Vorsichtig hoben wir einen Palmenwedel nach dem anderen aus dem Sand, um sie zu einen Haufen zusammenzutragen, der am Abend entzündet werden sollte. Froh, keine unheimliche Begegnung mit einem Skorpion berichten zu können, wäre ich dennoch neugierig gewesen, eines dieser Tiere zu sehen und so konnte ich mir später nur von Jürgen erzählen lassen, wie sie aussahen und sich bewegten, denn er hatte im Laufe des Vormittages einem Skorpion seinen schützenden Schattenspender genommen.

Der Tag verging wie im Flug und als die Sonne bereits hinterm Horizont verschwand, bewegten sich die Dingis wie bei einer Pilgerfahrt zur Halbinsel, auf der Denise, und einige weitere Frauen, das Buffet liebevoll angerichtet hatten, während Jack eine niedrige Palme zum Christbaum auserkoren hatte. Jedes ankommende Dingi brachte eine weitere Schüssel Leckerein, die auf der mit Palmenblätter und Kokosnüssen verzierten Holztafel aufgestellt wurden und das Weihnachtsmahl vollendeten. Das Lagerfeuer knisterte und einige Segler hatten ihre Bootsbar geplündert, um uns auch von innen zu erwärmen. Es gab einen Egg-Grog zum Anstoßen und die Kinder wurden nach mexikanischen Brauch mit gefüllten Penatas überrascht.

Am Lagerfeuer dachte ich zurück an unser letztes Weihnachten. Ausgerüstet mit einer Kerze und etwas Jamaika-Rum hatten wir den Abend auf einer Baywatchhütte am Strand von Santa Monica in Kalifornien verbracht. Zu dieser Zeit hatten wir die Reise mit dem Wohnmobil gerade hinter uns. Der Entschluss, mit einem Segelboot weiter zu reisen, war bereits gefallen. Ich konnte mich noch erinnern, wie kalt es war in jener Nacht, der Wind blies, doch wir waren gut eingepackt. Wir hatten gerade unsere erste Erfahrung mit Seglern hinter uns und waren im Gedanken ganz in unseren Vorstellungen von dieser bevorstehenden Reise, auf der die Erlebnisse die Vorfreude noch bei weiten übertreffen würden. Es war schwer zu glauben, das schon wieder ein Jahr vergangen war seit jener Nacht, seit der sich unsere Zukunftsvorstellungen voll erfüllt hatten. Nun waren wir hier, froh, diese Schritte gegangen zu sein.

Die Festtage waren vorüber und die Zeit war gekommen, La Paz den Rücken zu kehren. Die Wassertanks und Vorradsfächer waren gefüllt, als nächstes kleines Ziel galt die Insel Espirido Santo, ein Naturschutzpark vor der Bucht von La Paz. Hier würden wir gemeinsam mit KIKIMO und ein paar wenigen weiteren Freunden Neujahr feiern, um uns daraufhin endgültig zu trennen.

PAPAGENO, eine etwas größere Yacht als IRISH, kämpfte mit ihrer ganzen Wäsche gegen den Wind und bald pflügte auch die kleine Coronado mit allen Kräften gegen die Wellen, um die Herausforderung dieser schönen Ketsch anzunehmen. Der Wind blies uns wieder mal auf die Nase, eine ernsthafte Chance für unsere kleine Yacht, denn nur wenige bisher getroffene Fahrtenyachten konnten so hoch am Wind segeln wie IRISH MIST. Bald arbeitete die ganze Familie der PAPAGENO an den Segeln und wir hatten Spaß, diese kleine Regatta bei schönstem Wetter und tiefblauem Wasser anzutragen. Als Team arbeiteten wir an Deck, etwas, was wir im Alltag nur selten betrieben, den meist segelte nur einer von uns, während der zweite anderweitig am Schiff arbeitete, schlief oder sich faul einem Buch widmete. IRISH war leicht von einer Person zu bedienen und seit San Diego im Kielwasser lag, hatte es der Pazifik mit seinem Wetter und seinen Winden stets gut mit uns gemeint.

Das letzte Stück zum Ankerplatz stellte PAPAGENO dann doch seinen Motor an, wodurch es zu keinem Endresultat unsres sportlichen Segeltörn kam. Verschmitzt winkte uns der Skipper am Ankerplatz und meinte lachend, es wäre doch zu peinlich gewesen, wenn seine schöne PAPAGENO noch kurz vor der Bucht mit all den hier verankerten Zuschauern die kleine Regatta verloren hätte.

Wir begrüßten das neue Jahr wieder mit Lagerfeuer und Pot-Luck, nur dieses mal floss bei weitem mehr Alkohol. Die Stimmung wurde so heiter, dass wir um 4 Uhr Morgens American Football spielten, aber ohne Teams, Regeln oder Ausrüstung, einfach nur jeder gegen jeden in dem Versuch, den von Jürgen am Strand geworfenen Ball über die Linie zu bringen. Das Spiel endete mit vielen blauen Flecken und einigen Schürfwunden und Prellungen, jedoch ohne Resultat. Als einziges Mädchen war ich schwer im Vorteil, ich konnte mit all meiner Kraft und meinem Gewicht um das „Lederei“ kämpfen, ohne dabei selbst getakelt zu werden, denn kein Gegner ging das Risiko ein, mich mit einem harten Schlag zu verletzen.

Unser aller Plan, am ersten Januar abzulegen, scheiterte, obwohl das Wetter grünes Licht gab. Zu sehr spürten die Crews die Nachwirkungen des hohen Alkoholkonsums, weshalb sich die gesamte Neujahrsgesellschaft an diesem Morgen nicht vom Fleck rührte, sondern mit Übelkeit und Kopfschmerzen kämpfte. Am zweiten Jänner war es aber soweit und IRISH MIST verabschiedete sich schlussendlich von den Freunden. Nach vielen Abenden gefüllt mit Überlegungen zu unserer Segelroute, hatte sich der Beschluss gefestigt, nach Panama zu segeln, wo der Kanal das kleine Schiffchen in den Atlantik befördern sollte, um dort jene Küste der Neuen Welt kennen zu lernen, welche die Entdecker und Pilger aus Europa als Erstes zu Gesicht bekommen hatten.

Nun trennten sich unsre Wege und so ein Abschied unter Seglern weckt eine eigenartige Mischung aus Gefühlen. Wir freuten uns auf die neue Etappe, die vor uns lag und dennoch endete hier ein kleines Kapitel. Ein Funke Hoffnung bestand allerdings noch, irgendwo in einem fremden Hafen die eine oder andere Person oder Yacht wieder zu treffen, oder einfach einmal Neuigkeiten von den verschiedenen Yachten zu hören. E-Mail Adressen wurden ausgetauscht und nachdem alle Hände geschüttelt waren, die letzten Worte im Wind verklungen waren und alles am Schiff fest verzurrt war bohrte sich der weißer Bug unter voller Besegelung erneut in die Wellen des Stillen Ozeans.

 

Kapitel 4

Das Festland

Die Öffnung des Golf von Kalifornien, oder auch Sea of Cortez, lag vor uns und Mazatlan sollte unser nächster Hafen sein. Doch wir hatten unsere Zarge, das mexikanische Einklarierungsformular, auf Acapulco ausstellen lassen, aus Bequemlichkeit, nicht in jedem Hafen zum Hafenkapitän gehen zu müssen. IRISH MSIT schoss durch die Nacht. Die Strömung schob kräftig mit und Spitzengeschwindigkeiten über Grund waren wie eine Belohnung. Noch nie waren wir so schnell gesegelt und trieben uns, jedoch dieses mal absichtlich, an Mazatlan vorbei bis zur Insel Isabella.

Am vierten und letzten Tag dieser Überfahrt nahm der Wind stetig zu. Wolkendecken verhangen den Himmel und der Gedanke an die schon nahe liegende Insel beruhigte. Es war bereits Nacht geworden und der Wind hatte in seinen Böen auf Sturmstärke zugenommen, als wir die Insel umrundeten, um zur Ankerbucht zu gelangen. Die Wolkendecke ließ kein Fünkchen Licht der Sterne durchscheinen und einzig der Radarbildschirm verlieh ein ungefähres Bild der finsteren Umgebung um IRISH.

Die Segel waren gerefft und in alter Gewohnheit stand Jürgen ans Vordeck, um nichts zu übersehen, im Windschatten der Insel arbeiteten wir uns an die Ankerbucht heran. Plötzliche Schreie wurden vom pfeifenden Wind an unsere Ohren getragen und im nächsten Moment flackerte in hektischen Bewegungen das Licht einer Taschenlampe dicht vorm Bug. Ein unbeleuchtetes Fischerboot, eine Panga lag direkt voraus indem der einzelne Fischer das letzte Ende seines Netzes einholen versuchte, bevor es ihm das Wetter unmöglich machte. Jürgen, jetzt mit unsrer Taschenlampe auf das Holzboot leuchtend, schrie im selben Moment „Fall ab!“ als ich bereits das Ruder herum riss und mit einem Stoßgebet hoffte, dass er sich gut am Bugkorb festhalten würde, denn sein Sicherheitsgurt lag unangetastet an seinem Platz verstaut. Unheimlich nahe am Bug der Panga schob sich IRISH MIST an dem wild gestikulierendem Fischer vorbei, und mit einer ins Gesicht geschriebenen Erleichterung kam Jürgen zurück ins Cockpit. Der Fischer hatte uns zu spät entdeckt, da auch wir erst vor wenigen Minuten unsere Positionslichter eingeschaltet hatten. Niemand rechnete damit, in einer so unfreundlichen Nach einen einzelnen Fischer in seinem offenen Boot zu begegnen. Nur in Erwartung auf die Ankerbucht brannte das grüne, das rote und das weiße Licht in unserem Top.

Im Küstenhandbuch „Charlys Charts“ stand, dass eine Seite der Ankerbucht aus einer Felsküste bestand, der man nicht zu nahe kommen durfte, um nicht unter den Wellen, die sich auf den Felsen brachen, wie in einem Mahlwerk vernichtet zu werden. Die kleine Bucht bot jedoch nur genügend Schutz, wenn die Yacht weit im Inneren verankert wurde, um auch vor diesen Wellen Abdeckung zu bekommen. Eine teuflisch genaue Navigation war von uns gefordert, um in dieser pechschwarzen Nacht sicher in die Bucht zu finden. Zu allem Übel lag auch noch eine zweite Yacht vor Anker, ihr Ankerlicht war der einzige Hinweis für ihre Anwesenheit. Da das Ankerlicht jedoch nicht am Top montiert war sondern vorm Mast brannte, stellt es ein denkbar ungeeignetes Ankerlicht da, vor allem gerade dann, wenn die Yacht mit ihrem Heck in die Richtung der neu ankommenden Schiffe zeigt.

Konzentriert steuerte ich IRISH unter Motor immer tiefer in die Bucht, mein Blick war abwechselnd auf Radar und Echolot gerichtet, während ich Jürgen, der nach wie vor am Bug mit Hilfe einer Taschenlampe Ausschau hielt, zu schrie, was ich am Schirm alles sah. Im wahrsten Sinne des Wortes schrie und brüllte ich, um gehört zu werden, denn das unheimliche Tosen der Wellen, die sich an der Felsküste brachen übertönte die ganze Bucht. Eine Geräuschkulisse, die nicht gerade beruhigend wirkte und die Nerven auf eine Zerreißprobe stellte.

Obwohl ich wusste, das ein Schiff vor Anker liegen musste, da ich es schon längst im Radarschirm gesehen hatte, blieb mir für einen Moment das Herz stehen, als ich es im Schein der Taschenlampe sah. Wir waren bereits näher an die Yacht heran manövriert, als ich vermutet hatte und schon ließ Jürgen die Ankerkette ausrauschen.

Der Ankergrund war felsig und nicht besonders gut, es war besser, Ankerwache zu schieben, solange der Wind draußen weiterhin so pfiff. Unbegründet, wie sich herausstellte, denn während der nächsten drei Tage, die wir hier verbrachten, rührte sich IRISH MIST nicht vom Fleck.

Als endlich die Sonne lachte und uns von dieser miserablen Nacht befreite, ruderten wir an Land, um das geschäftige Treiben der Fischer zu erkunden. Die Insel war ein kleines Paradies. Von Menschen unbewohnt, war sie Zwischenlager sowie Treffpunkt für viele Hochseefischer. Studenten der Universität in Mexiko City hatten als Projektarbeit ein Fischerhaus gebaut, das nebenbei noch als kleine Station der Studenten zur Erforschung der Vegetation und Tierwelt der Insel benützt wurde. Bald trafen wir einen jungen Fischer, der an diesem Projekt mitgearbeitet hatte und in guten Englisch bereitwillig Infos zur Insel gab.

Isla Isabelle war ein erloschener Vulkan und so bildete ein kreisrunder Kratersee das Herz der Insel. Seit der Zeit der aufstrebenden Bananenwirtschaft wurde die Insel als Bananenplantage genutzt, wobei sie nun nur noch teilweise bewirtschaftet wurde. Viel wichtiger war sie in ihrer Rolle als Fischereistützpunkt, denn durch den Bau des Hauses, den Anlegesteg und der Betontröge, konnten die Mexikaner mit ihren Pangas, ihren offenen Fischerbooten, den Fang eines Tages hier zwischen lagern bis größere Handelsschiffe den, in den Betontrögen voll Eis und mit Palmblättern zugedeckt, gekühlten Fisch abholten. Jedes mal brachten die Schiffe eine frische Ladung Eis mit, um die Kühlung aufrecht zu halten. Der ohnehin teure Benzin für die Außenbordmotoren und die Fahrtzeit der einzelnen Fischer wurde auf diese Weise effektiv gespart. So war die kleine Insel ein wichtiger Stützpunkt zwischen der viel größeren Inselgruppe Islas Marias und den Festland geworden.

Unser selbsternannter Dolmetscher konnte uns einige interessante Tatsachen über die Fischerei in Mexiko, einem wichtigen Wirtschaftszweig der Küstengebiete, erzählen. Staatliche Beihilfen, so Pedro, unterstützten den Einzelnen beim Kauf einer Panga mit bis zu 70 Prozent des Kaufpreises. Daher kam auch das Interesse der Universitäten, Projekte wie diese zu verwirklichen und Theorie und Praxis zu vereinen. Fischerei in Universitäten zu lehren war ein wichtiger Schritt zur Sicherung der Fischbestände, denn wie in allen Gebieten der Erde in denen Fischerei zur Einnahmequelle der Völker zählte, stellte auch hier die Über-fischung und folglich die Ausrottung wichtiger Fischarten ein Problem dar.

Auf unsere Frage bezüglich Haie konnte uns Pedro einen schlagkräftigen Beweis zeigen. Er führte uns zu einem Schotterstrand der Insel, nahe des Fischerhauses. Zirka dreißig Haifischflossen lagen hier in der Sonne zum Trocknen, dreißig Makrohaie, geschossen in zwei Tagen. Wir waren mitten in der „Hauptsaison“ der Haie gekommen. Makros kamen zu dieser Jahreszeit in großen Gruppen, um sich hier, rund um Isla Isabelle, zu paaren. Mit knirschenden Zähnen wurden sie von den Fischern empfangen, denen sie die Netze ruinierten und Tauchgänge vereitelten, nur ein kleiner Trost war der Erlös der getrockneten Flossen, die als Exportware in fremde Länder verschickt wurden. Unsere Schnorchel und Flossen würden während unsres Aufenthalts sicher in der Backskiste verstaut bleiben.

Aber nicht nur die Wirtschaft und die Fische dieser Insel waren bemerkenswert. Nach den langen dürren und staubigen Küsten Bahia Kaliforniens beeindruckte uns vor allem das satte Grün der Insel. Dichtes Gebüsch umrandete den Vulkankrater und Spaziergänge unter den Bananenpalmen waren herrlich. An den Küstenstreifen wucherten Büsche unter den Kokospalmen, die sich voll reifer Früchte im schwächer gewordenen Wind wogen.

Auch die Tierwelt war einzigartig. Denn die Insel bot einen der letzten geschützten Nistplätze der roten Sandkrebse. Es war streng verboten, diese Krebse zu jagen, oder gar zu verspeisen und so konnten sie ungehindert die Insel für sich einnehmen. Der sandige Boden war durchbohrt von tausenden Löchern, denn die Krebse lebten in der Erde. Da mit Ausnahme der vielen Vögel keine anderen Tiere auf dieser Insel wohnten, konnten wir ohne besonderer Vorsicht durchs Unterholz und zum Kratersee streichen. Hier würden wir keine unangenehme Bekanntschaft mit Skorpionen machen. Die Vogelwelt war vielfältig., Tölpel, Fregattenvögel und Möwen waren nur einige der wenigen, von denen ich auch den Namen wusste.

Natürlich ließen auch wir, im Namen des Artenschutzes, die lecker aussehenden Krebse in Frieden weiterleben und kauften uns statt dessen eine herrlichen, großen Roten Snapper bei einem Fischer. Wir genossen ein tolles Abendessen am Schiff, während die zweite Hälfte des Fisches zum Trocknen hing.

Wieder unterwegs lag eine kurze Strecke vor uns. Wir würden noch am selben Abend am Ankerplatz hinter dem Dorf San Blas ankommen und dort zum ersten Mal mexikanisches Festland betreten. Heute war die Stimmung am Meer anders. Die See war ruhig und der Wind schien nicht recht blasen zu wollen. Bald zogen leichte Nebelschwaden durch die Luft und eine ungewöhnliche, wenn auch nicht bedrohliche Stimmung lag in der Luft, bis sich schließlich der Nebel verdichtete. Doch der Nebel hielt nicht lange an, bald kam frischer Wind auf, um die letzten Schleier zu vertreiben und unsere schlagenden Segel zu füllen.

Das Dorf San Blas war per Schiff nur über einen schmalen Fluss zu erreichen, dessen kleine Mündung sehr bekannt für Untiefen war. Obwohl die Untiefen nur aus angeschwemmten Sand und Kies bestanden, wodurch Grundberührung für unser Segelschiff als nicht gefährlich galten, ersparten wir uns dennoch diese Möglichkeit und segelten zur nächsten Ankerbucht, um von dort San Blas per Landweg zu erreichen.

Wie sich herausstellte, war es eine gute Entscheidung, dank der unser Anker sich in eine der schönsten Buchten der mexikanischen Westküste in den Grund grub. Die Ufer der ausgewählten Bucht waren ringsum bewachsen mit Gestrüpp und Nasswald. Ein Sumpfgebiet streckte sich hier ins Land, und ließ alle Pflanzen blühen und gedeihen. Selbst in der Dämmerung konnte man das satte Grün genießen und wurde von dem Lichtspektakel, welches das Abendrot Tag für Tag vorführte, regelrecht gefangen.

Selbst die hier heimischen Mexikaner waren der Schönheit der Bucht nie satt geworden und so hatten sie an dem hellen Sandstrand, der eine Seite der friedlichen Bucht begrenzte, zwei Freiluft-Bars aufgebaut, wo sich die Menschen aus dem Dorf, zumindest während den Wochenenden, trafen und gekühlte Getränke genossen, während die Kinder im Wasser spielten. Nicht nur die Preise der einen Bar, an der wir uns am Nachmittag zwei Dosen eisgekühltes „Parzifico“ gönnten, ließen uns vermuten, das hier das Geschäft weniger mit ausländischen Touristen gemacht wurde, auch das spärliche Geschäft wochentags deutete darauf hin. Die Vermutung sollte sich folgenden Sonntag bestätigen, als der Strand von fröhlichen Stimmen und Musik belebt wurde. Außer uns beiden entdeckten wir keine weiteren Ausländer.

Es war schon dämmrig, und obwohl es tagsüber sehr heiß war, kühlte es Nachts stark ab, was und aber nicht davon abhielt, bewaffnet mit Duschbad und Zahnputzzeug ins Wasser zu springen, um uns vom Schweiß der letzten Tage zu befreien. Mit einer Tasse Tee in der Hand bewunderten wir das Aufgehen des Monds.

Tags darauf ruderten wir an Land, um die vier Kilometer ins Dorf zu spazieren. Es dauerte nicht lange, da blieb auch schon der erste Pick up neben uns stehen und kutschierte uns, ganz nach mexikanischer Manier, auf der Ladefläche nach San Blas, ein Dorf, dass, schon während der Fahrt bis zum Hauptplatz, von seiner Fröhlichkeit und Ausstrahlung überzeugte.

Auf den Straßen mexikanischer Städte war erfahrungsgemäß immer etwas los, und so wurden wir auch hier nicht enttäuscht. Nachdem wir am Markt und im kleinen Geschäft Obst und Gemüse gekauft hatten, standen wir noch eine Zeit lang an eine Hausecke gelehnt im Schatten, verspeisten eine süße Mango und beobachteten die Menschen. Meine Blicke hafteten auf einem alten Mütterchen, die geschäftig mit ihrem Besen die Erdstraße vor ihrem Geschäft, die auch den Hauptplatz der Stadt umkreiste, kehrte. Die Leute hatten offensichtlich nicht viel, dennoch fehlte es an nichts. Die Menschen waren freundlich und etwas neugierig uns gegenüber. Wir wurden nicht automatisch um Geld gefragt und unsere Hautfarbe war nicht Anlass genug, teure Preise von uns zu kassieren. Einige versuchten, mit uns zu reden, was aber auf Grund unserer schlechten Spanischkenntnisse bald eine einseitige Unterhaltung wurde, da sich die Mexikanerinnen vom höflichen Kopfnicken und –schütteln unsrerseits nicht aus dem Gespräch bringen ließen.

Auch am Rückweg zur Bucht wurden wir ganz selbstverständlich auf einen Pick up aufgeladen, auf dessen Pritsche sich nach kurzer Zeit einige weitere Passagiere sammelten. Denn hier blieben Autofahrer stehen, sobald sie jemanden am Straßenrand spazieren sahen.

Um den Tag noch schön ausklingen zu lassen, kauften wir uns noch ein paar eisgekühlte Cervesas an der Strandbar und setzten uns an einem der Holztische. Nachdem wir über den Tag noch etwas geredet hatten, beobachteten wir, jeder für sich im Gedanken versunken, wie sich IRISH MIST und die Bucht im Farbenkleid des Sonnenuntergangs schmückten. Immer öfter musste ich mich an meinen Beinen kratzen. Auch Jürgen fing an, auf seinem Platz hin und her zu rutschen.

Plötzlich überkam es Jürgen: “Scheiße, Sandflöhe!!“ Zu späht, während wir die kalten Bier getrunken hatten, hatte sich ein ganzer Schwarm an Sandflöhen an unsren Beinen ausgetobt. Da der Stich selbst nicht schmerzhaft war, hatten wir die kleinen Biester viel zu spät bemerkt. Für eine Woche fühlten wir uns nun, als hätten wir richtige Flöhe, denn jeder einzelne Stich juckte hartnäckig.

Nachdem wir eine Nacht in Jaltemba übernachteten, legten wir am Weg nach Puerto Vallarta, einen weiteren Zwischenstopp in Jayulita ein. Der Wind war nur sehr schwach und obendrein blies er in Richtung Land. Beide Ankerplätze waren unbequem und der rollenden Dünung des Pazifiks ausgesetzt. Eine sehr nervtötende Angelegenheit, da immer irgend etwas am Boot hin und her schlug oder klirrte. Kein Teller oder Becher am Tisch blieb an seinem Platz stehen, und anstatt zivilisiert zu Essen, übte man sich immer wieder bei den Versuch, nichts über den Tellerrand zu schütten.

Kochen konnte ich nur, indem ich mich ordentlich in der Küche verkeilte und dabei darauf achtete, dem Herd genügen Platz zum Schwingen zu lassen. Zu allen Überdruss wurde ich beim Versuch, unser Schiffchen zu putzen an die Tischkante geschleudert und holte mir so einen riesigen blauen Fleck am Oberschenkel. Na gut, dachte ich im Stillen, wie hieß es doch so treffend: Eine Hand für mich und eine Hand fürs Schiff! Damit würde in Zukunft IRISH MIST bei rollender Dünung schmutzig bleiben.

Auch jeder Landbesuch wurde in diesen Wellen eine eigene Herausforderung. Während ich mich nur im Heck des Dingis ordentlich zu halten versuchte, musste Jürgen genau im richtigen Moment losrudern, damit die am Ufer brechenden Wellen uns wie Surfer an Land beförderten. Schaffte er es nicht, mit einer Welle mitgenommen zu werden, würde die nächste Welle versuchen, uns zu versenken, indem sie im Heck des kleinen Bootes einstieg und es mit Wasser voll füllte. Wichtig war dabei, mit dem Dingi immer im rechten Winkel zu der Dünung zu fahren, kam man einmal quer, würde uns die nächste Welle umdrehen und wiederum hoffnungslos versenken.

Jürgen war ein kraftvoller Rudermann und so kamen wir, nass bis auf die Knochen, aber unversehrt und mit noch schwimmenden Beiboot, jedes Mal an Land.

Auch der Weg zurück zum Schiff erforderte viel Aufmerksamkeit und Kraft. Sobald eine Welle gebrochen war, sprang Jürgen ins Dingi, das ich so weit und so schnell durch die Brandung vor mir her schob bis ich fast keinen Grund mehr unter den Füßen hatte. Während ich mich nun über das Heck ins Beiboot zog, ruderte Jürgen bereits aus Leibeskräften, um nicht mehr zurück in Richtung Strand gedrückt zu werden. Über die äußeren Brecher der Brandung konnten wir auf diese Weise ein paar beachtliche Stunts vollführen. So nützten wir unsere Landbesuche lediglich dazu, Müll an Land zu bringen und uns die Füße zu vertreten, dachten aber gar nicht erst daran, irgend welche Lebensmittel einzukaufen.

Puerto Vallarta, gebettet am Ufer der großen Bucht Bahia de Banderas, galt als gutes „Hurrikanversteck“, ein geschützter Hafen, der, aufgrund des weit vorgelegenen Cabo Corrientes, von keine Hurrikans heimgesucht wurde. So war es auch nicht weiter verwunderlich, das hier jährlich viele Yachten über die Sommermonate zurück gelassen wurden, während die meist amerikanischen oder kanadischen Besitzer ihren Familien zuhause einen Besuch abstatteten. Ein sehr gut ausgestatteter und dementsprechend teurer Yachtclub breitete seine Stege vor der Stadt. Nicht nur Segler liebten das ruhige Gewässer der Bucht von Banderas, das Wasser um uns brodelte vor Leben und schon in den ersten beiden Stunden in diesem Gewässer sichteten wir Delfine, Wale, Haie und große Mantarochen. Obwohl wir gehört hatten, das Killerwale eigentlich in diesem Teil der Welt der Küste fern blieben, ließen sich auch zwei Vertreter dieser Gattung bewundern.

In Vallarta hatten wir, zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise, Schwierigkeiten mit einem Yachtie. Vor der Stadt fehlte es an einer geschützten Ankerbucht, doch die Einfahrt in die Hafenbucht war breit genug, um neben dem Kanal Yachten Platz zu bieten. Wie in mediterranen Häfen konnte man sich hier auf ein Paket zusammenlegen, mit dem Unterschied, keinen Steg am Heck des Schiffes zu haben, sondern einfach mit ein paar längeren Tauen das Heck an die Steine festzumachen. Gegen den Willen eines bereits verankerten Kanadiers konnten wir einen der letzten freien Plätze beanspruchen. der Einhandsegler ließ uns lautstark wissen, dass wir seinem Schiff zu nahe sein würden, zweimal ließ er uns ankerauf gehen, da er immer wieder behauptete, unser Anker liege direkt über seinen und würde beide Yachten losreißen. Ein deutsches Seglerpaar bemerkte unseren Ärger und half uns, IRISH MIST gut zu verzurren, bis sich der unliebsame Nachbar endlich von den vielen Tauen und Anker, durch die unser kleines Boot gesichert wurde, überzeugen ließ.

Fritz und Elke waren die ersten deutschen Segler, die wir trafen, und gerne verbrachten wir einen Abend an Bord ihrer Stahl-Reinke. Gespannt lauschten wir den Geschichten, welche die Beiden über ihre Zeit im Mittelmeer und im Atlantik erzählten. Immer öfter kam auch uns der Gedanke, vielleicht einmal den Atlantik zu überqueren. Mit Interesse bestaunten wir die erste Reinke, die wir zu Gesicht bekamen und von der so viele deutsche Seeleute überzeugt waren.

Puerto Vallarta selbst war eine größere Stadt, aber noch klein genug, um mit freundlichen Charme zu überzeugen. Vor allem die bunten Busse, die von offensichtlich verrückten Fahrern gesteuert wurden, brachten Leben auf die Straßen. Jeder der alten, amerikanischen Schulbusse war ein Unikat in seiner Optik, bunt besprüht und mit Zeichnungen von Madonnen, christlichen Bildern oder mexikanischen Geschichten rasten sie über die Straßen. Nicht nur durch ihre Geschwindigkeit versuchten die einzelnen Buslenker sich zu konkurrieren, auch die Lautstärke der Musik, die durch die Boxen brüllte, war unübertrefflich. Rätselhaft dabei war nur, wie die vielen Taxifahrer in ihren kleinen Mexikokäfern den Kampf der Bus-Rennen überlebten.

Nicht nur die Busfahrten brachten eine Abwechslung in unsere Reisen, auch auf IRISH MISTs Mittagstisch gab es hier in Porto Vallarta etwas Neues, denn wir hatten ein Geschäft entdeckt, das frische, leckere Wiener Würstchen verkaufte, weshalb wir nun einen wohlschmeckenden Grund hatten, oft das Erlebnis einer Busfahrt zum Supermarkt auf uns zu nehmen und ein halbes Kilo der billigen Würstchen, die an zuhause erinnerten, zu holen.

Mit Elke und Fritz verbrachten wir einige Zeit und am Ankerplatz lernten wir ein französischen Paar, das annähernd in unsrem Alter war und mit Kind und Kegel in ihrem schönen Holzboot die Welt bereiste, kennen. Trotz einige sprachliche Probleme war es schön, wieder mal junge Leute mit bunten Visionen zu treffen. Auch im Yachtclub hatten wir Bekannte, denn eine Seglerfamilie, die mit uns Weihnachten gefeiert hatte, lag hier am Steg. Als ihre Gäste begleiteten wir sie einen Nachmittag zum clubeigenen Swimmingpool und hatten Zutritt zu den Duschanlagen, was uns einmal mehr das Auftanken unserer zusätzlichen Wasserkanister, mit denen wir uns für gewöhnlich im Hafen gegenseitig duschten, ersparte.

Nachdem wir im Laufe der letzten Monate vieles übers Fischen und Fischzubereitung gelernt hatten, kauften wir uns hier in Puerto Vallarta Angelausrüstung und verbrachten einen Abend damit, aus meinen alten Gummihandschuhen, die ich bisher zum Stauen der Kette und Trosse benützt hatte, bunte, künstliche Fischköder herzustelle. In Zukunft wollten wir, ganz nach alten Seglerbrauchtum, ab und zu unser Mittagessen selbst erlegen.

Um unser nächstes Ziel bei Tageslicht zu erreichen, würden wir Cabo Corrientes Nachts runden müssen, so bereiteten wir uns gewissenhaft für die kommende Etappe vor und studierten in alter Manier die Karten. Bei optimalen Wetterbedingungen setzten wir Segel und, während sich der herrliche Tag bereits verabschiedete, richtete IRISH ihren Bug bei achterlichen Wind Richtung Westen.

Doch ein Kap stand vor uns und die Bedingungen auf See sollten sich ändern. Es dauerte nicht lange, da fing der Wind an, in den Wanten zu pfeifen und peitschte die See auf zu einer ungemütlichen Gastgeberin auf. Nach wie vor polterte IRISH MIST mit achterlichem Wind durchs Meer. Die von hinten anrollende Windsee stritt sich mit der Dünung des Pazifiks und am Steuer, von dem wir uns, wie gewohnt, alle drei Stunden gegenseitig erlösten, musste ich mich, gesichert im Gurt, mit allen Vieren stützen und halten, um nicht bei diesem Affentanz eine Unzahl von blauen Flecken zu ernten. Doch auch in der Koje waren die Bedingungen schlecht und es grenzte ans Unmögliche, einzuschlafen, während man auf der Matratze regelrechte Sprünge ausführte. Nun war es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die Müdigkeit gerade beim Steuern breit machte. Gegen zwei Uhr morgen kämpfte ich mittlerweile, meine Augen weiterhin auf den Kompass zu konzentrieren und das Schiff auf Kurs zu halten. Plötzlich krachte es. Durch einen Steuerfehler war IRISH MIST gehalst. Das Sicherungsseil hielt den Baum noch draußen und das Boot wand und kränkte sich unter der Belastung. Noch bevor ich reagieren konnte gab die Klemme dem Druck im Segel nach und mit einem lauten Knall schoss der Baum mitsamt dem Segel auf die andere Seite. Mir zitterten die Knie, ich war wieder hellwach. Jürgen stand nackt und mit zerzausten Haaren im Cockpit, ohne zu wissen, was denn eigentlich geschehen war. Als er aber die gebrochene Klemme bemerkte und sah, wie ich gerade das Segel auf backportseits fixierte, war alles klar. In seinem Blick herrschte Unfassen, wir waren nur dicht an einer Katastrophe vorbeigegangen, denn diese Unachtsamkeit hätte uns den Mast kosten können und doch war nichts passiert, nicht einmal das Segel war gerissen, auch wenn der erste Knall, der Jürgen alarmierte, vom Segel kam als es back schlug. Froh war ich, als ich mich schließlich in die feuchte Decke in der Koje drehen konnte, um für die kommenden drei Stunden auf der Matratze hin und her geworfen zu werden.

Den zweiundzwanzigsten Januar verbrachten wir in Chamela. Wir sahen uns den kleinen Fluss an und spazierten am Strand. Nach der aufregenden Fahrt um Cabo Corrientes herrschte hier wieder freundliches Wetter und brachte eine angenehme Weiterreise, auf der wir immerhin unseren ersten Fisch fingen. Ein kleiner Tunfisch, mit vielleicht neunzig Zentimeter Länge, zappelte am Harken, nachdem er auf unseren Gummihandschuhköder hereingefallen war. Doch im Cockpit war es vorbei mit unsren Wissen über Hochseefischen und beim Versuch, den Fisch zu erschlagen, sollten wir unser blaues Wunder erleben. Zwar war der Fisch schnell erledigt, doch wir waren nicht vorbereitet auf die Menge Blut, die das Mittagessen in Spe so in sich hatte. Mit einem einzigen Schlag auf dem Kopf hatte Jürgen das ganze Cockpit mit Fischblut vollgespritzt. Sogar der Niedergang war voller Blutspritzer. Verdutzt stand Jürgen vor mir und nach dem ersten Schrecken mussten wir beide lachen, denn auch uns hatte es ordentlich erwischt und wir sahen aus, als hätten wir die Masern. Das Lachen verging uns schnell, in der trockenen Hitze war das Blut eingetrocknet und es dauerte Stunden, bis wir das Boot wieder sauber geschruppt hatten. Nach getaner Arbeit genossen wir den halben Fisch als Entschädigung für den Schlamassel, während die zweite Fischhälfte gut gewürzt und in Streifen geschnitten im Cockpit trocknete.

Wir segelten von einer Bucht in die nächste und ließen uns dabei viel Zeit. Die Küstenlandschaft war atemberaubend. Kleine, von Felsen umgebene Buchten säumten die Küste, vor einem Land voll sanfter grüner Hügeln, in denen Morgens der Nebel stand. Jedoch war in einer der vielen kleinen Buchten alles anders. Club Med, der große Tourismusanbieter, hatte hier eine All Inklusive Hotelanlage gebaut und füllte protzig das gesamte Ufer aus. Wie noch in keiner anderen Bucht war ausgerechnet hier das Meer gefüllt mit kleinen weißen Quallen, die bei Berührung jedoch nur unmerklich brannten. Die ungewohnte Gelegenheit nutzend, machten wir uns auf in den Pool der Hotelanlage. Klar wussten wir, das wir nicht zu den zahlenden Gästen der Anlage gehörten, aber wir hatten ja auch gar nicht lange vor, Getränke oder ähnliches zu entwenden. Keiner schien es zu bemerken, dass wir von anderswo herkamen und nachdem uns der Swimmingpool zu langweilig wurde spielten wir mit dem Gedanken, noch eine Runde Billard zu spielen. Schnell ruderte ich zurück auf IRISH MIST um Schuhe vom Schiff zu holen, währen sich Jürgen am Strand reckte.

Am Rückweg im Dingi vom Schiff beobachtete ich einen Touristen, der mit einem geliehenen Kajak gekentert war. Offensichtlich konnte er nicht recht gut schwimmen und von den vielen Hotelsicherheitskräften schenkte ihm keiner wirklich Beachtung. Der Schwimmer schlug bereits wild um sich, ich verlangsamte mein Rudertempo und hielt den Schwimmer - oder besser Nichtschwimmer - im Auge. Er schien ernste Probleme zu bekommen, also wendete ich das Beiboot, um ihm zu Hilfe zu kommen. Es kostete mir einige Kraft, diesen wild herumschlagenden, ziemlich korpulenten Amerikaner in mein Dingi zu ziehen, ohne dabei selbst umgekippt zu werden. Geschafft ruderte ich noch zu dem gekenterten Kajak und brachte schließlich die gerettete Ladung sicher an Land.

In der Zwischenzeit hatte sich eine Menschentraube am Strand geformt, die meine kleine Rettungseinlage verfolgt hatte. Auch dem Hotelsicherheitsdienst war ich nun aufgefallen und es war klar, dass ich mich ins Areal „hineingeschummelt“ hatte. Zu meinem Überdruss wurde ich nun, anstelle eines Dankeschöns, unter Beschimpfung vom Gelände verbannt. Nur unter Begleitung konnte ich mich bis zu Jürgen durchringen, um auch ihn vom Hotelgrundstück zu holen. Jürgen schaffte es, die Sicherheitsleute davon zu überzeugen, dass wir vom Hotel aus noch einen, natürlich von uns bezahlten, Anruf nach Österreich machen durften, doch von da an wurden wir stets beobachtet, sobald wir unser Dingi zu Wasser ließen.

Die Aufpasser vom Hotel versuchten, uns aus der Bucht zu jagen, doch da es klar war, dass der Meeresgrund niemals dem Hotel gehören konnte und sie daher kein Recht hatten, uns das Ankern vor ihrer Küste zu verbieten, blieben wir zwei Extratage. Abends schlichen wir noch einmal an Land und benützten die Poolduschen. Es bereitete uns kindische Freude, die Sicherheitsmänner noch einmal ausgetrickst zu haben. Schließlich wurden uns die neugierigen Kajaktouristen, die den ganzen Tag um IRISH MIST paddelten und die bösen Blicke der Sicherheitsleute doch zu viel und als der Wind gemütlich aus dem Norden blies, war die kleine weiße Yacht im Morgengrauen verschwunden, als wäre sie nie hier gewesen.

Zwei Tage war IRISH MIST unterwegs, bis sich ihr Anker in den sandigen Grund einer kleinen Bucht bohrte. Einer Bucht, in der zwar IRISH keineswegs vor der Dünung geschützt war und daher ziemlich rollte, dafür war das Land um uns umso einsamer und schöner. Ein hell glänzender Sandstrand erhob sich aus dem blauen Wasser und eine kleine, felsige Insel wartete darauf entdeckt zu werden. Bananenplantagen vollendeten das Bild.

Unter Segel kreuzten wir in dem Gebiet bis Zihuatanejo immer wieder die stark befahrenen Schifffahrtsstraßen. Vorsicht war geboten, denn auch wenn wir das Wegerecht gegenüber vielen der großen Frachter, den Tankern und den vielen Fischern in allen nur denkbaren Größen, hatte, wollte ich nicht mein Leben darauf verwetten, ob die navigierende Belegschaft der Schiffe uns auch wirklich sieht und beachtet, um uns auszuweichen. So wendete ich das Boot meist früh, um nicht ins Fahrtwasser der Schiffe zu kommen, was einmal sogar mit einem Hupkonzert eines Frachters geantwortet wurde. Bis heute konnte ich jedoch nicht herausfinden, was sein Signal von acht kurzen und einem langen Tuten geheißen hatte.

Das Hafenbecken von Zihuatanejo begrüßte uns mit dem fröhlichen Treiben der vielen Nussschalen, Boote und Yachten, die beinahe die ganze Bucht ausfüllten. Als ein Magnet für Segler bot die Stadt eine Mixtur zwischen amerikanischen Touristenattraktionen und mexikanischen Flair. Die Straßen waren gefüllt mit fröhlichen Treiben und die wenigen Touristen, ausgenommen der Bootstouristen, mischten sich unmerklich unter die Einheimischen.

Am Fischmarkt wurde um frische Köstlichkeiten gefeilscht, und täglich brachten Bauern ihre Obsternte, um sie in der Marktstraße zu verkaufen. So war es nicht weiter verwunderlich, das der Anker unseres Schiffes für einige Tage nicht aus dem Sand und Schlamm der Bucht gelichtet wurde. Als besondere Abwechslung verbrachten wir einen Abend in einem amerikanischen Grill, um uns dort die TV-Übertragung der NFL Superbowl Footballspiele bei kühlem Bier und warmen Würsten anzusehen.

Unter den vielen Yachten, die friedlich nahe IRISH MIST um ihre Anker kreisten, wurde mit Karten und Küstenhandbüchern getauscht und gehandelt. Auch wir nutzten die Gelegenheit, um uns mit Seekarten zu versorgen, die wir möglicherweise in naher Zukunft benötigen könnten. So erwarben wir gebrauchtes Material von Costa Rica, Panama, Kolumbien, Venezuela und teilweise von den karibischen Inseln. Denn auch wenn unsere Ziele Richtung amerikanischer Ostküste gesteckt waren, schlossen wir dennoch einen Besuch von Kolumbien oder Venezuela vorläufig nicht aus. Ob wir uns die Karibik ansehen wollten, wussten wir noch nicht, wir konnten nicht sagen, ob unsere finanzielle Lage die teure Karibik erlauben würde.

 

Kapitel 5

Gesichter Mexikos

Zeitig um sechs Uhr morgens tauchten wir in die glitzernde Lichterwelt Acapulcos ein. Wieder einmal war die Nacht stockdunkel gewesen und schon von weiten waren die Lichter der Stadt am Horizont zu erkennen. Doch so schön die Stadt in ihrem nächtlichem Schein war, bei genauerer Betrachtung bei Tageslicht fühlte ich fast ein wenig Enttäuschung, denn obwohl die geografische Anordnung beeindruckte, da die Stadt auf die Hügel rund um eine Meeresbucht gebaut worden war, hatte Acapulco nichts von den mexikanischen Charme, den wir bisher kennen gelernt hatten.

Entlang den Stränden reihten sich Hotelanlagen, die mit ihren überschwänglichen Eingängen und ihren bunt gekleideten Pagen das Ausmaß an Luxus, der dort geboten wurde, vermuten ließen. Umso trauriger waren die, dazu ganz gegenteiligen, ärmeren Stadtteile weiter oben auf den Hügeln. Eine ganze Horde Polizisten schützten den schönen und sauberen Teil der Stadt vor den armen Bevölkerungsschichten, die ihr Dasein in den dreckigen Straßen und hässlichen Häusern dort oben fristeten. Natürlich gab es hier auch noch die berühmte Insel der Reichsten der Reichen, die für meinen Geschmack wie ein Mahnmal der Rücksichtslosigkeit an Menschen aus dem Wasser ragte.

Die „Marina de Yates“ gab uns gleich am ersten Tag zu verstehen, dass wir nicht willkommen waren. Offensichtlich sahen wir den bevorzugten, reichen Yachtbesitzern nicht ähnlich und es war leicht zu erkennen, dass sie von den billigen Fahrtensegler wie uns keine großartigen Gebühren einkassieren konnten. Ganz anders dazu zeigte sich der zweite große Yachthafen der Stadt, die „Marina Acapulco“. Freundlich wurden wir willkommen geheißen und konnten unser Dingi jederzeit an ihrem Steg festbinden, während die Verwaltung obendrein die ankernden Yachten im Auge behielt. So durchwanderten wir die Stadt, ausgerüstet mit einem „Stadtplan“, der offensichtlich nur dem Tourismus galt, da nur die Hauptstraße entlang des Strandes und den Hotelkomplexen eingezeichnet war. Interessiert am wahren Gesicht Acapulcos wagten wir uns, auch ohne Plan, weiter vor ins Innere der Stadt und auf die Hügel der Bucht.

Doch hier in Acapulco verbrachten wir nicht nur unsere Zeit mit Bummeln und Besichtigen, wir hatten auch Arbeit am Schiff zu erledigen. Unter anderem benötigte der Windgenerator eine Generalüberholung. Wir brachten den Generator in einen Autoelektrik-Laden, dessen Besitzer uns erklärte, wir konnten das reparierte Stück morgen abholen. Tags darauf, als wir in den Laden kamen, um unser Teil abzuholen, lag der Generator unberührt in der selben Ecke wie am Vortag. Ja, ja, aber morgen währe er dann zum Abholen. Obwohl wir enttäuscht waren, dass wir nicht schon am gleichen Tag von dieser hässlichen Stadt ablegen konnten, übten wir uns in Geduld. Um sicherzugehen, dass der Autoelektriker heute an die Arbeit ging, besuchten wir ihn am Nachmittag noch einmal. Noch immer war nichts geschähen, aber morgen währe das Ding ja erst abzuholen.

Schön langsam schlich sich etwas Wut ein. Je länger wir hier festgehalten wurden, desto dringender wollten wir weg. Eigentlich war es ja ganz egal, wie lange es dauern würde, denn wir hatten ja alle Zeit der Welt, dennoch störte es uns maßlos. Erst am Abend, als wir im Cockpit bei einer Tasse Tee saßen und der lauten mexikanischen Musik vom Passagierschiff am Munizipalsteg lauschten, verflog unser Ärger. Weshalb waren wir so ungeduldig, es war ja ohnehin offensichtlich, dass wir so nichts erreichen würden. Natürlich war auch am folgenden Tag die Arbeit nicht geschafft, aber mit gutem zureden und freundlichen Gesichtern konnten wir den Einheimischen überzeugen, den Generator noch in unsrer Anwesenheit zu reparieren. In zwei Stunden war die Arbeit geschafft, für die wir nur einen kleinen Betrag zu bezahlen hatten.

Nun hatten wir genug Tage in Acapulco verbracht ohne dass mein schlechter erster Eindruck verflogen war und allgemeine Hochstimmung stellte sich ein bei dem Gedanken endlich abzulegen. So konnten Einheimische und Touristen, die am späten Nachmittag ihren Blick über die Bucht schweifen ließen, IRISH MIST in vollem Gewand den Hafen verlassen sehen, denn um den nächsten Ankerplatz bei Tageslicht erreichen zu können wollten wir wieder einmal die Nacht durchsegeln. Es dauerte auch gar nicht lange, da wich die Abenddämmerung der Nacht und langsam verschwand der Lichtkegel der Stadt in unsrem Kielwasser. Wir mussten nicht lange alleine hier am Meer verweilen und wie immer hatte ich große Freude dabei, eine Schule Delfine bei ihrem Tanz rund um unser Schiff zu beobachten. Ein Vergnügen, das mir immer öfters bereitet wurde seit wir Bahia Kalifornien verlassen hatten. Am folgenden Tag, den wir ebenfalls noch unter Segel verbrachten, entdeckten wir einige schwimmende Riesenschildkröten, eine Seeschlange und zwei Wale. Auch während der zweiten Nacht hatten wir eine Begegnung mit einem Lebewesen. Dieses mal kam unser Begleiter aber aus der Luft. Ein völlig erschöpfter Blaufusstölpel ließ sich auf IRISH MIST fallen um sich auszuruhen. Der Vogel verbrachte die ganze Nacht am Rettungsring, der am Heck unseres Schiffs montiert war. Offensichtlich tat es ihm gut, ein Stück mitgenommen zu werden. In den frühen Morgenstunden verschwand er wieder.

Schon öfter hatten wir von Seglern gelesen, die Nachts nicht in fremde Buchten einlaufen wollten, um das Risiko einer Kollision mit einem vor Anker liegenden unbeleuchteten Schiff zu entgehen und gefährliche Untiefen bei Tageslicht besser erkennen zu können. Falls sie nun doch in der nächtlichen Dunkelheit vor einer Bucht eintreffen sollten, wurden die Segel gerefft und beigedreht, um so den kommenden Tag abzuwarten. Wir hatten nun zwei sehr schöne Segeltage hinter uns und die Idee, noch länger am Meer zu bleiben gefiel uns. Die Nacht war ruhig und bot sich an, ein erstes mal zu versuchen, wie es uns ergehen würde, beigedreht vor einer Bucht auszuhalten. Es sollte unser erster und letzter Versuch werden, denn IRISH MIST rollte wie verrückt in der Dünung und so konnte auch derjenige, der Freiwache hatte kein Auge zutun. Ein rollendes Schiff, dass auch noch Segel fuhr während der Wind fast gestorben war, wurde so ziemlich der unbequemste Ort, den ich mir vorstellen konnte. Das Großsegel schlug unaufhörlich mit einem Krachen von einer Seite auf die andere und ich wartete förmlich darauf, bis endlich das Material nachgeben würde.

Am folgenden Tag liefen wir schließlich in Puerto Angel ein, eine sehr schöne Bucht, die neben San Blas immer eine meiner liebsten Fleckchen Mexikos bleiben wird. Wir ankerten an einer Seite der Bucht vor einem schönen Sandstrand, auf dem auch hier wieder eine gemütliche Bar aufgebaut war. Beide Enden des Sandstrands wurden von Felsen beherrscht, die speziell unter Wasser eine wunderschöne Landschaft mit kleinen Höhlen und bunten Fischen boten. Stundenlang konnten wir hier im warmen Wasser schnorcheln. Entlang des Ufers im Mittelteils der Bucht befand sich das kleine Dorf, das, ähnlich wie San Blas aus Erdstraßen und ein paar Häusern bestand. Einige Schweine und Ziegen liefen auf den Straßen herum.

Die zweite Seite der Bucht war ein für die Öffentlichkeit gesperrte Naval Militärlager. Das Militär nahm uns auch gleich als gute Übungsgelegenheit wahr und noch am ersten Tag wurden wir von einem Boot mit bewaffneten Soldaten und einem Drogenhund heimgesucht. Höflich aber bestimmend verschufen sie sich das Recht, aufs Schiff zu kommen und auf Drogen und Waffen zu durchsuchen. Während der kurzen Suche mit den Hund standen am Bug und Heck jeweils ein Soldat, ausgerüstet mit einer Maschinenpistole und der diensthabende Offizier forderte freundlich aber auch sehr aufmerksam unsere Papiere. Wir waren froh, unsere Aufenthaltspapiere ordentlich erledigt zu haben, ein „Temporery Imprtation Permit“ sowie die Durchklarierung von Acapulco vorzeigen zu können.

Nun wusste ich auch, dass die Entscheidung, keine Waffe auf IRISH MIST mitzuführen für uns richtig war. Zurück in San Diego hatte ich dazumal den Waffenschein gemacht, der aus der Aufenthaltsgenehmigung und einer kleinen Sicherheitsprüfung bestanden hatte. Wir kauften eine Smith und Weston, einen Revolver, den wir mitzunehmen gedacht hatten. Die Nacht darauf, die wir wie gewöhnlich fest verzurrt im Yachthafen der Mission Bay verbrachten, konnte ich aber einfach nicht schlafen und musste immer wieder über die Waffe an Bord nachdenken. So verrückt es war, aber ich fühlte mich mit Waffe unsicherer als ohne. Ich hatte einfach Angst, diese Waffe an Bord könnte uns einmal in eine Situation bringen, in der wir sie auch benützen müssten oder uns in andere Schwierigkeiten bringen, zum Beispiel auch die Schwierigkeiten mit Behörden. Also brachten wir den Revolver wieder ins Waffengeschäft wo wir sie problemlos zurückgeben konnten. Unsere Jagdbögen, die wir während unsrer Reise über die Rocky Mountains mit dem Wohnmobil gekauft hatten und jetzt im Schiff mit uns führten, waren für die Militärbeamten kein Problem, da diese ebenfalls tödlichen Waffen als Sportgeräte deklariert waren. Und auch die Signalpistole wurde nicht weiter beachtet, denn weder die Signalpistole noch die Jagdbögen führten wir zum Zweck der Verteidigung mit uns.

Immer wieder wurden Yachten in Mexiko beschlagnahmt, nachdem bei einer Durchsuchung Waffen gefunden worden waren. Bei einem Gespräch mit dem Hafenkapitän in La Paz hatten wir erfahren, dass diese Schiffe nach einer Frist von fünf Jahren mit allem Equipment, das noch nicht entwendet war, aufs offene Meer geschleppt und dort versenkt wurden. Kein Ende, dass wir unserer schmucken kleinen IRISH MIST bereiten wollten.

Als wir diese Geschichte des Hafenkapitäns erfuhren, dachten wir natürlich sogleich über die Möglichkeit nach, eine für unseren Geschmack fähige Blauwasseryacht unter diesen Schiffen zu suchen um sie freizukaufen. Aber auf legalen Weg war es nicht möglich, eines dieser Schiffe zu erwerben, so wurden wir unterrichtet. Denn laut Aussage des Hafenkapitäns war viel zu viel Bürokratie erforderlich für die Neuvergabe der Besitzrechte, neue Papiere mussten über das Heimatland der Yacht angefordert werden und viele Hürden waren zu bestreiten, bevor die Yacht in internationalen Gewässer gefahren werden konnte. Ich vermute dennoch, dass hier Unmögliches möglich werden würde, wenn man nur etwas auf die Bedürfnisse der Zuständigen eingehen würde.

Wir gingen im Dorf spazieren. Es war ungewohnt ruhig in Puerto Angel. Wahrscheinlich waren die Männer drüben im Militärlager beschäftigt denn hier im Dorf sah man, neben den freilaufenden Haustieren hauptsächlich ein paar Frauen arbeiten. Auch der kleine Laden, der kaum größer war als ein kleines Badezimmer eines westeuropäischen Haushaltes wurde von einer Frau geleitet. Wir waren nicht zum Einkaufen an Land gekommen, genug Vorräte waren an Bord verstaut.

Zurück am Strand traute ich meinen Augen nicht. Da saß ein Schwein in unserem Dingi, was für ein Glück, dass wir keines der sonst tollen Schlauchboote als Dingi fuhren, das wäre jetzt sicherlich nicht mehr zu gebrauchen. Wir hatten den Müllsack vergessen. Nachdem wir es vertrieben und den Müll in die nächste Tonne befördert hatten, gesellten wir uns zu den wenigen Einheimischen am Strand. Hier musste es unter der Wasseroberfläche schön sein, so versicherte uns ein Einheimischer. Aber Vorsicht war geboten. Obwohl wir keinen Schmuck trugen, ja eigentlich nicht einmal welchen besaßen, warnte uns der Fischer. Hier gab es Barrakudas, Raubfische, die vor allem auf blinkende Teile reagierten und manchmal Ohrringe mit leckeren Beutefischen verwechselten. Nett, dass uns dieser Mexikaner die Warnung gab. Er versicherte uns auch, dass nicht nur Schmuck diese Räuber zu dicht an unsere Haut locken könnte, auch beim Harpunieren sollten man nicht mit seinem Fang in der Hand zurückschwimmen um nicht zu riskieren, einen Finger im Weg zu haben falls ein Barrakuda das Abendessen klauen will.

Mit unserer neuen Schnorchelausrüstung aus Acapulco sprangen wir über Bord. Nicht weit mussten wir schwimmen um in eine wunderschöne Welt einzutauchen wie wir sie noch nie gesehen hatten. Im unendlichen Blau des Wassers glitzerten Muscheln zwischen den Felsspalten, Schulen an bunten Fischen spielten um uns und kleine Trompetenfische beobachteten uns neugierig. Wunderbar geformte Pflanzen wiegten sich in der Strömung und bildeten einen Kontrast zu den harten Felsformationen. Das Wasser arbeitete unentwegt an den Felsen, kleine Höhlen waren bereits ausgespült worden und das zermalmte Gestein breitete sich in hell leuchtenden Sandstränden am Meeresgrund aus.

Abends, beim Bier an der Strandbar, fühlten wir uns noch gefesselt von den herrlichen Erlebnis des Tages als wir zwei Tramper bemerkten, die sich auf Deutsch miteinander unterhielten. Die jungen Deutschen gesellten sich zu uns und interessiert lauschten wir gegenseitig die Geschichten. Es musste spannend sein in dieses herrliche Land tiefer vorzudringen, doch ich war froh, mit IRISH unterwegs zu sein. Ich liebte es, zu reisen und trotzdem zuhause zu sein, denn unser Boot war längst unser trautes Heim geworden.

Angenehm verlief unsere Weiterfahrt nach Huadulco, dem letzten Hafen nördlich des Golfes von Tichuanapec, ein berüchtigtes und von Seglern und Fischern gleichermaßen gefürchtetes Seegebiet. Hier formte das Festland den schmalsten Streifen Mexikos und der Weg nach Coatzacolicos an der Küste des Golfs von Mexiko war nicht weit. Durch das Gebirge des mexikanischen Landstückes konnte Wind auf der karibischen Seite Mexikos wie durch eine Düse bis zum Pazifik pfeifen und hier im Golf von Tichuanapec ohne Vorwarnung mit Sturmstärke blasen. Genaue Wetterberichte und Windbeobachtungen waren nötig um so weit unter Land als möglich eine Überfahrt bis Puerto Madero, den letzten Ausklarierungshafen Mexikos, zu wagen.

Zwar waren Stürme in dieser Gegend eigentlich nicht der Grund für die Beunruhigung, da Starkwinde generell vom Land, oder besser gesagt von der atlantischen Küste Mexikos kamen und somit Schiffe von der flachen Küste des Golfs von Tichuanapec drückten, doch tobte erst mal Wind, würde schnell der Pazifik aufgepeitscht werden und mit seiner See eine ernsthafte Bedrohung für kleine Schiffe sein. Je weiter Yachten und Boote in den Golf gedrückt würden, desto gefährlicher wurde die See für diese Schiffe.

Im Hafenwasser von Huadulco warteten bereits einige Segelyachten sowie drei große Thunfischfänger auf passierbares Wetter. Die Thunfischflotte war beeindruckend. In sicherer Entfernung am offenen Meer hatten wir öfter Fischer wie diese bei ihren Arbeiten beobachten können. Kleinere Fischerboote kannten wir von vielen Häfen sehr gut, aber solche schwimmenden Fabriken wie diese Schiffe hatten wir in noch keinen Hafen gesehen. Denn für gewöhnlich waren diese Riesen unterwegs um den Konservenfabriken in ihrem Inneren genug Nachschub zu liefern. Alle drei Schiffe gehörten der selben Flotte an und eines von ihnen hatte sogar einen Hubschrauber an Deck der die Suche nach großen Schulen an Thunfischen von der Luft aus unterstützte. Hatte der Heli erst mal eine Schule gesichtet, würden sich alle drei Schiffe zum Fundort aufmachen, um dort über die Fischschulen herzufallen und mit ihren Schleppnetzen alles Leben restlos aus dem Meer zu holen und zu Dosenfisch zu verarbeiten. Fische und andere Meeresbewohner, die nicht zur Weiterverarbeitung verwendet werden konnten, wurden von den Fabriken nur noch tot wieder ins Meer zurückgegeben. Die Besatzung der Schiffe arbeitete in Schichten und so wurde es auch hier im Hafen nicht ruhig, die Konservenfabrik arbeitete auf Hochtouren, während die Kapitäne sich wie alle anderen Skipper und Fischer hier am Eingang des Golfs de Tichuanapec vor Wind und Wetter beugten und warten, bis sich der momentane Sturm über Tichuanapec wieder gelegt hatte.

Huadulco selbst hatte nicht viel zu bieten. Es verblasste und wurde von den Seglern im Hafen nur wenig beachtet, denn auf den Schiffen drehte sich alles ums Wetter. An der Tür des Hafenkapitäns wurde laufend der neueste Wetterbericht ausgehängt und alle hielten sich in Bereitschaft die Anker zu lichten. Zu unserem Glück lag eine sehr gut ausgerüstete Yacht vor Anker, die detaillierte Berichte von ihrem Wetterfax an alle weiteren Segler lieferte. Das Schiff und seine Crew waren ein auffallender Gegensatz zu all den Fahrtensegler, die wir bisher kennen gelernt hatten.

Die sportliche, schwarze Slup gehörte laut Aussagen des Skippers einem Bandmitglied der Rockband Pink Floyd und wurde von einer bunt zusammengewürfelten Crew geführt. Luxuriös eingerichtet und mit allen Extras ausgestattet präsentierte sich die Yacht, und abends ließen wir uns gerne von ihrem englischen Skipper und seiner Crew verwöhnen, während auf das richtige Wetter zwei Tage lang gewartet wurde. Schiff und Besatzung waren schon etliche Male an dieser Küste gesegelt und durch den Panamakanal in den Atlantik geschifft, denn die Slup musste immer wieder termingerecht am nächsten Urlaubsort des Besitzers im gewünschten Hafen liegen. Interessiert lauschten wir den Geschichten, wie es im Kanal laufen würde und was uns so erwartete.

Endlich war es so weit. Das geeignete „Windfenster“ lag vor uns. Schon früh morgens war die Luft erfüllt mit dem Geräusch von ratternden Ketten, knatternden Dieselmotoren und eiligen Anweisungen, ein Wettlauf mit der Zeit hatte begonnen und bald war das Hafenbecken leer. Auch unsere IRISH segelte in der Hoffnung, so schnell wie möglich durch das gefürchtete Gebiet zu kommen. Nur unter Protesten meinerseits hielten wir uns jedoch nicht unter Land, wir kürzten die Strecke ab und segelten hinaus in den Golf und steuerten im geraden Kurs Puerto Madero an. Bald aber begriffen wir, dass das, was die Amerikaner „Windfenster“ genannt hatten, nichts anderes war als die absolute Flaute. Unter Motor liefen die Yachten eilig den sicheren Hafen zu, während IRISH sich, fast unmerklich vorwärts segelnd, in der pazifischen Dünung wiegte. Meine Nerven waren aufs Zerreißen gespannt, denn unser Schiffchen trieb mit ein bis zwei Knoten dahin, während wir auf schlechtes Wetter regelrecht warteten. Vier Tage verbrachten wir im Tichuanapec und versuchten, uns dabei nicht gegenseitig verrückt zu machen. Immer und immer wieder erfüllte sich mein Kopf mit Pessimismus, ich bildete mir fest ein, dass die Flaute vor dem Sturm kam und wir hier hilflos und ohne funktionsfähigen Motor auf die Katastrophe warteten.

Ständig trimmten wir die Segel im Versuch, jeden möglichen Knoten Beschleunigung dem alten Schiff abzugewinnen, auch wenn unsere Segelgarderobe nicht viele Möglichkeiten einräumte. Gemeinsam setzten wir den Spinnaker, den wir seit dem Schiffskauf unnütz mit uns mitführten.

Einen Tag spielten wir uns mit dem großen Tuch, doch wir mussten uns eingestehen, dass wir nicht merklich an Geschwindigkeit gewannen. Nachts und allein an Deck war es nicht besonders ratsam, mit dem großen blauen Segel weiterzuarbeiten und so hissten wir abends erneut die Genua.

Wir hatten uns umsonst aufgerieben, unspektakulär durchquerte IRISH MSIT den Tichuanapec und ohne auch nur von einer Böe gestreift zu werden krochen wir im Schneckentempo den sicheren Hafen von Puerto Madero entgegen.

Keine Yacht war zu sehen. Sie waren bereits vor Tagen angekommen und nun weiter gereist. Wir ließen unseren Anker in der verlassenen Hafenbucht fallen und es dauerte nicht lange, da bekamen wir Besuch von einem Boot voller mexikanischer Militärs. Zu Dritt, mit automatischen Waffen in ihren Händen, hüpften sie aufs Deck von IRISH MSIT, während die restliche Crew am Boot wartete. Wie bereits in Puerto Angel erlebt, erwarteten wir nun die Durchsuchung des Schifferls, doch weit gefehlt, der verantwortliche Offizier wollte uns nur kennen lernen und hier in Madero willkommen heißen. Er erklärte, dass er fleißig Englisch lernte und so jede Chance nutzte, um mit englischsprachigen Menschen zu kommunizieren.

Mir war nicht wohl in meiner Haut. Nur in meinen Bikini bekleidet und übermüdet von der Aufregung der letzten Tage fühlte ich mich, als käme mir dieser Offizier zu nahe. Es kostete mir Kraft, ihn freundlich zu begegnen, denn mein Instinkt warnte mich vor ihm.

Hier in Mexiko trugen die einheimischen Mädchen sogar beim Badespaß im Meer sittlich ihre T-Shirts und so war der Offizier und seine Leute sichtlich begeistert, mich im Bikini vorzufinden. Sie dachten gar nicht daran, uns zu verlassen und während die niedrigeren Ränge an Deck warten mussten machte es sich der Offizier an unserem Tisch bequem und ließ sich Tee servieren. Ich schlüpfte ins Bad um mir mehr überzuziehen und hielt daraufhin geduldig Small Talk mit dem Mann bis er sich endlich entschloss, seine eigenartige Begrüßung zu beenden.

Nachdem die Militärs verschwunden waren, ruderten wir an Land. Es gab, vor unserer Weiterreise nach Costa Rica, etliches zu erledigen und nachdem wir uns beim Hafenkapitän gemeldet hatten genossen wir bei der Busfahrt landeinwärts nach Tapachula ein letztes mal die wilde Schönheit des mexikanischen Landes. Ein klein wenig enttäuscht, nicht öfter eine dieser billigen Fahrten mit den bunten Bussen genützt zu haben, genoss ich die Reise. Unaufhaltsam schlängelten wir uns vorbei an kleinen Bauernhöfen, aus Bambus und Betonziegel gebauten mexikanischen Heimen, gepflegten Wiesen und unberührter Wildnis. Überall liefen Hühner und Hunde zwischen den spielenden Kindern herum und meine Gedanken schwebten, beflügelt von der Atemlosigkeit der Natur, verträumt dahin.

Wie musste es sich anfühlen, hier zu leben, in einer Nation im Strudel zwischen einfachem, bäuerlichem Leben und der immer stärker drückenden Konsum- und Kapitalwirtschaft der ersten Welt. Eine Welt, die ihren Bürgern alles nötige zum Leben bieten könnte und dennoch Heimat vieler sehr armer Menschen ist und vieler junger Menschen, die vom Reichtum der USA geblendet vom wunderbarem Leben im Nachbarstaat träumen ohne zu erahnen, welche großen Verzichte die westliche Marktwirtschaft von ihren Bewohnern fordert.

Verzichte, die sich langsam ins tägliche Leben einschlichen um schließlich als normal akzeptiert werden. Denn der westliche Bürger verzichtete darauf, sich seine Zeit selbst einzuteilen oder sich seiner Bedürfnisse klar zu werden. „Willkommen in der Maschine“, heißt es in einem Lied, das mir durch den Kopf ging. Ja, und die Maschine erlaubt ihren arbeitenden Bestandteilen nun einmal nicht, durch die Welt zu fliegen, sich in den eigenen Gefühlen treiben zu lassen oder gegen die Norm zu arbeiten. Die Maschine erlaubt es ihren Arbeitern nicht, sich Zeit fürs Leben zu nehmen, aus dem Bauch heraus zu handeln und den Rhythmus der Natur zu lauschen. Denn die Maschine muss im Takt bleiben um immer mehr zu leisten und immer schneller zu funktionieren.

Nachdenklich verlor ich den Radfahrer aus meinem Blickfeld, den der Bus gerade überholt und mit einer dicken Staubwolke eingedeckt hatte. Vielleicht träumte er davon, mit einem eigenen, in der Sonne glänzendem Auto den Bus davonzufahren. Einem Auto, dass ihn schnell an sein Ziel bringen würde, in eine Firma, für die er nun mehr Zeit zur Verfügung hätte um als Gegenleistung das Geld nach Hause zu bringen, das ihm ein glückliches Leben kaufen sollte. Ein Leben, in dem man sich alles unnötige kaufen kann, in dem man seine eigenen Probleme verdrängen kann um nach den goldenen Uhren der Gesellschaft zu leben. Ein Leben, in dem die Kinder von der Schule erzogen werden sollten, in dem der Wert des Menschen nach seinen teuren Kleidern bemessen wird und in dem man Abenteuer und Spaß aus der virtuellen Welt beziehen kann. Geachtet sollte man werden in einer Gesellschaft, die immer weiß, was richtig und was falsch ist, die all jene, die nicht nach der Norm leben wollen nicht in ihrer Mitte dulden kann und die überhören kann, was die Natur flüstert. Eine Gesellschaft, deren schwächere Mitglieder trotz Reichtum am Hungertod sterben und in der alte bedrohliche Krankheiten gegen neue, Stress- und zivilisations-bedingte Ausfälle ausgetauscht worden waren.

Plötzlich riss mich ein lauter Knall aus meinen Gedanken und der Bus stoppte abrupt. Aus dem Armaturenbrett war der Kühlungs-ventilator des Motors geschossen und der bereits heiß gelaufene Motor war ausgefallen. Der Bus hatte sicherlich tausende Kilometer am Buckel ohne viele Servicearbeiten zu bekommen. Nun musste er in die Werkstätte, um überholt zu werden. Aber keiner der Insassen hatte Stress und fröhlich lachend und tratschend warteten wir eben am Straßenrand auf den nächsten Bus, mit dem einige Stunden später unsere Fahrt weiterging. Wir erledigten ein paar Einkäufe und genossen die Heimfahrt.

Zurück am Boot kam auch der Offizier bald wieder zu Besuch. Wieder ließ er sich bewirten und machte obendrein eigenartige Andeutungen, dass er sich nicht sicher sei, ob Jürgen Visum in Ordnung wäre während er seine Blicke auf mich fixierte. Er kam nun oft, öfter als mir lieb war und seine Andeutungen wurden immer konkreter. Laufend erwähnte ich wie beiläufig, mit Jürgen verheiratet zu sein, versuchte aber immer noch freundlich zu bleiben, auch wenn mein anfängliches Unbehagen sich immer deutlicher mit einem Angstgefühl mischte. Angst davor, was in seinem Kopf vorging und wie weit er es wagen würde, seine Gedanken umzusetzen, denn bei jeden seiner Besuche beteuerte er, er müsse sich einmal Jürgens Pass mitnehmen und überprüfen, da auf illegalen Aufenthalt eine Gefängnisstrafe stand. Jedes mal lies er sich von bewaffneten Militärs begleiten, die geduldig auf Deck warteten. Am vierten Tag in Porto Madero ruderte nun Jürgen alleine an Land um unsere Wasserkanister zu füllen. Wir wollten IRISH bereit wissen für die lange Überfahrt, die vor uns lag. Ich war mit unserem Mittagessen beschäftigt und wollte nicht mit an Land kommen. Kaum war Jürgen hinter den ankernden Fischerbooten verschwunden, bekam ich auch schon wieder Besuch vom Militär. Dieses mal begann der Offizier nahezu ungeduldig zu werden und schlug einen befehlerischen Ton an. Er hatte beschlossen, so äußerte er sich, dass er sehr wohl den Skipper überprüfen lassen muss, er werde wieder kommen. Um dennoch seine freundliche Einstellung mir gegenüber zu zeigen, brachte er als Geschenk selbst gefangenen Fisch mit den er mir überreichte. Während er sich am Tisch breit machte, kamen Susan und Cole in ihrem Dingi angebraust, die seit zwei Tagen ihre Yacht neben IRISH MIST geankert hatten. Scheinheilig fragten sie nach ein paar Eiern, doch auch als sie die Eier von mir erhalten hatten, blieben sie an Bord und setzten sich zu dem Offizier. Während der letzten Tage hatten die Segler der SNOW GOOSE über meine Bedenken diesem Militär gegenüber erfahren und waren mir nun zur Hilfe geeilt.

Endlich zog sich das verwunschene Boot der Militär zurück, ich bekam meine Hühnereier zurück und während Susan und Cole ihren Außenborder starteten kam Jürgen gerudert.

Sobald die Sonne am Horizont verschwand lichtete Jürgen unseren Anker. Ohne Ausreisestempel, ohne genaue Wetterkenntnisse und vor allem ohne Positionslichter schlichen wir uns im Schutz der Finsternis aus dem Hafen, vorbei am großen Kriegsschiff, von dem der bedrohliche Besuch aus gekommen war.

Nach der gelungenen Flucht kochte ich ein Fischdinner, das wir dem „Herrn unseres Ärgers“ verdankten. Im Schein der Petroleum-lampe besprachen wir, wie es nun weitergehen sollte. Vor uns lagen hunderte Seemeilen die wir weit entfernt von der Küste Guatemalas, Honduras und Nicaraguas segeln wollten. Durch unsre überrumpelte Abreise hatten wir jedoch keine genauen Wetterkenntnisse und über UKW war nicht viel brauchbares zu empfangen. Während wir uns über den weiteren Verlauf unserer Reise unterhielten, schob eine steife Briese IRISH durch das Wasser, das schäumend am Rumpf entlang gurgelte während der Wind sich langsam drehte. Noch einmal griff Jürgen zum Buch um jede Möglichkeit zu prüfen. „...bei Ankunft wird regulär jede Jacht von Immigration, Zoll und Hafenpolizei aufgesucht. Für die Jacht muss ein „Zarpe“, eine temporäre Einreiseerlaubnis gekauft werden, die zur Zeit 100 Dollar kostet und nach einer Woche täglich gegen Aufpreis verlängert werden kann. Visa für Besucher muss bei der Immigration beantragt werden und kostet 20 Dollar pro Person mit einer Gültigkeit von 30 Tage...“

Oh weh, die Informationen aus dem Küstenhandbuch Guatemalas klangen für uns nicht danach, sie auf ihre Richtigkeit überprüfen zu müssen. Unser schwindendes Budget stellte klar, dass wir auf alle Fälle versuchen mussten, die Reise Nonstop bis Costa Rica durchzuhalten, da auch für Nicaragua und Honduras ähnliche Geldaufwände beschrieben waren.

Der Wind drehte tatsächlich und während wir uns im drei Stunden Takt am Ruder ablösten, mussten die Segel immer dichter geholt werden, bis wir schließlich Wind und Wetter gegen uns hatten.

Das Wetter wurde nicht zu unserem einzigen Problem bei dieser Überfahrt und wir wussten noch nicht, dass wir die bisher schwierigste Fahrt vor uns haben sollten. Die Nacht war finster, kein einziger Stern brach sein Licht durch die Wolkendecke um uns den Weg zu leuchten. Zu allem Übel machte sich in meinen Magen ein flaues Gefühl breit und nach und nach wurde mir klar, dass mit meiner Gesundheit etwas gar nicht stimmte. Wie konnte das sein, mittlerweile waren wir bereits acht Monate unterwegs und nun sollte ich doch noch Seekrank werden. Da begriff ich, nicht die ruppige See alleine war schuld an meinem Übel, der gegessene Fisch spielte mir übel mit. Schon der Gedanke an den Fisch hob mir den Magen und ich sprang aus einer rumpelnden und feuchten Koje um gerade rechtzeitig ins Cockpit zu gelangen wo ich solange verweilen musste, bis mein Magen restlos leer war. In meinem Kopf dröhnte es und meine Glieder schmerzten, ich litt unter einer Lebensmittelvergiftung.

Dass hatte gerade noch gefehlt. Sarkastisch erklärte ich Jürgen, dass die Fische wahrscheinlich für ihn bestimmt waren, um ihn endgültig auszuschalten. Glücklich darüber, keinen Appetit und nur wenig Fisch gegessen zu haben war Jürgen wohl etwas unwohl, doch im Vergleich mit mir fühlte er sich soweit fit das Schiff zu steuern und auch meine Schicht zu übernehmen. Mein Zustand verschlechterte sich. Stoßweise verkrampfte sich mein Magen und schickte heiße Wellen voll Schmerz durch meinen Körper, während der Wind die See aufwühlte und kurze immer steiler werdende Wellen gegen den Strom trieb. IRISH MIST polterte und rumpelte gegen das Wetter mit all ihrer Kraft. Das leichte und schnelle Schiff wurde immer wieder von den Wellen gebremst und schien sich jeden Augenblick feststampfen zu müssen. Doch unsere Möglichkeiten waren begrenzt. Um keinen Preis konnten wir zurück nach Porto Madero und alle anderen mexikanischen Häfen lagen nördlich des Golfs von Tichuanapec. Jürgen überlegte, doch die Reise in Guatemala zu unterbrechen bis ich mich erholt hätte. Diese Möglichkeit wollte aber ich nicht in Betracht ziehen, unser Erspartes würde über die Maßen strapaziert werden und IRISH hatte noch einen weiten Weg vor sich bis wir wieder in ein Land kommen würden, in dem wir Geld verdienen könnten. Ich musste an Bord gesund werden. Weiß um die Nase und völlig erschöpft machte ich mich in der Koje breit wo ich auch die kommenden sieben Tage hauptsächlich bleiben würde.

Jürgen steuerte IRISH von der Küste in Richtung Costa Rica. Da wir noch keine Selbststeueranlage hatten und ich außer Stande war, das Schiff auf Kurs zu halten, war Jürgen regelrecht an die Pinne gefesselt. Der Wind hatte sich auf geschätzte 40 bis 45 Knoten verschlechtert und blies konstant aus Süd-Ost.

IRISH bockte im Seegang. Jeder Wellenkamm würde sie von neuen weit aus dem Wasser schießen lassen, bis sie im „Bauch-fleck“ zurück ins Wasser fiel und das gesamte Vordeck im Wellen-tal begrub. Gutmütig hob das kleine Schiff ihren Bug aus dem Wasser, um die nächste Welle hinauf zu arbeiten und das Spiel von neuem zu beginnen. Bei jedem Schlag, mit dem das Boot ins Wasser traf, wurde ich fast aus der Koje befördert. Wir schoben eine Schräglage von 35 Grad weshalb meine Koje zu einem Lager zwischen Kojenbretter und Bordwand geworden war. Ich konnte fast nicht ruhig liegen bleiben, und während ich von Fieberanfällen geplagt wurde rutschte ich so lange in meiner bereits nassen Koje herum, bis ich erneut auf den Bodenbrettern landete. Schließlich platzierte ich mir eine Matratze am Salon-Boden neben den Tisch um mir nicht weitere blaue Flecken zu holen.

Der Lärm im Schiff war ohrenbetäubend. Noch nie hatte ich miterlebt, welchen enormen Kräften ein Segelboot standhalten musste, auch wenn ich wusste, dass wir uns bei weitem noch nicht in einem wirklich starken Sturm befanden. Meine Gedanken waren draußen bei Jürgen, der schon tagelang alleine segelte. Nur für kurze Zeiträume von vielleicht einer Stunde konnte ich ihn hin und wieder ablösen, denn ich hatte immer noch nicht genügend Kraft, mit meinem leeren Magen und in meinem fiebrigen Zustand längere Wachen durchzustehen. Unglaublich schwer fiel es, im Cockpit wach zu bleiben und konzentriert zwischen Wellen und Kompass-kurs den optimalen Kurs zu halten während alle Gedanken vom Wind verblasen wurden und sich mein ganzes Dasein darauf beschränkte, mich gegen das Wetter zu stemmen.

Jürgen tat sein Bestes, mir möglichst viel Zeit zur Genesung zu gewähren. Erst wenn er nachts vor Erschöpfung von seinem Platz kippte, wurde es Zeit für mich, das Ruder zu übernehmen. Mein Foulwethergear musste ich nicht extra überziehen, denn IRISH MIST segelte nass, so nass, dass ich selbst in ihrem Inneren seit Tagen meine Regenhaut ohne großen Erfolg trug. Es hatte nicht lange gedauert und mein teures Gewand hatte bewiesen, dass es das bezahlte Geld nicht wert gewesen war.

Draußen bei stockdunkler Nacht zeigte das Meer nichts von seinem schönen Gesicht, das ich so liebte. Die Gischt flog durch die Luft und sobald IRISH ins Wellental fiel, spritzte eimerweise Wasser bis ins Cockpit und in mein Gesicht. Während der Himmel manchmal sogar ein paar Sterne zwischen den schwarzen Wolken hervorglitzern ließ, war die See wütend. Weiße Streifen jagten über die Wellenberge und hoben sich von dem dunklen Schwarz ab. Ich war dick eingepackt und hatte Fieber, doch der Wind ließ mich dennoch frieren. Im Cockpit drehte ich mich in eine triefend nasse Decke ein, zumindest gab sie etwas Schutz vor dem Wind. Als ich am seelischen Tiefpunkt angelangt war und wieder einmal die dünne Suppe, die ich zu essen versucht hatte über die Seite beförderte, nachdem ich aus Erschöpfung zweimal auf den Cockpitboden gefallen war, gaben mir Delfine neuen Schwung. Ihnen schien das Wetter nichts anzuhaben, lustig quietschend surften sie die Wellentäler hinunter und begleiteten mich. Ich konnte ihre Laute im Cockpit zwar nicht hören, doch im Inneren des Schiffs hörte ihnen Jürgen im Halbschlaf zu und konnte sich endlich einmal, beflügelt vom fröhlichen Geräusch der Besucher, entspannen.

Es war mir fast unmöglich Lebensmittel aufzuwärmen und so aß Jürgen neben der täglichen Suppe etwas Dosenfisch und Crackers, die er mit heißen Tee und Kaffee hinunterspülte. Ich begnügte mich mit den trockenen Crackers und etwas Suppe, für besseres war meine Verdauung nicht bereit.

Am fünften Tag ließ endlich der Wind nach und das Wetter beruhigte sich. Der Himmel wurde klar und die Sonne strahlte uns an. Das Meer war noch immer aufgewühlt, aber allmählich besänftigte sich auch das.

Tags darauf zeigte die Natur keine Anzeichen der Geschehnisse mehr. Im tiefen Blau wiegte der Pazifik das Schiff, das die Wellen in weiße Spuren aus Schaum brach, um bereitwillig seinen Weg fortzusetzen. Wale spielten am Horizont, der Wind hatte gedreht. Wir segelten wieder angenehm ruhig im Halb-wind und machten gute Fahrt. Nur die Seekarte mit all den Wasserflecken und verwischten Positionskreuzen sowie das Chaos im Schiffs-inneren zeugten vom Wetter der letzten Tage. Enttäuschend langsam waren wir unserem Ziel nahe gekommen, denn der Wind hatte viele Umwege von uns gefordert. Nun konnten wir direktem Kurs segeln um noch einen Tag am Meer zu verbringen. Ich war erleichtert, endlich in einen tiefen Schlaf fallen zu können.

Plötzlich wurde ich vom Geräusch eines Außenborders geweckt. Verschlafen hielt ich meine Nase aus dem Cockpit. Ein Panga, ein kleines Fischerboot mit einem einzelnen Mann Besatzung, folgte uns. Jürgen war bereits etwas nervös. Er erzählte mir, dass das Boot seit über eine Stunde an unserer Seite war und uns beobachtete ohne jedoch Kontakt mit uns aufnehmen zu wollen. Ich war erstaunt, wir waren doch mindestens Hundert Meilen von der Küste entfernt, wie kam ein einsamer Fischer in einer Nussschale mit Außenborder hier raus. Wusste er denn nicht, das er sein Leben riskierte? Ich stellte mir die schrecklichsten Dinge vor. Was, wenn ihm der Benzin ausging, oder wenn er die Orientierung verlor? Wie würde er es dann nach Hause schaffen? Nach einer Weile drehte das Panga ab und verlor sich am Horizont.

So wie aus meinem Blickfeld verlor sich das Boot auch aus meinen Gedanken. Morgen würden wir in Costa Rica ankommen.

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