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[Main]

Von Bamberg bis Mainz

Mit Wollmütze durch die "wärmste Region Bayerns"!

Wir haben den anstrengenden Kanal hinter uns gelassen und der Main verlockt mit seinen schönen und üppigen Ufern. Mittlerweile blühen nicht nur die Obstbäume in herrlicher Pracht, auch fröhlich gelbe Rapsfelder leuchten hinter beiden Uferstreifen. Es ist wirklich schön hier, auch wenn das Wetter nicht mitspielt. Grau verhangen ist der Himmel und kein Sonnenstrahl schafft es durch die einzelnen Regenschauer. Nur gut, dass La Belle Epoque mit einem Steuerhaus ausgebaut ist, hier ist es trocken und warm.
„Bei uns treibt ein Sportboot vorbei!“ fangen wir auch gleich einen Funkspruch eines empörten Frachterkapitäns auf. Der leere Außensteuerstand verwundert! Nein, keine Sorge, La Belle Epoque ist voll unter Kontrolle! Die Güterschiffe, Schubverbände und Kabinenschiffe gehören zu unserem Alltag. Wir hängen uns ihnen an, um gemeinsam durch die Schleusen gebracht zu werden, wir machen ihnen Platz, wenn sie uns begegnen, wir beanspruchen ein Stück Mauer oder eine Dalbe zwischen ihnen, um die Nächte ruhig zu liegen und wir freuen uns, dass jeder einzelne an Bord unsere Grüße erwidert.

Nur Sportboote, die fehlen hier fast gänzlich. Zwar sind die Yachthäfen entlang des Flusses gefüllt mit Motor- und, erstaunlich vielen, Segelbooten, doch Reisende trifft man nicht. Komisch, dachte ich doch immer, dass zu dieser Jahreszeit viele Segler den Weg ins Schwarze Meer einschlagen. Und müsste nicht auch die österreichische „Solarwave“ schon längst unterwegs sein? Ja, und tatsächlich, wir begegnen ihr an der Schleuse Knetzgau. Die Crew des elektrobetriebenen Kats hat allerdings viel zu viel Stress, um unsere Grüße erwidern zu können.

Der Wind hat ganz schön aufgefrischt und La Belle wird lebendig. Als würde sie sich freuen, endlich ein Lüfterl zu spüren, hebt sie ganz leicht ihr Heck aus dem Wasser und lässt sich vom Wind schieben. Nicht gerade zu unserer Freude, werden wir doch regelrecht in die Schleusen hinein geblasen. Und rückwärts Aufstoppen, ja, das ist halt so eine Sache mit einem einmotorigen Langkiel...

Die Schleusenarbeit allerdings ist schon zur Routine geworden. Jeder von uns zwei kennt seine Handgriffe, die Arbeit klappt wie am Schnürchen. Na, es geht ja jetzt auch bergab, was die Sache ohnehin leichter macht. Die Schleusen am Main sind lang genug, dass wir gemeinsam mit zwei großen Güterschiffen in die Kammer passen, der Schleusenhub beträgt nur noch wenige Meter. Dafür sind die 384 Mainkilometer mit satten 34 Schleusen gespickt, im Schnitt also alle zehn Kilometer eine Schleuse, das hält auf! Einen erstaunlichen Effekt allerdings bringen die vielen Schleusen: wir können es fast nicht glauben und rechnen ein zweites und drittes mal durch: nach 65 Motorstunden am Main tanken wir 160 Liter Diesel.

Das ergibt knappe 2,5l Verbrauch in der Stunde. Unglaublich? Na, wir liegen ja die halbe Zeit mit auf Standgas laufendem Motor in den Schleusen. Und, die Strömung schiebt mit an. Ja, denn wenn auch der Main ein sehr sanftes und ruhiges Gewässer ist, seine wenige Strömung läuft mit uns.

So ruhig der Main ist, so flach werden leider auch seine Ufer. Der Fluss macht es uns schwer, gute Ankerplätze oder Liegemöglichkeiten zu finden. Ziemlich jeder Yachthafen fällt sozusagen flach, mit meist 1,3 bis 1,5 Meter Wassertiefe brauchen wir gar nicht daran denken, dort anzulegen. Im Gegensatz zum Kanal wollen die freundlichen Schleusenwärter nichts davon wissen, dass wir uns gerne an ihre Dalben legen würden. Aber kein Wunder, hier ist es auch viel zu eng, dass ein „Sportboot“ – so die offizielle Flussbenennung unserer Belle – auch noch im Weg liegt. Karten, in denen die Wassertiefen eingezeichnet sind, existieren ja ohnehin für Flüsse nicht und obendrein ist der Main noch gefüllt mit Unterwasserbuhnen, also Schotterhügel, die gegen die Auswaschung der Ufer angelegt wurden. Die abendliche Suche nach einem guten Platz für die Nacht wird regelrecht zum Krampf, vom Städtebesuch ganz zu schweigen.

In Würzburg wollen wir es aber wissen. Der Würzburger Yachtclub, der im Bootshandbuch eingezeichnet ist, ist leider von der Bildfläche verschwunden, was also tun. Wir fragen beim Schleusenwärter nach, aber auch hier kann der uns nicht an seine Mauer legen lassen. Keine Chance! Aber er forscht nach und nach einer vergangenen Minute meldet er sich erneut: Im alten Hafen ist Platz und zwei Meter Tiefgang sind hier wohl auch kein Problem. Super, danke und schon geht's durch diese Schleuse mit der schönen Brücke darüber und in den Alten Hafen.

Wir melden uns an und bekommen einen Platz an der Mauer zugesprochen. Dachten wir halt. Denn den seichten Bootssteg konnte der Hafenmeister ja wohl nicht gemeint haben. Der kalte Schnürlregen beim Schleusen hat uns halb erfroren und so wärmen wir uns bei einer Tasse Kakao mit Rum (danke Mignon, warmer Kakao ist wirklich das beste Rezept gegen nasskaltes Segeln), als plötzlich draußen die Hölle los ist. Ein Kreuzfahrer schiebt sein Heck auf uns zu und unter großem Trara und im Blitzlicht vieler Fotoapparate werden wir von der Mauer vertrieben. Der Hafenmeister kann es gleich gar nicht glauben, dass es am Bootssteg keine zwei Meter hat und schon sitzen wir im Schlamm. Über zwei Stunden kämpfen wir aus dem blöden Hafen wieder raus. Denn jeder weitere Platz, den uns der Hafenmeister zuteilt, ist verschlammt und so sitzen wir dreimal im Dreck und loten für den Hafenmeister das Fahrwasser aus. Schließlich bekommen wir einen Platz hinterm bayrischen Lagerhaus BayWa an einer Mauer im Strom zugeteilt. Ohne Hafengebühren, aufgrund der widrigen Umstände erlassen...

Wir genießen eine warme Dusche, hausgemachte Bratwürstel und viel Gastfreundschaft bei Wolfgang und Martina und radeln und laufen kreuz und quer durch die hübsche Stadt. Müde fallen wir schon früh in die Koje und zeitig am nächsten Morgen geht's weiter. Die Landschaft hat sich mittlerweile wieder geändert, die sanften Hügel sind gefüllt mit Weingärten und die vielen kleinen Dörfer entlang der Ufer zeigen stolz ihre vielen Fachwerkshäuschen. Wie schon in ganz Bayern ragen überall die Kirchtürme empor und an beiden Ufern reihen sich die Campingplätze. Kein Wunder, durchkreuzen wir hier die Spessart. Obwohl die Städte und Dörfer entlang des Mains im Zweiten Weltkrieg unter den vielen Bombenangriffen zu großen Teilen zerstört wurden, wurde vieles wieder nach alten Vorbildern aufgebaut und in vielen Ortschaften fühlt man sich um Jahrhunderte versetzt. So auch in Miltenberg, das sogar einen eigenen Yachtanleger an seiner Promenade hat. Mit 2,5 Meter Wassertiefe, welcher Luxus!

Wir lassen die Spessart hinter uns und nur noch wenige Kilometer Main liegen vor uns. Beeindruckend öffnet sich Frankfurt vor uns und schon ist es auch vorbei mit der Stille und der von Vogelgesang erfüllten Natur. Alles um uns ist bunt und bewegt sich. Ja, bewegt sich sogar lautstark. Am Wasser, auf den Straßen und Schienen um uns und in der Luft über uns. Hier ist wirklich alles in Bewegung! Entlang der Kräne und Lagerhäuser geht's weiter zu den letzen Schleusen im Main, immer weiter Richtung Kilometer Null und schon öffnet sich der große Rhein vor uns. Und so lassen wir Bayerns wärmste Gegend hinter uns, die wir mit Wollmützen und Regenjacke durchquert haben.

 

 

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