Kanalfahrt

Das könnte was sein. Mit dem Laptop und den Flusskarten auf den Knien zoome ich in den Satellitenkarten von Google am Handy herum. Das sieht nach einem möglichen Anleger aus. Und die Seekarten zeigen kein Liegeverbot. Mal sehen, obs auch Festmacher dort gibt. Irgendwann müssen die Mainstädte doch auch Motorbootfahrer willkommen heißen!

Und Bingo, Karlstadt hat wirklich einen kleinen Anleger für Motorboote vor seinem Stadttor ausgebracht. 

Selbstverständlich ist das nicht. Soviel haben wir bisher schon feststellen müssen. Und mir wird unverständlich bleiben, welshalb deutsche Städte den Wassertourismus offensichtlich aussperren und ignorieren. Kaum dass wir an diesen schönen Mainufern passende Anleger finden.

Anleger Karlstadt
Am schönen Anleger in Karlstadt

Wer nun denkt, wir sollen uns einfach in Sportboothäfen verdrücken, der tut uns unrecht: Wir passen kaum in einen hinein. Zu seicht, zu klein, zu filigrane Steganlagen. In den meisten Häfen des Mains haben wir schlicht und einfach nichts verloren.

Aber egal, wir üben uns im Kartenlesen auf Anlegersuche. Zu unserem Glück ist der Donau-Main-Kanal immer noch gesperrt und damit kaum Berufsschifffahrt unterwegs. Vor allem Kreuzfahrer haben wir bisher noch keine begegnet, was doch das Anliegen auf öffentlichen Steganlagen im Fluss um einiges entspannter gestaltet. 

Heute haben wir Glück. Der Anleger von Karlstadt ist zwar nur für Boote mit 10 Meter angeschrieben, aber ein bisschen Ignoranz muss sein und die kleine, mittelalterliche Stadt ist den Stopp allemal wert.

Karlstadt
Ein abendlicher Besuch in Karlstadt

Erst am nächsten Nachmittag legen wir ab, mit frischen Proviant und Kanister voll Benzin für Tom´s Außenbordmotor an Bord. Den restlichen Tag bleiben wir hinter dem Schubverband RAVI, bestaunen des Monsters präzise Fahrt in die engen Schleusen und halten uns dicht hinter seinem Fahrwasser, um ihn ja nicht zu verkrämen.

Endlich ist die Kälte dem Frühsommer gewichen.

Die Sonne brennt vom Himmel und der Bikini feiert ersten Auftritt. Nicht nur wir zelebrieren die Sonne. In den Dorfcafes entlang der Ufer sind alle Plätze besetzt, an den sandigen Buchten entlang der Ufer wird gegrillt. In Würzburg ist auf allen Brücken und entlang allen Ufern die Hölle los. Erste Sportboote begegnen uns.

Würzburg im Sonnenschein
In Würzburg treibt der Sonnenschein wahre Menschenmassen auf die Straße

Wieder finden wir einen praktischen Anleger. In Eibelstadt streckt sich neben dem Badeplatz eine Betonwand, die sogar ein paar Poller und kein Liegeverbot hat. Wir machen fest, verholen Thomas längsseits und gehen Eisessen. So macht Flusswandern Spaß!

Nach Tagen und unzähligen Mainschleusen erreichen wir Bamberg, lassen den Main für diese Reise zurück und biegen in die Regniz ein.

Abschied vom Main
Abschied vom Main

Somit haben wir – wieder einmal – den Main-Donau-Kanal erreicht.

Was gibt es Besseres zu tun, als den Main mit einem Glas Rauchbier zu verabschieden. Zum dritten Mal haben wir nun den schiffbaren Main hinter uns, und zum dritten Mal ist uns klar: Das ist nicht unsere letzte Mainfahrt. Wir wollen irgendwann noch mehr sehen von den europäischen Flüssen und Wasserstraßen. Und welcher Weg würde uns besser zu den Flüssen Europas bringen als der Weg über den Main!

Noch einmal werden wir vom Besuch überrascht. Kerstin hat sich erneut ein paar Tage rausgenommen und trudelt mit Hannah und dem Camper an. Gemeinsam schlendern wir durch Bamberg, erzählen von unseren Flussabenteuern und Begegnungen, von einfachen Schleusenfahrten, unberührten Mainufern und mittelalterlichen Dörfern.

Hannah
Hannah hat Spaß an Bord

Anschließend führt die Fahrt in ein bemerkenswertes Bauwerk Deutschlands: den Main-Donau-Kanal. Ein Kanal, der die Schifffahrt von der Nordsee bis ins Schwarze Meer ermöglicht, der mit den höchsten und modernsten Schleusen Deutschlands aufwartet und uns auf 406m Höhe heben wird.

Der Kanal wird unter Bootsfahrern manchmal als „langweilig“ abgestuft, doch das ist Unsinn. Er ist beeindruckend, sowohl in seiner Geschichte als auch in seiner technischen Umsetzung. Er ist schön, mit seinen mittelalterlichen Dörfern und seinen Altarmen der Regnitz und der Altmühl. Und er ist beängstigend, mit seinen schlundartigen Schleusen, die so kraftvoll sind, dass die Wasserwirbel zu Berg zur Herausforderung der eigenen Muskelkraft werden.

Die erste Idee zu einem Main-Donau Kanal hatte bereits Karl der Große vor weit über tausend Jahren.

Erst 1100 Jahre später sollte der erste Kanal eröffnet werden: Nach kurzer Bauzeit konnte der Ludwig-Donau-Main-Kanal eröffnet werden. So fortschrittlich das Bauwerk war, so wenig hatte man allerdings den Zahn der Zeit eingeplant. Es dauerte nicht lange, bis Kanal und Schleusen zu klein für die wachsenden Schiffsgrößen wurde. In Konkurrenz mit der neu entstandenen Eisebahn konnte der „Ludwigkanal“ nur kurze Zeit Gewinne einfahren und versank schließlich in Defiziten. Endgültig beendete aber erst der 2. Weltkrieg die Kanalmiserie – durch einen Bombentreffer.

Ludwigkanal Schleuse
Der Ludwigkanal war bald zu klein für die Schifffahrt

Zu dieser Zeit gab es bereits neue Bauarbeiten für einen großen Rhein-Main-Donaukanal, aber auch diese kamen durch den Weltkrieg zum Stillstand. Eine scheinbar unendliche Bauzeit mit viel Streit für und wieder den Kanal folgte. 1992 konnte der neue Donau-Main-Kanal eröffnet werden. Als „fertig“ konnte sich die nun vereinte Wasserstraße von der Nordsee bis ins Schwarze Meer mit diesen Tag dennoch nicht betiteln, denn der Ausbau der Donau in ihrem wunderschönen Abschnitt zwischen Straubing und Vilshofen blieb weiterhin umstritten und ist derzeit in Arbeit.

Wir erreichen die ersten Kanalbrücken.

Wie ist das eigentlich, wenn ein Schiff eine Brücke passiert? Ändert sich da das Gewicht auf der Brücke? 

‚Natürlich nicht‘- ist Jürgen überzeugt. Jedes Schiff verdrängt doch Wasser. Ich bin mir da nicht ganz so sicher, beobachte ich doch mit Erstaunen die Bugwellen, die von jedem Frachter aufgeschoben werden. Das sind doch zusätzliche Wassermassen, die die Schiffe ziehen, oder?

Weiter geht´s durch die höchsten Schleusen Deutschlands. 25 Meter heben uns jedes einzelne Betonmonster. Und die Strömung in der Schleusenkammer ist bei so viel Wasserdruck extrem. Was bin ich hier froh um die Schwimmpoller, das Umhängen der Trossen wäre bei diesen Wasserwirbeln unter uns mehr als eine Herausforderung!

Die höchsten Schleusen Deutschlands
Wir erreichen die höchsten Schleusen Deutschlands

Ein Erlebnis sind die Schleusen von Eckersmühlen und Hilpolstein. Doch ich bin nicht böse darüber, endlich die Europäische Wasserscheide zu erreichen und von hier an gemütlich zu Tal befördert zu werden!

In Berching stoppen wir gleich aus mehreren Gründen: Zum einen wollen wir einen kurzen Besuch bei „Welt und Wir“ einlegen. Zum anderen kann man an Berching nicht einfach vorüberziehen. Und obendrein benötigen wir wieder einmal frische Lebensmittel. Einen passenden Anleger direkt vor der Stadtmauer mit Poller und ohne Parkverbot hab ich schon per Satellitenbilder gefunden.

Wieder entdecken wir das mittelalterliche Dorf als unglaublich mit seiner intakten Stadtmauer und seiner historischen Ludwigkanal-Schleuse. Und vor lauter abendlicher Stadtbesichtigung passierts, dass wir den Einkauf auf den Vormittag verschieben.

Berching
Berching ist bis heute komplett von einer Stadtmauer umgeben.

Klar wissen wir, dass man von öffentlichen Anleger am besten gleich am Morgen verschwindet. Mit dem Wissen, eine kostenlose Nacht irgendwo herausgeschlagen zu haben. Aber wir machen ja alles richtig: Der Anleger vor der Stadt zeigt kein Liegeverbot, keins der beiden Boote steht ins Fahrwasser des Kanals hinaus und außerdem haben wir weder bei einem Geländer noch bei einem Baum oder Stein festgemacht, sondern auf den dafür vorgesehenen Poller. Eine Touristmus-Stadt kann ja vermutlich nichts dagegen haben, wenn wir noch ein wenig Geld hier ausgeben wollen und unsere Einkäufe am Vormittag erledigen. Denken wir.

Aber wie war das mit der deutschen Gründlichkeit?

Während wir mit gefüllten Rucksäcken zurück zum Kanal spazieren – Olaf und seine Crew von „Welt und wir“ konnten wir leider nicht erreichen – entdecken wir bereits von weitem die Polizei beim Boot. Uff, nicht schon wieder!

Den ersten Versuch, uns vom Anleger zu vertreiben, wehre ich erfolgreich ab. Ein Anlegeverbot ist hier nicht ausgeschildert und laut Infobroschüren vom WSV wissen wir ja jetzt, dass auch Kleinfahrzeuge an öffentlichen Mauern zumindest drei Tage stilliegen dürfen, solange wir nicht an Geländer, Bäume, Leitern, Steinen oder ähnliches festmachen. Kommt mir also nicht mit einem Liegeverbot!

Liegeverbot
Hier gibt´s kein ausgeschildertes Liegeverbot. Und damit verteidigen wir uns!

Nach ersten Gemaule meinerseits entwickelt sich ein sehr nettes Gespräch. Die beiden Polizisten tratschen mit uns übers woher und wohin. Über ANGELA K und ihre Motoren. Und sie erzählen uns von ihrem Polizeiboot und wie gut und spritsparend sie läuft. 

Auch lassen sie uns wissen, dass sie es selber schade finden, dass für Sportboote keine öffentlichen Anleger zur Verfügung stehen. Dass es Mist ist, sie in versandete Häfen zu verbannen, in die oft überfüllt und genug zu eng für besuchende Wassertouristen und obendrein immer wieder zu weit weg von Einkaufsmöglichkeiten und Stadtausflügen sind.

Wir erzählen, dass wir zu viel schlechte Erfahrung im Main mit Sportboothäfen machten und immer wieder beim Versuchen, einzulaufen, auf Grund stießen. Und das bei schlappen 1,20 m Tiefgang! Wäre ja herzlich wenig dabei, einen schönen und sicheren Anleger für Besucher auszulegen, aber das ist eben meine Meinung.

Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass die beiden Polizisten nicht nur mit uns tratschen wollen.

Immerhin sind sie gekommen, um uns abzustrafen. Und auch wenn ich per se keine Strafe fürs Stillliegen am Anleger akzeptieren werden, irgendwas werden die beiden schon finden.

Mein Bauchgefühl bestätigt sich.

‚Da wäre ja doch noch das eine Problem, das müsst ihr verstehen.‘ Ich wette bereits auf 35 Euro und hab schon erreaten, worum es geht: Unbemanntes Stillliegen!

Klar, um das Lebensmittelschleppen etwas aufzuteilen, sind wir alle drei ins Einkaufen losmarschiert, die Boote mussten ohne uns warten.

Verstohlen betrachte ich unsere unzähligen Festmacher am überdimensionalen Poller. Ist ja nicht so, dass wir noch nie ein Boot verholt haben. Ehrlich gesagt sieht unser Leinewirrwarr mit Spring, Bug- und Heckleine auch recht vertrauenswürdig aus und ein Jahrhunderthochwasser ist ja nicht in dieser einen Stunde Aufsichtspflichtverletzung über uns eingefallen…

Der Polizist verfolgt meinen Blick und erklärt die Bedenken. Nein, nein, er sehe schon, dass wir die Boote ordentlich verholt haben. Aber wir müssten schon verstehen, die unerzogene deutsche Jugend könnte ja unsere Leinen freischmeißen. Hätten wir wenigstens Ketten mit Schlösser um die Poller gelegt, dann wäre dieses Problem ja nicht gegeben. Aber mit Festmachertrossen alleine? Immerhin geht hier ein Schulweg vorbei.

Ich glaube, die Meinung der Deutschen von ihrer Jugend wird mir immer ein Rätzel bleiben. Haben wir doch bisher diese angeblich so böse deutsche Jugend noch nirgends getroffen.

der nächste Strafzettel
Der nächste Strafzettel…

Ich resigniere. Eine Kette um den Poller? Die hätten die Jugendlichen genauso aushängen können wie eine Trosse. Und hätten wir die Kette um das Geländer gelegt, wären wir ja schon wieder illegal verholt gewesen. Nein, da hilft kein Argument, und die beiden netten Freunde und Helfer verlassen uns wieder einmal mit unseren 35 Euro in der Tasche. Aber bei den nächsten Anlege-Gebühren bei der deutschen Polizei will ich zumindest ein Gemeinschaftsfoto. Der netten Erinnerung wegen!

Am 4. Mai erreichen wir den „Schwarzen Fluss“ erreicht, für uns eine wahre Königin der europäischen Flüsse: Die Donau!

 

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2 Kommentare

  1. Oh Mann, so allmählich schäme ich mich für unsere Polizei bzw die deutschen Verordnungen und den Umgang damit. Umso mehr freut es mich, dass ihr es locker seht und eine gute Fahrt habt!

    • Hallo Elke, keine Sorge, eigentlich war die Polizei immer nett zu uns, auch wenn sie ein wenig abkassierten. Aber es wäre natürlich schön, wenn die Verordnungen mit etwas mehr Blick auf freundlichen Tourismus gemacht würden, egal, ob zu Wasser oder zu Land. Das gilt aber auch für Österreich. Ich finde es mehr als schade, wenn es immer heißt, dass diejenigen „nichts bringen“, die wild campen, im Wald rumlaufen oder Radfahren, durch die Gegend reiten oder eben mit einem Boot an öffentlichen Stegen anlegen und wenn nur direkt zahlender Tourismus geduldet wird. Denn immerhin reden wir da von unser aller Freiheit und Naturverbundenheit. Deshalb bin ich auch der Meinung, wir Europäer sollten mal den Blick auf unsere nordischen Nachbarn in Skandinavien werfen und auch ein Jedermannsrecht diskutieren! (und das sage ich auch als Grundbesitzerin).

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