Ungeliebte Nordsee.
Alles ist grau und mir ist schlecht. Heute fällt es mir schwer, die Schönheit des Hochseesegelns zu sehen. Denn eigentlich möchte ich nur so schnell wie möglich auf der anderen Seite ankommen.
Aber Jammern nützt nichts. Und eigentlich bin ich ja selber schuld. Während Jürgen vorsorglich eine Tablette gegen Seekrankheit geschluckt hat, hab ich großspurig gedacht, das geht auch ohne.
Und nun hänge ich am Steuer und beisse mich durch die Nordsee. Warte sehnsüchtig darauf, meine Wache endlich zu beenden und Jürgen aus der Koje zu schmeißen.

Nach einigen Stunden Freiwache sieht die Welt schon besser aus.
Zwar hat der Himmel seine Schleusen geöffnet und es ist immer noch empfindlich kalt, aber zumindest ist mir nicht mehr ganz so übel.
Mittlerweile sind wir nicht mehr alleine, wir haben einen blinden Passagier. Mit äußerst verzweifelten Landungsversuchen ist eine Schwalbe vom Himmel gefallen. Endlich hat sie hinterm Steuerhaus einen Platz an Bord gefunden, an dem sie zumindest Schutz vor dem beißend kalten Wind hat.
Wann immer ich an den Segeln arbeiten muss, öffne ich den Niedergang mit äußerster Vorsicht. Versuche, die arme kleine Schwalbe nicht aufzuschrecken. Bleib einfach nur noch ein paar Stunden sitzen, dann hast du es geschafft. Dann fahren wir dich zurück an die Küste, zurück ins Leben.
Ich überlege, ob ich ihr ein paar Körner hinschmeißen soll. Doch ich weiß, ich würde sie nur aufschrecken und riskieren, dass sie auffliegt. Entkräftet wie die kleine Schwalbe ist, würde sie es vielleicht nicht mehr schaffen, mit dem dahinziehenden Segelboot unter ihr mitzuhalten. Ein Todesurteil. Ich entscheide mich dagegen und lass die Schwalbe in Ruhe. Zumindest frisches Regenwasser hat sie an Deck, tröste ich mich.
Dann laufen wir ein. Haben die Shetlandinseln erreicht.

Ich freue mich darüber, die kleine Schwalbe immer noch auf ihrem Platz im Windschatten des Steuerhauses sitzen zu sehen. Wundere mich ein wenig, dass sie selbst in der Hafeneinfahrt von Lerwick nicht abhebt und davonfliegt. Aber so sehr wir uns bemüht haben, unseren kleinen blinden Passagier sicher an Land zu befördern, Rettung gibts keine.
Minuten bevor wir im Hafen festmachen, fällt die kleine Schwalbe plötzlich tot um. Liegt am Rücken und ist gestorben. Ich will den Tod der Schwalbe nicht wahrhaben. Aber ich kann ihn auch nicht ändern.
Im vollen Hafen gehen wir längsseits. Martin von seiner ONWO ONOC steht bereits an Deck, um unsere Leinen anzunehmen. Martin ist am Weg nach Island, und uns auf Anhieb sympathisch.

Dann folgt das übliche Prozedere des Ankommens:
Ab zum Hafenkapitän, Hafengebühren bezahlen. Einklarieren müssen wir nicht, wir haben bereits alles über das Internet erledigt und staunen darüber, dass es auf den Shetlandinseln keine Zoll- und Einklarierungsbehörde mehr gibt. Wir bekommen einen Anruf der Behörden aus Schottland und werden freundlich darauf hingewiesen, bereits einklariert und willkommen zu sein.
Damit also weiter im üblichen „Ankommensprozedere“: Duschen gehen, eine Ladung Wäsche waschen. Spaziergang durch Lerwick, Fish and Chips zum Mittagessen. Dann ein Spaziergang zum Supermarkt. Wir kaufen frisches Obst, verschiedenes Gemüse und einen Sixpack Bier. Zur Feier des Tages gibt es Ossian Ale.

Abends sitzen wir, gemeinsam mit einigen anderen deutschen Seglern, auf der ONWO ONCO. Es ist eine fröhliche Runde, zusammengesetzt aus verschiedenen Lebenskonzepten. Denn während wir und auch Martin von der ONWO ONCO selbständig sind und Johanna vom Nachbarboot durch Kojencharter ihre Reisen finanziert, gehen die beiden Segler von der TIAMATA ihren Anstellungen an Bord nach. Sie sind „Digitale Nomaden“, deren Homeoffice ganz einfach am Bord ist.
Wie das mit dem Segeln geht? Einfach. Solange sie gutes Internet haben, leben sie ihre tägliche Arbeitsroutine an Bord. Einzig die Planung von Segeletappen ist etwas gewöhnungsbedürftig. Denn dafür müssen sie nicht nur die übliche Wetterplanung machen, sondern auch ihre Urlaubstage entsprechend planen.
Ob der Bootsname ONWO ONCO eine Bedeutung hat, will ich wissen. Und ja, es ist eine Abkürzung für One World, One Ocean. Ein schöner Name, der gut zu Boot und Besitzer passt. Wir wünschen ihr eine schöne Islandreise.

Bereits am nächsten Tag brechen wir wieder auf.
Ankern für ein paar Tage und beschließen, die nächste Wettermöglichkeit zu nutzen, um in den Süden zu ziehen. Lange müssen wir nicht warten. Mit gerefften Segeln ziehen wir an den beeindruckenden Vogelfelsen von Ness vorüber. Eissturmvögel, Lemminge, Alke und Papageientaucher spielen in den stürmischen Böen. Noch einmal muss ich an unsere kleine Schwalbe denken. Hätte sie doch die Flügel dieser Eissturmvögel besessen!

Dann lassen wir die Inseln hinter uns, während der Wind abflaut.
Geliebte Nordsee.
Schwarzblau, gleichmäßig, beeindruckend heben sich die Wogen, ziehen unter LA BELLE EPOQUE durch und eilen in Richtung Norwegen. Hin und wieder tanzen kleine Schaumkronen auf ihren Häuptern, während das Licht von Sumburgh Head, dem hübschen südlichen Leuchtturm der Shetlandinseln, langsam im Kielwasser verblasst.
Ein hell leuchtender Halbmond zeigt mir den Kurs, sein Licht spiegelt sich glitzernd auf der See. Keine Wolke steht am Nachthimmel, trotzdem sind nur wenige Sterne zu sehen. Denn es ist eine helle Nacht, der letzte Schein der Sonne verschwindet auch um zwei Uhr Morgens nicht vom nördlichen Horizont.
Backbord voraus blinken ebenfalls Leuchttürme. Sie zeigen mir die Position der kleinen Fair Isle, eine steile Felsinsel, die sich gegen die Nordsee stemmt. Beständig nagt der Atlantik an ihren Steilwänden, wird irgendwann den Kampf dieser Giganten gewinnen und die Insel zu Staub zermalen. Bis dahin bleiben die Klippen und die grünen Wiesen darüber ein Vogelparadies.
Auch uns begleiten Seevögel. Eissturmvögel segeln in großen Bögen um LA BELLE EPOQUE, setzen sich immer wieder aufs Wasser und warten. Scheinen zu fragen, ob das nicht etwas schneller geht und ziehen irgendwann weiter.

Am Morgen wird es ruhig.
Die Orkneyinseln dienen als Wellenschutz, das Meer wird spiegelglatt. Ein Hochdrucksystem hat sich breit gemacht, verwöhnt uns mit strahlend blauen Himmel und haucht nur noch eine leichte Brise übers grüne Wasser. Kaum zu sehen sind die flachen Sandinseln. Wir laufen in die breite, seichte Hafenbucht von Whitehall ein, fischen den Tampen einer Besucherboje aus dem Wasser, stellen den Motor aus und decken die Segel ab. Trinken Kaffee im Cockpit.
Angekommen. Und es ist endlich Sommer!










