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[fortgeblsen und angeschwemmt]
Kapitel 6
Costa Rica
Christof Columbus landete in Costa Rica 1502 bei seiner letzten Entdeckungsreise. Durch den reichen Goldschmuck, mit dem sich die Indianer schmückten vermutete er große Vorkommen des Edelmetalls und taufte das Land „Costa Rica de Veragua“, die reiche Küste. Es stellte sich ironischerweise heraus, das es die ärmste zentralamerikanische Kolonie Spaniens wurde. Erst in frühen 1800 entwickelte sich das arme Costa Rica zu einem reichen Land, durch Kaffee, die „goldene Bohne“. Die Hauptstadt San Jose erlebte eine Blüte und wurde zur dritten Stadt der Welt mit öffentlichen elektrischen Licht und einer der ersten Städte der Welt mit Telefonnetz. Die Stadt strahlte von luxuriösen Häusern, Schulen, Banken und Parks. Um eine Verbindung zum Wasserweg nach Europa zu schaffen wurde eine Zugstrecke zur atlantischen Hafenstadt Limon gebaut, wofür Arbeitskräfte aus Jamaika, Italien und China eingeschifft wurden. Um die Kosten für die Arbeiter decken zu können, wurden entlang der Bauarbeiten Bananenplantagen gepflanzt. Limon wuchs heran zur Stadt der armen Leute und der Bananen. Es kam die Zeit, in der das Bananengeschäft den Kaffeehandel übertraf und nach vielen Arbeitsstreiks und Problemen der „United Fruit Kompanie“ wurde das reiche Costa Rica wieder ärmer.
Während des zweiten Weltkriegs ließ der damalige Präsident alle im Land lebenden Deutschen und Italiener inhaftieren, auch diejenigen, die schon in 2. oder 3. Generation dort lebten. Das führte zu einem Angriff durch ein deutsches U-Boot, das die United Fruit Kompanie schwer beschädigte und so noch mehr Armut auslöste. Eine der Gründe, das Jose´ Figueres seine Mitbürger zu einer erfolgreichen Revolution gegen Präsident Calderon führte. Figueres reformierte Costa Rica tiefgreifend. Er führte ein neues Sozialnetz ein, außerdem einen Mindestlohn, volles Stimmrecht für Frauen, die Verstaatlichung der Banken, eine billige Krankenkasse für alle und als einer der weltweit bekanntesten Neuerungen schuf er das Militär ab. Die friedvolle und soziale Grundeinstellung der Landespolitik sollte weiter bestehen und später, im Jahr 1987, bekam Präsident Aries den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen für Frieden in Nicaragua.
Heute ist rund ein Viertel der Fläche Costa Ricas zu Nationalparks erklärt, wo zirka 560 Arten von Tieren, 850 Arten Vögel und rund 9000 Arten von Pflanzen leben. Auch Marine-nationalparks für ihre berühmten Meeresschildkröten wurden geschaffen.
Diese Beschreibung, die ich in einem Costa Rica Reiseführer fand, konnte schon in Mexiko eine Vorahnung davon geben, welches interessante und schöne Land wir vor uns hatten.
Nach sieben anstrengenden Tagen auf See, vier hatten wir für diese Reise berechnet, erreichte IRISH eine kleine geschützte Buch nahe der Grenze zu Nicaragua. Noch sehr entkräftet hing ich das triefend nasse Bettzeug zum Trocknen und reinigte notdürftig das Boot. Ich wärmte für Jürgen eine Dose Bohnen mit Speck, eine abscheuliche Mischung aus Bohnen, Schweinefettstückchen und einer süßlichen Sauce, die Jürgen eigenartigerweise immer schon für lecker erklärt hatte, während er die Segel verstaute. Eine Arbeit, die Jürgen immer so leicht gefallen und längst zur Routine geworden war, wurde nun zur Qual bei der er, aus Erschöpfung, um ein Haar von Deck gefallen wäre. Unmöglich war es uns, länger wach zu bleiben und so sanken wir in der nassen Koje in einen sechzehn Stunden dauernden Schlaf.
Eigenartige, bellende Geräusche der Tierwelt, vermischt mit dem Zwitschern und Schreien der vielen Vögel und dem leichten Klatschen des Wassers entlang des Rumpfes, weckten uns nur langsam in den neuen Tag. Erst jetzt, als der Duft von frisch gebackenen Brotes das Schiff erfüllte und sich mit dem Gerüchen von Kaffee, Meer und Nasswald mischte, bewunderten wir die Schönheit der Natur, die uns hier, entlang des Nationalparks Santa Rosa, so prächtig empfing.
Hier an der Küste von Costa Rica war die Natur erfüllt mit Leben. Leben, in so großer Vielfalt, dass sogar in den Küstenhandbüchern immer wieder Beschreibungen über die reichhaltige Natur zu finden waren. Beschreibungen und teilweise auch Warnungen, denn in einigen Buchten gab es Krokodiele und durch einige Parks streiften Pumas und Jaguare. Am meisten sah man aber „Houlermonkies“, die Brüllaffen, eine kleine schwarze Affenart, die man nicht überhören konnte. Die Brüllaffen konnten wie ein verwundetes Wildschwein schreien, um Lebewesen in ihrer Nähe zu warnen, ihnen lieber nicht zu nahe zu kommen. Falls die Warnung nicht verstanden wurde und sich der Widersacher dennoch näherte, wurde dieser erst mal bespuckt. Es hieß, falls man bei Missachtung dieser „Spuckwarnung“ noch immer nicht seine Richtung änderte, konnten die kleinen Tiere auch sehr kampflustig werden. Ich versuchte also erst gar nicht, diesen kleinen hübschen Gefährten, die überall in Gruppen in den Bäumen hingen, zu stören und entging so stets der feuchten Begrüßung von oben.
Unsere ersten Tage in Costa Rica in dieser verlassenen Ankerbucht verbrachten wir mit segelnähen, Boot putzen, lüften und kochen. Langsam erholte auch ich mich wieder von meiner Fischvergiftung, mein Glücksstern hatte mal wieder über mir gestanden. Gut, dass mein Körper stark und gesund war und ich ohne Krankenhaus mit dieser Vergiftung zurecht gekommen war, auch wenn ich noch einige Tage eine Diätküche halten würde. So sehr mir Mexiko ans Herz gewachsen war, so leid tat es mir, dass wir es auf diese Weise verlassen hatten. Dennoch überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, fühlte ich, dass wir mit diesem Aufbruch mögliche Probleme einfach aus dem Weg gegangen waren.
Hier, vor dem Nationalpark Santa Rosa gab es kein Einklarierungsbüro, das erste war in Bahia de Coco. Ohne mexikanischen Ausreisestempel und noch keine offiziellen Einreisepapiere durften wir eigentlich das Boot nicht verlassen und so einigten wir uns darauf, nur den Strand abzugehen und auf den Park vorläufig zu verzichten. Wir konnten ja später mal per Bus zurückkommen.
Eigentlich hatten wir uns ja auch in Mexiko nicht gerade vorbildlich an die Bürokratie des Landes gehalten und nicht in allen kleinen Buchten und Häfen einklariert, in denen wir ankerten, dennoch wollten wir hier in Costa Rica erst einmal vorsichtig sein, immerhin waren wir hier noch nicht einmal offiziell ins Land eingereist. Zurücksegeln war keine Option, mexikanische Beamte würden kein Verständnis haben für unsere triste Flucht. Auch der Pazifik und die hier vorherrschenden Winde hätten uns eine Umkehr sehr schwer gemacht. Unser einziger Ausweg wäre Hawaii, was uns eine schwere, wochenlange Reise auf dem Pazifik beschert hätte. So war es doch am besten, die Behörden von Costa Rica nicht unnötig aufzubringen.
Nach ein paar Tagen Rast brachen wir auf nach Bahia de Coco. Das Boot war trocken und sauber und auch mir ging es gut. Wieder schlug uns der Wind ein Schnäppchen, bei strahlend blauen Himmel und lachender Sonne blies uns der berüchtigte Papagajo-Wind mit geschätzten 35 Knoten Windgeschwindigkeit auf den Bug. Diesmal waren wir aber ausgeschlafen und gesund, so reffte Jürgen das Groß und ich schlug die kleine Arbeitsfock an. Als gutes Team zusammengespielt schossen wir durchs Wasser. Wieder krachte es laut im Rigg und unser Groß hing in Fetzen. Aber auch unter der Fock alleine machten wir noch um die fünf Knoten Fahrt durchs Wasser. Keine Chance hatten wir, noch einen kurzen Stop bei der Insel Murdelagos einzulegen, da der Papagajo uns weder erlaubte, dort einzusegeln noch die Möglichkeit zum Ankern bot. Schade, da es sich hier um eines der schönsten pazifischen Riffe Costa Ricas handelte und ich zu gerne durch das glasklare Wasser geschnorchelt wäre, um die atemberaubende Welt unter dem Meeresspiegel besser kennen zu lernen.
Pünktlich vor Sonnenuntergang rasselte die Ankerkette in der Bucht Cocos runter. Coco war ein verschlafenes aber sehr nettes Dorf. Beim Hafenkapitän merkten wir schnell, dass die Bürokratie hier in Costa Rica noch keine mexikanischen Ausmaße angenommen hatte. Alles ging einfach und unkompliziert. Grund genug, die „Tico Time“ kennen zu lernen. Denn Ticos, so nannten sich die Einheimischen selbst, kannten keinen Stress. Obwohl wir die einzigen waren, die hier beim Hafenkapitän warteten, gab er uns eine Stunde zu warten. Schließlich befasste er sich mit uns und erklärte, er wolle unser Schiff sehen. Auf den Weg zum Strand blieben wir noch bei einer kleinen offenen Bar stehen und genossen mit dem Hafenmeister ein Bier. Wir boten ihm an, mit dem Dingi rauszufahren damit er das Schiff näher ansehen konnte. Er lehnte aber dankend ab. Wir konnten sogar im Schatten der Bierhütte sitzen bleiben und ein zweites Bier trinken, er würde nur mal am Strand rausspazieren und sehen, wo denn das Schiff vor Anker lag. Nach vielleicht zwanzig Minuten kam er zurück, gab uns bedingungslos einen Stempel in unsere Pässe und machte es sich selbst wieder gemütlich um die erledigte Arbeit bei einem zweiten Bier zu feiern. Wir kehrten entspannt zum Boot zurück.
Hier in Costa Rica gab es überall kleine Bars in der Größe eines Imbisstandes. Es waren kleine, mit Palmenplättern gedeckte Hütten mit ein paar Tischen rundum, eine nette Art, abends auszugehen oder tagsüber eine kurze Rast zu halten.
Wir hatten einiges an Arbeit vor uns. Das Segel musste genäht und das Boot wieder einmal ausgelüftet und geputzt werden. Trinkwasser musste gebunkert werden und die Vorratsschränke gehörten neu befüllt. Unser Trinkwassertank hatte ein kleines Loch bekommen und irgendwie war Bilgewasser in den Tank geflossen, ein ekelerregendes salziges Gebräu war das Resultat. So mussten wir den Tank öffnen, wenn möglich abdichten und putzen um ihn neu zu füllen. Mit Hilfe unsrer Notwasserkanister holten wir mit dem Dingi genug frisches Wasser an Bord.
Fliegengitter standen auf unserer Einkaufsliste, da die Moskitos immer schlimmer wurden. Zwar fanden wir die heiß ersehnten Netze in keinem Geschäft, aber dafür wurde unsere Suche mit einem Markt mit frischen Obst belohnt wo wir uns reichlich eindeckten. Beim Dorfbäcker gab es herrlich duftendes Brot und Gebäck, eine schmackhafte Entschädigung die uns die leckeren Tacos und Tortillas Mexikos fast vergessen ließ.
Auch Bekannte waren vor Ort, Segler, mit denen wir Weihnachten in La Paz verbracht hatten. Ein schönes Abendessen wurde uns auf ihrem Schiff BUTTLECRY serviert und wir erzählten uns gegenseitig, wie es uns seit La Paz ergangen war. Es war lustig, wieder mal bekannte Gesichter zu treffen.
Auf Grund der politischen Lage und des guten Klimas in Costa Rica lebten Menschen aus der ganzen Welt hier, unter ihnen viele Österreicher und Deutsche. Wir erfuhren, dass ein ehemaliger Deutscher in Coco eine Bar betrieb und sich stets über deutschsprachige Segler freute, weshalb wir uns mit Erfolg auf die Suche danach begaben. Fritz freute sich wirklich uns zu sehen und im Gespräch bei Bier und Snacks erzählte er bereitwillig einen erstaunlichen Grund dafür, dass sich viele Deutsche und Österreicher hier niedergelassen hatten.
Ich glaube, er nannte das Jahr 2035 oder so, da soll die Welt von Katastrophen heimgesucht werden die schließlich zu ihrem beinahen Untergang führen sollen. Denn in dem Unglücksjahr, so versicherte er, wird ein Planet aus einem fernen Sonnensystem der Erde so nahe kommen, dass die Erde mit einen Schups aus der eigenen Umlaufbahn geworfen wird. Das wiederum ergibt Flutwellen, Erdbeben und das ganze restliche Weltuntergangszenarium das wir ja alle bereits von Hollywood verfilmt kennen dürften. Nur Costa Rica wird verschont bleiben, ausgerechnet dieses Land mit seinen zwei langen Küsten, gegen alle Regeln. Auf den Einwand, dass gerade Costa Rica an beiden Seiten an die Weltmeere stößt und obendrein haufenweise Vulkane besitzt, erntete ich nur einen strafenden Blick. Ich, eine Unwissende die gerade in die zukünftigen Weltgeschehnisse eingeweiht wurde, konnte ja nichts ahnen.
Die Menschheit soll dennoch zu unserem großen Glück nicht ganz ausgelöscht werden, denn auf diesem berüchtigten Planeten, der unserer Erde zu nahe kommen wird, gibt es Leben. Diese Außerirdischen werden die Gunst der Stunde nützen und, sobald ihr Planet nahe genug zur Erde steht, die Strecke überbrücken um die Erde zu besuchen. Natürlich werden sie hier in Costa Rica landen. Da gibt es dann ein großes Empfangsfest, dass die deutsch-österreichische Kommune bereits plant, ein kurzes Fest, wohlgemerkt, denn bald, noch bevor die schrecklichen Ereignisse ihren Lauf nehmen werden, würden die neuen Freunde gemeinsam in fremde Welten aufbrechen und diese alte, dem Untergang geweihte Erde ihren Schicksal überlassen.
Diese ganze Geschichte wurde ihnen von außerirdischen Spionen gesteckt, die schon lange unter uns weilen. Natürlich gab es auch haufenweise Beweismaterial, Filme und Fotos, die wir uns gerne ansehen könnten, mehr noch, Fritz und seine Freunde würden sich sogar freuen, uns mehr darüber zu zeigen. Wir brauchten nur beim nächsten Treffen der Anhänger dieser Thesen mitkommen, dass in zwei Tagen stattfand. Meine inneren Alarmglocken stellten auf Sturm und skeptisch darüber, das es sich bei dieser ganzen sonderbaren Geschichte und der feurigen Sicherheit, mit der Fritz seine Zukunft erzählt hatte, eigentlich eher nach einer verrückten Sekte anhörte als um ein tatsächliches naturhistorisches Phänomen, schlug ich die Einladung sogleich dankend aus. Auf meine Bedenken, ob sie eine Glaubensgemeinschaft bildeten, wehrte sich Fritz strickt, denn die Anhänger dieser Außerirdischen-Geschichte waren zum Großteil Christen, die diese Außerirdischen zwar kennen lernen wollten, sie aber nicht als Gottheiten verehrten. Das war einleuchtend, trotzdem war ich fast sicher, dass sich irgendjemand, der diese Geschichte in die Welt gesetzt hatte, von diesen leichtgläubigen Menschen seinen Lebensunterhalt finanzieren ließ.
Noch öfter sollten wir in Costa Rica Menschen treffen, die diese Geschichte kannten und glaubten. Anscheinend hatte es sich hier wirklich herumgesprochen, auch wenn gerade in einem so herrlich schönen und grünen Land wie Costa Rica schwer viel, sich eine baldige Untergangs-Stimmung der Welt auszumalen.
Die drei Monate, die wir in Costa Rica verbrachten, waren wunderschön. Die Menschen in Costa Rica waren an Ausländer ge-wöhnt und so wurde auch meinen, von der Sonne hellblond gebleichten, Haaren keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, was ich sehr genoss. Hier begegnete man vielen jungen Leuten aus der ganzen Welt. Costa Rica bot Touristen viel zu sehen und zu erleben. Das Land schien mit seiner herrlichen Natur geschaffen fürs Trampen, an den Küsten tummelten sich Surfer und für sozial Interessierte gab es viele Projekte. Aber auch Kreuzfahrtschiffe stoppten in Costa Rica und die großen Hotelanlagen an den dunklen Stränden waren gefüllt mit sonnenhungrigen Badegästen.
Umringt vom wunderschönen Nasswald aus dem exotische Geräusche klangen, waren morgens die Spuren großer Wasserschildkröten zu finden, hinterlassen im schwarzen Sand, den der Pazifik in unendlicher Geduld aus dem dunklen Gestein der Vulkane gemahlen hatte.
Die Seglerkommune in Costa Rica war bedeutend kleiner als in Mexiko. Die Kurse vieler uns bekannter Boote hatten andere Ziele angesteuert. Ich überlegte, wo unsere Freunde sein würden, ob schon einige von ihnen die wilden Kreaturen der Galapagos Inseln bestaunen würden und welche Schiffe unter ihnen bereits zum beschwerlichen Heimweg an die nordamerikanische Westküste angetreten waren. Obwohl viele Segelboote auch unterwegs waren um an die amerikanische Ostküste gebracht zu werden legten nur wenige unter ihnen Stops in Costa Rica ein. Vielleicht da Costa Rica nicht besonders viele gute Ankerbuchten bot, doch die Schönheit des Landes war eine besondere Entschädigung für die ungemütlichen Buchten, in denen die Yachten in der Dünung des Pazifiks rollten und sich die Crews in beschwerlichen und meist sehr nassen Dingifahrten an Land kämpften.
Denn um die bunte Vielfalt der Nationalparks, Vulkane und Kaffeeplantagen zu sehen mussten wir einige male atemberaubende Dingistunts hinlegen oder beim Abendessen auf dem Schiff die Teller halten damit sie auf ihren Platz stehen blieben.
Die Tico Time und das Fehlen von Militär machte die Menschen angenehm entspannt und freundlich. Doch da alles Schöne auch eine schattige Seite in der Sonne hat, war es gerade hier auch relativ häufig, dass man sich mit der Gefahr des Diebstahls herumschlagen musste. Natürlich ist es in jedem Land dieser Welt gut, seine sieben Sachen gut wegzusperren, in Costa Rica aber war Diebstahl ein ungleich höheres Risiko als in Mexiko. Und so war es, dass alles, was an Deck vergessen wurde am folgenden Morgen verschwunden war.
Während der ersten Teilstrecke in Costa Rica blieben jedoch solche schlechten Erfahrungen aus. Dennoch lagen weitere Unan-nehmlichkeiten in der Luft, das Gebiet der Rossbreiten hatte begonnen und Segeln wurde zur mühsamen Arbeit. Wir waren in den subtropischen Hochdruckgürtel vorgedrungen, eine Zone, die von hoher Luftfeuchtigkeit, ausgedehnten Flautengebieten, drehenden Winden, aber auch plötzlich auftretenden Böen, Schauern und tropischen Gewittern geprägt wurde.
Die großen Rahrsegler vergangener Tage gaben diese, in der intertropischen Konvergeszzone liegendem Gebiete ihren Namen. Viele der spanischen Schiffe, die auf den Weg in die neue Welt waren, hatten Pferde und andere Haustiere an Bord, die bei der Kolonialisierung der Zielorte helfen sollten. Nun geschah es aber, das diese Schiffe so lange in den Flauten gefangen waren, das ihr Wasser und Futtervorrat zu gering wurde, weshalb die Tiere kurzerhand geschlachtet oder über Bord geworfen wurden.
Wir hatten zwar keine Tiere an Bord und dafür immer reichlich an Nahrung und Trinkwasser, dennoch machte das Segeln in den Rossbreiten keinen Spaß. Wenn Wind blies, änderte dieser ständig seine Richtung und drehte sich manchmal in einer Nachtwache von drei Stunden bis zu zwei mal im Kreis rund um uns.
IRISH steuerte die Bucht von Paquera an, ungeachtet der Tatsache, dass die Pazifikdünung ungebremst in die kleine Bucht brauste und Segler hier vergeblich einen ruhigen Ankerplatz suchten. Das Dorf galt als wahrer Himmel für Surfer und Jugend aus aller Herren Länder traf sich hier um ihrer gemeinsamen Leidenschaft nachzugehen. Grund genug, unsere Neugierde zu wecken und IRISH MIST rollend an ihre Kette zu hängen. Der schwere Pflugscharanker ließ sich gut einfahren in den schlammigen Boden und die knappen fünfzig Meter Kette würden das Schiff gut halten.
Sobald wir uns versichert hatten, das IRISH MIST keiner Gefahr ausgesetzt war verließen wir auch schon fluchtartig das rollende Schiff das sich abwechselnd nach Backbord und nach Steuerbord mindestens fünfundzwanzig Grad schaukelte. Jürgen ruderte das Dingi mit mir Richtung Land, vorbei an den ungläubig nachsehenden Augen der Surfer, die im Wasser auf ihre Welle warteten. Nun war es aber gar nicht so einfach, das kleine Dingi unter Ruder sicher durch die schäumenden Brecher an Land zu schaffen, und so warteten auch wir, zwischen den Surfern, auf die richtige Welle, die uns auf ihrer Spitze durch die Brandung bis zur trockenen Küste bringen würde. Jürgen tarierte das Fieberglasboot in Startposition, also im rechten Winkel zu den Wellen. Schon packte uns eine große See und, während Jürgen an seinen Riemen volle Kraft voraus gab, versuchte ich unter Einsatz meines Körpergewichts, den rechten Winkel aufrecht zu halten und schon schossen wir übers Wasser. Nur mit genug Geschwindigkeit konnte uns die Welle mitnehmen und sicher am Strand absetzen, andernfalls würde die Welle unter uns durchlaufen um uns unter den Wassermassen der nächsten Welle zu begraben. Geschafft, sanft setzte uns die Welle am Strand ab. Glück gehabt, wäre das Beiboot quer geschlagen, hätte und die Welle mit Sicherheit überrollt und wir wären total durchnässt und mit dem gekentertem Dingi im Schlepp angekommen.
Zu unserer Überraschung wurden wir unter Applaus und beifälligen Pfeifen von den Surfern am Strand, die uns beobachtet hatten, empfangen.
Um hier her nach Paquera zu kommen rundeten wir Cabo Blanko, den weißen Felsen, der die Südspitze des Kaps am Eingang zum Golf de Nicoya markierte. Mit unserer Nase mussten wir erfahren, weshalb dieser Felsen weiß war und diesen passenden Namen trug. Der Felsen war über und über voll mit Vogeldung und glänzte weiß und kahl in der Mittagssonne. Es sah fast so aus, als sei nicht mal der Pazifik stark genug, diesem Dreck Herr zu werden.
Ganz in der Nähe dieses Felsens konnten wir einen kleinen Bonito fangen und so wiegten sich nun, während wir einen Streifzug durch Paquera machten, die filetierten Fischstückchen zum Trocknen in der Sonne.
Egal ob zu Wasser oder zu Land, Paquera würde bei meinen zukünftigen Costa Rica Besuchen immer ein Muss bleiben, das konnte ich schon während der ersten paar Schritte auf diesem Boden sagen. Das kleine Dorf, das eigentlich nur aus einer einzigen, staubigen Hauptstraße bestand, war gefüllt mit Leben. Überall gingen, saßen und lachten Tramper, Surfer und Ticos in einer bunten Mischung und genossen den Tag. Eine Bushaltestelle schien die einzige Verbindung zur Außenwelt und so warteten auch wir, neugierig zu erfahren, wohin der Bus fuhr.
Über atemberaubende Abhänge ging die Fahrt. Ich konnte nur hoffen, das die Bremsen dieses alten Bus auch wirklich funktionierten, doch offensichtlich hielt der Fahrer ohnehin nicht viel vom vorsichtigen Fahren und so jagten wir Schotterstraßen und Gebirgshänge hinauf und hinunter. Hier waren die Straßen talwärts nicht etwa wie wir sie zuhause in den Alpen in Serpentinen angelegt gewöhnt waren, pfeilgerade wie auf besonders schmalen Pisten ging's in die Täler.
Außerhalb der Fensterscheibe huschten Kaffeeplantagen und Regenwald vorbei, die sanften grünen Hügel waren unterbrochen von kleinen Siedlungen in denen Kinder auf der Straße spielten und die Hunde die vielen Hühner und Schweine durcheinander jagten. Weit hinter uns und nur noch von den Höhen der Hügeln zu erkennen glitzerte das endlose Meer verschwommen im Dunst des Landes. Hie und da überholten wir einen Bauern mit einem Maultier vor seinem Karren, damit beschäftigt, die Ernte seiner fruchtbaren Felder nach Hause zu bringen. Das Land strahlte in endloser Ruhe als sei es nur dazu erschaffen die Menschheit an das Bild von Frieden zu erinnern.
An der Endstation des Busses lag ein kleines Dorf am Ufer eines Baches. Weiter oben den Berg, so erklärte der Buschauffeur in einer Mischung aus Spanisch und Englisch, befand sich ein wunderschöner Wasserfall der besonders für Badegäste interessant sei. Wir wanderten durchs Flussbett gegen den Strom, und genossen den Wald um uns, wo sich das Wasser über Stock und Stein Richtung Tal schlängelte. Wie würde sich ein Süßwasserbad anfühlen nach so langer Zeit Salzwasser. Seit Österreich waren wir nicht mehr in Flusswasser geschwommen. Ich musste kurz halten um die ganze Schönheit der Natur in mich aufzunehmen. Der Wasserfall war nicht besonders groß, aber mit seinem schäumenden Nass füllte er ein Becken zwischen den Felsen, das fast schwarzblau im Schatten der großen Laubbäume glänzte. Farne hingen an allen Seiten über die Felswände und die Luft war erfüllt mit dem erdigen Geruch von Moos und Lehm. Wie von riesiger Hand unachtsam fallen gelassen lagen Felsbrocken zwischen den Pflanzen um hier ihren Jahrhunderte alten Schlaf zu halten und den Boden rundum mit gespeicherter Sonnenwärme zu verwöhnen. Eigenartiger Weise schwirrten kaum Moskitos in der Luft herum und auch nackt oder im Bikini konnten sich die Menschen ausruhen ohne von den lästigen Biestern gepeinigt zu werden. Nur ein paar wenige Jugendliche schwammen im Becken ohne die Ruhe und den Frieden dieses Ortes zu stören. Jeder fühlte das wundersame Gleichgewicht dieses Platzes und ließ darin seine Seele baumeln. Ehrfürchtig an diesem fast heiligem Ort schien keiner der Besucher das Bedürfnis zu verspüren, herum zu toben und zu lärmen.
Auch wir badeten ausgiebig im kalten See und ließen uns den rauschenden Wasserfall auf den Kopf prasseln. Jürgen und einige andere Männer und Jungen wagten den Sprung von den Felsen um ins tiefe Nass Kopf voran einzutauchen. Im Meer war es einfacher zu schwimmen, musste ich feststellen, ich war an den höheren Auftrieb durch das Salzwasser gewöhnt und musst hier bei weitem mehr Kraft einsetzen, um an der Oberfläche zu bleiben.
Abends, zurück am Strand wurden Bier und Cocktails in einer Jugendherberge neben dem Strand ausgeschenkt. Irgendwann in der Nacht schlenderten wir befriedigt und dankbar für alle unsere Erlebnisse am Strand um später lautlos mit unserem kleinen Beiboot zurück aufs Wasser zu gleiten und den Ort in guter Erinnerung zu bewahren.
Im Golf von Nicoya segelten wir weiter nach Puntarena. Auch die größte Stadt an der Costa Ricanischen Westküste hinterließ einen guten Eindruck bei uns, obwohl sie uns den Weg in die kleine Hafenbucht nicht einfach machte.
Puntarena lag an einem Fluss, dessen Wasserstand durch den Tidenhub des Meeres stark beeinflusst war. Bei Ebbe gab nur ein schmaler Kanal teilweise freie Fahrt bis in den Yachthafen, der hinter vielen Fischereistegen lag. Überall saßen nun Boote und Kutter hoch und trocken. Bei Flut jedoch war es besonders schwer, das tiefe Fahrwasser zu finden, da das Fahrwasser mit keiner einzigen Tonne markiert war. Wir versuchten unser Glück bei Flut und waren doch etwas stolz, ohne einer einzigen Grundberührung bis in den Yachthafen vorgedrungen zu sein.
Der Ankerplatz vor Puntarena war mies. Der Wasserspiegel fiel zweimal täglich auf 3 Fuß Tiefe, sodass wir mit unausstehlicher Schräglage im Schlamm stecken würden. Alle Plätze, die auch bei Ebbe tiefes Wasser führten, waren mit Bojen des Yachtclubs belegt und konnten nur gegen Gebühr benützt werden. Um nichts bezahlen zu müssen und die Situation dennoch positiv zu nützen, dachten wir an unser Unterwasserschiff. Schon längere Zeit wollten wir unserem Unterwasserschiff an der Wasserlinie einen neuen Anstrich verpassen, da durch das viele Equipment, dass wir geladen hatten IRISH MIST tiefer im Wasser lag als von der Werft vorgesehen. Wir hatten noch übrige Unterwasserfarbe vom Anstrich in San Diego und so beschlossen wir, IRISH einen Tag auf den Backbord Rumpf zu kränken um Steuerbords die Wasserlinie zehn Zentimeter höher zu streichen. Um das Boot auf die richtige Seite neigen zu lassen, montierten wir unseren kleinsten Anker mit einem Seil an das Großfall und halfen sanft nach, als sich IRISH niederlegte. Vom Dingi aus strichen wir die Seite. Am folgenden Tag wiederholten wir die Prozentur auf der anderen Seite. Die Arbeit musste schnell erledigt werden, damit die Farbe noch etwas Zeit zum Trocknen hatte bevor die Flut kam. Wir hatten uns ein neuerliches Kranen gespart.
Bald stellte sich heraus, dass der hiesige Yachtclub nicht nur alle tiefen Stellen mit seinen Bojen belegt hatte, auch die einzige Möglichkeit, ohne bis zu den Knöcheln in Schlamm zu sinken, um an Land zu kommen war vom Yachtclub belegt. Um so viel Geld als möglich aus den Taschen der Transityachten zu holen, gehörten Yachtleute, die vor Anker lagen nicht zu ihren Freunden. Eine Gebühr fürs Dingi war ihnen zu wenig, sie wollten lieber voll abkassieren indem sie nur Yachten, die an ihren Bojen festgebunden waren gewährten, an Land zu kommen. Mindestens 15 Dollar am Tag sollten wir für eine Boje bezahlen, eine nichtsnutzige Ausbeute, die wir nicht gewillt waren, einzugehen.
Mit seinen durchschaubaren Gesetzen hatte der Yachtclub unseren Kampfgeist geweckt und nachdem wir unfreundlich angefahren wurden beim Versuch, einen geringeren Preis für einen Dingilandeplatz aus zu handeln, ließen wir es darauf ankommen. Regelmäßig schummelten wir uns an Land. Um Seglern wie uns trotzdem davon zu überzeugen, eine Boje zu mieten, hatte sich der Hafen noch eine ganz andere, widerliche Art angeeignet. Schiffe am eigenen Anker wurden regelmäßig bestohlen. Natürlich war es nicht nachweisbar, dass der Yachtclub irgendetwas zu tun hatte mit den vielen Diebstählen, aber wir ahnten dennoch einen Zusammenhang.
Anfänglich teilte das Ehepaar auf SHAMANESS unseren Wiederstand gegen diesen unfreundlichen Yachtclub, nach ihren kostspieligen Problemen gaben sie jedoch bald auf und entschieden sich für eine Boje.
SHAMANESS hatte am westlichen Rand des Hafens einen Platz gefunden, doch aus dem Hafen kommende Motoryachten schienen lieber ihrer Gewohnheit zu folgen nach Ende des Bojenfeldes ihre Gashähne aufzudrehen anstelle seemännische Grundlagen zu bedenken. So geschah es, dass eines dieser schnellen Boote, sogar ein recht großes Exemplar, viel zu knapp und viel zu schnell an SHAMANESS vorbeifuhr und zu allen Überdruss nicht achtete, dass der Segler einen Heckanker gelegt hatte.
Nachdem sich die Ankertrosse in der Schiffschraube des Motorboots verfangen hatte, knallte es laut, als die beiden Hecks der Yachten mit voller Wucht aneinander schlugen. Unfähig zu verstehen, das passiert war, gab der ignorante Motoryachtskipper noch einmal Gas, nur um ein zweites mal gegen den Rumpf der armen SHAMANES zu stoßen. Mittlerweile war das Heck des Segelboots ernsthaft beschädigt. Nicht nur die liebevolle Holz-verzierung am Heck war in Splitter zerborsten, auch das Fiberglas des Rumpfs zeigte gefährliche Risse.
Der Motorbootfahrer schickte sauer fluchend einen seiner Crew ins Wasser mit dem Auftrag, die Schiffsschraube von der Ankertrosse zu befreien, um bald wieder freie Fahrt zu haben. Das alles ging sehr schnell und noch bevor Steve mit seiner Schnorchelausrüstung ins Wasser eintauchte, hatte das gedankenlose Crewmitglied bereits das abgeschnittene Tauende in seiner Hand fallen gelassen. Nun war auch der Heckanker verloren. Lieblos durchstreifte Steve noch einige male das trübe Wasser, ohne Erfolg, das gute Stück zu finden, nachdem sich der lautstark fluchende Bootskipper ohne ein Angebot auf Entschädigung oder Schadensbegleichung davongemacht hatte.
Gemeinsam mit anderen amerikanischen Seglern verbrachten wir den Abend an Bord SHAMANESS und brachten ihnen Kekse und Getränke, um sie von ihren Ärger abzulenken. Bald wurde trotz der Schwierigkeiten, welche die beiden erlebt hatten, die Stimmung im Cockpit angenehm entspannt. Wir schlürften Margaritas und erzählten von den unterschiedlichen Erlebnissen, die in unseren Kielwasser lagen. Die Nacht hatte ihren friedlichen Schatten über die Flussmündung gelegt und der Ärger und Stress des Tages war bereits weit entfernt. Der Neumond geizte mit seinem Licht und die Mangroven am gegenüberliegenden Ufer waren im Mantel der Nacht kaum zu erkennen. Nachdem Steve endlich den Generator, der die Bordbatterien gefüllt hatte, abstellte, war die Luft erfüllt von den Geräuschen der Zirpen in den Mangroven und dem Spiel des Windes in den Riggs der Schiffe. Hie und da drangen dumpfe Klänge der Arbeiten am Fischersteg bis zu uns, sie machten die Schiffe fertig zum zeitigen Auslaufen, um möglichst viele Schulen an Fische zu finden. Spät verabschiedeten sich mit uns auch die letzten Besucher von Bord der SHAMANESS.
Doch für die Zwei war die Aufregung dieses Tages längst nicht vorbei. Steve hatte vergessen, den tragbaren Generator vom Vordeck zu holen und sicher im Inneren des Schiffes zu verstauen. Auch wenn von den Mangroven keine menschlichen Geräusche zu hören waren, der Reichtum der Yacht war den unsichtbaren Augen der Zuschauer hinter den Mangroven nicht entgangen. Bald, nachdem alles ruhig und dunkel geworden war, bekam SHAMANESS Besuch und Steve konnte nur noch verschwindende Schatten erkennen, als er, geweckt durch ein unachtsames Geräusch, an Deck eilte. Der Generator war verschwunden und die Wut der beiden Segler war nun am überkochen. Später erfuhr Steve von der Polizei, wo er seinen rechtmäßigen Besitz zurückkaufen konnten, für geschlagene siebzig Prozent des Neupreis. Mehr Hilfe konnte von der Polizei nicht erwartet werden, worauf schließlich Steve auf Bitten seiner Frau den Handel einging. Wie selbstverständlich war der Generator plötzlich an der Rezeption des Yachtclubs gegen den vereinbarten Preis abzuholen, denn auch der Club war offensichtlich an dem Übel beteiligt.
Nach diesem Zwischenfall waren wir die letzten und einzigen, die sich dennoch nicht vom Ankerplatz vertreiben ließen. Die Geschichte hatte sich unter den Seglern herumgesprochen und keiner wagte es, sich in Missgunst mit dem Club zu bringen. Wir aber hatten bereits alle nötigen Gänge in die Stadt erledigt und konnten jederzeit, sofern es die Tide erlaubte, ablegen, um den Platz mit dem unfreundlichen Club hinter uns lassen.
Obendrein war ich etwas verärgert über die Art und Weise, wie Carol auf SHAMANESS auf die Auswirkungen ihres Diebstahls reagiert hatte. Durch den Verlust ihres Generators, der Möglichkeit beraubt, Strom zu erzeugen, mussten die zwei den Gefrierschrank an Bord ausschalten, er hätte im Nu alle Batterien geleert. Jammernd erzählte Carol, dass nun alle Lebensmittel im warmen Schrank vor sich hin verfaulten. Sie weigerte sich für Tage, das Gefrierfach zu öffnen und die nun verdorbenen Speisen wegzuschmeißen.
Es ging mich zwar nichts an, aber ich wollte einfach nicht verstehen, wie man nur so ignorant sein kann. Anstatt das ganze gute Essen einfach verfaulen zu lassen, hätte sich jeder gefreut, wenn er etwas davon abbekommen hätte. In den Mangroven auf der anderen Seite des Hafens lebten sehr arme Menschen. Ganz abgesehen davon, dass wir Segler gerne für das eine oder andere Nahrungsmittel bezahlt hätten. Aber in Wirklichkeit ging's mir nicht einmal um die Ignoranz anderen Menschen gegenüber, ich konnte einfach nicht verstehen, dass Menschen derart vergessen hatten, welchen Luxus es darstellte, sich feine Lebensmittel leisten zu können und welches Opfer dafür Tag für Tag von der Natur gebracht wurde.
Nun war also IRISH MIST das letzten Boot vor Anker, was uns aber nicht weiter störte, wenn auch die Landgänge immer schwieriger wurden. Die Yachtclubverwaltung hatte bereits ein Auge auf uns geworfen und so versuchten wir, einen neuen Dingi-Landeplatz zu finden. Dabei lernten wir eine einheimische Familie kennen, deren Motoryacht hier im Yachtclub lag.
Interessiert an der internationalen Seglergemeinschaft, luden sie uns und einige weitere Segler zu einem Nachmittag am Pool des Yachtclubs ein. Natürlich sagten wir ihnen wir seien nicht willkommen am Clubgelände, doch davon ließen sich Vater und Sohn nicht beeindrucken. Sie waren zahlende Mitglieder und somit berechtigt, Gäste in den Club einzuladen.
Wir genossen den Nachmittag, an dem wir vor den Augen der Clubleitung in ihrem Pool herumtollten während alle ihre Versuche, uns und unser altes Beiboot loszuwerden, fehl schlugen. Dennoch wurden wir ins Verwaltungsbüro gerufen wo uns freundlich aber sehr bestimmt verständlich gemacht wurde, das es für IRISH MIST und Dingi nicht von Vorteil war, falls wir oft die Gastfreundschaft verschiedener Clubmitglieder zu nutzen planen. Zu leicht könnte sich das Dingi vom Steg lösen und keiner hier könnte für einen derart tragischen Zwischenfall die Verantwortung übernehmen.
Dauergäste werden lag nicht in unserer Absicht. Wir hatten genug gesehen von diesem Ort, IRISH MIST lag bereit auszulaufen und ihre neue Wasserlinie glänzte im leuchtenden Blau. Es war an der Zeit, neue Orte kennen zu lernen.
Während der nächsten Monate versanken wir in der zeitlosen Schönheit des Lands. Wir ankerten in kleinen Buchten vor Nationalparks und genossen Abends lange Spaziergänge an unbewohnten Stränden. Immer häufiger trafen wir während unserer kurzen Segeltörns auf Schildkröten, die auf ihre wundersame Weise durch das Meer schwammen ohne dabei die Orientierung zu verlieren.
In Punta Cortes lagen wir in der Dünung vor einem All-Inklusive Hotel, wo die Menschen mit gelben Armbändern gekennzeichnet waren um Fremde von der Anlage fernzuhalten. Wir schafften es dennoch abends die interessante Hotelparkanlage zu durchstreifen, wo wir mehr über Pflanzen und Tiere dieser Gegend erfahren konnten. Denn entlang der liebevoll angelegten Wege und Hängebrücken wucherte die Vegetation des Landes. Auf Englisch und Spanisch waren überall Schilder aufgestellt, welche die Geschichte der einzelnen Pflanzen und einiger Tiere wie die der leuchtend blauen Landkrebse erzählten.
Hier war es auch, wo eine unserer Beiboot Surfaktionen schief ging und wir mitsamt dem kleinen Boot unter einer Welle begraben wurden, nachdem wir zur brechenden Dünung quer schlugen und hilflos von der Welle umgerissen wurden. Mein triefend nasses Jeanskleid hing ich über die Reling wo ich es nun zum letzten mal sehen sollte, bevor der Wind es für immer im nassen Element um uns versenkte. Mittlerweile hatte sich ja schon so einiges selbständig gemacht und war über Bord geflogen. Mein Jeanskleid war nur ein Stück mehr auf der Liste, die Wäscheklammern hatten der frischen Briese nicht standgehalten.
In der Ankerbucht von Bahia Drake erlebten wir unsere ersten Regentage seit wir auf See waren. Es war schon über ein Jahr her, dass wir Regen erlebt hatten. Wir genossen es. Leise trommelten die Regentropfen an Deck, während der Duft des Tees sich mit einer warmen Woge im Boot verbreitete. Eigenartig, aber es fühlte sich an, als hätte jemand auf Pause gedrückt. So wie ich es oft im Wohnmobil gemacht hatte, fing ich auch jetzt wieder an, mit Bleistiften meinen mit Wasserflecken überzogenen Notizblock zu bearbeiten und Skizzen zu zeichnen.
In dieser Bucht, die einen so großen Namen trug, wurde meine Phantasie beflügelt und neben IRISH MIST wiegte sich bald der fast vergessene Schatten der GOLDEN HIND, die einsam und ohne ihren vier Begleitschiffen damals ihre Rast in dieser Bucht hielt. Wie musste es den harten Männern auf dieser Galeere ergangen sein, als sie, gepeinigt von der Gewalt des Pazifiks und nach blutigen und hasserfüllten Kämpfen gegen die Spanier diese paradiesische Bucht fanden, die es bis zu diesen Zeitpunkt in keiner Karte gegeben hatte. Unter dem Befehl des sagenumwogenen Francis Drake, der das Geschäft der blutigen Piraterie führte, umsegelten sie den Globus, suchten neue Landstriche für die englische Krone und kämpften blutige Kriege gegen die spanische Seemacht. Von der Karibik, wo sie Gold und Silber gestohlen hatten waren sie durch die Magellanstraße in die Weiten des Pazifiks vorgedrungen, wo sie von einem heftigem Sturm in Empfang genommen wurden und bis ans Kap Horn geblasen wurden. Lange zuvor hatten sie bereits ihre vier begleitenden Schiffe verloren und waren hier auf sich alleine gestellt.
Angst schwang in den Stimmen der Menschen an Land und zu See, wenn sie über die Geschichten des gefürchteten „el Draque“ sprachen, den Drachen, der unerwartet über die Küsten und die reichen spanischen Handelsschiffe herfallen würde um mit seiner wilden Crew alles Gold und Silber ins Innere seiner sechsundzwanzig Meter langen GOLDEN HIND zu schaffen.
Doch nicht nur die Seeräuberei machte den Kapitän und sein Gefolge berühmt. Sie entdeckten und vereinnahmten neues Land, sie fanden heraus, dass südlich der Magellanstraße kein, wie dazumal angenommen, neuer Kontinent auf die Entdeckung wartete, suchten, jedoch erfolglos die Nord-West-Passage, umrundeten als erstes englisches Schiff den Globus und erzielten viele Erfolge in der Bekämpfung der Spanier zu See.
Wild und unbändig und doch immer unter dem Namen der englischen Krone lebten die Freibeuter von denen in der fernen Heimat England feurige Geschichten berichtet wurde. Selbst Queen Elisabeth I schien der Faszination des Drachen unterlegen und so wurde hinter verhaltener Hand von leidenschaftlichen Verhältnissen zwischen ihr und dem Kapitän gemunkelt. Letztlich war aber auch sie nur eine von vielen Kapitalgeberinnen für seine Raubzüge und weder ihre Annerkennung noch ihre Drohungen und Schelten beeindruckten Drake. Wer seine Pläne störte, hatte unter Drake kein leichtes Leben, denn kein Titel oder Adel dieser Welt konnte den Drachen beeindrucken. Am eigenen Leib musste diese Tatsache ein freiwillig mitgereister Adeliger spüren, den Drake kurzerhand an der patagonischen Küste hängen ließ, nachdem dieser an Bord für Unruhe gesorgt hatte.
Geduldig nahm die Natur die Verbrechen der Menschheit hin, zeitlos und unberührt, als wäre nie ein menschliches Wesen bis hier vorgedrungen erstreckte sich nun die Bucht vor unseren Augen während der Dreimaster auf meinem Notizblock Gestalt annahm und der warme Regen auf IRISH MIST kleine Pfützen wachsen ließ.
„...you know I´ve seen a lot what the world can do, and it´s breakin´my heart in two, because I never wanna see you a sad, girl, don´t be a bad girl…”
Die Musik aus dem alten Autoradio konkurrierte mit dem leisen Klopfen des Regens.
Jürgen war tief in seine Gedanken versunken, immer interessiert, neues zu lernen las er wieder einmal in einem Buch über Segeltechnik. Zwischendurch legte er das Buch zur Seite und griff zu Block und Stift um seine Gedanken in technische Pläne und Skizzen niederzuschreiben. Während ich Fantasiegestalten zeichnete und sich Nixen und Schiffe auf meinem Block in der Dünung wogen arbeitete er jetzt an Verbesserungen um sie bald mit mir durchzusprechen und von mir Meinung und Ideen einzufordern.
Er hatte schon einige Änderungen an Bord vorgenommen, die uns das Segeln oder das Leben an Bord vereinfachten. Die Reffanlage war mittlerweile verbessert, mit nur wenigen Handgriffen konnte jeder von uns das Groß verkleinern. Außerdem arbeitete er immer wieder mal an einem Sonnenschutz, der bald die Funktion des Regenwasserfängers dazubekommen sollte. Je weiter wir in den Süden kamen, desto unerträglicher war die Sonne geworden, und das neue Sonnendach, eigentlich nur ein Übergangslösung bis IRISH MSIT mit einem richtigen Bimini ausgestattet werden sollte, war bereits unentbehrlich geworden.
Im Inneren des Bootes gestaltete Jürgen mir die Pantry nach meinen Wünschen neu und meine Nähmaschine wurde zu meiner Zufriedenheit mit einer Handkurbel ausgestattet. Elektrizität war viel zu wertvoll und außerdem hier an Bord IRISH MISTs viel zu knapp um die Nähmaschine mit Strom zu betreiben. Auch wenn der Windgenerator noch so rotierte, er konnte nur das Nötigste an Versorgung gewährleisten. Kein Problem, wir waren es mittlerweile gewöhnt, mit wenig Strom auszukommen und genossen umso mehr Tage wie diesen, an denen die Batterien so voll waren um sogar das kleine Kassettengerät zu betreiben.
„...but if you wanna leave, take good care, hope you make a lot of nice friends out there...“
Aber nicht nur Jürgen entwickelte und kreierte Neues an Bord. Auch ich arbeitete ständig an der Verbesserung unseres Alltags. Ich nähte bequeme und strapazierfähige Kleidung. Eine dreiviertel lange Baumwollhose mit einem Strick als Gürtel wurde schnell zu Jürgens Lieblingskleidung zu Anlässen, bei denen die Badehose nicht genügte.
Am liebsten kümmerte ich mich nach wie vor um die Lebensmittel. Ständig rätselte ich herum, wie ich verschiedene Lebensmittel länger haltbar machen konnte ohne zu viele Inhaltsstoffe oder Vitamine zu verlieren. Ich konnte Stunden mit Kochen verbringen. Auch hier fehlte Elektrizität und Handgeräte wie zum Beispiel Mixer. Das störte mich aber kaum, denn ich hatte viel mehr, ich hatte Zeit im Überfluss.
Um unser großes Cockpit noch etwas komfortabler zu machen, hatte ich aus starken Baumwollstoff ein Schanzkleid als Schutz gegen den Wind genäht. Aus alten Seilstücken und Stoffen ließ ich mir so manche Neuerung einfallen, auch wenn diese Neuerungen nicht immer optische Verbesserungen für das kleine weiße Schiff brachten.
Jetzt aber saß ich im Salon und zeichnete. Ich hatte meine Skizze von der GOLDEN HIND längst fertig und arbeitete nun an einer zweigeteilten Figur. Meine Fantasiefigur wurde ein kleiner Drache, mit zwei Oberkörper und zwei Köpfen darauf. Ein Kopf war das typische feuerspeiende Maul eines Drachens, der zweite Teil war der Oberkörper und der Kopf einer schönen Frau, deren lange Haare sich mit dem Feuer des Drachens mischten. Ich war zufrieden mit dem Endergebnis und taufte die Figur „Die menschliche Seele“. An diesem Abend dachte ich darüber nach, mir irgendwann dieses Bild als Tattoo machen zu lassen.
Ich konnte nicht sagen weshalb, aber diese Bild bedeutete mir lange Zeit viel und als es später einmal verloren gehen sollte war ich betrübt, nie die Gelegenheit gefasst zu haben um es auf meiner Haut verewigen zu lassen.
Der Regen wich den warmen Strahlen der Sonne und, während die nassen Wälder entlang der Küste dampften, ging unsere Reise weiter. IRISH MIST schob sich mit all ihrer Kraft immer weiter südwärts, während die vielen kleinen Buchten zurück in ihrem Kielwasser und in unseren Erinnerungen blieben.
Die kleine Stadt Golfito mochten wir von Anfang an. Die Stadt, die das Ende unsrer Reise durch das herrliche Land der „Goldküste“ bezeichnete.
An einer geschützten Bucht in Golfo Dulce lag das Dorf mit seinen zwei Yachthäfen.
Beide Anlagen wurden von Amerikanern geleitet, die kleinere sogar von einem ehemaligen Blauwassersegler, dessen weitgereiste Segelyacht einen der drei Liegeplätze füllte. Doch war es ohne Bedeutung, wie wenig Yachten sich an den sauberen Steg des Yachthafen legen konnten, auch die Crews der ankernden Yachten waren gerne gesehen. Für einen Dollar Gebühr stand das kleine Dingidock zur Verfügung und in der liebevoll maritim gestalteten Bar wurde wiederum für den scheinbaren Einheitspreis von einem Dollar kühles Bier geboten. Mit alten, dreimal gelesenen Büchern und einem kühlen Bier ausgestattet durchwühlten wir den kleinen Raum, der ausschließlich den Büchern geweiht war. Ähnlich wie in La Paz galten auch hier die Regeln des Büchertauschens und für ein genommenes Buch wurde ein mitgebrachtes gelesenes Buch ins Regal gestellt. Besonders freuten wir uns, dass wir unter den vielen Romanen, Krimis, Liebesgeschichten und Familiensagen, den Segelzeitschriften und Kinderbüchern ein ganz besonderes Buch entdeckten. Die Geschichte der Spray und ihrem berühmten Einhandsegler Joshua Slocum würde ab nun ihren Ehrenplatz in IRISHs Bücherschapps bekommen.
Noch einmal trafen wir alte Bekannte aus Mexiko. Das Boot DREAM ON lag vertaut am Steg des größeren Yachthafens. Die vielen Geschichten und Erlebnisse wurden sogleich beim gemeinsamen Abendessen berichtet. Erst spät in der Nacht ruderten wir lautlos zwischen den ankernden Schiffen zurück zu unserem zuhause. Auch hatten wir erfahren, das hier in Golfito keine ankernde Yacht, ganz im Gegensatz zu den Yachten an den Bojen oder im Slip, vor kleinen Diebstählen sicher war, worüber wir uns Gedanken machten.
Wir hatten gelernt, dass hier in Costa Rica Diebstähle manchmal mit Yachthäfen in Verbindung standen, zumindest hatten wir diesen Eindruck gewonnen. So packten wir unsere wertvollsten Dinge, unsre GPS, Fernglas, ja sogar den abgeschraubten Monitor unserer Radaranlage in einen Rucksack, gemischt mit weiteren, für uns wertvollen, Kleinkram und spazierten damit in die Bar des größeren Yachtclubs. Bei einem Bier verkündeten wir lautstark, das wir gerüstet seien für eventuelle Diebe, es gab nichts mehr zu holen auf IRISH MIST. Ja, sogar die Luke hätten wir unversperrt gelassen um kein gebrochenes Fenster für nichts und wieder nichts zu riskieren. Unser Rucksack aber wurde auf DREAM ON verstaut, ein Boot, das durch den bezahlten Stegplatz vor Dieben geschützt war.
An diesem Tag unternahmen wir gemeinsam mit allen anwesenden Seglern eine Busfahrt durch die Gegend um den Abend in einem schönen Restaurant ausklingen zu lassen. Erst im Dunklen der Nacht kamen wir zurück in den Hafen, wo wir, bepackt mit unserem Rucksack, zur friedlich schwimmenden IRISH MIST zurückruderten. Zufrieden stellten wir fest, dass IRISH von niemanden besucht worden war und das Haar, das ich zwischen der unverschlossenen Luke und den Steckschoten geklebt hatte, war uns Beweis genug, nachdem wir es so vorfanden, wie wir es verlassen hatten.
Unsere eigenwilligen Vorsichtsmaßnahmen, die von einigen der Segler vor Ort eher als Auswüchse an Pessimismus interpretiert worden waren, hatten uns aufs richtige Pferd setzen lassen und am folgenden Tag war der Jammer am Ankerplatz um uns groß.
Beide Yachten, die mit IRISH MIST den Ankerplatz teilten, waren bestohlen worden. Beide waren gewalttätig aufgebrochen worden, bei der schönen SKY hatten sich die Einbrecher sogar den Weg ins Innere durch eine zerbrochene Luke geschaffen. Bald auch bestätigte sich unser Verdacht. Die Angestellten des Yachthafens hatten ihre Finger im Spiel, die gestohlenen Waren konnten über den Yachtclubportier zurückgekauft werden, zum halben Preis des Neuwertes, verstand sich. Gestohlen waren GPS, Navigationsgeräte und andere wichtige Gegenstände und wieder einmal verließen alle Boote den Ankerplatz und zahlten für eine Boje, die unter dem „Schutz“ des Clubs standen.
Golfito war ein idealer Ausgangspunkt für längere Reisen. Es gab genug Lebensmittelgeschäfte und einmal die Woche kam ein Bauer in seinem alten kleinen Lieferwagen zum Yachtclub, mit dem er seine frischen Waren direkt vom Feld zu den Yachten brachte. Frisches Obst und Gemüse war immer der ganz besondere Luxus, auf den sich alle Segler freuten.
Auch hier erlebten wir die Immigrationsbeamten als langsam aber sehr freundlich, problemlos bekamen wir unsere bunten Ausreisestempel. Der Wetterbericht erzählte von tollen Wetter über die nächsten Tage und Aufbruchstimmung breitete sich aus in der kleinen Gemeinschaft der Segler. Der letzten Abend in Costa Rica wurde mit einer Stegparty gefeiert. Übermütig von der Vorfreude auf neue Länder und Abenteuer und dennoch ein wenig wehmütig über das Verlassen des grünen Costa Ricas feierten wir gemeinsam bis in die Morgenstunden und wünschten uns gegenseitig viele schöne Stunden an den unterschiedlichen Küsten der Meere, die vor uns lagen. Nur wenige Stunden später war die Zeit gekommen, die weißen Segel auszupacken und den letzen Schiffen zum Abschied zu winken.
Kapitel 7
Der Kanal
Unwahrscheinlich nahe neben der gemächlich treibenden IRISH MIST zuckte der nächste gigantische Blitz und schlug ins Wasser. Schon war es wieder Nacht und die kleine Petroleumlampe, die am Achterstag baumelte, erzeugte das einzige Licht am Horizont, bis der nächste zornige Blitz die drückende Wolkendecke gespenstisch erhellte. Noch nie in meinem Leben hatte ich mir Sorgen gemacht, ein Blitz würde mich treffen, jetzt schien mir die Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr so aus der Luft gegriffen. Nachdem wir schon mehrere Regenfronten passiert hatten, trafen wir immer wieder auf die gewaltigsten Gewitter, die ich in meinem Leben gesehen hatte. Nur konstanten Wind, den konnte ich nicht finden.
Die Stimmung am Schiff war gedrückt. Jürgen fluchte in seiner Koje, meine Nervosität und das laute Krachen rund ums Schiff raubte ihm die drei Stunden Schlaf, die er so nötig brauchte. Ich sauste auf Deck hin und her. Genua rauf, Genua runter, Fock rauf, aus Vorsicht vor der nächsten Wolkenfront, Fock wieder runter, denn die Wolkendecke hatte wieder nur Gewitter ohne Wind gebracht. Während meiner dreistündigen Schicht hatte ich einige male die Segelgarnitur gewechselt und einmal das Groß gerefft, während der verwunschene Wind sich seiner Richtung nicht entscheiden konnte. Es war kaum auszuhalten, sobald ich eine optimale Segelstellung gefunden hatte um aus dem Schlachtfeld der Blitze zu segeln, fingen die Segel auch schon wieder zu schlagen an. Der Wind wollte sich nicht fangen lassen.
Zu allem Übel lag jetzt auch noch ein Lichtermeer voraus. Fischerboote überfüllten den Ozean unbeeindruckt von den vielen Wolkenfronten, die sich über unseren Köpfen bekriegten. Hoffentlich sahen mich die Fischerboote. Hoffentlich fand ich einen Weg durch ihre vielen Netze ohne wie ein Thunfisch gefangen zu werden. Wie gut würden die Fischer den Horizont nach Lichtern absuchen und wie gut war unser kleines Licht zu sehen. Ich hatte zwar schon längst unsere Positionslampen eingeschaltet, doch mittlerweile lagen meine Nerven blank.
Es gab keinen Grund für meine Sorge. Wie eine Schleuse teilte sich das Lichtermeer vor meinem Bug, wir waren sehr wohl gesehen worden. Die Schiffe nahmen uns in ihrer Mitte auf und ließen uns lautlos an ihren geschäftigen Arbeiten vorbeigleiten. Der Geruch von Meeresfisch füllte die Luft, die gerade noch wie frisch gewaschen gerochen hatte. Gleichmäßig tuckerten die Thunfischfänger an uns vorüber, ich konnte die Menschen beobachten, die auf ihren Decks mit den Netzen arbeiteten. Manche sahen mich im hellen Licht des Mondes, der zwischen den Wolkendecken hervorlachte, und erwiderten mein Winken.
Endlich war meine Wache vorüber. Auch wenn Jürgen nicht viel geschlafen hatte, ich hatte meinen Teil erfüllt und war nur zu froh, mich in der finsteren Koje verkriechen zu können und mir einen Polster über den Kopf zu drücken. Ich wollte endlich raus aus diesen ungewöhnlichen Wetterbreiten.
Jede Nacht kamen von neuen Gewitter, gleichmäßige Winde hatten wir seit Tagen nicht getroffen. Ein Segelboot lief unter Motor an uns vorüber. Jetzt wäre auch ich froh über einen gut funktionierenden Motor. Doch wir gewöhnten uns an die Blitze, die pausenlos den Himmel erleuchteten. Manchmal fuhren die Blitze nicht einmal bis herunter an die Erdoberfläche. Ein gewaltiges Lichtspektakel spielte sich über unseren Köpfen innerhalb der Wolken ab.
Wir waren in Eile. Doris und Albert, Jürgens Schwester und ihr Freund, hatten sich für einen Besuch in Panama angemeldet, um hier ihren ersten Bootsurlaub zu verbringen. So hatten wir beschlossen, von Costa Rica nonstop bis Panama City zu segeln. Wir planten unsren Besuch im Atlantik empfangen. Wir hatten noch ein Monat bis zur Ankunft der Beiden und wussten nicht, wie lange wir in Panama City fest hängen würden um durch den Kanal zu kommen.
Es war bereits dunkel, als wir endlich die Öffnung des Kanals an der Küste Panama Citys erreichten. Nachts ins geschäftige Treiben der Kanalzone einzutauchen war nun nicht gerade der richtige Zeitpunkt, zu dem wir uns unsere Ankunft in Panama City vorgestellt hatten. So durchsuchten wir das Küstenhandbuch nach einer Alternative. Die kleine Bucht nord-westlich des Kanals war nicht besonders tief und mit seinem steinigen Grund bei Weitem kein bevorzugtes Ankerrevier, aber wir wollten ja nur bis in die frühe Morgensonne bleiben. Um sicherzugehen, dass der Anker auch hielt blieben wir noch einige Stunden im Cockpit sitzen und betrachteten die Lichter Panama Citys. Um uns war es ruhig und friedlich und erschöpft fielen wir schließlich in unsere Koje.
Plötzlich war ich hellwach, ein harter Schlag hatte IRISH erzittern lassen. Eine kleine Welle hob IRISH MIST und ließ sie erneut hart auf den festen Boden unter uns fallen. Hecktisch sprangen wir ins Cockpit. Wir hatten letzte Nacht die Tidentabelle nicht richtig gelesen. Zwar war klar, dass die Ebbe viel Wasser aus der Bucht bringen würde, doch dummerweise dachten wir, es wäre gerade Ebbe gewesen, als wir in die Bucht eingelaufen waren.
Wir reagierten prompt. Während Jürgen noch nackt am Bug am Anker arbeitete, startete ich den Motor und holte mir die Karte ins Cockpit. Ich musste vorsichtig sein, wenn ich IRISH MIST jetzt auf eine Bank setzte war sie nicht mehr aus der Bucht heraus zu bekommen. Der harte, steinerne Untergrund könnte ernsthafte Schäden verursachen. Mit der Hand auf der Pinne und den Augen auf Echolot und Seekarte konzentrierte ich mich, den bestmöglichen Weg zu finden. Vertrauenswürdig hustete und schnaubte der alte Motor im Boot. Ohne Probleme war er angesprungen als wüsste er, wie wichtig dieses mal sein Einsatz war. Mit relativ wenigen weiteren Bodenberührungen schaffte es IRISH ins tiefere Wasser.
Draußen, mit genügend Wasser unterm Kiel konnten wir uns endlich unsrer Morgentoilette widmen und etwas überziehen. Mir klapperten die Zähne von der morgenlichen Kälte. Jürgen setzte die Segel während ich Kurs auf Panama City hielt. Wir brannten darauf, unter das Boot zu tauchen und den Kiel zu begutachten. Hoffentlich brachte uns diese dumme Unglück keine größeren Schäden. Klar war, dass wir nun, neben den schlechten Gewissen eine weitere neue Erfahrung gesammelt hatten. Zu wage waren unsere Zeitspekulationen über Ebbe und Flut gewesen, zu leichtsinnig unsere Wahl des Ankerplatzes.
Zum Einklarieren in Panama ankerten wir neben der Kanaleinfahrt beim Balboa Yachtclub. Bald sahen wir, dass dieser Club keinen müden Cent wert war, er bestand aus Bojen, an denen gebunden man die ganze Nacht vom Verkehr des Kanals und dem Lärm der Hafentaxis gestört wurde. An Land bot er einzig ein paar abenteuerlich dreckige Duschen. Ein Clubhaus gab es nicht mehr, es war vor einiger Zeit abgebrannt. Nach einer überstandenen Nacht flohen wir aus dem Clubareal und segelten ein Stück weiter in eine friedliche Bucht vor Panama City, um dort zu ankern. Es war ein schöner Platz am Ende der Hafenstraße, nur ein kleines Restaurant und eine Bushaltestelle gab es hier. Eine tägliche Herausforderung allerdings war, das Dingi die aufgeschütteten Steinwälle hinaufzutragen, man konnte es nicht einfach an einen Felsen binden, da die zunehmende Flut das kleine Boot sicherlich versenkt hätte.
Noch immer im Ungewissen, ob unser unvorsichtiges Ankern in der letzten Bucht Schaden gebracht hatte, fanden wir endlich Zeit, unters Schiff zu schnorcheln und den Kiel zu begutachten. Doch wieder einmal hatte eine Portion Glück und unser schnelles Handeln uns vor Schaden bewahrt. IRISH MISTs Kiel war ohne Beschädigungen.
Nun lag der Panamakanal vor uns. Mit einer Länge von knapp über 80km teilt er den Kontinent in Nord- und Südamerika und verbindet den Atlantik mit den Pazifik.
Nach den finanziellen Erfolg des Suezkanals Mitte des neunzehnten Jahrhunderts glaubten die Franzosen, ein Kanal, der Pazifik und Atlantik verbinden würde, wäre ebenso einfach zu bauen. Und so begannen 1881 die Arbeiten am Kanalbau in Panama. In den darauffolgenden acht Jahren, in denen an einem Kanal gebaut wurde, starben 22000 Menschen in den Sumpflandschaften von Panama. Alle Versuche, den Tod durch Gelbfieber und Malaria zu bekämpfen schlugen fehl. Auf Anraten französischer Ärzte wurde zum Beispiel angeordnet, zum Schutz vor Malaria die Bettpfosten der Arbeiter in Wassereimer zu stellen. Die Eimer wurden allerdings zu Brutstätten für Malariamücken und die Krankheit breitete sich rasend schnell aus.
Nicht zuletzt auf Grund der katastrophalen Arbeitsbedingungen und der vielen Toten musste 1889 der Bau des Kanals eingestellt werden. Planungsmängel, falsche geologische Untersuchungen, schlechte Organisation, Bestechung unzählig technische Schwierig-keiten und die schlechte Finanzlage wurden zum Verhängnis.
Unter der Führung von Präsident Roosevelt übernahm die USA die Planung und Realisierung eines Kanals in Panama und begann 15 Jahre später erneut mit einem Bau. Wieder mussten 25000 Arbeiter ihr Leben während der achtjährigen Bauzeit opfern. 1920 wurde schließlich der gigantische Kanal offiziell eröffnet.
Eine Kanalzone wurde eingerichtet, jeweils 5 Meilen beiderseits der Kanalstrasse wurden amerikanische Besatzungen gestellt denen die unbeschränkte Kontrolle zugesprochen wurden. Mit dem Jahr 2000 sollte diese Vollmacht Amerikas ablaufen und Panama würde die Operation des Kanals übernehmen.
Der Kanal wurde anno dazumal für die Schiffsgröße der „Titanic“ gebaut, so hieß es. Man glaubte, somit könnte es nie ein Schiff geben, das nicht durchpassen würde. Jede einzelne Schleuse ist 300m lang und 33,5m breit. Die Tiefe der Schleusen wurden für einen Maximalen Schiffstiefgang von zwölf Metern gebaut, einer Größe, die heute für sechzig Prozent aller Handelsschiffe den Kanal unpassierbar macht.
Durch ein Schleusenpaar werden die Schiffe aus dem Pazifik in den Gartunsee gehoben, wo sie in der Fahrrinne vom Piloten begleitet fahren bis zu den zwei Schleusen, die sie wiederum 26m runter in den Atlantik bringen. Die Fahrrinne im Gartunsee muss laufend gewartet und gebaggert werden, da durch die vielen Regenfälle weiche Erdmassen nachstürzen.
Durch die Schleusen wurde der natürliche Ablauf des Regenwassers in die Weltmeere eingeschränkt und so überflutet heute der Gartunsee einen großen Teil Panamas. Bis heute zeugen aus dem Wasser ragende Baumwipfeln davon, wo einst trockenes Land war. Die Schleusen arbeiten ohne Pumpen, es werden lediglich Rohre geöffnet um die Süßwassermassen des Sees in die Meere abfließen zu lassen. Auch wenn keine Schiffe den Kanal passieren, müssen die Schleusen betrieben werden, damit der Wasserstand des Sees nicht zu hoch ansteigt und bewohnte Landstriche bedroht.
Eine der beeindruckensten Stellen allerdings ist die Teilstrecke durch einen Berg, der einfach in der Mitte geteilt und unter harter Arbeit abgetragen wurde. Ursprünglich wurde dieser Teil nur für eine Schiffsbreite ausgegraben, Gegenverkehr musste warten.
Zum Zeitpunkt als wir in Panama lagen, also 1999, wurde die Transfergebühr für große Schiffe nach Tonnen abgerechnet, was sich im Durchschnitt auf ca. 29.700,- US Dollar zusammenläuft. Der teuerste Transit war bis dahin auf 165.325,50 USD gekommen, der billigste auf 0,36USD, als 1926 Halliborton den Kanal durchschwamm. Nach diesem System war der Transfer für Jachten verhältnismäßig billig, also wurden die Bestimmungen für Jachten abgeändert. Die Gebühr wurde nun nach der Schiffslänge verrechnet. Eine Yacht bis 50 Fuß, also zirka 15 Meter, zahlte 500,- USD, bis 80 Fuß wurden 1000,- USD verrechnet und so weiter. Man munkelte, dass die Preise für Yachten ansteigen würden, sobald die amerikanische Regierung im folgenden Jahr aus dem Geschäft des Panamakanals aussteigen würde.
Große Schiffe benötigten im Durchschnitt vierzehn bis sechzehn Stunden für den Transfer und werden von einem Piloten an Bord und einer Arbeitsbarge begleitet. Die Schiffe werden in den Schleusen mit Stahlseilen an acht kleine Lokomotiven gehängt, die dann die Stahlseile nachjustieren. Kleine Yachten werden von einem Piloten begleitet, an Stelle der Lokomotiven und der Stahlseile müssen sie allerdings mit vier langen Trossen ausgerüstet sein, die in den Schleusen von Hand der Crewmitgliedern nachjustiert werden müssen, um die Yacht an ihrem Platz in der Schleuse zu halten.
Yachten werden auf drei verschiedene Arten durchgeschleust: Entweder alleine oder im Paket mit anderen Yachten in der Mitte der Schleuse, an der Mauer, was natürlich die gefährlichste Art darstellt, da die Masten bei den Turbulenzen an die Mauer schlagen könnten, oder, die letzte und beste Methode, seitlich an einer Arbeitsbarge. Bei dieser Variante erledigt das an die Mauer verheftete Arbeitsboot die ganze Arbeit und man kann nebenbei Berufsseeleuten bei der Arbeit zusehen.
Egal, auf welche Art man nun durch die Schleusen gehen würde, jedes Boot musste mit einen Skipper und vier Besatzungsmitgliedern ausgerüstet sein um die Leinen selbst zu arbeiten. An Stelle bezahlter Crew waren viele Segler dankbar, freiwillige Helfer zu finden und so heuerten auch wir zuerst einmal auf einer Yacht an um den Kanal besser kennen zu lernen und zu erfahren, was uns bevorstand. Ein junger holländischer Motorradfahrer, der Süd und Zentralamerika bereiste war das vierte Crewmitglied an Bord, er würde später auch uns durch den Kanal helfen.
An Bord SKY erlebten wir eine schöne problemlose Überfahrt, wir sichteten unsere ersten frei lebenden Krokodile und wurden am Schiff königlich versorgt. Als Dankeschön machte uns der Bootsbesitzer sogar zwei seiner Leinen zum Geschenk, die wir für unsere eigene Überfahrt sehr gut gebrauchen konnten.
Nach fast einem Monat Aufenthalt in Panama war es schließlich auch für uns soweit. Das Boot war vermessen und registriert, genügend Crew war zusammengetrommelt und die Leinen lagen bereit. Jürgen hatte die Maschine so gut es ging überprüft und unser Termin stand fest. Noch schnell erledigten wir die Einkäufe, es sollte genug Essen an Bord IRISH MISTs sein, um es der Crew an nichts fehlen zu lassen. Unsere eigene, abenteuerliche Kanalfahrt konnte beginnen.
Zeitig um sechs Uhr morgens kam auch schon der Pilot an Bord, ein Kapitän, dessen Anweisungen am Schiff im Kanalgebiet unbedingt befolgt werden mussten. Schnell zog Jürgen den Anker aus dem schlammigen Untergrund und ich schipperte in Richtung der imposanten Einfahrt des Kanals, der durch die schöne Panamerika Brücke einen eigenen Flair verliehen bekam.
Die Crew, bestehend aus unserem holländischen Freund und zwei dänischen Tramperinnen, aalte sich in der Sonne während IRISH ihren Weg zu der ersten Schleuse dampfte. Bequem längsseits einer Arbeitsbarge wurden wir die knapp zehn Meter raufgeschleust in den kleinen Miraflora See. Ohne Unterbrechung ging es weiter zur nächsten Schleuse, die uns wieder jeweils etwas über zehn Meter nach oben in den Gatunsee befördern würde. Die Stimmung am Schiff war ruhig und angenehm, Jürgen steuerte das Schiff durchs Wasser während ich versuchte, den Piloten eventuelle Wünsche aus den Augen ablesen zu können. Offensichtlich ging ihm unsere Fahrt etwas zu langsam, dennoch wollte er nichts von unserem Vorschlag hören, die Segel zu hissen und die Brise als zusätzlichen Antrieb zu nützen. Immer wieder schickte ich Stoßgebete aus, dass unsre Maschine der Belastung standhalten würde, Jürgen gaukelte den Piloten in der Zwischenzeit vor, dass wir bereits Vollgas fahren würden.
Mittig und an unseren vier Leinen hängend waren wir das einige Schiff, dass in der zweiten Schleuse in den Gatunsee befördert wurden. Unsere Besatzungsmitglieder vollbrachten einen ausgezeichneten Job. Nun lag eine Fahrt vor uns, die laut Plan zwei Tage dauern sollte. Doch weit gefehlt.
Wir waren noch nicht weit in den Gatunsee vorgedrungen, als erste unregelmäßige Töne aus dem Maschinenraum zu hören waren. Nicht lange nach dem ersten Husten tat der Benzinmotor auch schon seinen letzten. Jürgen sprang sofort runter in die Kabine und versuchte herauszufinden, was denn jetzt schon wieder geschehen sei. In der Zwischenzeit setzte ich die Segel, zwar wurde dieser Umstand von der Crew begrüßt, doch der Pilot hielt gar nichts davon. In dem Kanal herrschte striktes Segelverbot.. Nur mit all unseren Überredungskünsten schafften wir es, den Piloten zu überzeugen, bis zum nächsten Ankerplatz weitersegeln zu dürfen, wo wir schließlich auch ankerten.
Der Pilot verabschiedete sich und Jürgen hoffte und garantierte, den Motor bis zum nächsten Tag wieder zum Laufen bringen zu können. Wir genossen Spagetti im Cockpit und schon begann Jürgen mit der Arbeit. Wieder einmal musste er den Zylinderkopf abmontieren, sämtliche Wasserkanäle reinigen, die Wasserpumpe zerlegen und alles neu abdichten. Ohne neue Ersatzteile war die viele Arbeit jedoch nicht sehr von Erfolg gekrönt. Der Impeller, ein kleines Ersatzteil für die Wasserpumpe war arg beschädigt und die Motorkühlung war nur unzureichend in Gang zu setzen. Jürgens Sorgen waren für mich nicht zu übersehen, auch wenn unsere nette Begleitung von unseren Problemen nicht viel spürte. Jürgen und ich diskutierten viel über den weiteren Verlauf unsrer Reise und hofften auf das Beste. Noch wusste keiner von uns, dass bei dieser Überfahrt unser Boot auf dem Spiel stehen würde.
Zeitig mit den ersten Sonnenstrahlen des folgenden Morgens servierte ich Frühstück. Wir wollten bereit sein, wenn der neue Pilot für die Weiterfahrt kommen würde. Alle schlugen sich die Bäuche voll, Katrine und Lene meldeten sich sogleich freiwillig zum Abwasch während Dirk und Jürgen noch im Cockpit über den Motor und die vor uns liegende Strecke redeten.
Wir warteten.
Nichts geschah.
Kein Pilot ließ sich sehen, keine Anweisung des Kanalpersonals war zu hören. Gegen acht Uhr versuchte ich schließlich, den Kanal über Funk zu erreichen um nachzufragen, wie es weitergehen würde.
Keine Rückmeldung. Nicht auf Kanal 16 und auch auf keinen anderen Kanal war irgendetwas von der Kanalbehörde zu hören. In der Zeit bis zehn Uhr Vormittag versuchte ich nun wiederholt, die Kanalbehörde zu erreichen, bis sich schließlich ein offensichtlich von meinen Funksprüchen bereits genervter Pilot meldete, der auf einem Frachtschiff an uns vorbeituckerte. Kurz und knapp kam er mit der Meldung zurück, wir hätten am Schiff zu bleiben und zu warten, man habe uns schon nicht vergessen.
Es war uns also nicht erlaubt, IRISH zu verlassen, so verbrachten wir den Vormittag vor Anker. Schön langsam wurde es unerträglich heiß am Schiff. Platzmangel war immer deutlicher zu spüren und pure Langeweile breitete sich aus. Niemand hatte mit dieser Verzögerung gerechnet und so hatten unsere Helfer nicht genug Beschäftigungsutensilien mit an Bord gebracht. Katrine und Lene stöberten durch meine Bücher während Dirk sich mit dem Radio spielte. Jürgen war es bereits merklich unwohl in seiner Haut, nicht nur die schwüle Hitze drückte auf sein Gemüt, er wusste, irgend etwas war da in Gang. Warum wurden wir mitten im Kanal liegen gelassen, würde unser alter Atomic Four die Strapazen der restlichen Überfahrt schaffen, gab es eine Möglichkeit, noch irgendwie zu den richtigen Ersatzteilen zu gelangen?
Ich lenkte mich ab indem ich plante, wie ich die Crew ausreichend versorgen konnte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir länger als 2 Tage für die Überführung durch den Kanal benötigen würden und so schwanden die frischen Lebensmittel nun allzu schnell dahin. Die letzten eisgekühlten Drinks wurden an Deck aufgeteilt und konnten nur kurz Erfrischung bieten.
Dirk hatte in der Zwischenzeit einen tollen Radiosender gefunden, New Age Rock gefiel uns anscheinend alle. Um die Stimmung am Schiff zu heben drehten wir nachmittags den kleinen Radio auf volle Lautstärke und sprangen ins Wasser. Sofort war die Stimmung an Bord großartig. Wir benützten die Fallen wie Lianen um uns von Bord zu schwingen und mit lautem Knall ins Wasser zu fallen, sprangen singend und tanzend an Deck herum und spritzten uns ausgelassen gegenseitig nass. Auch wenn ich einige male ins Wasser sprang, es war immer wieder ein gutes Gefühl, in einem Stück wieder an Deck des Boots zu sein. Der braune Gartunsee war trübe und unfreundlich und keiner von uns fünf wusste, wie gefährlich die Krokodile, die hier lebten, wirklich waren. Wir wollten lieber nicht zuviel darüber nachdenken.
Mittlerweile war auch klar, dass wir heute nicht mehr von hier wegkommen würden. Da ich nicht wusste, wie lange wir noch hier feststecken würden, schickte ich Jürgen und Dirk mit dem Beiboot los um festzustellen, ob sie hier in der Kanalzone Lebensmittel besorgen konnten. Auch wollten sie versuchen, in dem kleinen Überwachungshäuschen auf der anderen Seite des Kanals Kontakt mit einem Zuständigen aufzunehmen.
Zu unserer Überraschung kamen die zwei mit einem voll beladenem Beiboot zurück. Zwar hatten sie kein Geschäft gefunden, in dem sie Lebensmittel einkaufen hätten können, aber Bier gab es in rauen Mengen zu kaufen. Das einzige Geschäft, dass Jürgen finden konnte war ein Getränkemarkt. Der Beamte im Kanalhäuschen auf der anderen Seite war so freundlich gewesen, Jürgen über die Grenze durchschlüpfen zu lassen, da er mit seinem Reisepass bewaffnet ohnehin vorweisen konnte, dass er rechtmäßig in Panama einklariert war. Dirk hatte in der Zwischenzeit beim Dingi gewartet.
Für heute Abend hatte Jürgen nichts mehr über unseren weiteren Transit durch den Kanal herausfinden können, das Hauptbüro war bereits geschlossen. Zuversichtlich glaubten wir, am nächsten Morgen ohnedies einen neuen Piloten an Bord zu bekommen und weiterzureisen.
Vom Atlantik kommend ließen drei weitere Yachten ihre Anker neben uns fallen. Sie waren auf dem Weg in den Pazifik und machten hier ihren geplanten Aufenthalt. Die Piloten verabschiedeten sich bei den einzelnen Booten und staunten über unsere Anwesenheit, versicherten uns aber, dass sicherlich am folgenden Morgen auch zu uns ein neuer Pilot kommen würde. Auf keinen Fall dürften wir aber das Boot alleine im Kanal bewegen, das war bei schweren Strafen verboten.
Wir feierten unsere neuen Bekanntschaften und begrüßten ein neues Mitglied an Bord. Das ostdeutsche Mädchen Jana war als Crewmitglied „Hand gegen Koje“ auf einem deutschen Schiff bis hier her mitgesegelt. Sie hatte den Skipper in einer Bar in Berlin getroffen und sich mit ihrer Freundin auf das verlockende Angebot einer Weltumsegelung eingelassen, ohne das eine der beiden Mädchen den Skipper gekannt hatte. Bald mussten die beiden herausfinden, dass sie mit der Persönlichkeit des Skippers und seiner Weltanschauung nicht anfangen konnten. Sie erlebten die Atlantiküberführung und die Reise zwischen den karibischen Inseln und Venezuela unter Streit bis Janas Freundin in der Karibik endgültig von Bord ging. Jana konnte sich eine Heimreise auf eigene Faust nicht leisten und so blieb sie gezwungenermaßen zurück. Sie wollte versuchen, den Skipper dazu zu bringen, ihr, wie im Vorfeld abgesprochen, ein Flugticket nach Berlin zu zahlen.
Im Kanal kam es schließlich zum Höhepunkt ihrer Streitigkeiten. Kurzerhand wechselte Jana das Schiff.
Wir erklärten uns bereit, Jana für ein paar Tage an Bord IRISH MIST wohnen zu lassen, bis sie entweder ein Flugticket zurück nach Deutschland gekauft hatte, oder ein Schiff gefunden hat, dass sie auf eine weitere Reise mitnehmen würde: Deutlich machten wir ihr allerdings, dass wir sie auf keinen Fall in unsre Crewliste aufnehmen konnten, unmöglich wollten wir die Verpflichtung auf uns nehmen, Jana nun an Bord haben zu müssen.
Frühstück gab es schon um sechs Uhr morgens, da wir ja nicht wussten, um welche Zeit der Pilot kommen würde. Doch wieder warteten wir vergebens. Den ganzen Vormittag tauchte kein Pilot für uns auf. Alle anderen Schiffe waren längst aus der Bucht verschwunden und große Containerschiffe arbeiteten ihren Weg an uns vorbei. Wieder versuchten wir per Funk, die Kanalkommission zu erreichen und wieder meldete sich keiner. Schließlich paddelten Jürgen und ich, bewaffnet mit Ausweisen und Transitunterlagen, noch einmal mit unserem Dingi quer durch die Schifffahrtsstraße um im Zollgebäude die Kanalleitung anzurufen.
Beide hassten wir es zu telefonieren, doch Jürgen behauptete kurzerhand, meine Englischkenntnisse seien besser und so lag es an mir, das Telefonat zu führen. Nach einiger Zeit hin und her wurde ich schließlich mit dem obersten Chef der Kanalleitung verbunden. Zu meiner Überraschung wusste er genau Bescheid über uns. Wir waren keinen Fehler unterlaufen, der Fehler lag bei uns, so behauptete dieser Herr. Seiner Information nach lagen wir vor Anker am Ankerplatz Gamboa, somit den falschen Ankerplatz für Schiffe, die vom Pazifik kamen. Dieser Ankerplatz galt nur jenen Yachten und Frachtern, die vom Atlantik aus in Richtung Pazifik unterwegs waren. Eigentlich sollten wir planmäßig zwanzig Kilometer weiter vor Anker liegen.
Für ihn hieß das ganz einfach, dass wir die Ankergebühr bezahlen mussten, bevor wir einen neuen Piloten zugewiesen bekommen konnten. Er erklärte mir, dass es bei der festgelegten Ankergebühr nicht auf die Schiffsgröße ankam. Zwischen Frachtern und Yachten wurde in diesem Fall nicht unterschieden, jedes Schiff hatte eine Gebühr von 300,- US Dollar zu bezahlen für eine Nacht vor Anker. Wir lagen laut seinen Informationen bereits zwei Nächte hier, wenn wir also die 600 US$ zuzüglich einer Strafe von 440 US$ für technisches Gebrechen im Kanal bezahlen, würden sie uns einen weiteren Piloten schicken. Ach ja,. Das Geld war in bar zu bringen, keine Karten, keine Schecks. Falls wir es schaffen würden, noch innerhalb der nächsten Stunde den Betrag von 1140 US$ zu bringen, könnten wir heute noch einen Piloten bekommen, falls nicht, kommen weitere 300 Dollar für die folgende Nacht hinzu.
Mir wurde schwarz vor Augen. Was ging hier ab, wie sollten wir aus diesem Schlamassel hinausfinden? Ich versuchte, über die Gebühren zu verhandeln, merkte aber gleich, dass dieser Panamese vielleicht mit sich reden ließ, aber auf keinen Fall mit einer Frau, die nicht einmal Kapitän des Schiffes war, über Geschäfte reden wollte.
Jürgen überflog einstweilen unsere Durchfahrtspapiere. Eigentlich hatten wir keine Hoffnung, irgend eine Klausel zu entdecken die uns aus dieser misslichen Lage befreien konnte, da fiel Jürgen der vorgeplante Ankerplatz ins Auge. Laut unserer Transferpapiere lagen wir am richtigen Ankerplatz. Der Fehler lag nicht bei uns. Ungläubig nahm ich das Formular in die Hand und tatsächlich, da stand: “Kapitän will in zwei Tagen passieren, Zwischenstop Gamboa.“ Der Beamte, der die Papiere ausgestellt hatte, hatte offenbar einen Fehler begangen und den falschen Ankerplatz eingetragen. Dieser Umstand konnte uns jetzt nützlich werden.
Um unsere Chancen zu erhöhen eröffnete ich den Herrn am anderen Ende der Leitung, dass der Kapitän des Schiffes mit ihm sprechen wolle und übergab Jürgen den Hörer. Mit fester Stimme und in sehr bestimmendem Ton verwies Jürgen darauf, dass wir, samt Crew seit Tagen im Kanal feststeckten auf Grund eines Fehlers der offensichtlich von den Kanalbehörden ausging. Aber anscheinend wurde hier ohnehin sehr schlampig gearbeitet, nicht nur, dass man uns seit Tagen warten ließ, Motorprobleme wurden uns an den Kopf geworfen und obendrein versuchte man hier, uns auch noch ungerechtfertigte Kosten aufzubrummen, während in Wirklichkeit der Kanal für unsre Umkosten durch die wartende Crew gerade stehen sollte.
Meine Nerven spannten sich, mir schien, als sei die Zeit stehen geblieben während mein Herz hin und wieder einen Schlag aussetzte. Angestrengt lauschte ich dem Gespräch, ich hätte viel dafür gegeben, die Worte des Kanaloberhauptes zu hören.
Es dauerte noch einige Zeit bis Jürgen den Hörer auflegte. Schelmisch grinste er übers ganze Gesicht. Morgen früh würde ein Pilot kommen um unsere Überfahrt in den Atlantik zu begleiten. Die erste Hürde war geschafft. Nun musste nur noch der Motor mitspielen. Das Abschleppen von Schiffen im Kanal würde haarsträubende 1300,- Dollar pro Stunde kosten, wieder einmal gab es keine Vergünstigungen für kleine Jachten. Noch einmal Ankern im Kanal war uns nun ausdrücklich untersagt.
Wieder verbrachten wir den Tag mit schwimmen und sonnen. Abends holte Jürgen noch einmal eine ordentliche Ladung Bier und so feierten wir gemeinsam unser Glück, den hohen Gebühren und Strafen davongekommen zu sein. Keiner von uns wollte zu viel über den kommenden Tag nachdenken, trotz Jürgens vieler Arbeit am Motor konnten wir keine Wunder erwarten. Schließlich hatte er keine Ersatzteile und der Impeller der Wasserpumpe war nur einer der Teile, die nichts mehr taugten und dringend getauscht werden mussten.
Pünktlich um sechs Uhr früh am folgenden Morgen kam auch schon der Pilot an Bord, doch zu seiner Verwunderung fand er uns nicht so vor, wie er das von anderen Yachten so gewöhnt war. Das Cockpit war voller leeren Dosen und Müll, an Deck lagen unsere Crewmitglieder, friedlich schlafend, während wir selbst noch in der Koje schnarchten. Wir hatten fest gefeiert und jetzt auch noch den Wecker überhört.
Nachdem er uns mit einem breiten Lachen im Gesicht erklärte, dass wir wirklich von Glück sprechen konnten, ausgerechnet ihn als Pilot zu haben wurden wir neugierig auf den Grund seines Selbstlobes. Seine Antwort war Überzeugend: Im Kanal herrschte absolutes Alkoholverbot, das bei einer Strafe von 400,- US$ verfolgt wurde. Schlagartig viel die Müdigkeit von uns ab.
Der Panamese schien in Ordnung und so wollten wir nun auch ehrlich sein. Wir glaubten nicht, das unser alter Motor die ganze Strecke durchhalten konnte. Louis, der Pilot, verstand unsere Situation und schlug vor, dass wir abwechselnd Motoren und Segeln sollten, um den Motor zu schonen und uns dabei doch im richtigen Zeitplan zu halten. Toll, das war nun echt nett von ihm und auch eine gute Idee, bis dann plötzlich der Motor gar nicht mehr anspringen wollte. Jürgen arbeitete wie verrückt an der Maschine während ich alle Hände voll zu tun hatte, Fahrt im Schiff zu halten. Der Wind drehte und hüpfte herum, Segeltrim und Steuern war gar nicht so einfach, da sich doch die Crewmitglieder im Cockpit stapelten. Speziell die zwei dänischen Mädchen beschäftigten sich damit, Louis bei guter Laune zu halten, der ihre Aufmerksamkeit offensichtlich genoss. Sie redeten sogar schon von späteren Treffen doch mich ließ das Gefühl nicht los, dass sie einfach für ihren Geschmack genug Zeit auf IRISH MIST verbracht hatten und endlich in Colon ankommen wollten.
Während ich segelte, kam ein Wasserbus vorbei, ein Boot, das den Kanalarbeiter als Bus zwischen den einzelnen Plätzen diente. Es wurde von einem Freund von Louis gesteuert. Ohne den Funk zu benützen – die Zentrale hätte in diesem Fall mithören können – vereinbarten sie, uns ohne Gebühr und über eine Abkürzung durch das seichtere Wasser des Sees zu schleppen. Eins war klar: Er musste die Leinen kurz vor dem letzten Schleusenpaar loslassen, sonst würde der Schwindel ans Tageslicht kommen. Durch die Schleusen mussten wir es aus eigener Kraft schaffen, Louis konnte uns da auch nicht mehr weiterhelfen.
Mit Vollgas wurden wir durch den Gartunsee gebracht. Ich war verwundert, das sich IRISH MIST trotz dieser Geschwindigkeit, die weit über unserer Rumpfgeschwindigkeit lag noch so gut Steuer ließ. Nun war ich ganz besonders froh, dass wir vor unsrem Übersetzer durch den Kanal noch alle Klampen verstärkt hatten. Auch die Bugklampe, an der im Normalfall der Anker gesichert ist bekam von uns eine zweite Platte, die den Halt verstärkte. Mit ruhigem Gewissen konnten wir also durch den See schießen.
Nur hie und da streckte Jürgen seinen Kopf aus dem Schiff. Er arbeitete noch immer an der Maschine, auch wenn wir wussten, alles mögliche war getan und nur mit Glück würden wir es durch die Schleusen schaffen.
Wie besprochen wurde kurz vor den Gartunschleusen die Leine getrennt. Wir waren wieder auf uns selbst angewiesen. Der Motor lief, aber wir wussten, es war nur eine Frage der Zeit, dann würde der eiserne Judas wieder zu husten und zu spucken anfangen und an Überhitzung kämpfen. Die Tore öffneten sich und hinter einem Frachtschiff fuhren wir ins letzte Schleusenpaar. Wir saßen gefangen im Tor zum Atlantik. Ich hatte den Pazifik geliebt, doch der lag schon fast weit hinter uns. Wie froh war ich bei der Aussicht, den Kanal mit seinem schmutzigen Süßwasser verlassen zu können und in eine neue Welt einzutauchen. Hier würde es keine starke Tidenveränderung geben, dafür warteten neue Herausforderungen auf uns. Zum ersten mal in meinem Leben würde ich richtige Riffe sehen und meine Füße auf Inseln setzen, die nicht mehr sein würden als ein kleiner Sandhaufen mit ein paar Palmen darauf.
Das erste Tor schloss sich gemächlich hinter uns. Dieses mal gingen wir alleine hinter einem Frachtschiff durch die Schleusen. Die Leinen waren gespannt, die helfenden Hände auf Position. Ich wartete darauf, dass das Wasser zu brodeln anfangen würde und wir an der Mauer sehen konnten, wie wir langsam talwärts befördert werden würden.
Doch nichts geschah. Meine Nervosität stieg, der Pilot funkte um zu erfahren, weshalb wir warten mussten. Eine der Loks, an denen das Frachtschiff hing war defekt und musste repariert werden. Wir mussten bei laufenden Motor warten. Mist, zweieinhalb Stunden dauerte die Reparatur bis wir endlich die Schleuse runter befördert wurden. Mittlerweisen hatte unser alter Atomik Four wieder zu husten angefangen. Mit nur 3 laufenden Zylindern passierten wir die Strecke von der Schleuse zur nächsten. In Stoßgebenten bat ich um eine schnelle Weiterfahrt.
Und mein Bitten wurde erhört. Zügig ging die weitere Talfahrt voran bis sich die letzten großen, stählernen Tore vor den Schiffen öffneten und uns das salzige Wasser des Atlantik begrüßte. Das große Frachtschiff vor uns gab bald die Sicht frei und eine frische Brise empfing uns im neuen Revier. Zum allerletzten mal wurden unsre Leinen vom Kanalpersonal ins Wasser geworfen und nachdem sie sicher an Bord eingeholt waren drückte ich den Vorwärtsgang ein. Ein kurzer Versuch vorwärts zu kommen, ein Husten und Stotterer aus dem Maschinenraum, und schon bewegte sich IRISH MIST antriebslos rückwärts. Kein Problem, vorsorglich wissend lagen die Segel bereits frei und fertig zum Setzen an Deck während ich die Großschot bereits in Händen hielt. Im Nu präsentierte sich IRISH unter Vollzeug und während die Kanalcrew verwundert auf uns herabblickte, füllten sich die Segel und ein angenehmes Blubbern war am Bug zu vernehmen. Wir hatten es geschafft, nun konnte uns keiner mehr aufhalten und angenehme Erleichterung machte sich an Bord breit. Der Wind nahm die Gedanken an die anstrengenden letzten Tage mit sich und während Jürgen den Anker vorbereitete und vom Bug aus den überfüllten Ankerplatz auf eine passende Lücke absuchte, verabschiedete sich unser hilfreicher Pilot und wechselte auf das für ihn bereitstehende Pilotboot über.
Neben 500,- US Dollar hatten wir eine Kaution von 150,- Dollar hinterlegen müssen. Für den Fall dass man den Kanal beschädigen würde. Wie wir schon erwartet hatten wurde diese Kaution von der Kanalgesellschaft kommentarlos behalten.
Nach einen gemeinsamen Abendessen und einer letzten Übernachtung am Boot verabschiedete sich unsre Crew mit Ausnahme von Jana, dem ostdeutsche Mädchen. Sie blieb noch ungefähr 2 Wochen an Bord IRISH MISTs. Es dauerte keine drei Tage, durchquerten wir erneut den Kanal, stressfrei als arbeitende Crew an Bord englischer Weltenbummler. Angekommen an der Pazifikküste konnten wir geliehene Trossen zurückbringen und wieder einmal einen Tag mit einem Einkaufsbummel durch Panama City vertreiben.
Auch Jana erledigte ihre Papiere. Gestrichen von der Crewliste der deutschen Jacht konnte sie als reguläre Touristin solange bei uns leben, bis sie bei Nick anheuerte, um den netten Kalifornier dabei zu helfen, seine wunderschöne, hölzerne KEY OF GÖTHE-BURG nach San Fransisco heim zu segeln. Wieder einmal durchquerten wir den Kanal, um Nick und Jana bei ihrem Transit in den Pazifik zu helfen, und nach einer kurzen und fröhlichen Verabschiedung segelte Jana in ihr neues Abenteuer davon. Wir hatten sie gemocht und uns gut mit ihr verstanden, dennoch waren wir beide froh, unser kleines aber feines Reich wieder für uns alleine zu haben.
In Colon, der atlantischen Hafenstadt des Kanals warteten wir nun einen Teil der Zeit, bis unser Besuch aus Österreich kam. Die Saison war angebrochen, in der vermehrt tropische Stürme und Wirbelstürme im Atlantik und in der karibischen See auftraten. Panama selbst war durch seine eigenartige Landformation vor Hurrikans geschützt und wurde immer wieder zum längeren Aufenthalt für viele Segler. Die Ankerplätze waren voll besetzt und in den Hafenanlagen lagen Jachten verzurrt, die für die Saison zurückgelassen waren. Im Panama Kanal Yacht Club herrschte reges Leben, unterschiedlichste Typen und Charaktere trafen sich abends in der Bar, die vom einstigen Wohlstand und Stil der Kanalzone zeugte.
Colon selbst galt als eine der gefährlichsten Städte Zentralamerikas. Die Armut war hoch, der Lebensstandart niedrig und der Schwarzmarkt war riesig. Leider erhielt diese Stadt ihren schlechten Ruf mit unter durch eine Vielzahl an ausländischen Seglern und Touristen, die mit Schmuck und Armbanduhren, prallen Geldtaschen und Fotoapparaten durch die schmutzigen Straßen streiften. Es verwunderte mich nicht, dass Einheimische die Touristen überfielen und bestahlen, ihnen Schmuck von den Fingern rissen und die Geldbeutel ausräumten ohne in den Mitteln zimperlich zu sein. Nun und dann wurde auch von Messerstechereinen berichtet, die wir aber nie sicher bestätigt bekamen.
In unseren alten Jeans und den verwaschenen T-Shirts stellten wir offen-sichtlich keine interessanten Opfer dar, wir bewegten uns ohne Probleme tagsüber und auch Nachts durch die Stadt und lernten eigentlich nur nette Menschen kennen. Immer stärker vermutete ich, dass viele der Horrorgeschichten, die regelmäßig im Yachtclub verbreitet wurden von den Taxifahrern frei erfunden wurden, damit die Gringos auch weiterhin keinen Fuß aus dem eingezäunten Yachtclubareal wagen würden, ohne dafür ein überteuertes Taxi zu bezahlen.
Im Ganzen bot die Stadt alles, was ein Seglerherz begehrte, Werkzeuggeschäft und Einsenhandel, Obst- und Gemüsemärkte, einen Fleischmarkt, der aber durch seinen üblen Gestank uns eher fern hielt, einen Fischmarkt, einen großen Supermarkt, der den Seglern den Service anbot, sie per Bus vom Jachtclub abzuholen und zurückzubringen, Farbenmarkt, Stoffgeschäft, Autovermieter, Banken, Restaurants, tolle Busverbindungen nach Panama City, einen großen Markt, der alle möglichen und unmöglichen Schwarzmarktartikel anbot und sogar eine großes Spielcasino mit Bar und Restaurant.
Der Jachtclub bot Duschen und Waschmaschinen, Telefon und eine Adresse, an die man sich Post schicken lassen konnte, Trinkwasser, mit dem man seine Kanister auffüllen konnte und als Treffpunkt die nette Bar und das Restaurant, auch wenn beides mittels Klimaanlage so kalt war, dass wir uns nur mit einem dicken Pullover und langen Jeans hineinwagen konnten. Für fünf Dollar konnte man den Schlüssel fürs Duschhaus erwerben und ohne Zeitlimit behalten, auch wenn man das Boot am Ankerplatz liegen hatte und kein zahlender Gast war. Doch es war erst gar nicht nötig, für einen dieser Schlüsseln zu bezahlen, wie es anscheinend schon Tradition hier war, wurde auch uns ein Schlüssel von einer abreisenden Yacht geschenkt mit der Bitte, bei verlassen der Stadt das selbe zu tun.
Kurz um, auch wenn man die einstige Schönheit Colons nur noch vermuten konnte und der Schmutz und Gestank der Gassen gewöhnungsbedürftig war, war es doch ein Platz, an dem man in Versuchung kam, sich bequem zurückzulegen und das bisherige Reisetempo zu bremsen.
Kapitel 8
Urlaub an Bord
Mittlerweile schrieben wir Juni 1999. Für Juli hatten Doris und Albert ihren dreiwöchigen Urlaub bei uns geplant. Wir freuten uns darauf und verabredeten, sie in Panama am Flughafen abzuholen. Wir planten, dafür ein paar Tage einen Liegeplatz in Panama Kanal Yacht Club zu bezahlen, so konnten wir ihnen die ersten Tage an Bord IRISH MISTs einfacher gestalten. Neben Besichtigungen in Panama City und einigen Landausflügen mit einem Mieteauto be-absichtigten wir, mit ihnen die paradiesischen San Blas Inseln anzusteuern und einen Urlaub fern der Zivilisation bei den Kuna Indianern zu genießen.
Aber vorerst genossen wir den Atlantik und suchten geeignete Ankerplätze für den Weg bis zu den San Blas Inseln. Wir wussten ja nicht, ob unser angemeldeter Besuch überhaupt Freude am Segeln hatte oder ob sie mit Seekrankheit kämpfen würden. Auf jeden Fall war es sicherlich ganz gut, ein paar Stops zwischen Colon und den Inseln zu wissen.
Mit Hilfe des Panama Cruising Guides fanden wir die kleine Bucht Bahia Blanco. Obwohl die kleine Bucht mit ihrem einzelnen Haus und ihrem kleinen Korallenriff als nichts besonderes galt und im Küstenhandbuch zwar vermerkt war, aber nicht als sehenswert beschrieben wurde, verschenkte ich fast mein Herz an diesen Ort. Das kleine Paradies war einer der schönsten Orte, die ich in meinem Leben gesehen hatte. Mit Plastikkanistern war die Einfahrt durchs Korallenriff markiert, und wir gesellten uns zu dem amerikanischen Segelboot, das hier in der Bucht fest verankert lag. Es gehörte einem älteren Mann aus Florida, der für einige Zeit hängen geblieben war und sich um das Haus und das private Grundstück kümmerte. Er empfing uns herzlich und zeigte uns das Anwesen.
Alles war einfach aber sehr schön gebaut. Das Holzhaus war in drei Richtungen offen, sodass die großen Terrassen eigentlich zum Wohnzimmer gehörten. Nur Moskitonetze, die wie Rollos zum herunterlassen funktionierten, zeigten an, wo das Haus aufhörte und der Garten begann. Der große Kamin, der wohl selten benutzt wurde, war aus Stein gebaut.
Ab und an wurde das Haus an Touristen vermietet, die hier die Einsamkeit und die Natur genießen konnten. Charles lebte für diese Zeit auf seinem Segelboot, ansonsten konnte er das ganze Areal nützen. Seine bezahlte Aufgabe als Hausverwalter beinhaltete die Instandhaltung und die Reinigung des Anwesens. So arbeitete er mal an der Wasserpumpe oder an dem Dieselstromgenerator, er schruppte die Böden oder lag einfach mal einen Tag in der Sonne.
Da Charles Segelpause schon lange genug gedauert hatte fragte er uns, ob wir seinen Job als Hausverwaltung übernehmen möchten. Ein Angebot das wir ablehnten, aber an das wir noch oft zurück dachten. Abends im Cockpit unseres Schiffchens träumten wir noch hin und da davon, wie es uns ergangen währe, in meinem Traumhaus in der Bahia Blanco in Panama. Ich glaube, hätte mich Charles ein Jahr später gefragt, hätte ich ohne zu zögern zugesagt. Zu diesem Zeitpunkt aber waren wir noch ständig getrieben von unsrem Entdeckergeist und unsrer Neugierde Neues zu erfahren und fremde Welten kennen zu lernen. Wir wollten raus aufs Meer und unter windgefüllten Segeln leben. Einen Zwischenstop von einem Jahr kam uns einfach nicht in den Sinn.
Wir bleiben für einige Tage in der Bucht und entdeckten wunderschöne Korallenriffs bei stundenlangen Schnorchelgängen, wir nahmen uns einen Tag Zeit, das Schiff auf Vordermann zu bringen und besserten sogar den Lack im Cockpit aus. IRISH MIST sollte sich von der besten Seite zeigen, wenn unser Besuch ankam.
Wir besuchten noch eine kleine Bucht ohne Namen entlang der Küste, mussten aber feststellen, das es hier nur so wimmelte von Sandfliegen und strichen diesen, ansonst sehr schönen, Fleck Erde aus unserem Besucherreiseplan. Am Rückweg nach Colon stoppten wir in der historisch interessanten Bucht von Portobello, einer der großen spanischen Goldverladehäfen der Kolonialzeit. Die Überreste der spanischen Festung zeugten von den unglaublichen Geschichten zur Zeit der Piraterie. Am Ausguck, an dem noch heute die Kanonengeschütze aufgebaut stehen, überblickte ich den ruhigen Atlantik und fast wartete ich darauf, aus dem dunstigen Horizont das sagenumwogene Schiff Kapitän Morgans auftauchen zu sehen, so wie vor langer Zeit, als er die Festung eroberte.
Rund um die alte Ruine war nichts mehr vom einstigen Reichtum zu finden. Neben einem kleinen Bauernhof gab es noch ein nettes Fischrestaurant, an dessen Steg wir unser Dingi verzurrt hatten. Das kleine Boot war mittlerweile in einem so erbärmlichen Zustand, dass man fast den Eindruck hatte, es sei hier vor einiger Zeit angebunden und vergessen worden.
In der Bucht vor Anker wiegte sich IRISH MIST und ein weiteres amerikanisches Segelschiff in der leichten Dünung des Atlantiks. Das stahlblaue Wasser konnte in diese Bucht unge-hindert herein, nur der konstantere Nord-Ost Passat hielt die Dünung etwas zurück. Ich konnte mir aber vorstellen, wie es hier rund gehen musste, sobald sich der Wind drehte. Zur Vorsicht hatten wir unser schwimmendes zuhause an zwei Anker befestigt, die in diesem schlammigen Grund ihre Arbeit verlässlich leisteten.
Zurück in Colon war es so weit. Wir legten IRISH MIST an den Steg des Yachtclubs und bereiteten uns auf den Besuch vor. So weit wie möglich entfernt vom Yachtclubrestaurant und seinen Kakerlaken, verzurrten wir IRISH MIST im Päckchen, das Heck befestigten wir an der Betonmauer, die den Rasen vom Wasser schützte. Wir fühlten uns wohl hier. Der Hafen war für zentralamerikanische Verhältnisse gepflegt und ließ trotzdem das Leben aus Fahrtensegler geduldig zu. So war es kein Problem, zwischen den Bäumen der Anlage Leinen zu spannen, um die Wäsche zu trocknen, oder am Deck herumzuarbeiten. Die vielen großen Echsen, die hier lebten, halfen uns dabei, verschiedene Insekten vom Schiff fern zu halten und sahen uns langweilig bei unseren Arbeiten zu. Um sicherzugehen, keine der lästigen Kakerlaken aufs Schiff zu bekommen, wickelten wir in Benzin getränkte Tücher um die Trossen. Ob es wirklich Kakerlaken vom Kapern unseres Schiffes abhielt, konnten wir zwar nie beobachten, aber alle Mitteln mussten versucht werden.
Ich empfand es als luxuriös, mit einem Sprung an Land zu sein und mit dem Wasser aus dem Schlauch herumtollen zu können, trotzdem würde ich wieder froh sein, unabhängig am eigenen Anker hängen zu können. Denn da gab es kein Ungeziefer, keine Ratten und keine anderen ungebetenen Gäste . Keine herumwandernden Touristen konnten einem voller Neugier und Erstaunen beim Schlafen zusehen oder bei den täglichen Arbeiten stören.
Wir waren bereit unsere Freunde zu empfangen. IRISH MIST war bis in die letzte Ecke sauber geputzt, in der Kühlbox lagen zwei große Eisblöcke, welche die Leckereien, die wir fürs erste gemeinsame Frühstück besorgt hatten, kühl hielten und das frisch gebackene Brot duftete. Schließlich fuhren wir mit dem Bus zum Flughafen an die Pazifikküste, wo die zwei am späten Abend aus dem Flugzeug stiegen. Nach der freudigen Begrüßung fragten wir erstaunt, ob sie denn unsere Nachricht nicht bekommen hatten. Eine Nachricht, mit der Bitte, aus Platzmangel nicht zu viel Gepäck ein-zupacken. Die Beiden standen mit fünf prall gefüllten Sporttaschen und ihrem Handgepäck vor uns. Doris lachte. Klar hatten sie die Nachricht bekommen und sich auch daran gehalten. Nur zwei der Sporttaschen gehörten ihnen, die restlichen Taschen überbrachten sie gefüllt mit Geschenken und lieben Grüßen unserer Eltern.
So feierten wir verfrühtes Weihnachten an Bord IRISH MISTs. Von Konservenfleisch und Roggenmehl aus Österreich, über neue Decken und Bettwäsche bis zu einem speziellen Topf zur Aufzucht von Sojasprossen, war alles und einiges mehr gesendet, was wir jemals als Wunsch geäußert hatten.
Der Sprossenaufzucht-Topf war mir neu. Meine Mutter hatte ihn für uns gekauft in der Hoffnung, uns so mit frischen Vitaminen versorgen zu können. Nachdem ich nach langem einen Platz für den Topf gefunden hatte, an dem er nicht immer quer durch den Salon zu fliegen drohte, leistete er uns auch lange Zeit einen guten Dienst. Es wurde zur besonderen Gaumenfreude, zum Mittagessen frischen Sprossensalat zu servieren.
Mit Doris und Albert an Bord erlebten wir eine schöne Zeit. Wir segelten zu den San Blas Inseln, erforschten Korallenriffe und erfuhren ein wenig über den Lebensstil der Kunas. Obwohl wir über mögliche Schwierigkeiten zweier Landratten an Bord nachgedacht hatten, kam einiges anders als erwartet. Zum Beispiel schienen beide kein überwiegendes Problem mit Seekrankheit zu haben. Segeln bereitete ihnen Freude und auch beim Nachtsegeln stellten sie sich als Entlastung für uns heraus, auch wenn es sich für mich sehr merkwürdig anfühlte, gemeinsam mit Jürgen im Bett zu liegen während IRISH MIST in die pechschwarze Nacht segelte.
Wir hatten den Beiden unsere Koje im Vorschiff überlassen um ihnen die wenige Privatsphäre zu geben die möglich war und vermieden damit das Problem, uns gegenseitig zu sehr „auf die Zehen zu treten“.
Für unseren Besuch gab es viele neue Eindrücke, sie mussten sich innerhalb kürzester Zeit in eine Lebensart einfinden, die wir uns in einem Prozess über Jahre angeeignet hatten. Viele „Kleinigkeiten“, an die wir uns so gewöhnt hatten, dass wir sie zur Normalität zählten, galten für die beiden Urlauber als eine Herausforderung. Die Eindrücke in diesem pulsierendem Land waren manchmal fast zu viel auf einmal. Obwohl das Land in seiner natürlichen Wildheit sofort verzauberte, die ungezwungene und neugierige Art der Bewohner wirkte während der ersten Woche ein klein wenig beunruhigend auf unsere Gäste. Vor den Inseln von San Blas war es ganz normal, das mindestens 5 Kanus um unser ankerndes Boot kreisten und die Insassen, meist Kinder und ein paar Frauen, uns ständig beobachteten. Einige Einheimische waren sogar so an uns interessiert, dass sie es sich entlang der Reling am Boot bequem machten und uns ständig durch die Luken beobachteten. Nicht mal am Klo war man sicher vor den neugierigen Augen. Das war auch für uns neu, Doris und Albert mussten den „Totalverlust“ an Privatsphäre aber besonders gespürt haben. Da wir aber bereits von anderen Seglern gewarnt waren, baten wir die Kunas nicht an Bord. Auch wenn die friedlichen Menschen der vielen kleinen Inseln nicht im einzelnen Grund für diese Warnung geben, ihre große Zahl konnte ein Problem werden. Die Menschen waren freundlich und ehrlich, sie nahmen nichts was ihnen nicht gehörte oder angeboten wurde, doch einmal wenige Kunas aufs Schiff eingeladen zu haben, würde bald das halbe Dorf anrücken lassen, um am Schiff Platz zu nehmen. Eine Stahlyacht von Freunden kam dabei in ernste Bedrängnis, denn das Gewicht der Menschen – es gab keinen Zentimeter am Schiff auf dem nicht ein Indianer stand – war so enorm, dass das Schiff durch die Toilette Wasser nahm.
Neu für unseren Besuch war auch die Bootsküche, ohne Kühlschrank zu leben ist nun mal uns Österreichern fremd. Da wir uns noch sehr gut erinnern konnten, wie hart uns selbst die Umstellung gefallen war, versuchten wir, so gut als möglich zu speisen. Jeden morgen bereitete einer von uns vieren frische Omeletts mit österreichischer Marmelade. Mit viel frischem Hummer und Obst aus dem Nasswald der Kunas konnten wir fast jeden Tag eine besondere Leckerei auf den „Cockpittisch“ zaubern.
Frisches Gebäck gab es auf einigen der bewohnten Inseln zu kaufen. Eine alte Backfrau lud uns in ihre Hütte ein um uns stolz zu zeigen, wie sauber und ordentlich es in ihrer Kochecke war. Auch wenn wir kein Wort ihrer alten Sprache sprechen konnten, hatten wir kein Verständigungsproblem und ließen uns interessiert im Dorf herumführen.
Die Indianer lebten auf eine sehr bescheidene und kommunistische Art. Alle Hütten waren gleich, jeglicher Verdienst wurde dem Stammeshäuptling gebracht, der das Einkommen unter allen aufteilte oder Besorgungen für die Allgemeinheit erledigte.
Die Hütten waren aus Bambus und Palmenblättern gefertigt. Jede Wand der einen Hütte war gleichzeitig auch eine Wand einer Nachbarshütte, ähnlich wie Reihenhäuser in Europa. Da die Bambuswände sehr dünn waren, gab es so gut wie keine Privatsphäre der einzelnen Bewohner. Immer wusste das ganze Dorf bescheit, was in den einzelnen Haushalten so vor sich ging. So war es auch verständlich, das die Kuna sehr bedacht darauf waren, ihre Kinder vorbildlich zu erziehen, Schimpfwörter gab es in ihrer Sprache so gut wie keine.
Jede Hütte bestand aus zwei Räumen, einem kleinen Küchenraum und einem größeren Schlafraum. Die Einrichtung der Hütten war einfach, die kleine Küche wurde nur in den höhergestellten Familien mit einem Gasherd aufgebessert, die Allgemeinheit kochte mit Holz. Der Herd bildete das einzige Möbelstück der Hütten, es gab keinen Schrank und keine Betten. Die Wäsche war in jeder Hütte feinsäuberlich über die Dachbalken gehängt und überall hingen die bunten Hängematten, die der ganzen Familie dienten.
Manch ein Kuna konnte etwas Spanisch sprechen, einen Einheimischen trafen wir, der mit etwas Englisch aushelfen konnte. So hatten wir die Möglichkeit, doch noch einiges über das Volk zu erfahren. Haupteinkommensquellen der Kuna bildeten der Verkauf von traditionellen Stickereien der Frauen, die sogenannten Molas, und der Fischfang. Vor allem wurde das Hummervorkommen der Inselgruppe radikal ausgebeutet. Dennoch blieben, teils auf Grund der schlechten Preise am Fischmarkt, die Frauen mit ihren Arbeiten die Hauptverdiener. Die Molas wurden in tagelangen Segelreisen nach Colon und von dort in die Hauptstadt gebracht wo sie für fünf bis zwanzig Dollar gehandelt wurden.
Nur wenig Geld wurde unterdessen mit Touristen auf den Inseln selbst gemacht. Die Indianer waren nach wie vor sehr misstrauisch gegenüber Weiße und fürchteten - zu Recht - die Verdrängung ihrer Dörfer und die Zerstörung ihrer Existenz durch zu viele Touristen. Schon früher versuchten europäische Missionare das an sich friedliebende Volk zum Christentum zu bekehren und gefährdeten so die Existenz, die Kultur und den Glauben der Menschen. Nur in einem schlimmen Blutbad sahen die Einheimischen den Ausweg und so töteten sie alle Missionare und zeigten Panama auf diesem Weg, dass sie sich nicht bedingungslos unter die christliche Regierung stellen würden. Seit dieser Zeit wurde kein Eingliederungsversuch mehr unternommen und obwohl die Inseln und das Festland der Kunas politisch noch immer Panama gehörten herrscht seither ein fast eigener Staat im Staat. Panama kümmerte sich wenig um die Inseln und im Gegenzug dafür war auch bei den Kunas wieder Ruhe eingekehrt.
Durch die strickte Rassentrennung seitens der Kunas stellten sich nach und nach immer größere Probleme mit Inzucht ein und so war es nun jedem Stammesangehörigen verboten, ein Mädchen der eigenen Insel zu heiraten. Junge Männer auf der Suche nach der geeigneten Braut mussten die Insel ihrer Mütter verlassen und reisten mit ihren Kanus der Küste entlang, bis sie sich auf der Insel ihrer Zukünftigen ansiedelten. Unverheiratete Mädchen waren sehr leicht auszumachen, denn, wie es die Tradition vorgibt, verzierte ihr Haupt eine lange Haarpracht. Bei der Hochzeit wurden diese Haare abgeschnitten, als Zeichen für die vergebene Frau.
Langhaarige Mädchen waren vom Volk besonders geschützt, ihr Ruf galt als das wichtigste Gut. Unterhielt sich ein unverheirateter Mann mit einem Mädchen nach sieben Uhr abends, also nachdem die Sonne hinterm Horizont verschwand, versuchte die Familie des Mädchens den Schuldigen zur Hochzeit zu zwingen da durch diese Tat das Mädchen in Schande gefallen war.
Trotz aller Vorsicht in Bezug auf Inzucht gab es unter den Kunas dennoch auffallend viele „Mondscheinkinder“, also Albinos. Kinder mit weißer Haut, blonden Haaren und extrem blauen Augen. Nicht unbedingt im Zusammenhang mit Inzucht, aber dennoch bemerkenswert war, dass ein großer Teil der Indianer laut Erzählungen homosexuell veranlagt war. Es schien mir aber, dass diese Veranlagung nicht weiter beachtet wurde. Ich war einigermaßen verwundert, das eine so konservative Volksgemeinschaft einen scheinbar so ungezwungenen Umgang mit Homosexualität zeigte, gerade, weil die Dorfgemeinschaft ansonsten von eher strengen Sitten und Regeln geprägt war. So war auch der Genuss von Alkohol über das ganze Jahr nicht erlaubt. Doch gab es einmal Jährlich ein großes Fest, zu dem Alkohol auf oberster Stufe stand und dessen Vorbereitung schon zeitig vorm Festtermin losbrach. In tagelanger Arbeit vergorten die Indianer Alkohol aus gepressten Zuckerrohrsaft. Der Braumeister, ein auserwähltes Mitglied der Gemeinschaft hatte einen besonderen Stellenwert und seine ganze Arbeit übers Jahr bestand aus dieser Festvorbereitung. Drei Tage lang würde das Fest dauern und das Saufgelage würden Frauen und Männer gleichermaßen teilen.
Drogen galten für die Indianer selbst als absolut verboten, wobei der Handel jedoch nicht als negativ bewertet wurde. Zwar, wie uns versichert wurde, produzieren die Indianer selbst keine Drogen, sie bewachen dafür sorgfältig ihre Strände, denn gestrandetes Schmugglergut galt als ihr Eigentum. Es sollte öfter vorkommen, dass von kolumbianischen Schmugglerschiffen heiße Ware überbord geworfen wurde um bei den scharfen Kontrollen der amerikanischen Coast Guard am offenen Meer nicht erwischt zu werden. Durch die Strömung und die günstige Lage der Insel-gruppe San Blas schwemmte es immer wieder sorgfältig verpackte Plastiktüten voll Kokain und anderen Drogen an. Die Indianer sam-melten die Ware ein und verkaufen sie wieder an kolumbianische Schiffe, die im Tauschhandel die Küste Panamas befuhren. Skrupel-losen Seglern war nur geraten, bei eventuellen Funden ohne Fragen die Finger davon zu lassen, es war nicht gesagt, dass die kolumbianischen Händler diese Fundgeschäfte mit weißen Europäern oder Amerikanern so unproblematisch weiterführen würden.
Das Leben auf den Inseln verbarg für die Indianer bei weitem wichtigere Probleme als Drogen und Alkohol. Keine der Inseln hat ein eigenes Süßwasservorkommen, was auch nicht weiter verwundert, da die Inseln eigentlich nur als Korallenriffen, Sand und Palmen bestanden. Regenwasser wurde nur teilweise gesammelt und als Trinkwasser verwendet. Hauptsächlich ruderten sie Wasser in Kanister und Plastiktanks vom Festland herbei. Doch auch im Nasswald entlang der Küste wurde das Wasser nicht von Brunnen oder Quellen besorgt, es wird einfach im nächsten Süßwasserfluss getankt.
Auch wir gaben einem Wassertrupp zwei unserer Kanister mit, teilweise aus Neugierde, was für Wasser wir bekommen würden. Als das Kanu mit den fröhlichen Insassen und den gefüllten Wasserkanistern zurückkam staunte ich nicht schlecht. Ich hatte mir kein reines oder sauberes Trinkwasser erwartet, aber das Wasser das mir die Indianer brachten wagte ich nicht mal zum Wäschewaschen zu verwenden. Es war braun eingefärbt vom Schlamm und grüne Algen schwammen darin herum. Als das Panga mit den munter schwatzenden Indianern verschwunden war kippten wir den ganzen Frischwasservorrat über die Seite. Obendrein verbrauchten Doris und ich einige Liter unseres sauberen Wassers um die Kanister wieder piko bello zu reinigen. Weiterhin sammelten wir Regenwasser um unseren Gästen das bisschen Luxus einer Frischwasserdusche zu gönnen. Teilweise schüttete es für kurze Zeit heftig und schon sah man die gesamte IRISH MIST Crew mit Seife bewaffnet an Deck herumhüpfen.
Die Zeit unserer beiden Urlauber wurde immer knapper und bald mussten wir uns von den traumhaften Inseln und deren interessante Bewohner verabschieden um den Rückweg nach Colon zu bestreiten. Herrliches Segelwetter erwartete uns. IRISH glitt wie von selbst durch den stahlblauen Atlantik. Die Bewegungen des Schiffes hatten sich verändert, in der kurzen Dünung des Atlantik arbeitete sich IRISH flink durchs Wasser und der Wind zeigte sich gnädig. Die Rossbreiten, von denen wir auf der anderen Seite des Landes gepeinigt worden waren verschonten uns hier gänzlich. Zwar gab es auch hier immer wieder Gewitterschauer, die kamen aber hauptsächlich Nachts und sollten erst während der Hurrikansaison ihren Höhepunkt finden. Zu gerne hätte ich Doris Augen gesehen, wenn auch hier Delfine in unserer Bugwelle munter gespielt hätten, die Schulen waren jedoch nur in größerer Entfernung zu sichten.
Für wenige Tage fiel der Anker abermals in die schöne Bucht von Portobello, wo IRISH MIST von einem der gefürchteten starken Nord-Ost Windstürmen heimgesucht wurde. Schutzlos ausgesetzt sprang die kleine Yacht hinter ihren drei schweren Anker, die sich fest im Schlick eingegraben hatten. Ungebremst trieb der starke Wind den aufgewühlten Atlantik in die Bucht, doch fliehen war zwecklos, unter Segel würde IRISH unumgänglich an die Küste geblasen werden und auf unseren Motor war kein Verlass. Mit immer mehr Kraft wurde das Meer in die Bucht geblasen, bis die Wellen übers Deck der verankerten Yacht, die sich im wilden Tanz von ihrem Geschirr zu reißen versuchte, schlugen. Dieser Zwischenfall war freilich besonders schwierig für unsere Freunde, denn schließlich und endlich, wie hätte es auch anders kommen können, schlug die Seekrankheit zu. Alberts Magen rebellierte und bald bog er sich im Cockpit vor Übelkeit. Das gepeinigte Schiff verlassen war alles, woran er noch denken konnte. Mit aller Kraft versuchte ich, ihn von diesem Vorhaben abzuhalten. Die Wellen am Ankerplatz betrugen geschätzte zwei Meter Höhe und ich war sicher, ein Versuch ins Dingi zu gehen konnte sehr fatal enden. Nicht auszudenken war, was alles passieren konnte, falls Albert zwischen Boot und Dingi fiel oder das Dingi im wilden Tanz der Wellen kentern würde. Er ließ nicht locker, bis er endlich Jürgen überreden konnte, ihn an Land zu rudern. Wir ließen das kleine Beiboot zu Wasser das sofort anfing wie wild herumzu-hüpfen und, auf zwei festen Seefüßen lebend, stand Jürgen auch schon in dem kleinen, bockigen Boot. Krank und unsicher auf den Füßen war nun Albert an der Reihe, das Schiff gegen das gefährlich schwankende Beiboot zu tauschen. Mir blieb die Luft in der Lunge stocken und schon fuhr ein lauter Knall durch die Bucht. Unsanft wurde das geschundene Dingi gegen den Rumpf von IRISH MIST geworfen, hilflos versuchten Jürgen und ich, Albert zu helfen. Kaum war unser Gast mit beiden Beinen im Beiboot stieß Jürgen ab. Mit aller Kraft ruderte er gegen die Wellen um die Höhe zu halten und nicht in den Teil der Bucht gedrückt zu werden, in dem die Wellen in kraftvollen Brechern versuchten, den Küstenstreifen zu zermahlen. Der Wind heulte in meinen Ohren wie im Rigg und schon war die letzte Verbindung zum Dingi abgebrochen. Erleichtert sah ich, wie Jürgen das Beiboot sicher zum Steg brachte um dort Albert ins Fischrestaurant zu bringen. Sie hatten es an Land ohne weitere Zwischenfälle geschafft.
Am folgenden Tag mieteten sich Doris und Albert einen Wagen und durchstreiften mit Jürgen Panama. Ich blieb während dessen am Schiff um etwas Ruhe zu genießen und das Boot durchzuputzen. Ein gemeinsamer Restaurantbesuch beendete die schnell dahingeflogene Zeit und schon waren wir wieder alleine unterwegs.
Kapitel 9
Genesis
Wie schon so oft saßen wir abends auf der Terrasse des Panama Kanal Yachtclubs, als uns ein Segler direkt ansteuerte. „Griaß euch, sag bloß ihr seit Österreicher!?“ meinte Fritz im niederösterreichischen Dialekt. Vor uns stand der erste österreichische Segler den wir trafen. Fritz war mit seinem Sperrholzschifferl AHUN gerade in Panama angekommen. Das im Garten selbst gebaute Boot ließ er zuhause in Österreich in die Donau legen und reiste von dort ins Schwarze Meer. Nach einigen Jahren im Mittelmeer war er nun alleine über den Atlantik gesegelt um voll Vorfreude durch den Kanal in den Pazifik zu schlüpfen.
Die kurze Zeit, die Fritz in Panama verbrachte, sahen wir uns nun fast täglich. Als kontaktfreudiger Einhandsegler unterwegs viel es ihm leicht, im Hafen Leute kennen zu lernen und so war immer etwas los rund um den kleinen hübschen AHUN. Fritz hatte viele interessante Geschichten auf Lager. Er war gelernter Matrose und schon sein halbes Leben auf den Weltmeeren unterwegs gewesen. Fasziniert von kleinen Holzbooten hatte er sich ein Ruderboot bauen lassen mit dem der den Amazonas bereist war. Er liebte es, abends in Gesellschaft auf seiner Gitarre zu zupfen und zeigte sich stets sorglos und den Tag genießend.
Fritz war unterwegs nach Australien und vielleicht sogar rund um die Welt. Doch so weit wollte er vorerst gar nicht denken, wer wusste schon so genau, wohin es einem verschlagen würde. Gemeinsam mit Ali, Gerti und Petruva vom Schiff GENESIS begleiteten wir Fritz auf seiner zweitägigen Fahrt durch den Panamakanal zum Balboa Yachtclub. Ich fühlte mich schäbig, als wir die Bezahlung für den Transit annahmen, doch unser Erspartes war schon sehr zusammengeschrumpelt und wir konnten jeden Cent gebrauchen.
Obwohl AHUN in die entgegengesetze Richtung aufbrach als IRISH MIST, sollten wir Fritz wieder treffen, denn auch Fritz musste immer wieder zurück nach Österreich um erneut Geld zu verdienen. Er segelte, wie wir später erfuhren, Einhand weiter bis Neu Zeeland, wo er AHUN einige Zeit alleine lassen musste, um nach Österreich zu fliegen. Dort fand er Gabi und seine Tage als einsamer Segler waren gezählt. Gemeinsam segelten die beiden AHUN nach Australien um dort das Land kennen zu lernen. Mit einem alten Wohnmobil entdeckten sie die wunderschöne Vielfalt des kleinen Kontinents. Mit dem Flugzeug ging's zurück nach Österreich und AHUN fand in Australien neue Besitzer. Das Sperrholzschiff war zu klein und auch zu alt geworden, um weitere Reisen mit Fritz und Gabi zu unternehmen.
Langsam kehrte Ruhe in Panama ein. Mittlerweile war die Zeit der Hurrikans gekommen und nur noch vereinzelt kamen neue Yachten, um den Transit zu machen. Nur die vielen Frachtschiffe schipperten beim Yachtankerplatz vorbei, in alter und nicht abreisender Routine durchliefen sie den Kanal um ihre Ladungen in ein fernes Land zu bringen. Im Panama Canal Yacht Club selbst war nicht mehr viel vom Kanal zu bemerken, auch unter den anwesenden Yachtleuten hatte sich der Alltag eingestellt und die Gespräche über einen Kanaltransit verstummten.
Nur die paar Segler, die geduldig in der sicheren Wetterecke von Panama auf die richtige Saison warteten, bevölkerten den Ankerplatz und nutzten den Hafen. Und während die Natur versuchte, sich alles vom Menschen geschaffene zu Nutzen zu machen und die Unterwasserschiffe mit Muscheln und Algen bevölkerte, trafen sich die übrig gebliebenen Segler auf ihren Schiffen, tranken gemeinsam kaltes Bier in der Hafenbar oder tüftelten in tropischer Langsamkeit an Verbesserungen für ihre Schiffe und durchstreiften den ausgeprägten Schwarzmarkt nach nützlichen Dingen.
Hin und wieder schlüpfte eine neue Yacht in einen der leeren Liegeplätze des Clubs, in den Gesichtern der Crew konnte man die Erleichterung der gut verlaufenen Etappe durch die Karibik oder auch nur die Ignoranz und Respektlosigkeit gegenüber der Hurrikansaison lesen. Selten wurden diese neu angekommenen Segler, die auch gleich wieder durch den Kanal verschwinden würden, mit der eingesessenen Wartetruppe bekannt, sie waren eilig. Nur die Taxifahrer, die jetzt weniger oft den Yachtclub anfuhren, fielen über die neu Angekommenen wie die Fliegen her, um auch zu dieser schlechten Saison ein paar Dollar machen zu können.
In fast täglicher Gewohnheit schlenderten Jürgen und ich, in unseren mittlerweile gelbstichig gewordenen T-Shirts und löchrigen Hosen, durch die Straßen von Colon. Immer darauf bedacht, in keine der Pfützen, die vor Öl in den Regenbogenfarben glitzerten und in denen sich der Müll der Zivilisation sammelte, zu treten waren wir auf den Weg zum Obst- und Gemüsemarkt, durchstreiften den Fischmarkt auf der Suche nach frischer Wahre oder mieden den stinkenden Fleischmarkt mit seinen Fliegen und Kakerlaken. Wir bummelten durch das große Stoffgeschäft und holten Ersatzteile aus dem Eisenladen.
Der Schmutz der Stadt war bedrückend und dennoch so gewöhnlich, dass der Müll in den Straßen, der Gestank, nach fauligem Essen und sich langsam auflösenden Abfall, die braunen und schwarzen Pfützen und die vor Abgase stinkenden Straßen kaum mehr zu bemerken waren. Alle zwei Wochen fuhr ein Radlader durch die Straßen von Colon um mit seiner Schaufel den Müll von den Straßen zusammenzuschieben und auf Lastwagen aufzuladen. Sie würden den teilweise eingesammelten Müll wegfahren um ihn wahrscheinlich irgendwo ins Meer zu kippen.
Doch die Bequemlichkeit hatte uns gepackt und so blieb auch der Anker von IRISH MIST einige Zeit im dreckigen Schlamm des Hafenbeckens begraben. Die Tage vergingen während wir nur davon redeten, wieder zurück zu den San Blas Inseln zu segeln und die Atlantikküste Panamas zu erforschen. Von Frachtern kauften wir ein paar Jahre alte Seekarten von der amerikanischen Ostküste und vom Atlantik und Abends saßen wir im Cockpit und be-obachteten, wie das Treiben an den Ladestegen langsam beendet wurde und in den Schiffen die Lichter angingen.
Gemeinsam mit GENESIS verließ IRISH MIST in den Morgenstunden den Hafen auf den Weg in die „Markus-Marina“. Wir verstanden uns auf anhieb mit der großartigen Familie, die schon seit einer halben Ewigkeit auf der kleinen roten Stahlsloop lebte. Irgendwann hatten Gerti und Ali Deutschland den Rücken gekehrt und segelten nun schon über 20 Jahre herum. Lange Zeit verbrachten sie in Israel, ein Land, von dem Ali ganz besonders fasziniert war. Von der westlichen Gesellschaft abgewandt hatte Gerti ihre drei Kinder an Bord zur Welt gebracht und übernahm auch die Schulausbildung von Thomas, Anuar und Petruva, die Gerti sehr gewissenhaft ausübte. Sie alle sprachen fünf Sprachen fließend und lernten neben den klassischen Fächern viele praktische Lebensweisheiten.
In Panama, wo wir die Familie kennen gelernt hatten lebten sie zu viert mit Hund und Katzen auf ihren rotem Stahlschiff, ihr ältester Sohn Thomas war mittlerweile nach New York gezogen, wo er selbständig arbeitete. Anuar war eher selten am Schiff anzutreffen, mit seinen 18 Jahren war er immer Unterwegs und hatte stets Freunde unter den Ortsansässigen. Die acht-jährige Petruva hingegen war ein ständiger Begleiter ihrer Eltern.
Gertis Augen sprühten vor Lebensfreude. Stets an allem interessiert empfing sie mit offenen Armen Gäste an Bord und unterstützte Ali bei aller Arbeit, die er leistete, um ein kleines Einkommen für die Familie zu schaffen während Anuar seiner großen Leidenschaft nachging und nach einem guten Mittagessen fischte. Die fröhliche Lebenseinstellung, die offene Weltanschauung und die intelligenten Gespräche der beiden ließen uns bald zu guten Freunden verschweißen.
Die „Markus-Marina“, eine kleine Bucht südlich von Bahia Blanca, hatte ihren Spitznamen durch den Schweizer Markus, der mit seinem Segelboot hierher gekommen war und nun das Stückchen Land vor der Bucht besaß. Durch die Untiefen war es ohne Hilfe fast nicht möglich, ohne Grundberührung den Weg in die Bucht zu finden. Deshalb hatte Markus an der Einfahrt eine gelbe Boje gesetzt, wenn man diese mit dem Segelschiff erreichte kam er oder einer seiner Helfer mit einem Beiboot heraus um den sicheren Weg in die ruhige Bucht zu zeigen.
Die kleine Bucht war voll gepackt mit Schiffen, mit Bug- und Heckanker sicherten wir uns ein Plätzchen unweit von GENESIS. Vor der Bucht war, am Ende des Beibootstegs, eine kleine nette Bar, in der wohl Markus sein eigener bester Gast war. Dieser Ort war ein wahrer Treffpunkt europäischer Segler, neben Deutschen und Schweizern traf man hier auch französische Weltenbummler. Nur wenige Amerikaner und Kanadier verirrten sich in die Bucht, was auch ganz einfach zu begründen war. Der Panama Cruising Guide, das amerikanische Küstenhandbuch Panamas, beschieb die „Markus-Marina“ als schwer erreichbar und gefährlich anzusegeln worüber sich Markus ziemlich ärgerte, da er sehr bedacht auf die sichere Landung der Yachten war. Auch wir segelten mit dem Küstenhandbuch und wären ohne der Begleitung von GENESIS wahrscheinlich nicht hier her gekommen.
Markus verrechnete nichts fürs Ankern in der Buch. Viele verließen aber das Schiff für ein paar Monate um nach Hause zu fliegen und für eine kleine monatliche Pauschale kümmerte sich Markus um die alleine gelassenen Yachten.
Viele Abende saßen wir nun in der kleinen Freiluft-Bar und genossen gekühltes panamesisches Bier in Markus Gesellschaft. Ich liebte es ganz besonders, mit Gerti über alles Mögliche und Unmögliche zu tratschen, durch ihre Vielschichtigkeit wusste sie zu fast jedem Thema interessantes. Ali und Jürgen redeten meist über technische Themen die natürlich meist das Boot oder Segeln an sich betrafen.
Die Bucht war im großen und ganzen gut geschützt, nur wenn einer dieser berüchtigten Nord-Ostwindstürme durchzog konnte es ungemütlich werden. Wir hatten schon einmal, mit Albert und Doris in der Bucht von Portobello die Gewalt dieser Winde erlebt. Hier in der Markus Marina sollten wir erneut mit ihm Erfahrungen sammeln.
Nach einem arbeitsreichen Tag auf IRISH MIST, wie so oft hatten wir kleine Gebrechen repariert, genossen wir den angenehm lauen Abend mit den uns lieb gewonnen Menschen vom Ankerplatz. Wir saßen dicht gedrängt im Cockpit von IRISH MIST und musizierten in einem kunterbunten Durcheinander während der Wein floss. Gerti hatte frische Fischsuppe serviert von der nun nichts mehr übrig geblieben war. Alles war ruhig und friedlich rund um IRISH MIST, da die meisten Segler, die ihre Yachten in der Bucht gewissenhaft verankert hatten bereits für einige Zeit nach Hause geflogen waren.
Spät nach Mitternacht verkrochen wir uns in unsere Kojen und endlich wurde es ruhig am Ankerplatz. Doch der friedliche Abend hatte getäuscht. Wir schliefen bereits als uns ein unerträgliches Schleifen und Poltern weckte. Der Anker rutschte über dem Grund, soviel wussten wir in der Sekunde in der wir die Augen öffneten und uns entgeistert anblickten. In Windeseile und splitternackt stand ich im Cockpit. Ich konnte es nicht glauben, noch am Vortag war ich auf den Grund geschnorchelt und hatte mich vom Sitz des Ankers überzeugt. Auch Jürgen war bereits im Cockpit und warf mir einen Pullover zu. Im Mondschein leuchtete die weiße Yacht, die am Abend noch hinter uns gelegen war, vielleicht dreißig Zentimeter neben uns.
Das Wasser der Bucht hatte sich zum Fluss entwickelt. Wir bereiteten den zweiten Buganker, IRISH dürfte nicht weiter ihren Anker durch das Wasser ziehen, denn knapp hinter uns lag die nächste Yacht. Doch so sehr wir es auch versuchten, die Strömung war so stark dass es Jürgen trotz guter Kondition nicht schaffte da-gegen anzukommen um unseren Zweitanker aus zu bringen. Wir verfluchten unsre Sparsamkeit, weshalb hatten wir nie in einen Außenborder investiert, nun wäre er sein Geld wert gewesen. Da hörte man schon das Knattern Alis Außenborder der uns geistes-gegenwärtig zu Hilfe eilte. Auch die Mannschaft der GENESIS war aufgewacht und hatten unsere Schwierigkeiten bemerkt.
Vom Cockpit aus beobachtete ich die zwei Männer bei der Arbeit und wunderte mich dennoch, wie unser Anker nicht halten konnte. Ohne weiter darüber nachzudenken griff ich zur Trosse des Heckankers. Ich konnte ihn ja jetzt dicht holen da ich vermutete, der Anker würde direkt unter dem Boot liegen. Aber weit gefehlt. Das Seil spannte im fünfundvierzig Grad Winkel nach hinten. Eine Yacht, die gestern noch neben uns lag, war der Übeltäter unsres Drift.
Mit einem Bruceanker, der nicht ordentlich eingefahren war und deshalb keine Chance hatte die schöne Yacht zu halten war sie hier in der Bucht zurückgelassen worden. Heute Nacht hatte sie sich losgerissen bis der Anker in der Trosse IRISHs Heckanker Halt gefunden hatte. Nun war es für unseren Buganker unmöglich, zwei Schiffe in dieser Strömung zu halten und so hatte uns die weiße Yacht mit gezerrt. Als Ali und Jürgen zurück am Schiff waren, zeigte ich ihnen das Übel und wir berieten, was nun zu tun sei. Wenn wir nun den Heckanker lösten würde sich die Yacht unweigerlich auf den Weg quer durch den Ankerplatz machen um alle weiteren Schiffe zu gefährden und schließlich ihr Ende auf der Riffbank am Ende der Bucht zu finden. Zu wenig Platz war vorhanden, um auf die Yacht zu klettern und diese neu zu Ankern, wir waren bereits zu weit abgetrieben und ein neues Ankermanöver in dieser Strömung würde nur weitere Schiffe gefährden. Das Ankergeschirr von IRISH MIST musste beide Boote halten. Es blieb uns nichts anderes übrig als abwechseln auf Ankerwache zu gehen und bei neuerlichem Treiben einen dritten Anker zu setzen.
Das Wetter hielt die nächsten Tage und auch unsre Anker. Erst nach zwei Tagen ließ die Strömung soweit nach, dass wir uns wieder an Land wagen konnten, nachdem die beiden Schiffe voneinander getrennt und neu verankert waren.
Noch einige Zeit verbrachten wir hier und genossen dieses ruhige Verweilen. Doch wir wussten insgeheim, dass lang-sam aber sicher unser Ersparten schwand und wir, sobald wir in den USA waren, einen Job finden mussten. Ich konnte nur hoffen, dass es nicht zu schwer werden würde, eine Arbeit zu finden, da ich ja vor einiger Zeit die amerikanische Arbeitserlaubnis bekommen hatte.
IRISH MIST durchstreifte leichtfüßig den Atlantik in Richtung Colon. Unsere Zeit in Panama war bald vorüber und wir waren fest entschlossen, ohne weiteren Zwischenstop nach Florida zu segeln. Doch nicht nur das Geld war Grund, an der Karibik vorbei zu segeln, meine Eltern hatten sich angekündigt. Als Treffpunkt wurde wir Miami ausgewählt.
Unsere Zeit in Colon war geprägt vom Zusammensein mit anderen Seglern, denn hier trafen sich viele interessante Persönlichkeiten aus aller Welt. Bunt gemischt war das Feld am Ankerplatz, vom Einhandsegler mit kleinem Schiff bis zu , von Crews gesteuerten, Megayachten, die aber immer genauso schnell verschwanden wie sie gekommen waren. Der Terminkalender lastete auf den Crews der großen Yachten, ihre Eigner gaben vor, zu welchen Zeitpunkt die Yachten an welchen Teil dieser Erde erwartet wurden.
Noch lebhaft im Gedächtnis blieben uns Eva und Hans, ein nette deutsches Pärchen, das mit ihrer viel zu kleinen Bodenseeyacht die halbe Welt bereiste. Das Schiff war gerade groß genug, um den Proviant, den die Beiden für ihre langen Reisen brauchten, zu verstauen. Es gab keine Stehhöhe im Schiff, keine Toilette und nur genügend Platz, um zu schlafen. Dafür liebte es das Paar, das Schiff wie bei einer Regatta zu trimmen, weshalb sie von unglaublichen Etmalen erzählen konnten.
Lukas, ein junger Mann aus Italien, unterwegs im traditionellen Holzschiff, das er selbst gebaut hatte, war ein echter Purist. Getakelt mit dem traditionellen Gaffelrigg und ohne Elektronik an Bord, war er über den Atlantik gekommen. Als einzige moderne Technik an Bord gab es einen Außenbordmotor, der ihn durch den Panamakanal bringen sollte. Zu allem Unglück wurde dieser aber gestohlen und so war es für ihn aussichtslos, das Schiff durch den Kanal zu bringen. Mit seinem letzten Geld kaufte er Lebensmittel und brach Richtung Argentinien auf, wo er Arbeit suchen würde.
Gemeinsam mit Hans und Eva durchstreiften wir in einem Mietauto die Wildnis Panamas und fuhren zur Pazifikküste des Landes. Den schönen Tag schlossen wir mit einem Reiseintopf auf DELFIN und dem Versprechen, sie durch den Kanal zu bringen.
Frachtschiffe wurden be- und entladen, Yachten kamen und gingen, Passagierschiffe rannten durch den Kanal, panamesische Fischer brachten täglich ihren Fang zum Markt und ab und zu segelte ein kleines Einbaum voll Kunaindianer in die Hafenbucht, um ihre Handarbeiten und die Hummerfänge zu verkaufen und Lebensmittel aus der Stadt zu holen.
Wir hatten uns längst an die raue Optik der Stadt gewöhnt und fühlten uns fast zu Hause. Die Zeit schritt voran und das Ende der Hurrikansaison war in Aussicht. Ein letztes mal besuchten wir die Märkte und den großen Supermarkt und bereiteten uns auf den Übersetzer vor. Alle Tanks waren gefüllt und die Schapps quollen über. Noch einmal würden wir in die Markusmarina segeln, von wo wir unseren Absprung in die USA starten würden, sobald es das Wetter zuließ.
Zuerst mussten wir ausklarieren und schon beim Gedanken daran schnürte sich mein Magen zusammen. Mittlerweile war unser Touristenvisum bereits 3 Monate ausgelaufen und auch unser Schiff hatten wir aus Kostengründen nicht ordnungsgemäß einklariert. Das „Cruisingpermit“, ein Papier, welches uns Segeln in panamesischen Gewässer für drei Monate erlaubt hätte, kostete 90 US Dollar, eine Ausgabe, die wir nicht willig gewesen waren zu bezahlen.
Um aber in die USA ohne Schwierigkeiten einreisen zu können, mussten wir einen Ausreisestempel vorweisen, weshalb wir nun auf den Weg zur einheimischen Behörde waren. Wie in allen zentralamerikanischen Amtsgebäuden wurde wir zuerst einmal auf eine Sitzbank verwiesen, wo wir geduldig zu warten hatten. Mit jeder Minute Wartezeit stieg meine Nervosität, am liebsten hätte ich begonnen, auf meinen Fingernägel herum zu kauen. Nach längerem hin und her hieß es schließlich, wir seien ein Fall für die Chefin der Immigration, und wieder mussten wir warten. Ich rechnete bereits mit einer hohen Geldstrafe oder einen Landesverweis, wir hatten ja in den USA schon erlebt, das Beamte mehr Macht ausüben konnten als einem lieb war. Endlich wurden wir ins Büro bestellt.
Beim Eintritt ins große Zimmer glaubte ich in eine fremde Welt einzutauchen. Der riesige Raum war fast leer, nur gegenüber der Tür, vor den vielen Fenstern, stand ein wuchtiger Schreibtisch aus dunklem, rotem Tropenholz. Davor lag ein Löwenfell mit Kopf am Fußboden ausgebreitet, das über die Herrin des Raumes wachte. Sie selbst, eine schoko-ladenbraune, beeindruckende Schönheit war gekleidet in afrikanischen Stoff, reich bedruckt in erdigen Farben. Das Bild, das sich mir bot war einfach zu konträr zu dem, was ich mir vorgestellt hatte, zu den kahlen Räumen voll von uniformierten Angestellten des restlichen Gebäudes, und so blieb ich einige Augenblicke stehen und bewunderte das fremdländische Bild vor mir.
Jürgen behielt seine Fassung, brachte unser Anliegen eines Ausreisestempels hervor und reichte ihr die Pässe. Nach einigen Augenblicken teilte sie uns mit, das unsre Visums offensichtlich seit mehreren Monaten abgelaufen waren. Doch die Angelegenheit ließ sich schnell klären. Gegen fünfundzwanzig US Dollar ohne Rechnung wurden unsre Pässe abgestempelt und nach wenigen Minuten wanderten wir wieder auf den Straßen Panamas herum. Uns wurde zwar mitgeteilt, dass wir noch zum Zoll müssten um die Cruisingpermit des Landes ordnungsgemäß rückwirkend zu bezahlen, worauf wir aber verzichteten, mit dem Ausreisestempel im Pass stand der Einreise in die USA nichts mehr im Weg, so hofften wir.
Nötiger Proviant war gestaut und Schiff und Crew war bereit den Übersetzer in die USA anzutreten. Die offizielle Hurrikansaison war vorüber und die Zeit, die uns für die Reise blieb war knapp berechnet. In vier Wochen würden meine Eltern in Miami landen, um uns zu besuchen.
Wie mit GENESIS verabredet, segelten wir zurück zur Makusmarina, wo wir ein paar Tage später ablegen würden. Mittlerweile waren viele Yachteigner der dort verankerten Schiffe bereits zurückgekehrt und an den Ankerplätzen rund um Panama herrschte Aufbruchstimmung. Ein amerikanischer Segler an Bord einer hervorragend ausgerüsteten Yacht half uns, einen guten Startzeitpunkt zu finden und endlich erhielten wir grünes Licht. Der Wetterbericht laut UKW Radio war gut und auch das Wetterfax zeigte keine Störungen. Zwar sollte ein kleines Tief über Afrika stehen, das jedoch laut Jim völlig bedeutungslos für uns war. Zumindest die erste Woche der Reise würde uns das Wetter die schöne Seite des Segelns erleben lassen. In drei Wochen landete das Flugzeug mit meinen Eltern in Miami, wir würden bald genug ankommen.
Freude. Wir würden ablegen. Umarmungen. Aufregung. Trennungen. Vorfreude. Geprägt von gemischten Gefühlen kam der Abschied unter Segler. Freude ließ uns strahlen, Freude über die Zeit vor uns, in der wir weiter segeln und neue Länder kennen lernen konnten. Trauer schlich sich ein und legte unbemerkt ihre Schatten über die Trennung von lieb gewordenen Freunden und einen schönen Platz, der als Heimat gedient hatte und den es nun für immer zu verlassen galt. Doch die Aufregung blies die Schatten in eine Ecke und lenkte die Aufmerksamkeit auf die neuen Erfahrungen, die wir bereit waren zu erleben. Vorfreude und Freude beflügelten uns bei dem Gedanken, wieder einzutauchen in den Rhythmus der Natur und die einfache Freiheit unter Segel. E-Mail Adressen wurden ausgetauscht ohne dabei Versprechen abzugeben oder einzufordern. Unsere Freundschaft würde eine schöne Erinnerung bleiben und nicht in eine Verpflichtung wandeln. Respekt flößte uns die Weite und Kraft der Natur vor uns ein und ließ uns bitten, uns anzuerkennen und milde mit uns zu verfahren.
Der Anker war gelichtet, Dingis lotsten uns aus Markus Bucht und letzte Zurufe und Abschiedsworte wurden vom Wind über das alles erfüllende Blau des Atlantik getragen. Die Genua schüttelte sich zweimal im Wind bevor sie straff durchgezogen wurde und mit einem letzten brummen wurde der Motor ruhig. IRISH MIST hatte endlich wieder Segel gesetzt für die große Fahrt und wie durch eine unsichtbare Hand war all der Staub und Alltag Panamas von mir gestrichen.
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