Definiere dich selbst

„Talent ist Interesse“ schrieb Brecht 1953 […] Über sechzig Jahre später ist es kompliziert geworden, sich zu interessieren: Im digitalen Zeitalter bestimmen Algorithmen, wohin wir geleitet werden, weshalb wir uns zumeist in Echokammern wiederfinden, obwohl jeder weiß, dass es nichts Langweiligeres gibt, als einen Klub, in dem nur Leute zu finden sind, die dem eigenen Spiegelbild gleichen.<span class="su-quote-cite">Stephan Suschke und Nele Neitzke</span>

Lese ich in einem Vorwort des Programm-Magazines „foyer5“ des Landestheater Linz und mein Interesse ist sofort geweckt. Die Idee, von Algorithmen geleitet zu werden und unsere Interessen programmierten Verfahren zu überlassen, hat längst unseren Alltag übernommen. Wir scheinen beherrscht von Statistiken, von Datensammlungen und von ihren Auswertungen. 

Was uns gefällt, wie wir uns kleiden, welche Arbeiten wir leisten, welche Nachrichten uns bewegen, welche Dinge wir kaufen, ist längst zu unserem Profil geworden. Statistiken beherrschen unsere Realität und Medien zeichnen unser Weltbild.

 

Beeindruckend und groß erscheint uns, was in Zahlen mächtig klingt.

Egal, ob wir die Ausmaße fassen können, ob wir uns ein Bild machen können oder die Zusammenhänge verstehen. Egal, ob wir sie mit jener Welt, in der wir leben, verbinden können. 

Das Sammeln von Daten, die Verherrlichung von Zahlen und die scheinbare Unumstößlichkeit von Berechnungen haben sich in unsere Köpfe eingenistet und lassen uns von einer Welt überzeugt sein, die wir selbst weder fühlen noch fassen können. 

Manchmal machen uns diese Statistiken Angst. Zahlen sind zu einer ungreifbaren, dunklen Gefahr geworden. So wie eine Pandemie, die „der ganzen Welt“ den Atem anhalten lässt, ohne dass wir selber auch nur einen kranken Menschen persönlich kennen. Oder wie ein Sturm, der laut Medien wieder einmal einen Rekord gemacht hat.

Egal bleibt dabei, dass es Pandemien schon immer gegeben hat, oder dass Stürme nur dann Rekorde aufstellen, wenn wir bisher keine stärkeren Stürme gemessen und aufgezeichnet haben. 

 

Es ist eine Datenflut, die uns bewegt und umgibt.

Eine Datenflut, die mit Programmen und Algorithmen gefiltert wird, um unser Interesse zu treffen und unsere Konsumlust zu steigern. Und doch können wir nicht behaupten, dass dieser Überfluss an Daten und Medien, diese Welt der Algorithmen unser Interesse halten kann.

Ein dumpfes Gefühl der langweiligen Vereinheitlichung macht sich breit. Beinahe unbemerkt hat sich doch unsere Realität mehr und mehr zu einem Einerlei entwickelt. Mit immer gleichen Medien, austauschbaren Handelshäusern mit nichtssagenden, einheitlichen Waren. Mit sinnlosen Neuigkeiten, ob auf Facebook, oder über große Nachrichtenhäuser.

Eine Welt, in der wir Konsumieren, um interessiert zu bleiben.

Hat sich unsere Welt von „Talent ist Interesse“ zu „Interesse ist Konsum“ weiterentwickelt? Kennen wir überhaupt noch den Unterschied zwischen Konsumieren und Interessieren?

Ist es nicht längst Zeit geworden, uns aus dieser dumpfen Welt der Daten und Algorithmen zu befreien? Um aufzuspüren, wer wir wirklich sind? Um zu entdecken, welche Interessen wir wirklich haben und wo unsere Talente liegen?

Selbst ein noch so künstlich intelligentes Programm wird daran scheitern, unsere Persönlichkeiten wirklich zu definieren, unsere tatsächlichen Talente und Interessen zu entdecken, uns ernsthaft kennenzulernen. Denn solange wir nicht unsere Träume leben und uns aus der Welt der Daten in die Welt da draußen stürzen, werden wir uns selbst nicht kennen.

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