Ein halbes Jahrhundert

Es schneit, es hagelt. Sturmböen ziehen über uns. Dazwischen stahlblauer Himmel, Sonnenschein. Dann wieder bedrohlich dunkle Wolken.

Richtig. Wir sind zurück in Norwegen! Zurück im Leben in langen Unterhosen.

Und ich freue mich über jede einzelne Schneeflocke, die auf Deck landet. Freue mich über das wollige Bullern unseres Dieselofens und die Gemütlichkeit, die an Bord von LA BELLE EPOQUE wieder eingezogen ist. Über das vertraute schwimmende Daheim.

Es ist schon eigenartig, jedes Mal, wenn wir nach mehreren Monaten Abwesenheit zurück an Bord kommen, fremdle ich ein kleinwenig. Ich mag es nicht, LA BELLE so verlassen und abgetakelt zu sehen. Ohne Segel auf den Bäumen und auf Deck leergeräumt. Wenn ich zum ersten Mal in Frühling den Niedergang aufschiebe und mir diese abgestandene, etwas muffige Luft entgegenschlägt. Wenn ich sehe, dass das Steuerhaus mit Schoten und Leinen vollgestopft ist und abgeschlagene Segel den Kajütboden verstopfen. Dann benötige ich einen Augenblick, um mich einzugewöhnen, um mich wieder daheim zu fühlen.

Am Steuer

Wobei, was rede ich da überhaupt? 

Um startklar für die kommenden Reisen zu sein, benötigt es mehr, als nur einen Augenblick der Eingewöhnung. 

Wir haben die letzten Tage durchgeackert. Sind ein paarmal den Mast aufgeentert und haben neue laufende Backstagen montiert. Wenn immer der Wind es zuließ, haben wir ein weiteres Segel angeschlagen, die Schotblöcke gegen Ringkauschen ausgetauscht und die Schoten eingezogen. Eine neue Dirk montiert, Bimini und seitliche Cockpitabdeckungen angelegt. Wir haben das Boot durchgelüftet und geputzt, die Landleinen auf ihre Trommeln gewickelt und ihnen neue Persenninge genäht. Auch die Ankerwinde hat gleich noch ein neues Cover bekommen, nachdem die neue Ankerkette ihren Weg in den Kasten gefunden hat. Der Außenborder ging wieder auf seinen Platz nach draußen und in der Motorradgarage war etwas mehr Organisation nötig: ein neues Staufach für Boots und Protektoren, Öle und Mopedersatzteile.

neue Cover für die Seiltrommeln
Neue Cover für die Seiltrommeln

Auch in Punkto Provianteinlagerung gibt es Neuerungen: ein neues Käsenetz und einen Zwiebelsack. Und – man glaube es kaum – eine kleine Kühlbox hat ihren Platz an Bord gefunden. Man geht doch mit der Zeit, oder? Obwohl, eingeschaltet ist die Kühlbox bisher noch nicht.

Die vielen Proviantstaufächer haben wir auch gleich noch gefüllt: mit selbstgemachten Konserven, Nudeln, Reis und einer unglaublich reichen Auswahl von besten norwegischen Mehlen, Körnern und Müslis. Ich weiß jetzt schon, dass mir die Mehlauswahl und die günstigen Vollkornprodukte fehlen werden, sobald wir Norwegen verlassen.

Jürgen hat nun auch noch den Mopeds einen Service vergönnt und damit sind wir eigentlich ab sofort startklar.

Moped-Service

Und so stellt sich die wichtige Frage: 

Wohin soll’s eigentlich gehen?

Der grobe Plan steht mittlerweile fest: in den Süden, wenns Wetter zulässt, über die Hebriden und Westirland bis nach Südeuropa. Von dort aus wollen wir die nächsten Jahre wieder Zeit und lange Seemeilen auf den Ozeanen erleben.

Aber noch wollen wir keinen Südkurs einschlagen. Eine kleine Runde in den Norden muss doch noch drin sein. Denn so schnell wollen wir uns einfach nicht von dieser Küste trennen. Und vor allem gibt es da noch einen spannenden Abschnitt, den wir bisher einfach nicht genug Aufmerksamkeit gegeben haben: die Helgelandsküste, jener Küstenstreifen zwischen den imposanten Westfjorden und den sagenumwobenen Lofoten.

Nordkurs

Ja, wir sind bereits mehrmals diese Küste entlanggesegelt. Haben einige schöne Ankerplätze erlebt und Highlights wie das Loch im Berg von Torghatten oder die Gletscherzunge des Svartisengletschers besucht. Und wir haben die Sieben Schwestern und den wunderschönen Heilhornet von unseren Ankerplätzen aus bestaunt. Aber mehr als daran vorbeigesegelt sind wir doch noch nicht. Allem voran: an diesem Küstenabschnitt haben wir noch nie unsere Mopeds ausgepackt. Und das, obwohl die „Landschaftsroute Helgelandskysten“ spektakuläre 433 Kilometer entlang einer der „schönsten Küstenstraßen der Welt“ verspricht.

Und damit steht fest: auf zur kleinen Abschiedsrunde in den Norden.

Dem Ehrgeiz, so viel Strecke wie möglich unter Segel zu schaffen, liegen dieses Jahr auch ökonomische Gedanken zu Grunde. Deshalb fallen unsere Segelzeiten nicht unbedingt mit Tageslicht zusammen. Wir richten uns nach dem Wind und verlassen erst am späten Nachmittag unseren Winterhafen in Stjørdal. Ein Hafen, der mehr als eine gute Wahl war.

Den folgenden Tag geht’s mit Begleitung auf Nordkurs. Die SKÅRUNGEN, ein 13 Meter langes traditionelles Wikingerboot, ist eine besondere Augenweide. Und sie kann sich sehen lassen: Im Match ihrer 1000 Jahre alten Technik gegen unserer 50 Jahre alten Technik behält sie die Nase vorne. Auch wenn sie das kurze Stück durch eine Flaute von ihrer Crew gerudert werden musste, bei Halbwind bleibt sie dicht hinter uns. Rechtzeitig vorm Einlaufen zum nächsten Ankerplatz zeigt sie uns Platt vorm Laken dann schlussendlich doch noch ihr Heck und zieht davon. Wir ziehen den Hut und wünschen ihr eine gute Reise!

Wikingerschiff SKAARUNGEN
Das Wikingerschiff SKAARUNGEN bleibt nicht lange in unserem Kielwasser.

Apropos 50 Jahre.

Ja, richtig gelesen. Wir haben was zu feiern! Unsere treue LA BELLE EPOQUE schwimmt mittlerweile seit sage und schreibe einem halben Jahrhundert. Und kein Thema, nur weil uns ein Wikingerschiff mit seinem Rahsegel abhängt, heißt das noch lange nicht, dass LA BELLE müde geworden wäre. Und so fangen wir weiter jeden Windhauch in ihren Segeln und ziehen ein Stück in den Norden!

Flaschenpost - bleib informiert mit unserem Newsletter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert