Gemütlich schlendern wir durch den erstaunlich großen Wochenmarkt von Camaret-sur-Mer. Hier, in den Gassen der alten Stadt, bieten jeden Dienstag Gemüsehändler, Käseproduzenten, Salamiverkäufer und Honigbetriebe ihre beste Ware feil. Frische Baguettes und Croissants der Bäcker duften, um die vielfältige und frische Ware der Fischhändler können sich sehen lassen.

Dazwischen sorgen Stände mit Sommerkleidung, Schmuck und Kunsthandwerk für eine hübsche Vielfalt. Nur der asiatische Take-Away, der große Woks mit Fertigessen aufgebaut hat, scheint etwas fehl am Platz.
Ein steter Strom an Marktbesuchern und Kunden fließt durch die Gassen.
Touristen und Sommerfrischler, Ferienwohnungsbesitzer und Einheimische jeder Einkommens- und Altersklasse füllen ihre Einkaufstaschen. Einkaufen als Kulturerlebnis, daran können auch wir uns gerne gewöhnen!

Camaret-sur-Mer hat es uns von Anfang an angetan.
Wir ankern vor dem Hafen der Stadt und werden prompt willkommen geheißen: Ein hölzerner Fischkutter kommt längsseits und Carolin fällt uns in die Arme. Wir haben die segelnde Französin vor Jahren in Grönland kennengelernt, als sie gemeinsam mit sieben abenteuerlustigen Mädels auf ViaSedna Segel- und Klettertour war. Was für eine Überraschung, sie hier zu treffen.
In der Stadt selbst ist alles entspannt: Die Yachthäfen sind unverschlossen. Es gibt einen kostenlosen Steg für Beiboote, um Anker- und Bojenliegern das Leben leicht zu machen.
Im Alten Hafen rund um die aufgelassene Werft erinnert alles an die einstige Fischereiflotte: Großformatige Fotos von der harten Arbeit der Fischer sind entlang der Straße ausgestellt und neben dem Werftschlitten rotten mehrere hölzerne Kutter langsam vor sich hin.

Vorbei am weißen Sandstrand geht’s zur Hafenpromenade, wo sich Pubs mit gut besuchten Restaurants und Eisdielen abwechseln. Zwischen den wenigen, trockengefallenen Seglern und Angelboote durchsuchen einige Bretonen mit Netzen und Schaufeln den Meeresboden auf Muscheln.
Auch ich habe schon die Austern entlang der Steinmole entdeckt und mir insgeheim vorgenommen, am nächsten, weniger stark bewohnten Ankerplatz auf Muschelernte zu gehen.

Vorerst führt unsere Route aber in stärker bewohnte Gebiete.
Gut geplant mit der Tide lassen wir uns vom starken Flutstrom durch die Goulet de Brest schieben und ankern am Stadtrand außerhalb des Militärhafens. Ein Ankerplatz, der zwar nicht sonderlich gut geschützt ist, aber wenigstens auch bei Ebbe stets tief genug für unsere LA BELLE EPOQUE bleibt.
Ein Ankerplatz, der optimale Aussicht auf die Abendliche Himmelsshow bietet: Gemütlich von Deck und ausgerüstet mit einem dunklen Glas von Jürgens Schweißschirm genießen wir unsere erste Sonnenfinsternis.


Und da die Welt der Segler klein ist, ist auch Brest für uns ein Ort der Begegnung.
Wir treffen Amelie auf ihrer SALAMANSA. Vor Jahren haben wir gemeinsam in Puerto Williams auf der legendären MICALVI Silvester gefeiert. Wir verbringen nicht nur einen gemeinsamen Abend, sondern besuchen auch das Hafenfest von Brest zusammen.
Thomas von der SOULMATE treffen wir ebenfalls hier. Er ist auf dem Weg in den Süden und steht vor seiner ersten Einhand-Überquerung – genauer gesagt, wird er die kommenden Tage die Biskaya alleine überqueren. Und es wird ihm gelingen: Tage später bekommen wir einen Anruf von Bord der SOULMATE aus Spanien.
Auch wir wollten eigentlich nach Spanien weiterziehen.
Doch unsere Routenpläne ändern sich.
Immer noch sind wir über unsere neue Schiffsschraube höchst unglücklich, sie schafft es nicht, LA BELLE gegen Wind und Welle halbwegs brauchbar vorwärts zu bringen.
Sollten wir uns jemals in der prekären Lage befinden, von einer Küste freikommen zu müssen, kann diese Schraube schlichtweg gefährlich werden. Deshalb entscheiden wir, LA BELLE EPOQUE erneut an Land zu stellen, eine neue Schiffsschraube zu kaufen.
Klar, Werften gibt es auch in Spanien und eine neue Schiffsschraube könnten wir genauso gut dort bestellen.

Warum also eine Kursänderung?
Wie immer, wenn wir schon LA BELLE EPOQUE aus dem Wasser heben, werden wir kommenden Frühling gleich noch ein paar Roststellen auf Deck bearbeiten und einige neue Ideen an Bord realisieren.
Und dafür wollen wir das Boot in erreichbarer Entfernung haben. „Erreichbar“ soll heißen, nicht weiter als zirka 1000 Kilometer von Österreich. Zum Beispiel Holland oder Belgien.
Zuerst fragen wir im Freundeskreis nach, sind froh um jeden Hafen- und Werft-Tipp. Wir erhalten unsere ersten Angebote, aber auch Absagen aus Holland und Belgien.

In der Zwischenzeit drehen wir den Bug in Richtung Englischen Kanal.
Immer noch versüßt uns ein herrlicher Spätsommer die Fahrt: ruhige Segeltage, Sonne, Sonne und nochmal Sonne. Dazwischen laue Abende.
Ganz einfach ist die Fahrt dennoch nicht: Ankerplätze fallen bei Ebbe großteils trocken. Andere Ankerplätze sind so weit draußen, dass sie bei Flut kaum noch Schutz bieten.
Massive Strömungen zwingen uns zum Aufbruch zu ungemütlichen Stunden. Kaum schläft der Wind etwas ein, muss der Motor mithelfen, um auch rechtzeitig vorm Kentern der Strömung am nächsten Platz zu sein.
Herrlich schön ist es dennoch.

Auf Île de Batz lauschen wir abends französische Livemusik und sammeln tagsüber die süßesten Brombeeren.
In Guernsey liegen wir gemeinsam mit zwei weiteren roten Stahlyachten vor Anker und in Cherbourg treffen wir Marlene und Bert auf ihrer schönen HEIMKEHR VII.

Dann erreicht uns eine WhatsApp aus Österreich und treibt zur Eile. Ein krebskranker Freund liegt im Sterben. Wollen wir ihn noch einmal sehen, haben wir keinen Tag zu vertrödeln.
Es bleibt keine Zeit mehr, zwischen Häfen herumzutreiben und einen passenden Platz für den Winter zu suchen.
Und damit steht sofort die Entscheidung fest: Besser wir segeln zurück nach Barth, wo wir in „unserer“ Werft immer einen Platz bekommen.
Je mehr wir uns an den Gedanken gewöhnen, zurück in die Heimat zu gehen, desto mehr Umbauideen fallen uns ein. Neue, größere Poller am Heck und endlich Mittelpoller, ein Kran für den Außenborder, neue Belüftungen für den Motorraum, neue Aufnahmen am Bugsprit für die beiden Anker.
Dazwischen rauschen wir in den Norden.
Von Cherbourg geht’s nonstop durch den Ärmelkanal zum IJsselmeer.
Wir brausen über ein Meer des Verkehrs. Ein Meer des Konsums und Verbrauchs. Ein Meer der Enge.

Vorbei geht es an 30 Kilometer lange Windparks und Ölplattformen, vorbei an Ankerplätze mit unzähligen Schiffen. Entlang von Wasserstraßen so dicht mit Schiffen bepackt, wie sonst nirgends auf der Welt.
Wir schlängeln uns zwischen Industriefischkuttern in den Norden und kreuzen ständig Kurs mit Frachtern, Tankern, Fähren, Arbeitsschiffen, Zubringern, Schleppern und Kriegsschiffen.
Nachts vor Rotterdam fühle ich mich wie eine Schnecke, die gerade dabei ist, eine mehrspurige Autobahn zu überqueren. Ich bin froh über die Funkbegleitung, die mir eine freundliche holländische Stimme über Rotterdam Traffic Control bietet.

Obwohl mir sehr bewusst ist, welch hohen Verbrauch wir Europäer haben müssen, so bleibt es doch ein beeindruckendes Erlebnis, Verkehr und Produktion in diesem europäischen Meer einmal selbst zu sehen. Ein Erlebnis, das die Augen öffnet und Ideen von „Europäischen Klimazielen“ oder CO2-Begrenzungen doch sehr in Frage stellt.
Dann zwingt uns das Wetter zu einem kurzen Stopp. Wir laufen in Den Helder ein und ziehen gleich bis Den Oever durch, wo wir einen brauchbaren Ankerplatz für die kommenden Tage finden.

Unser Timing ist perfekt.
Ungeplant sind wir zum Fischereifestival von Den Oever eingelaufen. Blumengeschmückte Fischkutter, stolz präsentierte antike Bootsmotoren, Fischmärkte, Rummelprogramm mit viel guter Laune füllen unsere Zeit in Holland.

Was für ein gelungener Zwischenstopp.
Dann gibt das Wetter neuerdings grünes Licht. Per E-Mail erhalten wir eine Bestätigung für den Liegeplatz in der Werft Rammin. Und auch gleich einen Krantermin.
Mit mitlaufendem Strom geht’s bis Vlieland. Wir ankern für ein paar Stunden. Dann laufen erneut in die Nordsee aus. In Eiltempo ziehen wir nach Deutschland, laufen mit dem Strom in die Elbe ein und werden abends noch in Brunsbüttel in den Nord-Ostsee-Kanal geschleust.

Tschüss Nordsee. Tschüss Gezeitenrevier.
Was für ein Segen, endlich wieder ohne Strömungen unterwegs zu sein.

Noch eine Überraschung folgt: Die Motoryacht SENJA ist auf Gegenkurs, wir verabreden uns am Anleger der Gieselauschleuse und verbringen zwei gemütliche Starkwindtage hintereinander.
Und da die Welt der Fahrtensegler klein ist, treffen wir hier auch noch auf Carola und Mark, die wir vor sieben Jahren in Spanien am Ankerplatz kennengelernt hatten.
Drei Tage später laufen wir in Barth ein.
LA BELLE geht in die Gurten, schwebt kurz überm Wasser und steht schließlich sicher an Land. Wir kämpfen uns eine Nacht lang durch die Verspätungen der Bahn und fallen tags darauf todmüde in die Koje unseres Spinnweben-verzierten Motorbootes.
Wir sind zurück in Österreich. Rechtzeitig.





























