Mit fünf Knoten Fahrt schiebt uns der Wind zwischen Illiswilgig und Mincarlo durch. Inseln, oder besser gesagt vom Meer zerschlagene Felsen, die die Insel Bryher gegen die Brutalität von Weststürmen schützen.
Der Himmel klart auf, das Meer wird flach und schimmert grün, rundum leuchten weiße Sandstrände vor grünen Dünen. Die Segel gehen runter, der Anker fällt. Wir sind auf den Scilly Inseln angekommen. Freuen uns, hier zu sein und spüren doch ein bisschen Wehmut, Irland hinter uns zu haben.
Unsere Gedanken fliegen zurück zum vergangenen Monat. Zurück zum Segeln in Irland.
In ein Land, dass uns fasziniert und berührt hat. Eine Insel, die uns überrascht und begeistert hat. Irland, das so sehr alle Erwartungen erfüllt und dennoch völlig anders als erwartet ist.
Schon im ersten Hafen, in Greencastle, in dem wir vor einem Monat fest gemacht haben, fühlen wir uns sofort am richtigen Fleck.
Fischen. Darum dreht sich Greencastle. Oder muss ich sagen, darum drehte sich einst Greencastle? Denn auch wenn der Hafen immer noch voll von Fischkuttern ist, die meisten hier liegen still.

Aber dieser Eindruck täuscht. In Greencastle dreht sich immer noch vieles ums Fischen, wenn sich auch die Praktiken von unzähligen kleinen Holzbooten zu wenigen großen Industriekuttern gewandelt haben und die verklärte Romantik von kleinen Fischerdorf längst dem gepflegten Look von wohlhabenden Wohn- und Ferienhäusern gewichen ist.
Der Gästesteg ist zwar einfach anzulaufen, doch fehlt guter Schutz gegen die einlaufende See. Vor allem, wenn der Ebbstrom einsetzt und gegen Wind steht. Kaum angekommen, kommt ein alter Fischer an den Steg und lässt uns wissen, dass wir auch im gut geschützten Fischereihafen willkommen sind. Der Hafenmeister nimmt günstige zehn Euro Hafengebühr von uns und erklärt, dass keine großen Fischkutter erwartet werden, wir können überall im Hafen festmachen. Bei gemeldeten Starkwind aus Nordwest lassen wir uns das nicht zweimal sagen.

Dann liegt LA BELLE sicher bei den Fischkuttern, die Mopeds stehen an Land und wir haben einen Plan: Zum Hafenfest von Derry/Londonderry.
Über die Grenze nach Nordirland
Die Pässe hätten wir nicht einpacken müssen. Es gibt keine physische Grenze zwischen Irland und Nordirland. Und doch überqueren wir hier eine Narbe dieser Insel, die einst vor allem auch in Derry/Londonderry blutete.
Das Hafenfest im Fluss ist schnell abgelaufen. Streetfood-Buden, Jahrmarktstände, ein paar alte Schiffe und Replikas zum Begutachten, ein kleines Bierzelt. Und ein paar Streetart-Künstler bei der Arbeit.

Interessanter als das Hafenfest ist die Stadt selbst: wir spazieren durch die Gassen der „The Troubles“ und erreichen Free Derry, wo es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen katholischen Arbeitern und protestantischen Politikern kam. Die Stadt erzählt ihre Geschichte an jeder Ecke.
Wir bleiben am Denkmal vom „Bloody Sunday“ stehen, wo immer noch Blumen für die Opfer hinterlegt werden. Plötzlich wird die Geschichte greifbar, Murals an den Hauswänden erzählen von Unterdrückung, von zivilem Ungehorsam. Davon, wie Menschen für ihre Rechte aufstehen mussten. Von Menschen, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Wir bekommen eine erste Ahnung, was die Iren miterleben mussten.

Doch es bleibt nur ein erstes Puzzleteil, später, wenn wir an den Gedenkstätten der großen Hungersnot vorbeikommen werden, wird sich das Grauen der irischen Geschichte noch viel intensiver zeigen.
Zurück im Sattel der Motorräder besuchen wir Malin Head, das nördlichste Kap von Irland.
Hoch über den Klippen blicken wir hinunter auf die weiß schäumende See. Aufgewühlt durch massive Gezeitenströmung, die gegen den steifen Nordwestwind steht. Ich bin froh, hier auf trockenem Fuß zu stehen und den täglichen Kampf der See gegen den Wind aus sicherer Entfernung beobachten zu können. Wir sind in einem Seegebiet, das offensichtlich von jedem Salzbuckel Geduld und Demut fordert.

Und das lassen uns auch Tage später die Fischer von Greencastle wissen. „Wann wollt ihr auslaufen“, fragen sie. Doch unser Plan stößt auf Unmut. „Nein, halb Drei ist zu spät. Wenn ihr heute auslaufen wollt, dann müsst ihr spätestens um halb Zwei die Leinen werfen. Dann schafft ihr es mit der letzten Ebbe raus und habt Strom mit euch und solltet zu Slack-Tide bei Malin Head ankommen. Dass passt gut.“ „Ja, halb Zwei,“ bestätigen die alten Kapitäne im Hafen. Wir halten uns lieber dran.
Nur ein paar Stunden stoppen wir auf Gola Insel. Ein paar Stunden Schlaf, dann eine schöne Überraschung. Auf der großen Expeditionsyacht vor Anker treffen wir ein bekanntes Gesicht: die schweizer Profikletterin Caro North haben wir zum letzten Mal in Grönland getroffen, wo sie 2022 an Bord der NORTHABOUT und der Via Sedna Crew eine Segel/Kletter-Expedition organisierte.

Wir sind auf der irischen Westküste angekommen.
Und ganz nach ihrem Ruf macht sie es uns auch gleich schwer. Steifer Gegenwind, massive See, Nebel und immer wieder Regen. Darauf sind wir zwar vorbereitet, aber zermürbend ist das dennoch.

Verbissen arbeiten wir uns weiter. So gut wir können. Im Ölzeug, unter gerefften Segeln. Und am Schluss doch immer wieder mit zusätzlicher Motorkraft. Obwohl, Kraft ist der falsche Ausdruck. Immer noch haben wir unser „Schraubenproblem“ nicht gelöst. LA BELLE EPOQUE kommt kaum vorwärts, unsere falsch berechnete und bei Gegenstrom nutzlos panschende neue Schraube bringt mich wieder mal an meine Grenzen. Der Bordfrieden hängt die nächsten Tage ziemlich schief und uns wird klar: bevor wir bald Europas Küsten wieder verlassen, müssen wir noch einmal in eine neue Schiffsschraube investieren.

Dann ändert auch der Motor noch seine Drehzahl. Nur kurz, geht auf und ab, oder habe ich mir das eingebildet? Am nächsten Ankerplatz wechselt Jürgen die Filter und überprüft den Motor. Die Vorförderpumpe scheint nicht mehr volle Leistung zu laufen. Die Ersatzpumpe an Bord zeigt sich als Flop: auch sie arbeitet nicht richtig. Zum Glück läuft der Motor durch unseren höher verbauten Tagestank auch ohne Vorförderpumpe.
Beim Einlaufen in Rosmoney bleiben wir vorsichtig am Gas und wollen den Motor nicht überlasten. Nur während Hochwasser ist das Wasser am Steg tief genug für uns.

Hochwasser genügt: wir legen an, laden aus.
Kaum liegt LA BELLE EPOQUE am Steg, bekommen wir von allen Seiten Komplimente. Tom will sofort wissen, ob wir irgend welche Hilfe oder Ersatzteile benötigen. Und bringt wenige Stunden später zwei neue, passende Vorförderpumpen vorbei. Wow, was für eine Hilfe!
Tom kennt sich aus mit Metallyachten und lässt uns wissen, dass er beim Bau einer irischen Expeditionsyacht mitgearbeitet hat und fragt, ob wir schon mal was von der NORTHABAOUT gehört haben. Zufälle gibt es!

Kaum liegt LA BELLE vor Anker, wartet Alex auf uns am Steg. Der TO-Stützpunktleiter und seine Frau Daria laden uns auf ihre kleine irische Vineyard ein.
Bei strahlendstem Sonnenschein schlendern wir über ihr liebevoll gepflegtes Anwesen und werden mit hervorragender, selbst gebackener Pizza verwöhnt, während unsere Wäsche in ihrer Waschmaschine dreht und wir über Yachten, übers Fahrtensegeln, über uns bekannte Crews und über das Leben in Irland tratschen. Wie angenehm die unkomplizierte Freundschaft unter Seglern doch immer wieder ist!
Dann stehe ich unter der Dusche im Haus und muss über mich selbst lachen: Wie sehr ich mich über den Luxus einer unverhofften heißen Dusche auch immer freue, das Wetter ist zu warm und ich drehe den Hahn auf Kaltwasser.
Der Wetterbericht erzählt von wochenlangem Schönwetter. Ein Hoch hat sich über Irland geschoben und bleibt die kommende Zeit stationär. Anstelle bei flauen Winden weiterzuziehen drehen wir Motorradrunden in alle Richtungen.

Und wir staunen über dieses grüne Land. Gepflegte Häuser zeigen den neuen Wohlstand der Iren, alles ist sauber gepflegt, und doch wird der Natur hier Platz gelassen. Wilde Blumenwiesen dürfen wuchern, Buschland neben gepflegten Gärten gehört zum guten Ton. Wir durchfahren große Naturschutzgebiete, entdecken wunderbare Strände und ziehen auf Schotterstraßen durch Moore. Zwischendurch stoppen wir in hübsche Dörfer, besuchen Klosterruinen und genießen ein Guiness im Sonnenschein auf einer Pubterrasse.

Den Iren geht es gut. Land und Leute strahlen einen zufriedenen, selbstbewussten Wohlstand aus, der von Schottland kommend doch ins Auge sticht. Aber das war nicht immer so.
Es ist nicht lange her, dass Irland bettelarm und unterdrückt war. Katastrophal arm.
Am Weg in die Berge und ins Doolough Tal stoppen wir bei der nationalen Hungerstatue. In der gepflegten Parkanlage segelt ein Schiff aus Toten und Todgeweihten.
Den Bug in Richtung See, mit menschlichen Gerippen auf Deck, als Segel, am Bugsprit.

Eine Statue, die mir die Gänsehaut aufzieht. Eine Statue, die die Auswanderungsgeschichte der Iren erzählt. Zwei Drittel der Bevölkerung mussten ihre Heimat aufgeben. Viele von ihnen sind nie in einer besseren Zukunft angekommen.
Fünf Jahre lang hat einst die Kartoffelfäule ihre einzige Chance zu überleben zerstört. Fünf Jahre, während deren die britische Herrschaft mit Leichtigkeit dafür sorgen hätte können, dass die einfachen Bauern und Arbeiter genügend Lebensmittel zum Überleben gehabt hätten. Aber die Herren haben sich für Profit und gegen das Überleben der Bevölkerung entschieden, haben ihre Güter ins Ausland verkauft und die Iren verhungern lassen. Eine Million Iren verhungerte. Zwei Millionen Iren mussten auswandern.

Auch das hübsche Doolough Tal selbst verbirgt eine düstere Geschichte. Als sich 600 verhungernde Landarbeiterfamilien im Winter auf den Weg über den Pass um Hilfe machten. Nicht alle erreichten Delphi, wo das Armenhaus ihre letzte Hoffnung zum Überleben war. Doch als sich die Sterbenden über die Berge dem Dorf und dem Armenhaus näherten, standen die Staatsherren von ihrem Lunch auf und verwehrten jegliche Hilfe. Die Iren sollen dort hin zurück, wo sie hergekommen sind. Doch der Weg zurück war unmöglich geworden. Den folgenden Frühling waren die Berge mit Leichen übersehen.

Die Iren haben diese Hungersnot nie vergessen und mir wird klar, dass die Unruhen bis in nahe Vergangenheit mehr als nur kirchliche Unstimmigkeiten waren.
Herrliches Segelwetter bring uns immer weiter in den Süden.
Auf der Insel Valentia packen wir noch einmal die Motorräder aus. Noch einmal befahren wir einen Teil des wunderbaren „Wild Atlantic Way“ und besuchen die Berge Irlands. Ich will auch noch das kleine Touristenörtchen Dingle besuchen. Schließlich gibts dort den „Weltzer Irlands“, lasse ich Jürgen wissen. Und wer will bei diesen Sommertemperaturen schon auf die „beste hausgemachte Eiscreme Irlands“ verzichten?

Aber was soll ich sagen: Murphys Ice ist super lecker, aber im direkten Vergleich mit dem besten hausgemachte Eis Österreichs von Weltzer bekommt er doch nur den zweiten Platz!
Die Motorräder verschwinden zum letzten Mal in ihrer Vorkoje, die Segel gehen hoch. Ein besonderes Highlight entlang der Irischen Küste wartet noch auf uns:
Bei herrlichstem Segelwind umsegeln wir Fastnet Rock Lighthouse.

Irland, du hast uns tief beeindruckt. Segeln in Irland wird ab sofort zu unseren besten Segelerinnerungen zählen!



































