Noch ist es dunkel. Die Luft ist schwer mit Feuchtigkeit, die als winzige Tröpfchen langsam die Windschutzscheibe verdecken. Es ist ein nasser, kalter Morgen, an dem die Welt eigentlich noch schlafen sollte.
Und doch ist die Welt bereits aufgewacht, fordert meine Konzentration. Ich habe mich in die Kolonne auf der Straße eingereiht. Versuche, in der Geschwindigkeit mitzuhalten, obwohl ich kaum etwas sehen kann. Der Gegenverkehr blendet mich, der nasse Asphalt spiegelt.
Hin und wieder werde ich gefragt, ob ich auf den Ozeanen der Welt nicht Sorge um meine Sicherheit habe. Aber ehrlich, während der entgegenkommende Linienbus mit gefühlten wenigen Zentimeter an mir vorbeirauscht, erscheint mir der Ozean als der sicherste Ort der Welt.
Ich sitze im Auto, am ergonomisch geformten und bequem gepolterten Fahrersitz. Die Sitzheizung wärmt luxuriös meine Knochen, Muse zwitschert mir „we just need your compliance“ ins Ohr und aus dem Gebläse strömt mir gefilterte und warme Luft entgegen. Irgendwie fühlt sich das surreal an: Eingebettet in Bequemlichkeit brause ich durch eine unbequeme Welt.

Desto mehr ich mich der Stadt nähere, desto dichter wird der Verkehr. Aus der Landstraße wird die Stadttangente, zu den Autos und Bussen kommen Radfahrer hinzu. Wie auf Leitstrahlen brausen wir gemeinsam und doch anonym dahin. Fußgänger streben in dieselben Richtungen, starren an den Busshaltestellen in ihre Mobiltelefone.
Ein winzig kleiner Junge schleppt tapfer seine überdimensionale Schultasche über den Zebrastreifen. „Welcome to the machine, what did you dream?“ Geht es mir durch den Kopf. „It´s alright we told you what to dream!“ Ich muss an die Bengels von Grönland denken, die wild und frei durch die Gassen stürmen.
Ich bin übermüdet, habe letzte Nacht kaum geschlafen.
Ich habe Stunden im Netz verbracht und mir alle möglichen und unmöglichen Infos über Myome reingezogen.
Ich bin am Weg zum „Erstgespräch“ und Einweisung. Meine Gefühle befinden sich im freien Flug. Ich bin froh darüber, mich auf ein Gesundheitssystem stützen zu können. Bin froh über Ärzte, auf die ich mich verlassen kann. Gleichzeitig fühle ich mich in einer Mühle, von der ich nicht weiß, zu welchen Grad sie mich mahlen wird.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich auf Gesundenuntersuchung eingelassen. Und bin plötzlich in diese Mühle geraten. Meine gewissenhafte Ärztin hat Myome in mir gefunden. Das sind gutartige Gewächse, die mir offensichtlich Beschwerden bereiten sollten. So zumindest sind sich Ärzte und Internet einig. Nur ich habe nichts von diesen Beschwerden bemerkt, kriege immer noch nichts mit.
Nun bin ich einberufen worden. Soll mich ein paar Tage ins Krankenhaus legen und für ein oder zwei Stunden unters Messer. Die Myome samt betroffenen Organ sollen raus.
Alles nur Routine, und doch mehr als surreal für mich.
„Welcome to the machine,“ denke ich nochmal, „where have you been?“
Bin ich ein Rädchen in einer Maschine? Arbeitet das System für mich oder ich fürs System? Eilen die Krankenhausangestellten zur Arbeit, um mich zu heilen, oder eile ich zum Krankenhaus, um ihnen Arbeit zu geben?

Blödsinn denke ich. Was wäre, wenn ich jetzt nicht Teil dieser Maschine wäre? Dann müsste ich mit meinen zukünftigen Beschwerden alleine klar kommen. So aber kann ich mich auf Menschen verlassen, die Routine in diesen Dingen haben.
Dann sitze ich bei der Ambulanz und warte. Meine Wartezeit fällt etwas länger aus, aber das macht nichts. Immerhin will sich die für mich zuständige Ärztin persönlich um mich kümmern. Und sie hat mehr Patienten als nur mich.
Bereits nach den ersten Worten mit ihr geht es mir schon besser. Ein ehrliches Gespräch ist eben doch so viel mehr wert als jede Info aus dem Internet. Noch einmal werde ich gewissenhaft untersucht. Und dann erhalte ich mein heuriges Weihnachtsgeschenk. Die OP ist vorerst nicht nötig, meine Einweisung wird gestrichen. Ich muss allerdings versprechen, nächsten Winter wieder nach Österreich zur Untersuchung zu kommen.
Leichtfüßig spaziere ich aus dem Krankenhaus. Die Mühle hat mich wieder ausgespuckt. Irgendwie ist es eben doch gut, ein Teil der Maschine zu sein.
Wir wünschen euch allen ein fröhliches Weihnachten!


