Es ist neun Uhr morgens, der Anker fällt zehn Meter in die Tiefe, gräbt sich in den Sand, hält. Extra Kette stecken, Anker einfahren, Ruckdämpfer setzen, Tagestank nachfüllen, Motor aus, Segel abdecken. Gut ist’s.
Träge rollt LA BELLE EPOQUE in der Dünung, Village Bay auf der Insel Hirta bietet keinen besonders guten Ankerplatz.
Die Knochen sind etwas schwer, die Augen müde. Wir sitzen im Cockpit und betrachten die wilde Küste um uns.

Wir sind auf den entlegenen Inseln von St. Kilda angekommen.
Im Süden stemmen sich hohe Felsinseln von Dùn gegen die See. Auch von hier aus kann ich erkennen, dass das Meer die Außenküste dieser Felsen längst zermahlt und steile Klippen geformt hat. Zurückgeblieben ist ein Vogelparadies: Nistplätze an den Klippen für Basstölpel, Eissturmvögel, Trottellummen und Möwen. Erdhöhlen für Papageientaucher, Grasnester für Skuas und Geröllfelder für die Nistplätze der Gryllteisten. Später werden wir mit dem Beiboot Ausflüge zu den Felsen, den Höhlen und den Klippen unternehmen. Und über die schier unglaubliche Zahl der Vögel staunen.
Westlich von uns erstreckt sich das Tal der Insel Hirta. Saftig grüne Hänge, kreuz und quer mit alten Steinmauern und „Cleits“ – Steinhütten – bebaut. Etwas entfernt vom Ufer reihen sich die Ruinen von „The Village“ aneinander. Ein verlassenes Dorf, gebaut als eine Reihe von Steinhäusern.
Es sind kleine und niedrige Steinhäuser, die alle gleich aussehen: Mit jeweils einer Tür zur Bucht ausgerichtet, links und rechts davon ein mittlerweile scheibenloses Fenster. Der alte Kamin an einer Seitenwand. Die „Mainstreet“ davor ist nur ein Grasweg.

Dahinter verliert sich der 430 Meter hohe Gipfel des Conachair im Hochnebel.
Im Norden bricht sich die umlaufende See am Rubha Challa und Uliske, den Felswänden des nördlichen Kaps von Hirta. Die massiven Strömungen des Seegebiets sorgen dafür, dass dort die Wellen stets zornig gegen die Klippen schäumen und als Echowellen bis zu uns in die Village Bay fahren.
Ein Stück weit draußen im Südosten sorgt die kleine Felsinsel Stac Levenish für eine hübsche Unterbrechung im graublauen Ozean.
Ein paar Stunden Schlaf später machen wir unser Dingi am massiven Betonpier fest.
Der Pier, ein modernes, großes Gebäude und ein Platz mit Tankanlagen wirken fehl am Platz. Über Funk wurden wir darauf hingewiesen, dass das Gebäude – der „St. Kilda Accommodation Block and Energy Centre“ – off limits ist. Es handelt sich um Eigentum des britischen Verteidigungsministeriums. Betreten verboten.
Kein Problem. Unser Ziel ist ohnehin das aufgegebene Dorf und die Insel selbst. Als doppelt geführtes UNESCO-Erbe – Weltkulturerbe und Weltnaturerbe – ist die Insel heute so etwas wie ein von Vögel und Schafen bewohntes Freilichtmuseum.
Wir schlendern durch die Koppeln und über die Graswege, betrachten die abgedeckten Ruinen und lesen im kleinen Museumsgebäude über die Lebensumstände der einstigen Bewohner.

Abgeschieden und unglaublich hart war das Leben hier.
Ein Land, das kaum etwas bietet. Gras, Torf und Steine als einzige Materialien zum Bauen, Wohnen, Heizen und Kochen. Es gibt kein Stück Holz auf der Insel, weder um Unterschlupf zu zimmern, zum Heizen oder um Fischerboote zu bauen.

Auch landwirtschaftlich bietet die Insel wenig. Lediglich ein paar Schafe und Kühe können sich vom Gras ernähren, Felder gab es kaum, ausgedehnte Obst- und Gemüsegärten sowieso nicht.
Seevögel und deren Eier dienten als einzige Nahrung, die die Natur selbst bot. Und diese mussten abenteuerlich von den Klippen geholt werden. Fischfang war aufgrund der fehlenden Boote und der rauen Gewässer den Menschen hier so gut wie unmöglich.

Die Ankunft von neun österreichisch-ungarischen Schiffbrüchigen führte dazu, dass erstmals „gezielt“ Hilfsbotschaften an Schottland versendet wurden. Als im Februar die Vorräte der Insel durch die zusätzliche Versorgung der Schiffbrüchigen knapp wurden, befestigte man eine Flaschenpost auf dem geborgenen Rettungsring der gesunkenen Bark und warf sie ins Meer.
Nur neun Tage später wurde die „Post“ auf den Orkney-Inseln gefunden. Dieser Fund führte nicht nur dazu, dass Rettung für die Schiffbrüchigen organisiert wurde, sondern auch zu den legendären „St. Kilda-Mailboats“.
Ab sofort versendeten die Bewohner von St. Kilda Nachrichten, indem sie diese in Flaschen oder Dosen auf ein Stück Holz und einer Schwimmblase aus Schafshaut banden und diese bei nordwestlichen Winden ins Meer schmissen. Es wird vermutet, dass bis zu zwei Drittel dieser Nachrichten gefunden wurden. In Westschottland, entlang der Schottischen Inseln und sogar in Norwegen.

Mitte des 19. Jahrhunderts kam zum kargen und isolierten Leben noch moralischer Trübsinn dazu.
Dafür sorgte ausgerechnet jener neue Inselbewohner, der für das Seelenheil der Insulaner zuständig war: Reverend Mackay. Ein Fanatiker, der Kindern das Spielen verbot und sie zwang, jederzeit eine Bibel bei sich zu tragen. Der Reverend verteufelte sowohl Tanz als auch gute Laune. Er erlaubte Sonntags weder Arbeit noch Konversation und forderte zu stundenlangen Predigten auf.
Auch lehnte Reverend Mackay eine Verbesserung bei der Geburtenhilfe vehement ab, obwohl St. Kilda mit der höchsten Säuglingssterblichkeit Schottlands kämpfte, nachdem die Verwendung von schmutzigen Messern beim Durchtrennen der Nabelschnur regelmäßig für Tetanusausbrüche sorgte.

Die Bilder und Geschichten des kargen Dorflebens wirken in unseren Gedanken nach, während wir langsam und still über die sumpfigen Torfwiesen auf den Conachar hochsteigen.
Überall sind Mauerreste und Steinhütten zu sehen, Überreste von harter Arbeit. Der kalte Wind pfeift in unseren Ohren und treibt nassen Dunst vor sich her. Zwei Skuas reißen mich aus meinen Gedanken, jagen mich mit ihren Sturzflug-Attacken weiter. Ich muss wohl in die Nähe eines Nestes gekommen sein.
Dann erreichen wir das abrupte Ende der Insel, stehen hoch über steilen Klippen. Auch sie werden von unzähligen Seevögeln bewohnt. Mit ihren Schreien im Wind sorgen sie für eine muntere Klangkulisse.
Unter uns streckt sich der Nordatlantik. Der Blick geht in den Norden, die kleine Insel Boreray ist die einzige Unterbrechung im weitem Blau.

Zurück am Ankerplatz liegen zwei Traditionssegelschiffe neben uns.
Sie haben eine Handvoll Touristen auf die Insel gebracht. Wir werden tags darauf auf den 102 Jahre alten Brixham Trawler PROVIDENT zum Tee geladen, während ihre Gäste sich die Füße an Land vertreten.
Das Holzschiff ist makellos gepflegt, die mehrköpfige Crew nutzt die Zeit ohne Gäste an Bord für diverse Arbeiten, während der Smut das mehrgängige Essen vorbereitet und wir mit dem Skipper tratschen.

Dann packen wir uns ins Ölzeug, montieren den Außenborder am Dingy und bestauen die Höhlen und Klippen von Dùn. Nicht nur tausende Seevögel über, vor und vermutlich auch unter uns sind beeindruckend, der Seegang vor den Inseln lässt uns staunen. Die Rückfahrt zu den Äußeren Hebriden morgen kann ja was werden.
Und rau wird die Rückfahrt auch wirklich.
Nach zwei Tagen auf St. Kilda lässt uns SW-Wind 7 am Vormittag noch geduldig warten, während wir die PROVIDENT beim Auslaufen beobachten. Wir wollen sehen, ob die Strömungsseen am Ausgang unserer Ankerbucht doch noch etwas abnehmen.
Drei Stunden später heben wir den Anker und setzen die gerefften Segeln. Die See ist immer noch ruppig, doch Halbwind mit 6 bis 7 Beaufort weckt die Lebensgeister an Bord. Wir ziehen mit 7 Knoten Fahrt durchs graue Wasser, während die Wellen sogar bis übers Steuerhaus schlagen.
LA BELLE EPOQUE hat die Jagt aufgenommen, holen über Nacht den alten Brixham Trawler mit seinen roten Gaffelsegeln ein, während wenige Fischkutter südlich von uns langsame Kreise ziehen.
Dicht vor den Hebriden ist es dann soweit, die PROVIDENT liegt im Licht der aufgehenden Morgensonne achteraus. Der Wind flaut ab, wir wechseln von der Fock auf die Genua und werfen das Reff aus dem Groß, setzen den Besan. Noch einmal bremsen uns starke Gezeitenströme, während wir im Schneckentempo zwischen den südlichsten Inseln der Hebriden durchlaufen. Die letzten Seemeilen muss Mr. Perkins nachhelfen.
Um 8:30 Uhr fällt der Anker bei strahlendem Sonnenschein vor dem wunderschönen Sandstrand von Vatersay. Und wir fallen zufrieden in die Koje.












