Dramatisch, als hätten wir einen Blutmond, hebt sich der Mond scheinbar aus dem Meer. Die Wolkenfelder haben sich aufgelockert, Sterne blitzen zwischen ihnen hervor. Eine warme Brise aus West schiebt LA BELLE stetig vorwärts über unruhige See.
Wie immer, wenn wir eine besondere Küste hinter uns lassen, macht sich an Bord ein klein wenig Melancholie breit. Werden wir die Westküste Irlands wiedersehen? Irgendwann noch einmal hierher segeln? Und wie lange wird es dauern, bis wir erneut entlang dieser Küste pflügen?
Und dennoch, auch Vorfreude ist an Bord zu spüren. Auch das war zu erwarten. Mit jeder schönen Küste, die im Kielwasser verschwindet, wächst die Neugierde auf neues Land voraus.

Wobei, ganz neu ist unser nahes Ziel nicht, vor Jahren haben wir die Scilly Inseln bereits ausführlich bereist.
Wir wissen bereits, dass ein kleines Inselparadies vor uns liegt.
Unsere Einreiseformalitäten haben wir bereits über Internet erledigt. Das bedeutet für uns, dass wir nicht zum überfüllten Ankerplatz von Hugh Town – der kleinen Inselhauptstadt – segeln müssen. Wir können eine Bucht wählen, die besseren Schutz vor den gemeldeten Nordwestwinden bietet und entscheiden uns für einen kurzen Tiefwasserkanal südlich der Insel Bryher.
Stunden später, bei klarem Himmel und strahlendem Sonnenschein, fällt der Anker in türkisgrünes Wasser.

Urlaub.
Alles hier fühlt sich nach Urlaub an. Die weißen Sandstrände vor sanften, grünen Dünen. Wasser, das in allen Blauschattierungen leuchtet und warm genug für ein kurzes Bad ist. Ein paar Segel- und Motorboote wiegen sich träge vor Anker, der Geruch von Gegrilltem liegt in der Luft. In Ufernähe planschen zwei Kinder auf einem Paddelboard, wenige Menschen schlendern über den Strand oder liegen in der Sonne, während ein paar Segel am Horizont vorbeiziehen.

Wir schmeißen ein paar Polster ins Cockpit, spannen zusätzlichen Sonnenschutz, holen ein Guinness aus der Bilge und stoßen auf unsere Ankunft an.
So schön die Scilly Inseln sind, so eigenwillig ist ihr Segelrevier: Zwischen den Inseln ist es flach. Zu flach, um mit einem Kielboot wie LA BELLE EPOQUE jederzeit zwischen den Ankerbuchten wechseln zu können. Und während die Flut regelmäßig für Bewegung vor Anker wie auch zwischen den Inseln sorgt, hindert die Ebbe daran, die besten Plätze überhaupt zu erreichen.
Wir entschließen uns, den Anker von LA BELLE vorerst nicht mehr hochzuholen. Stattdessen montieren wir den Außenborder am Dingi, füllen den Tank nach und packen den Fotoapparat ein.

Die kommenden Tage verbringen wir mit Dingi-Inselhopping.
Und wir staunen, wie abwechslungsreich unsere Ausflüge werden.
Bryher ist auch zu Fuß leicht zu umrunden, und doch gehört sie zu den schönsten Inseln der Scillies. Kleine Höfe, hübsche Gärten und einfache Wege geben der Insel etwas Ursprüngliches und Entspanntes.
Ferienhäuser und eine Hotelanlage zeigen zwar, dass auch diese Insel vom Tourismus lebt, aber Geldverdienen scheint hier keine Priorität. So bleibt sowohl der kleine Lebensmittelladen, wie auch das Restaurant, das Café und das Pub am Sonntag geschlossen. Sehr zum Erstaunen einiger hängengebliebenen Campingtouristen, die hungrig über die Hügel streifen.

Auch der Nachbarinsel Tresco statten wir einen Besuch ab. Sie scheint das Touristenmekka der Inselgruppe. Hotelanlagen und Ferienhäuser dominieren die Insel, während Fähren geschäftig Gäste zwischen Hugh Town und Tresco hin und zurück transportieren.
St. Mary’s, die größte Insel der Scillys, besticht mit ihrem Kleinwuchs.
Hugh Town (das sich wie „huge“ – riesig – anhört) besteht aus ein paar Pubs und Wohnhäusern. Das Dorf drängt sich auf einem Ayres – einem Dünenstreifen, der keine 200 Meter breit ist.

Außerdem liegt Hugh Town am Fuß des höchsten Hügels der gesamten Inselgruppe: Telegraph Hill ist ganze 48 Meter hoch und beherbergt auf seinem „Gipfel“ eine kleine Aussichtswarte, die einst dem Schloss und Fort auf Garrison Hill Meldung gab, wenn Spanier oder Privateers den Frieden der Inseln bedrohten.
Auch nach der gefährlichen Zeit von verfeindeten Küsten und plündernden Handelsschiffen diente die Warte auf Telegraph zur Warnung der Menschen von Hugh Town. Permanent waren hier im letzten Jahrhundert Männer der Küstenwache stationiert, sie hissten einen schwarzen Ball auf dem Mast, sobald die Fähre laut Fahrplan die englische Küste verlassen hatte.
Kam die Fähre in Sicht, wurde dieser Ball vom Mast gestrichen, um die lokale Bevölkerung zu warnen: „Touristen in Sicht!“ Schon wurde im Dorf alles für die Ankunft der Besucher vorbereitet: Taxis stellten sich zum Hafen, Geschäftstreiber stellten Souvenirs in ihre Auslagen und die Backöfen in den Restaurants wurden angeheizt.
Vielleicht tauschte der eine oder andere Pub-Betreiber bei dieser Warnung auch seine Preiskarten aus, wer weiß das schon so genau?

Die vielleicht 20 Hektar kleine St. Helen’s Insel ist unbewohnt, wenn auch nicht menschenleer.
Nur bei Hochwasser kann die schöne Ankerbucht der Insel mit der Kielyacht erreicht werden, wir haben bei unserem letzten Besuch der Inselgruppe diese Bucht genützt.

Unseren letzter Stop auf den Scilly Inseln legen wir auf St. Martin’s Insel ein. Starkwind aus West ist gemeldet, wir gehen hinter der Insel vor Anker. Beim Spaziergang über die Insel steht bald fest: St. Martin’s bietet uns nicht nur einen brauchbaren Ankerplatz, sie wird für uns auch immer eine der schönsten Inseln des Archipels bleiben.
Die Bugwelle rauscht, der Wind singt seine leise Melodie in den Wanten.
Delfine blasen popend Luft aus ihren Lungen. Dazu summt leise Musik im Steuerhaus. LA BELLE EPOQUE zieht durch eine sternenklare Nacht.
Gekonnt steuert Mrs. Aries das Boot. Sie ist zum ersten Mal seit Monaten im Einsatz, nachdem wir in Küstennähe und bei wechselhaften Winden meist den elektrischen Autopiloten genutzt haben. Aber ach, was für ein Unterschied: Anstelle der nervenden Geräuschkulisse des hin und her steuernden Autopiloten zieht LA BELLE nun in völliger Ruhe durchs Wasser.
Dann erreichen wir das Verkehrstrennungsgebiet. Es ist die Schifffahrtsstraße zum Ärmelkanal, doch es ist erstaunlich ruhig. Zwei dicke Pötte dampfen nach Europa, zwei weitere kommen ihnen entgegen. Danach ist genug Abstand zu den nächsten Frachtern, sodass wir das Gebiet problemlos queren können.
Dennoch kupple ich Mrs. Aries aus. Vom Steuerhaus aus habe ich einfach den besseren Überblick über die Elektronik an Bord. Falls es doch eng wird, will ich nicht zwischen Außensteuer – wo Mrs. Arien arbeitet – und dem Steuerhaus hin und her spurten müssen.
Wie leicht ist es doch geworden, eine Schifffahrtsstraße zu queren, seit AIS Position und Kurs eines jeden Schiffes mitrechnet.
Ein Kinderspiel, kaum zu vergleichen mit den nervenaufreibenden Querungen von dazumal, als es galt, die Fahrt der Pötte noch selbst richtig einzuschätzen.
Nach Passieren des ersten Verkehrstrennungsgebietes übergebe ich an Jürgen. Eine weitere Schifffahrtsstraße liegt voraus. Soll er doch auch noch etwas davon haben. Er wird erst gegen fünf Uhr morgens das offene Fahrwasser erreichen.

Die letzten Seemeilen schiebt uns Mr. Perkins durch die Flaute. Hier, in der Ansteuerung der französischen Insel Île de Ouessant, wäre es ungeschickt, auf passenden Wind zu warten. Bis dahin würden wir nur die mitlaufende Strömung verpassen.
Eine tiefe Bucht im Südosten der Insel führt zum großen Ankerplatz.
Er ist Anfang August auch gut besetzt. Wir finden genug Platz neben einer der kostenlosen Besucherbojen und setzen den Anker.

Leicht übermüdet von der durchsegelten Nacht spazieren wir durchs Dorf, kehren beladen mit frischem Baguette, ein Stück Bri und einer Flasche Wein zurück zum Boot. Wie besser lässt sich die Ankunft in Frankreich feiern?











