Blinder Start ins Abenteuer

Blinder Start ins Abenteuer

April 30, 2022 4 Von claudia und jürgen

Ohne Eile schiebt sich La Belle Epoque über das ruhige Boddengewässer. Ich sitze im Steuerhaus und halte konzentriert das weiße Nichts voraus im Auge. Denn sehen kann ich nichts. Wir sind im dichten Morgennebel aufgebrochen. 

Die weiße Nässe steigt vom Bodden auf und verschleiert den Horizont, verschluckt jede Kontur.

Segeln im Nebel

Hier und da tauchen die Konturen der Küste aus dem Nebel.

Doch verloren sind wir deshalb nicht. Der Weg voraus öffnet sich Stück für Stück. Wie selbstverständlich taucht eine Boje nach der anderen aus dem Nebel. Zeigt mir den Weg und leitet uns langsam auf Umwegen aus dem geschützten Küstengewässer bis in die offene Ostsee. Wir müssen nichts weiter tun, als dem schmalen Fahrwasser voraus zu folgen.

Da und dort tauchen Uferstreifen aus dem Nebel, da ein Streifen Schilf, dort die Umrisse eines Baumes.

Ein blinder Aufbruch, ein leerer Horizont. Und doch gehen wir sicher unseren Weg.

Eigentlich ganz passend, finde ich.

Es ist ein Aufbruch zu neuen Abenteuer. Noch kann ich diese Abenteuer nicht greifen. Nicht erahnen. Noch liegt es außer meiner Vorstellungskraft, zu wissen, was auf uns zukommt. Eine Zukunft, die wie eine weiße Nebelwand vor uns liegt. 

Die Welt um uns ist nicht leer, nur weil wir sie nicht sehen. Und genauso sicher ist, dass die kommenden Monate gefüllt mit neuen Eindrücken werden. Mit Abenteuern, vielleicht mit Grenzsituationen. Mit Freunde und Leichtigkeit, aber auch mit Angst und harter Arbeit.

Die Nebelwand ist weiß wie die Seiten unseres Logbuchs. Und wir werden diese Seiten die kommenden Monate füllen.

Ein Gefühl von Zufriedenheit stellt sich ein. 

Es fühlt sich gut an, den Alltag erneut hinter uns zu lassen. Dem Wahrscheinlichen zu entkommen und dem Wesentlichen wieder mehr Platz zu geben.

Bald schon gibt es keine Ablenkung vom Leben mehr. Keine Medien, die uneingeschränkt auf uns einwirken, keine Terminkalender, die abgearbeitet werden wollen. Keine Dringlichkeiten, die sich nicht aus dem puren Er- und Überleben ableiten.

Und bereits am Tag der Ankunft an Bord hat sich dieses Gefühl eingestellt. Mit diesem Tag ist der Stress der letzten Wochen von uns gefallen und das Leben hat sich wieder aufs Fahrtensegeln konzentriert.

An Bord verschieben sich die Wichtigkeiten: Aufriggen, Vorbereiten, Fertigstellen. Proviantieren, Verstauen. Dazwischen gemütliche Abende mit Stegnachbarn. 

Dieselfilter tauschen

Letzte Vorbereitungen zum Aufbruch. Jürgen überprüft das Kraftstoffsystem.

Beim Proviantieren stoße ich leider nicht nur auf Freundlichkeit. Mit vollen Einkaufswägen erlebe ich eine aggressive Unhöflichkeit, von der mich das deutsche Volk bisher verschont hatte. Ich werde angerempelt, ein Wagen versperrt mir provokant den Weg, dumme Sprüche werden hinter meinen Rücken gemacht.

Kleinlaut entschuldige ich mich an der Kassa: Ich bin nicht verrückt geworden mit Hamsterkäufen, aber wir werde für Monate an einsame Küsten segeln, in denen es keine oder nur teure Supermärkte gibt. 

In einigen Geschäften erhalte ich beschwichtigtes Lächeln oder Achselzucken vom Personal, nicht so bei Rewe. Der Geschäftsführer wird geholt und ich werde ohne Mehl aus dem Supermarkt geworfen. Ihm ist es egal, dass ich am Atlantik keinen Bäcker finden werde. Und er beschließt die Regeln neu: Aus 2 Packungen Mehl pro Einkauf wird zwei Packungen Mehl für mich generell. Aus und basta. 

Im schwersten österreichischen Dialekt lasse ich ihn wissen, was für ein Arschloch er eigentlich ist, bevor ich mich verziehe.

Hilflos bin ich aber nicht. Unser Stegnachbar lacht über den Vorfall und bringt ab sofort täglich zwei Kilo Mehl für uns mit. Dankeschön!

Dann die Konzentration auf das Wesentliche: Wetterbeobachtungen, Routenplanungen. Die letzten Teile einbauen. Und plötzlich geht es los.

Als wir den Barther Bodden verlassen, lassen wir Deutschland und den Nebel hinter uns. Unter Segel, wenn auch langsam, erreichen wir Dänemark. Ankern für die Nacht und brechen wieder auf. Quer durch die dänische Südsee, bei Gegenwind, keinem Wind und wenig Wind.

Die neue Rollreff-Genua macht uns das Leben leicht und im Steuerhaus stellt sich bald die alte Routine ein.

neue Segel

Noch im Hafen von Barth haben wir unsere neue Genua installiert. Nun segelt LA BELLE EPOQUE zum ersten Mal mit Rollvorsegel!

Rechtzeitig vorm Kreuzen der Schifffahrtsstraße nimmt der Wind etwas zu. Gut so, wir wollen nicht mit drei Knoten Fahrt vor dem Bug der Dicken durchkriechen. Trotzdem erreichen wir Dänemark erst bei Sonnenuntergang und es dauert noch bis Mitternacht, bis unser Anker vor Stubbebköbing fällt. 

Sonnenuntergang in der Ostsee

Zu Sonnenuntergang ist Dänemark voraus!

Kein besonders guter Ankerplatz, aber für den Rest der windlosen Nacht wird er reichen. 

Wir frühstücken im Steuerhaus. Wie schön doch Dänemark ist. Flache, sandige Küsten leuchten in der Morgensonne, dahinter kleine Wälder, rollende Wiesen, gelbe Rabsblüten. Hübsche, reedsgedeckte Häuser.

Schnatternd ziehen Gänse über uns durch. Wie schön, sie wieder im Norden zu treffen. Für mich sind sie nicht nur ewige Reisende, sondern das Sinnbild von Fernweh. Still schicke ich ihnen meine besten Wünsche hinterher.

Dann heben auch wir wieder unseren Anker aus dem Grund. Wir werden versuchen, möglichst schnell durch Dänemark zu ziehen und die Ostsee hinter uns zu lassen. Und bald schon werden die nächsten Logbuchseiten dieser ersten, gefüllten Seite folgen!