Segeln in Norwegen. Die Zeit läuft, fliegt mit dem Wind. Zurück an Bord ist beinahe unbemerkt ein voller Monat verstrichen. Und während die Stunden in die Vergangenheit geflogen sind, ist uns keine einzige davon langweilig geworden.
Kaum die ungemütliche Folla überquert, machen wir in Rørvik für mehrere Tage fest und packen die Motorräder aus ihrer Buggarage. Doch die erste Motorradtour der Saison wird zumindest streckenweise zur Tortur. 250 Kilometer bei Temperaturen um die 0° und immer wieder schwere Hagelschauer lassen mich an dem norwegischen Sprichwort „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ zweifeln. Wenn ich auch zugeben muss, dass ein Trial-Helm und Hagel wirklich eine etwas unglückliche Kombination sind.

Das die Helgelandküste eine der schönsten Küstenstraßen der Welt bietet, ist dennoch nicht von der Hand zu weisen. Bei dieser Kälte werden vor allem die Fährfahrten zwischen pittoresken Inseln zum Genuss.

Steif gefroren auf den Motorrädern erreichen wir Sandnesjøen und werden hier umso wärmer empfangen: Alessandra und Martin liegen mit ihrer WINGGIS 42 im Hafen und warten bereits auf uns. Heißes Duschwasser steht bereit, dann gibt’s Paella und Wein in der fröhlichen Runde an Bord. Erst am nächsten Tag verabschieden wir uns zum letzten Mal auf dieser Reise von unseren Schweizer Freunden und treten die eisige Heimfahrt zurück zu LA BELLE in Rørvik an, während sich WINGGIS 42 auf ihren Weg in den Hohen Norden begibt.
Damit haben wir für heuer den nördlichsten Punkt unter Segeln in Norwegen erreicht.

Bald werden wir Norwegen wieder im Kielwasser lassen. Aber wollen wir wirklich diese eisige Motorradtour als unsere letzte Erinnerung von Norwegen mitnehmen?
Wir fassen einen neuen Plan, wollen mit den Küstenstraßen von Norwegen einfach nicht ganz abschließen. Und so ziehen wir noch einmal in eine norwegische Küstenstadt, nach Kristiansund. Hier legen wir ein letztes Mal an einem Gästesteg an und heben die Trialbikes aus der Garage, um die umliegenden Inseln und vor allem die Atlantikstraße noch einmal zu befahren.

Der Hafen von Kristiansund ist optimal, einzig die über fünf Kilometer langen Untersee-Tunneln machen mir etwas Kopfzerbrechen. Mit dem Motorrad durch so lange Tunnels zu fahren ist mir nicht geheuer, noch dazu mit meinen abgedunkelten MX-Brillen. Aber was soll’s, ich ziehe mir das Halstuch über die Nase und drehe am Gas. Und siehe da, auf der anderen Seite des ersten Tunnels tauche ich unbehelligt wieder auf Meereshöhe auf.
Unglaublich schöne Überlandfahrten folgen.

Führen uns über winzige Landstraßen zwischen roten Farmhäusern und blühenden Obstbäumen quer durch bergige Inseln. Wir erreichen ehemalige Fischerdörfer, betrachten die kalten Wellen des Nordmeeres, die sich schäumend an den Felsen und Schären brechen, während kleine Fischkutter langsam durch geschützte Fahrwasser ziehen.
Auf der Atlantikstraße selbst fühlen wir uns, als schweben wir zwischen Küste und Ozean. Noch herrscht hier frühlingshafte Ruhe. Es ist Vorsaison. Einzelne Camper parken an den Rastplätzen, eine Handvoll Motorradenthusiasten ziehen über die Brücken, während sich die Sonnenstrahlen am Meer spiegeln und ein einzelnes Segelboot weit draußen vorbeizieht.

Unter Segel führt unsere Reise ein letztes Mal in einen norwegischen Fjord: Tief im Romsdalsfjorden finden wir eine traumhaft schöne Ankerbucht. Geschützt von einer kleinen Halbinsel liegt Vågsbukta umgeben von Fels und Wald, und gibt dennoch den Blick frei in Richtung Süden auf schneeverhangene Berge hinter tiefblauem Fjordwasser.
Das Beste an dieser Bucht: Ein kleiner Steg gibt uns die Chance, noch ein letztes Mal die Motorräder an Land zu stellen. Zwar ist bei Ebbe der Steg zu seicht, um LA BELLE EPOQUE hier liegen zu lassen, aber für die halbe Stunde, die wir zum Verladen benötigen, reicht die Flut.
Und während LA BELLE sicher vor Anker wartet, entdecken wir die Schotter-Passstraße über den Kjersemfjell, nehmen die Fähre über den Storfjord und ziehen weiter bis nach Geiranger und über die legendäre Trollstiege.
Obwohl wir letzten Sommer bereits die Trollstiege von Geiranger mit unseren Wandertrials hochgeklettert sind, fühlen wir uns wie auf Entdeckungsfahrt. Gerade mal von ihrer Wintersperre geöffnet, ziehen wir über eine Schneelandschaft bis zum immer noch zugefrorenen Gebirgssee Djupevatn.

Dann lassen wir die Welt der Fjorde hinter uns.
Wir ziehen bei ruhigem Wetter erneut durch die berüchtigten Gewässer rund um Stadlandet, dem gefährlichen Westkap von Norwegen, legen hier und da einen Ankerstopp ein und ziehen Tag für Tag weiter Richtung Süden. Bis wir schließlich unter der halbfertigen Ytre Steinsund Brücke durch segeln und den Bug auf die offene Nordsee drehen.
Tschüss Norwegen, es war uns ein Fest an deiner Küste!













