Inseln der Abenteurer

„Hier lebte der Orkadianer Arktisforscher Dr. John Rae“, lässt uns ein blaues Schild an grauer Hauswand wissen. Ein tragischer Held, der zu Lebzeiten in Verruf stand, John Franklins ehrwürdige Suche nach der Nordwestpassage mit Lügen zu beschmutzen. 

John Rae war es, der die Inuit-Erzählungen der gescheiterten Franklin-Expedition ernst nahm und in England erstmals über verrückt gewordene Seeleute, über ihr verzweifeltes Sterben im Eis und über ihren möglichen Kannibalismus berichtete. Und während Franklin mit seinen gescheiterten Expeditionen zum Sir erhoben wurde, fiel Rae mit seinen erfolgreichen Entdeckungen den Spott zum Opfer.

Dr. John Rae Sign
Eine Tafel erzählt davon, das John Rae hier zuhause war.

Und dennoch, Dr. John Rae lieferte den fehlenden Link zur Nordwestpassage. Seine Entdeckungen ermöglichten viele Jahre später Amundsen den Transit durch diese legendäre Arktisroute. 

Heute trägt dieses letzte Puzzleteil der Nordwestpassage seinen Namen: die Raestraße. Auch an Bord von LA BELLE EPOQUE liegt die Seekarte seiner Wasserstraße immer noch im Kartenfach.

Nur wenige Schritte weiter entdecken wir den nächsten Link zur abenteuerlichen Geschichte der Orkney Inseln. Wir haben die ehemalige Wasserquelle von Stromness erreicht. 

Was besonders an einer versiegten Quelle sein kann? 

An der „Login´s Well“ tankten geschichtsträchtige Schiffe ihr Trinkwasser, bevor es auf abenteuerliche Reisen ging:

Hier nahm Captain Cook zum letzten Mal schottisches Wasser an Bord, bevor die RESOLUTION und die DISCOVERY ihren Bug ins Unbekannte drehten und Geschichte schrieben. Hier füllte Franklins Crew die Tanks der EREBUS und der TERROR, bevor sie alle für immer im arktischen Eis verschwanden. Auch die Schiffe der Hudson Bay Company füllten an dieser Quelle ihre Wassertanks, auf ihrer langen Reise zu Kanadas Wildnis.

Logins Well
Eine Tafel und eine gläserne Tür erinnert an die versagte Login Quelle

Schade eigentlich, dass die Quelle mittlerweile versiegt ist. Irgendwie wäre es schon speziell gewesen, auch die Wassertanks unserer treuen LA BELLE EPOQUE hier einmal aufzufüllen. Denn auch wenn LA BELLE nie Geschichte schreiben wird, hat sie doch mittlerweile viele Kurse der legendären Entdecker in ihrem Kielwasser gelassen.

Stromness wird unser letzter Stopp auf den Orkney Inseln und bald sind wir froh, die feisten Strömungen mitsamt aller Grundseen und Wasserwirbel dieser kleinen Inselgruppe hinter uns zu haben.

Grundseen
Massive Strömungen sorgen für Grundseen rund um die Orkney Inseln

Wild und strömungsreich gilt das Seegebiet zwischen den Orkney Inseln und dem schottischen Festland. 

Sagenhaft gefährlich ist der Pentland First im Süden der Inseln, nicht viel besser klingen die Namen westlich auf der Seekarte: von der „Stormy Bank“ bis zum „Cap Wrath“. Befeuert wird die Phantasie noch mit dem Wissen, an einer der stürmischten Küsten Europas unterwegs zu sein.

Und doch erwartet uns nichts anderes als ein herrlich sanfter Segelschlag. Wie Schmetterlingsflügel breitet LA BELLE EPOQUE ihre Segel, fängt die sanfte Brise und zieht gemächlich über eine schöne und unglaublich ruhige See. Würde jetzt auch noch die Sonne scheinen, wäre die Etappe beinahe kitschig.

Dann empfängt uns die schroffe Nordküste Schottlands, entspannt finden wir einen ruhigen Ankerplatz in Loch Eribol. Doch so einfach und sorglos wie es scheint, ist die Fahrt dennoch nicht. Jürgen plagt seit geraumer Zeit eine Entzündung. Als auch noch Fieberschübe dazukommen, will ich von seiner Prognose „hat mit der Entzündung nichts zu tun, ist nur eine kleine Erkältung“ nichts mehr wissen. Ich mache mir Sorgen und lass keine Wiederrede mehr zu: nächster Stopp Stornoway. Dort gibt’s einen Arzt.

Sornoway
Wir machen in Stornoway fest und bleiben länger als gedacht.

Einen Tag und 70 Seemeilen später stauen wir beide nicht schlecht, als Jürgen ein Bett im Schottischen Krankenhaus zugewiesen bekommt. Zwei Tage lang wird er mit Antibiotika vollgepumpt, während sich die Krankenhauscrew unglaublich lieb um ihn kümmert und ich den ganzen Tag an seiner Seite verbringen darf. Nicht nur die Besuchszeiten, sondern die gesamte Behandlung verläuft völlig unbürokratisch und ist obendrein kostenlos. 

Die folgenden ruhigen Tage im Yachthafen von Stornoway werden uns von den Bootsnachbarn mit netten Abenden versüßt. Eine positive Enduntersuchung erklärt Jürgen als wiederhergestellt und uns erneut als vogelfrei.

Und dennoch legen wir nicht sofort ab. 

Zur Feier des Tages bleiben wir einen Tag extra, packen die Motorräder aus und drehen eine Runde über die äußeren Hebriden. Wir wollen wissen, ob die „Bridge to Nowhere“ wirklich nirgends hinführt, oder ob es dort im hohen Norden von Schottland vielleicht doch ein paar umgepflasterte Wege in die Wildnis gibt.

So schön die Fahrt wird: zwei Kilometer nach der „Brücke nach nirgends“ stehen wir am undurchdringlichen Moor. Unstimmigkeiten zwischen Clans und anhaltende Raubzüge freiheitsliebender „Crofters“ vereitelten einstige Anstrengungen, eine Straßenverbindung bis zur Nordküste der Insel zu schaffen und damit das Land zu unterjochen. 

Bridge to nowhere
Die „Bridge to nowhere“, nur ein paar wenige Kilometer führt eine Schotterstraße ins Moor, dann gibts kein Vorankommen mehr.

Und so endet die Straße kurz nach dem letzten Bauprojekt der ehemaligen Lords: an der Brücke, die seither den Namen „Brücke nach nirgends“ trägt. Nur ein dünner Wanderweg führt weiter und raubt jede Hoffnung auf feinsten „Dirtroad-Spaß“. Wir müssen umdrehen.

Dennoch wird die Fahrt über die nördlichen äußeren Hebriden bemerkenswert. Wir besuchen den Leuchtturm von Butt of Lewis, essen Fish´n´Chips auf der Sonnenterrasse in Port of Ness, erleben die restaurierte Mühle und Getreidetrocknungsanlage von Norse Mill and Kiln und betrachten frisch gestochenen Torf beim Loch Lagsabhatlarach. Und selbst das Wetter zeigt sich von der besten Seite: immer wieder zeigt sich die Sonne und nur ein einzelner, dünner Regenschauer erinnert uns daran, in Schottland unterwegs zu sein.

Äußere Hebriden
Motorradtour auf den äußeren Hebriden

Zurück an Bord planen wir die Weiterreise. 

Eigentlich sollte unser Weg in den Süden führen. Doch wie können wir auf Südkurs gehen, wenn wir doch die sagenumwobenen schottischen Highlands nur aus der Ferne gesehen haben? Der kurze Ankerstopp in Loch Eribol kann wohl kaum das Ende der Geschichte gewesen sein, oder?

Wir wollen noch einmal zurück zur Nordwestküste von Schottland. 

Erneut überqueren wir den North Minch, das Seegebiet zwischen den äußeren Hebriden und dem schottischen Festland. Wieder staunen wir über einen ruhigen Segelschlag im erstaunlich freundlichen Minch, noch einmal laufen wir entspannt auf einen Ankerplatz der Highlands ein.

Und wieder treffen wir auf abenteuerliche Schotten: die Bewohner von Ardmore in Loch Laxford.

Schon während wir in die verwinkelte Ankerbucht einbiegen, bewundern wir die große Segelyacht, die hoch und trocken am Ufer bei einer kleinen Farm steht. Wenige Meter davon entfernt entdecken wir ein abgetakeltes Boot, das ebenfalls an Land steht. Unser Interesse ist geweckt. Im Schutz von einem bewaldeten Hügel gehen wir vor Anker.

English Rose VI und IV
English Rose VI und IV

Alles ist ruhig hier. Keine Menschenseele ist auf der kleinen Farm zu entdecken. Wir beschließen, lieber nicht ungefragt am Farmland anzulanden und rudern unser Dingi zum Waldrand, wo wir eine kleine Holzrampe fürs Boot finden.

Kaum angelandet, treffen wir auf Bruce.

Er ist gerade damit beschäftigt, den Weg zu seinem Haus hoch oben über den Wald zu mähen. Sofort unterbricht er seine Arbeit, nimmt uns herzlich in Empfang. Bruce ist mindestens genauso interessiert an unserem Leben wie wir an seinem: Nach einem kurzen Tratsch laden wir ihn und seine Frau Rita zu uns an Bord auf Tee.

Wir staunen nicht schlecht: Der 84-Jährige, den wir mindestens zehn Jahre jünger geschätzt hätten, lebt gemeinsam mit seiner 88-jährigen Rita, die noch jünger wirkt als er selbst, seit über vierzig Jahren hier in der Wildnis von Nordschottland. Wildnis ist hier wörtlich gemeint: Nur ein schmaler, steiler Steinweg führt zum alten, hübsch gepflegten Croft-Häuschen, das sie liebevoll ihr „Waterfall Cottage“ nennen.

Besuch
Zu Besuch im gemütlichen Steinhaus von Rita und Bruce

Ein passender Name, windet sich doch der Steinweg entlang eines kleinen Wasserfalls hoch zum Haus. Vier Kilometer weit ist die nächste Straßenanbindung entfernt. Vier Kilometer, auf denen jedes Kilo Mehl, jedes Stück Obst und jede Packung Tee, die die beiden zum Leben benötigen, am Rücken nach Hause getragen werden. Auch heute noch.

„Das hält jung“, lacht Rita, „heute wird alten Leuten vom Arzt empfohlen, hin und wieder spazieren zu gehen. Das braucht man uns nicht sagen!“.

Die Flasche Wein, die Rita als Gastgeschenk an Bord bringt, trinken wir später mit Ehrfurcht. Wissen wir doch, welchen weiten Weg die Flasche getragen werden musste!

Unserer Einladung an Bord folgt eine Einladung im Haus der beiden. Wir arbeiten uns den rutschigen Steinweg entlang des Wasserfalls hoch, lassen den Wald hinter uns und bestaunen das hübsche und gepflegte Steinhaus.

Nicht nur das gemütlich eingerichtete Croft-Häuschen in der Wildnis von Nordschottland ist außergewöhnlich. Bei Tee und Kuchen lauschen wir den Erlebnissen der beiden. Von Bruces Liebe zu Bergsteigen und Abenteuern und von Ritas unzähligen Reisen und Erlebnissen rund um den Globus. 

Selbst den Atlantik haben die beiden gemeinsam mit ihren Nachbarn überquert. An Bord jener Yacht, die wir bereits beim Einfahren in die Bucht hoch und trocken entdeckt haben.

Schon erfahren wir mehr über die berühmten Yachten des Nachbarhofes, deren Namen uns doch irgendwie bekannt vorkamen: die ENGLISH ROSE VI und IV. 

Sie gehören John Ridgway, einem schottischen Abenteurer, der einst gemeinsam mit Chay Blyth über den Atlantik gerudert war. Und dann wird uns einiges klar.

Wir kennen den Namen der kleinen, abgetakelten Yacht und ihres Eigners wirklich.

John trat mit der ENGLISH ROSE IV 1968 beim Golden Globe Race an. Im Versuch, als erster Mensch die Welt nonstop zu umsegeln. Doch John hatte Pech, wurde er doch bei seinem Start von einem Boot gerammt. Dabei wurde die ENGLISH ROSE IV beschädigt. John startete das Rennen trotzdem und überquerte den Atlantik mit seiner leckgeschlagenen Yacht. In Brasilien musste er aber einen Reparaturstopp einlegen und somit aus dem Rennen ausscheiden.

Die Welt umsegelte John dennoch. Und das gleich zweimal. Einmal mit seiner ENGLISH ROSE VI im Zuge des Whitbread Rennens, und einmal mit seiner Familie und teilweise Gästen an Bord.

Doch die Zeit der großen Segelreisen an Bord der englischen Rosen scheint längst vorüber. Seit vielen Jahren stehen die Yachten nun an Land und erinnern an die großen Abenteuer der Familie Ridgway. Heute betreibt John´s Tochter ein Abenteuercamp im Loch Laxford und gibt ihre Erfahrungen weiter. Denn in dieser Familie ist Abenteuer vererbbar, Rebecca ist die erste Frau, die mit ihrem Kajak Kap Hoorn umrundet hat.

Mit einem Kopf voller Geschichten laufen wir am folgenden Tag aus der wunderbaren Ankerbucht von Ardmore aus, nur um wenige Seemeilen weiter im kleinen Fischerort Kinlochbervie erneut festzumachen.

Hafenausfahrt Kinlochbervie
Die Hafeneinfahrt von Kinlochbervie

Eine englische Yacht liegt am Steg. Die beiden Segler scheinen wenig vom kleinen Fischerort zu halten: 

„Der Hafenmeister ist erst ab Montag wieder erreichbar, Diesel gibt’s bis dahin auch keinen. Das Café dort drüben schließt in einer halben Stunde, das zweite hat vielleicht noch ein oder zwei Stunden offen. Der Lebensmittelladen hat noch drei Stunden geöffnet. Die Hotelbar hat geschlossen. Mehr ist hier nicht zu tun! Wir legen morgen früh ab und wollen weiter.“ 

So beschreiben uns die beiden Segler etwas missmutig den kleinen Ort. Wir sehen es ganz anders, denn für uns gibt’s hier viel zu tun. Der Wetterbericht zeigt einen regenfreien Sonntag, und den werden wir nützen.

Noch am selben Abend packen wir die Motorräder aus ihrer Garage und drehen eine kleine Runde ums Dorf. 

Abend in den Highlands
Wir drehen eine Abendrunde in den Highlands

Und siehe da, schon sieht das Dörfchen ganz anders aus. 

Noch im Hafen tratschen die Fischer mit uns, während sie ihr Feierabendbier genießen. Sie erzählen uns, was wir uns alles so ansehen und wo wir auch am Wochenende Sprit tanken können und lachen lauthals über Jürgens Zuversicht, dass es morgen sonnig werden wird. Schönwetter in Schottland bedeutet keineswegs sonnig, werden wir aufgeklärt.

Kaum ein paar Meter weiter entdecken wir eine Bucht, die mit ihrem alten Steg und Hotel zum Fotografieren einlädt. Und ein herrlicher Strand einige Kilometer weiter lädt uns zum Abendspaziergang ein.

Dann hält das Wetter, was der Wetterbericht versprochen hat. Zwar bleibt den ganzen Sonntag über der Himmel Wolkenverhangen und trübe, aber zumindest fällt kein Tropfen. Schönstes schottisches Sommerwetter, wie wir nun wissen. 

Motorradtour Highlands
Motorradtour in die schottischen Highlands

Es ist ein perfekter Tag, um die beeindruckenden Highlands mit ihren unzähligen Süß- und Salzwasserlochs, ihren zerklüfteten Küsten und ihren winzigen Townships entlang schmaler Straßen zu entdecken. 

Und während wir die hübsch aufgemöbelten Touristenorte an der Nordküste durchqueren, immer auf der Hut, nicht nach der nächsten Kurve von einem mitteleuropäischen Wohnmobil auf der falschen Straßenseite niedergefahren zu werden, freuen wir uns am Abend darauf, zurück in Kinlochbervie zwischen den Fischern das Gefühl zu haben, zurück im „echten Nordschottland“ zu sein.

Ein Gefühl, das vielleicht von einem kleinen schottischen Wölkchen getrübt wird, als wir um fünf Uhr früh aus der Koje gerissen werden, während große Fischkutter nach getaner Arbeit lautstark wenige Meter von unserer Bordwand entfernt in den Hafen tuckern und damit jede Nachtruhe beenden. 

Fischerei Schottland
Bereits um fünf Uhr morgens kommt das Fabriksschiff in den Hafen und wird entladen.

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