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[Nordsee]

 

Salz auf unserer Haut

Wir haben die Flüsse so gut wie hinter uns. La Belle Epoque ist wieder ein stolzes Segelschifferl unter vielen und fällt nicht mehr weiter auf. Die Anstrengung und Müdigkeit, die das letzte Stück Flussfahrt uns gebracht hat, ist schön langsam von uns abgefallen, wir fühlen uns wohl und gerne gesehen hier im WV Motzen und haben alles so weit fertig für das Reisen über Meere. Na ja, wirklich alles? Immer noch knattert die Welle beunruhigend, wenn wir den Gang einlegen. Auch leckt die Stevenrohrdichtung ein wenig. Nicht gefährlich, aber dennoch...

Und so kommt uns der Vorschlag sehr entgegen, dass wir doch ohne weiteres an der Steganlage am schönen Clubhaus trocken fallen können. Ja klar, wir sind im Watt, einmal hoch und trocken gibt's die gute Nachricht: das Wasser kommt bestimmt wieder! Ist ja auch ganz normal hier, ab und zu im Schlick zu stehen.

Gesagt, getan, auch wenn uns ein wenig mulmig im Bauch ist, ist es doch sehr cool, einfach die Tide zu nutzen, um Arbeiten am Unterwasserschiff zu erledigen und schon ist La Belle Epoque bei Hochwasser am besagten Steg festgemacht und wir warten. Knut kommt noch schnell vorbei, hilft, La Belle Epoque ordentlich fest zu machen, leistet uns Gesellschaft beim Warten und schmunzelt ein wenig über unsere „Sorgenleine“, eine Leine, mit der wir die Mastspitze mit einem Baum verbunden haben, so kann La Belle unmöglich in die falsche Richtung umfallen! Und schon zieht sich das Wasser zurück. Unser Schifferl neigt zwar die Nase etwas Richtung Boden, doch bleibt sie schön aufrecht im Schlick stehen. Jürgen arbeitet am Schaft und ich mach mich mit meinen knallgelben Gummistiefel auf den Weg unters Schifferl. Tja, geht doch wirklich einfacher als Tauchen und ja, das Wasser ließ nicht länger auf sich warten, als auch im Gezeitenkalender steht.

Zum Hochwasser um drei Uhr morgens geht's zurück an unsrem Stegplatz, der uns hier so großzügig zur Verfügung gestellt wurde und an dem keine Gefahr von neuerlichen Trockenfallen schwebt, denn immerhin geht's morgen los.

Schon früh morgens herrscht geschäftiges Treiben am Steg, Alfred und Anton packen die letzten Dinge in die Kiluha und wir werden fröhlich überrascht von den vielen Vereinsmitgliedern, die bei uns vorbeischauen um sich zu verabschieden. Mit auslaufendem Wasser legen wir ab. Denn hier dreht sich alles um die Strömung, hier geht's nicht um den Zeitpunkt, den man gerne auslaufen möchte, hier geht's um den Zeitpunkt, zu der Tidenstrom ein Auslaufen zulässt. Und da der Wind einfach nicht mitspielen will, motoren wir neben Kiluha nach Bremerhaven. Der schrullige Hafenmeister aus Kärnten knöpft uns das Liegegeld ab und wir verbringen die halbe Nacht mit Rotwein bei Alfred und Anton. Schwätzen über frühere Reisen, über neue Ziele und über den kommenden gemeinsamen Weg.

Bremerhaven kommt dabei fast ein wenig zu kurz, denn schon kommenden Tag wollen wir unseren ersten richtigen Segelschlag machen. Wir wollen die einzige deutsche Hochseeinsel ansteuern, ein guter Ort, um weitere Reisen über die Nordsee anzugehen, den Dieseltank auffüllen und zollfrei einzukaufen. Zwar hatten wir geplant, erst einmal kreuz und quer an der Küste zu segeln und die vielversprechenden Orte an der deutschen Küste zu sehen, doch haben wir schnell einsehen müssen, dass La Belle Epoque nicht ernsthaft das richtige Boot für solche Unterfangen ist. Durch ihren Tiefgang und unser Unwissen im Watt wäre es einfach zu gefährlich, sich nicht an die betonten Fahrwasser der Küste zu halten. Gut und schön, aber zwischen den Tonnen lässt sich nur segeln, wenn auch der Wind von der richtigen Richtung kommt und weiterhin durch die Gegend motoren? Nein danke, dann doch lieber raus ins freie Nordseewasser.

Doch die Weser ist wohl anderer Meinung! Der Wetterbericht hat zwar keine Windwarnungen rausgegeben, doch Böen hallten sich nicht immer an den Wetterbericht und kaum den Steg verlassen türmen sich Wolkenfelder am Himmel. Alfred bindet wohlwissend ein Reff in sein Groß, wir segeln erst einmal ohne Besan, immerhin segeln wir La Belle Epoque zum ersten Mal und man will ja nichts übertreiben. Gute Entscheidung, denn schon fällt eine Böe über uns ein und La Belle kränkt unter ihrer viel zu vollen Garderobe weg. Der Wind bläst uns auf die Nase und der Versuch, aus der Weser zu kommen wird zur Qual. Nee du, sind wir den blöd? Wer hat gesagt, dass wir ausgerechnet heute nach Helgoland müssen?

Die kleine Insel wird doch wohl auf uns warten können und nicht in der Zwischenzeit verschwinden. Die Entscheidung ist schnell getroffen und La Belle vollführt eine Wende während Kiluha in den Wind aufkreuzt. Solche zwei Haudegen, denken wir noch, diese Nordseesegler, da sind wir doch noch ein wenig jünger als die Beiden und die segeln uns einfach so davon. Aber was soll's, Morgen ist auch noch ein Tag und vielleicht bringt das Wetter ein wenig bessere Voraussetzungen für unseren ersten Nordseetörn. Wir ankern auf der Kleinfahrzeugreede, was eigentlich nichts anderes heißt, als am Ankerplatz für Flussfrachter und Hochseefischer und teilen uns zur Vorsicht auf Ankerwache ein. Wir kennen ja den Anker noch nicht gut genug um ihm wirklich zu vertrauen und hier hat´s aber eine Strömung!

Um halb vier Uhr morgens gehen wir Anker auf und verlassen endgültig die Weser. Das Umdrehen und Warten hat sich gelohnt, ein herrlicher Sonnenaufgang versüßt uns die ersten Segelstunden und der moderate Halbwind schiebt uns immer weiter in die Nordsee. So macht Segeln Spaß! Aber uff, muss denn noch so eine lästige hohe und kurze Welle gegen uns stehen? Bald schon lässt Jürgen den Horizont nicht mehr aus den Augen um nicht entgültig krank zu werden. Ich denke mir nichts dabei und sieh mir eine ganze Weile die Seekarten am Laptop durch.

Als ich wieder nach draußen schlüpfe, läuft mir die Farbe aus dem Gesicht. Ui, so fühlt sich dass also an und schon halte ich mich an der Reling fest! Die Übelkeit verfliegt aber genauso schnell, wie sie gekommen ist und müde und geschlaucht laufen wir in Helgoland ein.

Der Hafenmeister erzählt, dass Kiluha noch nicht hier war. Na dann, die Beiden haben auch abgedreht. Wir sind ein wenig froh, nicht die einzigen zu sein, denen das gestrige Wetter missfallen hat und schon am frühen Abend verkriechen wir uns in der Koje. Bald schon bindet ein Boot an unserer Seite fest weil der Steg voll belegt ist, verschlafen sehen wir, dass es nicht Kiluha ist, die aber etwas später ankommt.

Auf der kleinen Insel Helgoland fühlt man sich gleich wohl und nachdem wir Zollfrei-Rum gebunkert haben, spazieren wir über die rote, geschichtsträchtige Insel. Selbst die Österreichische Monarchie hatte hier mal ihre Finger im Spiel und kämfte vor Helgoland bei einer Seeschlacht gegen Dänemark an der Seite der Preusen. Während der schrecklichen Naziherrschaft in Deutschland sollte Helgoland zu einem riesigen Kriegshafen ausgebaut werden, doch die Bewohner Helgolands mussten für das „Projekt Hummerschere“ teuer bezahlen: in einem gigantischen Bombenangriff wurde die gesamte Insel zerstört. Schließlich ging das Landrecht an die Briten, die alle Einheimischen nach Deutschland deportierten und auf die verrückte Idee kamen, die Insel zu versenken. Der „Big Bang“ sollte die Insel von der Erdoberfläche löschen und massenweise Sprengstoff wurde auf die Insel geschafft. Helgoland hielt jedoch stand und nur ein Teil der roten Klippen versank in der Nordsee.
Schließlich wurde das ungeliebte Kind an Deutschland zurückgetauscht und die Helgoländer nahmen ihre Insel wieder in Besitz und bauten einen autofreien Kurort und Anziehungspunkt für Touristen daraus. Der raue Scharm, den die gebeutelte Insel hat, ging dabei nicht verloren und wir genießen ein paar Tage in Helgoland und beschließen endgültig, unseren Weg in die Ostsee nicht durch den Nord-Ostsee-Kanal zu nehmen, sondern die Nordsee noch ein wenig besser kennen zu lernen und die Küste in den Norden hoch zu gehen. Wir wollen in den Limfjord, die Wasserverbindung quer durch Dänemark und freuen uns, dass auch Kiluha diesen Weg gehen wird, auch wenn es leicht möglich ist, dass sie schon bald etwas schneller als wir unterwegs sein werden.

Gemeinsam lassen wir Helgoland hinter uns und erleben trotz Nordwind einen traumhaften Segeltag nach Sylt. Die See glitzert im tiefen Blau und die Luft riecht betörend nach Meer und Salz. La Belle Epoque arbeitet sich unter Besan, Groß und Genua die Nordsee hoch, segelt ausgeglichen und ohne viel Korrektur am Steuer zu verlangen schneidet sie sich durch die kurze See. Uns tanzt das Herz. Wir haben uns mit diesem Schifferl richtig entschieden. Bald erreichen wir die Ansteuerungstonne Vortrapptief und fahren unter Motor den sicheren Kanal durch die schöne nordfriesische Inselwelt, bis endlich vor Hörnum auf Sylt der Anker fällt.

Die Dünenlandschaft strahlt in ihrer kargen Schönheit und wir nehmen den Bus nach Westerland, nur um schnell wieder der Einkaufswelt und dem Autolärm zu entfliehen. Wir schlendern über die Dünen von Hörnum, vorbei an den vielen kleinen, auf Sand gebauten Villen und dem rot-weiß-roten Leuchtturm, der noch immer jede Nacht seine Dienste verrichtet. Wir schlendern barfuss über den Nordseestrand und durch die kleinen Wasserpfützen, welche die Ebbe vergessen hat, mit hinaus ins Meer zu nehmen. Morgen geht's weiter. Morgen werden wir die dänische Flagge setzen. Morgen werden wir Deutschland hinter uns lassen. Aber nicht für lange! Denn wir nehmen die besten Erinnerungen von diesem Land uns seinen Leuten mit uns. Wir sind hier sehr freundlich empfangen und aufgenommen worden, haben viel erlebt und nette Leute kennen gelernt. Und, wir freuen uns auf die deutsche Ostseeküste!

 

 

 

 

 

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