Wir waren 19 und 23 Jahre alt, als wir Ende der 90er Jahre gemeinsam zu unseren ersten Langzeitreisen aufgebrochen sind. Ein Jahr später führte uns die Reise auf unser erstes Segelboot, mit dem wir dreieinhalb Jahre durchgehend rund Zentralamerika segelten.
Dazumal hatten wir Reiseerfahrungen vorab gesammelt: Claudia per Bahn und Rucksack, Jürgen mit Motorrad und Kastenwagen, gemeinsam per Motorrad durch Europa.
Vom Segeln selbst hatten wir keine Ahnung.
Die Idee, über die Weltmeere reisen zu können, fremde Kontinente aus eigener Kraft zu erreichen und gleichzeitig ein kleines, schwimmendes Zuhause mit im Gepäck zu haben, gefiel uns auf Anhieb.
Denn bei all unseren Reisen hatten wir gelernt: Um die Welt wirklich erleben zu können, benötigten wir viel Zeit, etwas Geld und vor allem eine kleines Zuhause, das uns einen Rückzug und Geborgenheit in der Fremde gibt.
Langzeitreisen per Rucksack ist nichts für uns:
Die Kosten für Zimmer, Transportmittel oder ein warmes Essen sind uns zu hoch, das Leben aus dem Rucksack zu anstrengend. In Backpack-Unterkünften, Zelt, Motel-Zimmer und B&B´s fehlt irgendwann die Privatsphäre, das eigene Bett, die eigenen vier Wände. Die Möglichkeit, uns zurückziehen zu können.
Wir vermissen unser selbst gekochtes Essen, unsere ruhigen Abendstunden oder unser Frühstück in Zweisamkeit.
Um wirklich einsame Plätze, ursprüngliche Regionen oder wilde Natur kennenlernen zu können, müssen wir Zelt und Schlafsäcke am Rücken mitschleppen, denn eines scheinen die Rucksacktouristen-Unterkünfte gemeinsam zu haben: Sie sind dort zu finden, wo es Aktivitäten und Angebote für Touristen gibt und nicht dort, wo einsame Natur zu finden ist.

Ein eigenes Fahrzeug ist für Langzeitreisen ein echtes Plus.
Schon ein Fahrrad oder Motorrad gibt die Möglichkeit, wenigstens ein Zelt und einen Kochtopf mit dabei zu haben, ohne selbst zum Packesel zu werden. Und damit gibt selbst ein einspuriges Fahrzeug die Möglichkeit, von den Touristenströmen abzubiegen und eigene Wege zu finden.
Ein Kastenwagen oder Wohnmobil bietet noch mehr, nämlich die eigenen vier Wände und damit ein klein wenig Privatsphäre.
Doch es gibt einen Haken: In vielen Ländern sind wir außerhalb von Campingplätzen nicht willkommen.
Sich einfach in einer Nachbarschaft zu parken und sein Lager dort aufzuschlagen, wird vor allem in Städte oder überrannten Tourismusgebieten ungerne gesehen. Die Suche nach einem geeigneten Stellplatz hat manchmal viel zu viel Zeit beansprucht. Mitunter wurden wir mitten in der Nacht von der Polizei vertrieben oder wir mussten uns abends unbemerkt ins dunkle Wohnmobil „stehlen“. Im Versuch, den Eindruck zu bewahren, dass hier ein leeres Fahrzeug parkt.
Desto größer ein Wohnmobil ist, desto schwieriger wird dabei die Stellplatzsuche.

Führt die Reise in unwegsame Gebiete, abseits von ausgebauten Straßen, stößt das Wohnmobil an seine Grenzen. Ein Expeditions-LKW, oder ein ausgerüsteter 4×4 wird nötig, um wirklich grenzenlos über Land zu reisen.

Was ein Overlander an Land ist, das kann eine passende Segelyacht auf den Ozeanen der Welt sein:
Ein Reisemobil, dessen Grenzen weit hinterm Horizont liegen, das ein Zuhause gibt und immer wieder lange Zeitspannen autarkes Reisen erlaubt. Ein Reisemobil, welche das Reisen zum Lebensstil werden lassen kann: denn eine Hochseeyacht – und vor allem eine Expeditionsyacht – gibt die Möglichkeit, über viele Jahre glücklich und permanent reisen zu können.
Doch es benötigt einiges an Vorbereitungen, um mit einem eigenen Segelboot aufbrechen zu können.
Allem voran natürlich die Investition des eigenen Segelboots. Eine Investition, die sich stark nach den Bedürfnissen, dem Alter und den Erwartungen des Reisenden richtet. Denn eine kleine, 9 oder 10m lange Stahlyacht ist vollausgerüstet für lange Fahrt mitunter um 10-20.000 Euro zu realisieren.

Überholt und gut gewartet kann mit einer solchen Segelyacht ohne Probleme eine mehrjährige oder unbegrenzte Reise unternommen werden. Und das beweisen Jahr für Jahr junge Segler, die mit ihren kleinen aber feinen Segelyachten rund um den Globus anzutreffen sind.
Selbst in den härtesten Segelrevieren der Welt haben wir junge Segler – alleine, mit Partner oder Freunden – angetroffen, die mit kleinen, spartanisch ausgerüsteten Segelbooten, aber dafür mit einem hohen Maß an Seemannschaft und Eigenleistung auf wundervollen Reisen unterwegs waren.

Sollte die Fahrtenyacht größer und eventuell auch komfortabler ausgestattet sein, steigen die Kosten sprunghaft an. Für eine 13 bis 14 Meter langen Gebrauchtyacht für weltweite Fahrt sollte daher schon eher mit 100.000 Euro und mehr gerechnet werden. Zumindest, wenn es sich dabei um eine stabile und sichere Fahrtenyacht handeln soll.
Dann gilt es natürlich, das Segeln zu erlernen.
Dabei spiel es weniger eine Rolle, sämtliche am Markt erhältliche Segelscheine zu erlangen. Unterwegs ist eigentlich nur ein Küstenpatent – und damit ein Befähigungsausweiß fürs Motorbootfahren – erforderlich, solange die Yacht einen Motor besitzt.
Wie viel Geld in Segelkurse und Segelscheine investiert wird, das bleibt eine individuelle Angelegenheit.
Gelernt werden muss allerdings neben dem Segeln selbst so einiges: von der Navigation über die Wetterkunde bis zur Proviantierung. Uns haben dabei vor allem Fachbücher und Berichte von Segelreisende geholfen.

Und das gute alte „Learning by doing“.
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Und zu diesem „unterwegs Lernen“ kann es ungemein helfen, in einem Revier und zu einer Saison zu starten, in dem ein langsames Erlernen und Eingewöhnen am Boot überhaupt möglich ist.
Nicht die sofortige Atlantiküberquerung nach Kauf des Segelboots macht einen Reisenden zum Fahrtensegler. Das Segeln entlang von Küsten hält durchaus mehr Herausforderungen bereit als eine Ozeanüberquerung entlang der tropischen Segelrouten.

Ein verhältnismäßig kleines und einfaches Revier gibt außerdem Zeit, erste Erfahrungen mit Seekrankheit zu überwinden.
Erfahrungen im einfachen Revier helfen, das Boot langsam auf den Ausrüstungsstand zu bringen, der für die Reise wirklich nötig ist. Du kannst dich selbst in das Leben als „Cruiser“ und vor Anker einzugewöhnen und einen Überblick bekommen, wie viel Geld du für diesen Lebensstil wirklich benötigt.
Den von vielen Seglern gut gemeinten Tipp, vorerst möglichst viele Charter-Segeltörns zu unternehmen, bevor das eigene Boot gekauft wird, können wir nicht nachvollziehen.
Soviel steht fest: Eine Urlaubstörn mit Freunden ist in keiner Weise vergleichbar mit einem Langzeittörn auf dem eigenen Segelboot. Du würdest ja auch einen halben Tag am ausgeliehenen Roller wärend eines Tunesienurlaubes nicht als Vorbereitung für eine mehrmonatige Motorradreise durch Afrika empfehlen, oder?
Und nicht enttäuscht sein: Aber eine gecharterte Segelyacht lässt sich genauso wenig mit einer echten Langfahrt-Segelyacht vergleichen, wie das besagte Moped mit der Reiseenduro.
Dazu kommt, dass es dich nicht weiterbringt, wenn du wie ein Urlaubssegler von einem Hafenliegeplatz zum nächsten kutschierst oder wenn du dem Wetterbericht nur einen kurzen Blick am Smartphone widmest.

Also noch einmal: „Learning by Doing!“
Auch an Europas Küste lässt sich in vielen Buchten wunderbar vor Anker leben. Selbst kurze Segeletappen können mit großflächigen Wetterkarten geplant werden. Die Erfahrungen, die du dabei sammelst, sind später an weit entfernten Küsten überlebenswichtig.

Auch ist es wichtig, während dieser ersten Reisen nicht durchgehend Freunde oder Segler mit an Bord zu nehmen.
Auf allen Etappen der langen Reise auf Crew angewiesen zu sein, kann die Reise anstrengend und sogar gefährlich machen:
Anstrengend, weil die eigene Privatsphäre unter der ständigen Anwesenheit von Freunden, Bekannten oder anderen Mitreisenden in Mitleidenschaft gerät.
Gefährlich, weil mit Crew an Bord viel zu oft gebuchte Flugtermine die Planung der Segeletappen diktieren. Die oberste Regel beim Fahrtensegeln lautet: Das Wetter und die Natur bestimmen dein Vorankommen! Und diese Regel wird von Seglern immer wieder missachtet, sobald Flugtermine ins Spiel kommen. Wenn das Wetter nicht mitspielt, können selbst wenige hundert Seemeilen zum Abflughafen und Wochen bis zum Abflugtermin knapp werden.

Langzeitreisen bedeutet eben auch, im Rhythmus der Natur zu reisen und zu leben.
Und das ist für viele von uns eine neue Erfahrung, die wir nicht auf Urlaubsreisen sammeln können:
Die Zeit entfaltet sich in einer neuen Dimension. Sind für einen Urlauber drei Wochen eine lange Zeit, so können dieselben drei Wochen für einen Langzeitsegler fast unbemerkt verstreichen. Verweilt die Yacht auf einem schönen Ankerplatz in der Südsee, kann ein Monat durchgehen, bevor sich die Crew entschließt, den Anker erneut an Deck zu hohlen.
Dieses neue Zeitgefühl lässt uns die Welt mit einer neuen Intensität erleben. So eigenartig das klingt, aber die Langsamkeit lässt keinen Platz für Langeweile. Die Notwendigkeit, unterhalten oder abgelenkt zu werden, verschwindet. Nach und nach füllt die Langsamkeit uns mit Erlebnissen, die in einer schnellen Welt unbemerkt an uns vorüberfliegen.
So gibt es keinen Langfahrtensegler, der nicht irgendwann von der Schönheit der Sternennacht am Ozean verzaubert wurde, sodass seine langen Wachstunden plötzlich wie im Flug vergingen. Der nicht über Stunden den Duft von Land genießen konnte, während er sich einer fremden Küste am Ende einer Ozeanpassage näherte.

Denn das Blauwassersegeln ist mehr als eine lange Reise. Es ist ein Lebensstil, der das Reisen damit verbindet, in der Welt zuhause zu sein.
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Toll geschrieben, wie immer.
Segeln ist nicht nur Sport, sondern ein Lebensstil.