Raus aufs Meer

Raus aufs Meer

November 1, 2020 0 Von claudia und jürgen
Nico und Sabrina Weinmann haben einen Traum. Sie wollen die Welt sehen und sie packen es an. Sie sind keine Aussteiger, die mit dem geordneten Leben in der Stadt nicht mehr klarkommen. Sie sind keine Sonderlinge, die unbedingt von der Norm abweichen müssen. Nein, sie sind ein junges Paar, zwei Angestellte wie du und ich. Sie setzen sich ein Ziel und „ziehen es durch“.Hubert Kleiner

Nein, die beiden deutschen Sabrina und Nico sind nicht ausgestiegen, sondern mitten im Leben. Aber ihr gewählter Lebensweg ist ungewöhnlich. Inspirieren. Individuell. Denn sie haben sich entschieden, ihre eigenen Träume zu leben und ihrer Sehnsucht nach mehr zu folgen. Seit jungen Jahren sind sie gemeinsam unterwegs. Unterwegs am Meer. Unterwegs am Fluss. Unterwegs an Land. Mit dem Boot, dem Fahrrad und zu Fuß.

Wir haben die Zeit genützt, in der sie sich gerade zurück in Deutschland auf die neue, große Reise vorbereiten, um den beiden ein paar Fragen zu stellen.

 

Auf eurer Homepage sonnensegler.net erzählt ihr davon, dass ihr euch im Sommer 2009 dazu entschieden habt, die Welt zu erleben. Wie kam es dazu?

Auslöser für den Umstieg in ein anderes Leben waren letztendlich Kindheitsträume, die wir beide hatten. Träume vom Reisen, Träume von fernen Ländern, die wahrscheinlich viele Menschen haben. Irgendwann gingen diese Träume und Ideen im Laufe des Erwachsenwerdens verloren. Aber ganz verschwunden waren sie nie. Im Sommer 2009 waren wir uns ziemlich sicher, dass wir weiterhin gemeinsam durchs Leben gehen werden und standen vor der Frage aller Fragen: „Haus und Kind?“

Wir haben uns damals relativ spontan dagegen entschieden, weil wir gespürt haben, dass ein Leben in engem Korsett nicht für uns taugt. Am Ende hat diese Entscheidung zu einer Odyssee durch Europa geführt. Ausführlicher kann man das gerne auf unserer Website nachlesen oder in Filmen und Videos bei Youtube und Vimeo verfolgen.

 

Euch war von Angang an nicht der Ausstieg aus der Gesellschaft wichtig, aber ihr wolltet mehr von der Welt erleben, als sich im Jahresurlaub realisieren lässt. Um das zu erreichen, muss man seine Zukunft neu planen und konsequent arbeiten. Ihr schreibt, dass ihr euer Leben entsprechend umstrukturieren musstet. Was viel euch dabei besonders leicht und hattet ihr auch Sorgen und Probleme mit diesem neuen Weg?

Besonders leicht gefallen ist uns die Abwendung von allerlei unnötigen Konsumgütern. Wir empfanden den Verzicht auf Fernseher und Co. als eine Art Entschlackung. Als wir dann im Sommer 2014 mit unserem kleinen Segelboot Eos das Land verlassen haben, da fühlte sich das extrem gut an, den wenigen Besitz in ein paar kleine Schapps unter Deck zu verstauen. Wir hatten kurz zuvor fast alles verkauft oder verschenkt und damit eine Menge unnötigen Ballast abgeworfen. Aber es gab natürlich auch Dinge, um die wir uns Sorgen gemacht haben, als wir zum ersten Mal los sind. Das waren vor allem Gedanken um den beruflichen Wiedereinstieg nach der Reise. Letztendlich waren diese Sorgen unbegründet. Unsere berufliche Situation hat sich nach jeder Reise ein klein wenig verbessert.

Aufbruch mit der EOS. Ein Hochgefühl der Leichtigkeit!

 

Jede Entscheidung für etwas heißt ja auch, dass man sich gegen etwas entscheiden muss. Was war oder ist es bei euch? Was vermisst ihr?

Das stimmt und das macht die Entscheidung für ein Leben abseits des Mainstream nicht leicht. Sich für eine Art Nomadenleben zu entscheiden, bedeutet schließlich, sich gegen Haus, staatliche Absicherung und geregelten Alltag zu entscheiden.
Uns hat dieser optimierte Alltag mit all seinen Fassaden in gewisser Weise sowieso genervt und wir haben uns am Ende gegen diese Sicherheit und für das Abenteuer entschieden. Bereut haben wir diese Entscheidung bis heute nicht. Wir vermissen momentan nur das Reisen, da wir uns seit einer Weile wieder in Deutschland befinden, um unser Schiff zu restaurieren.

 

Ihr ward ja erst Mitte Zwanzig, als ihr euch für diesen Weg über die Weltmeere entschieden habt. Seither seid ihr bereits viel gereist. Wie hat sich euer Anspruch ans Leben und ans Reisen seither verändert?

Unser persönlicher Anspruch ans Leben und den Lebensinhalt hat sich in den letzten 10 Jahren deutlich verschoben. Wir haben nach all den Reisen und Erlebnissen heute nur noch geringe Ansprüche an Unterkünfte und Komfort und machen uns weniger Sorgen unterwegs. Es hat sich einfach gezeigt, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt und umso mehr Probleme man durchlebt hat, umso normaler und sicherer wird der Umgang damit. Und eins ist sicher, sobald man sein geordnetes Leben verlassen hat, beginnt nicht nur das Abenteuer, sondern beginnen auch die Probleme, die am Ende wiederum die Erlebnisse zu einem großen Teil ausmachen und die Reise erst zum Abenteuer werden lassen.

Was unser Schiff angeht, da haben sich die Ansprüche allerdings deutlich erhöht. Jedoch nicht nennenswert beim Komfort. Wir haben nach wie vor keine Dusche unter Deck und uns mittlerweile daran gewöhnt, mit Duschkanister auf dem Achterdeck zu stehen. Ok, im Winter allerdings im geschlossenen Cockpit, so bekloppt sind wir dann doch nicht.

Der Anspruch an das Schiff hat sich dahingehend verschoben, dass wir unser Schiff als eine Art Universalwerkzeug, ja fast schon als ein Arbeitsschiff verstehen, das gleichzeitig unser Zuhause ist. Alles an Bord muss perfekt funktionieren und alles wird von uns selbst repariert und zum größten Teil auch selbst angefertigt. Das Schiff ist für uns mittlerweile zu unserem gemeinsamen Zentrum geworden.

Am Arbeiten: alles wird selbst repariert und instand gehalten…

… und auch die Restaurierung ihres neuen Zuhauses MORGENSTERN erledigen die beiden selbst.

Was waren für euch die bisher schönsten Momente eurer Reisen?

Ohje, das ist schwer, weil es so viele schöne Momente gab. Besonders gut in Erinnerung geblieben sind uns die ersten längeren Etappen durch den Ärmelkanal mit Eos. Da waren wir zum ersten Mal weit weg vom Land und wir hatten das große Glück, perfektes Segelwetter zu haben. Wir haben den Ärmelkanal damals so herrlich wie sonst oft das Mittelmeer erlebt. Ganz anders, als er meistens dargestellt wird. Ebenso die Biskaya. Wir haben dort einen ganzen Segelsommer verbracht und für uns persönlich ist die Küste der Biskaya eine der schönsten in Zentraleuropa. Natürlich haben wir auch hin und wieder in der Biskaya ordentlich was auf die Nase bekommen, aber das ist eine andere Geschichte.

In besonderer Erinnerung sind uns auch noch die vielen Begegnungen mit Menschen und die Gastfreundschaft geblieben, aus denen auch Freundschaften und Verbindungen entstanden sind, die bis heute andauern und zu denen es im normalen Alltag in der Regel in der Form nicht kommt.

Sabrina und Nico auf Reise

Als ihr 2015 nach einer winterlichen Unterbrechung der Reise erneut mit eurem Segelboot EOS in den Atlantik aufgebrochen seid, seit ihr in einen Sturm geraten. Ihr habt es zurück an die Küste geschafft, aber ihr wolltet nicht mehr per Boot weiterreisen. So folgten 1300 km zu Fuß und per Rad: Mit dem Rucksack entlang des Jakobwegs bis nach Santiago de Compostella. In eurem Film „Irgendwie ans Kap“ sprecht ihr von einem „Scheitern auf See“. Doch zur Zeit arbeitet ihr erneut an der Restaurierung/Ausrüstung eures neueren Segelbootes MORGENSTERN. Das klingt nicht nach „Scheitern“. Was fasziniert euch so am Segeln, dass ihr trotz harter Erfahrung immer wieder zurück aufs Meer wollt?

Damals empfanden wir das zunächst als eine Art scheitern. Wir hatten gerade erst unsere zweite Saison auf dem Meer hinter uns und bei weitem noch nicht genug Erfahrung. Die Biskaya hat uns dann halt gezeigt, wie es da draußen auch aussehen kann und mal kurz ihre Krallen ausgefahren. Das hat uns als Greenhorns für eine ganze Weile den Spaß am segeln verdorben. Man kann sich noch so gut technisch und gedanklich auf Schwerwetter vorbereiten, das erste Mal ist trotzdem ziemlich übel.

Da war der Jakobsweg eine willkommene Abwechslung und wir hatten während des Pilgerns viel Zeit zum Nachdenken. Vom Segelvirus sind wir dann doch nicht losgekommen und letztendlich war die Zeit in der Biskaya eine gute Lehrzeit und hat zu einer soliden Basiserfahrung beigetragen, die wir heute nicht missen wollen.
Die Faszination am Segeln finden wir schwer zu erklären. Vielleicht liegt ein gewisser Reiz darin, dass man sich in eine Unsicherheit begibt und die langweilige Gleichförmigkeit des Alltags verlässt. Wenn man Lebenszeit als eine Linie betrachtet, dann sieht diese Linie für uns im Alltag fast aus wie die Nulllinie auf dem EKG. Mit dem Segelboot auf Langfahrt zu sein, führt dagegen zu heftigen Ausschlägen nach oben und unten. Die positiven Erfahrungen sind um ein vielfaches schöner, die Negativen um einiges negativer. Aber erst wenn man ein bisschen gelitten hat, schmeckt der heiße Kaffee im Hafen so richtig gut und wird das einfache Brot aus der Pfanne zu etwas besonderem.

 

Es gibt viele Arten zu reisen. Und ihr gehört zu den Menschen, die sich nicht auf eine Möglichkeit beschränkt haben. Wie bereits erwähnt habt ihr ja auch während eurer Segelreise eine „Auszeit“ vom Segeln genommen und seid zu Fuß 1300 km über den Jakobsweg gewandert. Was hat euch bei dieser Art zu reisen besser gefallen, was habt ihr von eurem Bootsleben vermisst?

Das pilgern auf dem Jakobsweg war im Gegensatz zur Segelreise vor allem für den Kopf um ein vielfaches leichter. Wetter spielte praktisch keine Rolle mehr. Wir konnten schließlich jederzeit Pause machen. Aber wir sind auch im Sturm und bei Dauerregen freudig immer weiter durch die Suppe gestapft und haben manchmal regelrecht gejubelt, wenn wir an der Nordküste Spaniens über die Berge geklettert sind und einen Blick aufs aufgewühlte Meer werfen konnten. Dann waren wir froh, klitschnass und körperlich ziemlich fertig genau da oben zu sein.

Pilgern ist für den Kopf ziemlich leicht, nur für den Körper da war es wirklich schwer, ganz im Gegenteil zum Segeln, vor allem dem Fahrtensegeln. Fahrtensegeln ist eine Herausforderung für die Psyche, aber relativ leicht für den Körper. Das mag jeder sicherlich etwas anders sehen, wir empfinden es so und beides hat für uns seinen ganz besonderen Reiz.

Vermisst haben wir auf dem Jakobsweg vor allem unser Boot als unser Zuhause. Sich abends in die eigene Koje zu legen, das wurde nach dem Jakobsweg zu etwas besonderem.

Mit dem Rad unterwegs am Jakobsweg

Aber nicht nur zu Fuß und auf dem Meer wart ihr bisher unterwegs. Ihr habt auch viele Flüsse bereist. Was hat euch auf den Flüssen Europas besonders gefallen und wo liegen für euch die besten Unterschiede zum Salzwassersegeln?

Mit dem eigenen Schiff zum Beispiel von einer Küste den Fluss hinauf zu fahren bedeutet vor allem, sehr viel mehr vom Land zu sehen, als das in der Regel im Salzwasser möglich ist. Zu sehen wie sich der Fluss und die Landschaft verändert, ihn ganz langsam mit jedem Detail erfassen zu können, das ist etwas besonderes. Man bekommt durch diese Langsamkeit auch ein sehr gutes Gefühl für Entfernung, welches durch schnelle Autos, Züge und Flugzeuge heute vielfach verloren gegangen ist. Erst nach all den Fahrten auf Flüssen und Kanäle quer durch Europa ist uns bewusst geworden, wie groß und vielfältig dieser Kontinent doch ist.

 

Würdet ihr jederzeit erneut in die Flüsse zurückkehren?

Ja, jederzeit! Das war auch mit ein Grund, warum unser jetziges Schiff einen gemäßigten Langkiel hat. Ein Kurzkiel würde wegen seines größeren Tiefgangs bei Morgensterns Größe Fluss- und Kanalreisen bis auf wenige Ausnahmen unmöglich machen.

Mit gelegten Masten gehts über die Flüsse durch Europa

 

Ihr seid ja gerade dabei, euer derzeitiges Segelschifferl, die MORGENSTERN, für die kommende Reise fertig zu stellen. Wie wichtig war es euch, eure eigenen Erfahrungen und Ideen einfließen zu lassen, und was macht eure MORGENSTERN zu eurem perfekten Segelboot und Zuhause?

Unser Schiff für unsere persönlichen Ansprüche zu optimieren war uns enorm wichtig. Das war einer der Gründe, warum wir uns für ein Schiff weit weg von unserem derzeitigen Wohnort interessiert hatten. Wir wohnen in Wesel, am Niederrhein und Morgenstern lag zum Zeitpunkt der Übergabe in Kilada, Griechenland.

Die Idee dahinter war, das Schiff auf der langen Überführungsfahrt in den verschiedensten Gewässern ausprobieren zu können, um während der anschließenden Restauration genau zu wissen, was optimiert werden muss und um zu testen ob das Schiff überhaupt das richtige für uns ist.

Für uns hat sich dieser Weg als der Ideale herausgestellt. Wir kennen Morgenstern nun gut genug um zu wissen, was geändert werden muss und was bereits optimal ist.

Morgenstern sollte unser letztes Schiff werden und wir wussten nach den ersten Segelreisen mit anderen Booten ziemlich genau, was wir haben wollten.
Morgenstern ist eine kuttergetakelte Stahlketsch mit Centercockpit und Flushdeck. Sie hat eine Rumpflänge von 12,80m und ist über alles 14,40m lang. Sie hat einen gemäßigten Langkiel mit 1,80m Tiefgang und wiegt vollgetankt und verproviantiert 20t.

Im Hafen ist Morgenstern sicherlich nicht die Schönste. Neben den schnittigen modernen GfK Yachten wirkt Morgenstern auf manche vielleicht ein wenig altbacken.
Für uns spielt Optik jedoch keine Rolle. Morgenstern ist ein enorm stabiles Universalwerkzeug, mit dem man in jedes Revier segeln kann und dessen Segelfläche variabel auf die verschiedensten Situationen angepasst werden kann.

SY MORGENSTERN – Reisemobil, Zuhause, Werkzeug, Arbeitsschiff. Sabrina &n Nicos neues Boot für neue Abenteuer

 

Und natürlich komme ich nicht umhin: An eurem Umbau kann man ja klar erkennen, dass MORGENSTERN zukünftig auch für kalte Reviere ausgerüstet ist. Und ihr habt in euren Blogeintrag „Von Fernweh und Fernweh“ (http://www.sonnensegler. net/2019/11/14/von-fernweh-und-fernweh/) verraten, dass eure nächste große Fahrt kein Ziel hat, aber unter einem Motto steht. Euer Motto Norden – #tracingonewarmline kombiniert mit einem Beiboot, das den stolzen Namen TUKTOYAKTUK trägt, macht uns das natürlich besonders neugierig. Könnt oder wollt ihr schon mehr verraten?

Gerade von euch darauf angesprochen zu werden, macht uns schon etwas nervös!

Wir könnten durchaus einfach und direkt sagen, dass wir als nächstes hierhin oder dorthin segeln werden, oder wollen. Aber der Respekt vor dem Revier und den wenigen Seeleuten die diese schwierigen Routen im Norden gesegelt sind ist so groß, dass wir uns anmaßend vorkommen würden, wenn wir jetzt einfach sagen würden: „Da segeln wir auch hin!“

Im Norden unterwegs zu sein ist eine Idee, die uns schon sehr lange beschäftigt. Wir bereiten das Schiff jetzt seit einiger Zeit darauf vor und wir versuchen es, so gut wie möglich zu machen. Unsere nächste Reise soll in eine Region gehen, die für uns enorm reizvoll ist, aber gleichzeitig zu den schwierigsten Segelrevieren der Erde zählt.

Wir machen uns da nichts vor und ihr wisst besser als alle anderen, wie schwierig es dort oben wirklich ist.
Von daher bleibt es weiterhin nur bei dem Motto, das für die meisten Menschen ziemlich vage ist, uns jedoch viel bedeutet und uns ziemlich motiviert.

 

Abschließen noch: Habt ihr eine Botschaft oder Tipps für unsere Leser, die auch davon träumen, einmal auf lange Reise zu gehen?

Wagt den ersten Schritt! Setzt euren Traum in die Tat um und springt ins „kalte Wasser“. Es muss ja nicht gleich die Extremreise mit der Segelyacht sein. Abenteuer kann man auch mit ganz geringem Budget und lokal umsetzen. Jakobswege gibt es nicht nur in Spanien und auch der nächste Fluss kann mit dem Kajak für ein Sommerabenteuer mehr als genug sein.

Sabrina und Nico mit ihrem neuesten Familien- und Crewmitglied Filou

Danke Sabrina und Nico – wir wünschen euch weiterhin viele wunderbare Abenteuer, gute Reisen und sind gespannt, wohin euch der Wind hin bläst. Und wir werden auf unseren hoffentlich bald wieder nördlichen Ankerplätzen Ausguck nach der MORGENSTERN halten.

Lust auf mehr? Besuch Sabrina, Nico und Filou auf ihrer homepage www.sonnensegler.net oder auf ihrem Youtube Kanal

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