Werftzeit

Werftzeit

September 1, 2021 2 Von claudia und jürgen

Anfang Juni – und endlich erhalten wir grünes Licht. Wir dürfen nach Mecklenburg Vorpommern einreisen. Wir können endlich nach Barth. Wo unsere LA BELLE EPOQUE geduldig am Steg wartet, um endlich aus dem Wasser gehoben und generalüberholt zu werden.

Mittlerweile ist klar, dass wir heuer nicht mehr segeln gehen werden. Die strickten Corona-Maßnahmen haben eben unseren gesamten Zeitplan durcheinandergeworfen. Es ist zu spät im Jahr, um darauf zu hoffen, sowohl die nötigen Arbeiten zu schaffen wie auch einen Segeltörn bis zum Herbstbeginn zu machen.

Aber das macht nun auch nichts mehr. Wir haben ohnehin beschlossen, mehr als nur die nötigen Wartungs- und Reparaturarbeiten an Bord zu erledigen. Wir haben etliche Projektideen: Verbesserungen oder einfach nur Abänderungen, die wir schon längst einmal machen wollen. Von einen stabilen Mastkorb bis zu Änderungen am Rigg.

Und so packen wir die Schutzgasschweiße, die Handwerkzeuge, Material und Ausrüstung in den Campervan und füllen die Schapps mit Arbeitsklamotten. Auf in den Werftsommer!

Wir machen uns mit dem Camper auf den Weg

Unser erster Weg führt nicht nach Barth, sondern nach Flensburg. Eine email von UK Sails lässt uns wissen, dass das neue Großsegel zur Abholung bereit liegt.

Wie die Schneekönige freuen wir uns, das neue Tuch in der Hand zu halten. Dirk hat alle unsere Wünsche einfließen lassen, von den vielen Verstärkungen bis zu den vier Reffreihen. Wir können es kaum erwarten, das Segel zum ersten Mal hochzuziehen. 

Unser neues Großsegel holen wir in Flensburg bei UK-Sails ab

In Barth hat sich im Hafen einiges getan. Mittlerweile sind die Steganlagen voll und auf den Nachbarbooten werden fleißig Urlaubstörns vorbereitet. Etwas traurig liegt LA BELLE EPOQUE zwischen den glänzenden Yachten. Mit schmutzigen Deck, Rosttränen und ausgebleichter Farbe. Aber das werden wir bald ändern.

Bereits wenige Tage später gehts aus dem Wasser

Herr Rammin helat LA BELLE EPOQUE vorsichtig aus dem Wasser.

Höchste Zeit, um endlich aus dem Wasser zu kommen. Mittlerweile haben sich schon so viele Muscheln auf LA BELLE EPOQUEs Unterwasserschiff breit gemacht, dass sie sich kaum noch manövrieren lässt. 

Nach einer ausgiebigen Wäsche per Hochdruckreiniger inspizieren wir erst einmal den Rumpf. Und ja, er sieht schlimmer aus, als befürchtet! Es überrascht uns nicht, dass die alten Anstriche mit Zink-Epoxyd unzählige Blasen im Lack aufweisen. Dass sich aber auch die Anstriche, die wir 2016 in Neuseeland erneuert haben, ablösen, enttäuscht.

Blasen durchziehen den gesamten Lack des Unterwasserschiffes

Wollen wir das Unterwasserschiff wieder in Topzustand bringen, hilft eigentlich nur Sandstrahlen. Unkompliziert und mit einem guten Angebot erleichtert uns Herr Rammin die Entscheidung. Wir werden das gesamte Unterwasserschiff von LA BELLE EPOQUE sandstrahlen lassen.

Aber das muss noch warten. Einige Schweißarbeiten am Rumpf haben Vorrang. 

Jürgen schweißt neue Rahmen für die Backskisten.

Zuerst kommt das Cockpit an die Reihe. Ich entferne das Teak- und Eichenstabdeck und schleife drauf los, während Jürgen die Deckel der Backskisten abbaut, die Ausnehmungen ausschneidet und neue Rahmen verschweißt.

Das Holz muss weg!

Bewaffnet mit dem Winkelschleifer zwänge ich mich in die Backskisten, Jürgen schweißt neue Lenzrohre ein, anschließend neue Borddurchbrüche. Ich arbeite mich langsam durchs Heck: Zuerst verpasse ich die Aufnahmen und Spanten rund um die Stoffbuchse des Ruders ein neues Lackkleid. Anschließend reiße ich unsere gesamte Heckkabine heraus, um Roststellen zu entfernen und neue Isolierung anzubringen.

Dann kommt das Bad an die Reihe. Auch hier kommt die Einrichtung heraus, es wird geschliffen und lackiert. Für die hübsche, runde Luke schweißt Jürgen eine neue Aufnahme, während ich die Eichenstab-Böden und alle Teile der Holzeinrichtung nach draußen schleppe und überhole. 

Wir versinken in einer Arbeitsroutine. Täglich 12 Stunden oder mehr wird geschuftet, in der Regel sieben Tage die Woche. Aber vorerst sieht LA BELLE jeden Tag ein Stück schlimmer aus! 

Abends, nach ausgiebigen Duschen, sind wir froh, in unseren Camper steigen zu können, denn LA BELLE EPOQUE ist so gut wie unbewohnbar.

Zum Feierabend gibts hin und wieder ein Bierchen im Camper!

Aber auch wenn wir in Arbeit versinken, so bleiben die schönen Stunden nicht aus. Wir verbringen Abende mit Mareike und Philipp, die ihre neu erworbene Fahrtenyacht überarbeiten. 

Bald schon kennen wir die meisten Eigner, die selber an ihren Yachten arbeiten: Thomas restauriert sein Holzboot, Norbert muss neue Luken in die Motoryacht einbauen. Uwe und Heidi entfernen das Teakdeck ihrer GFK-Yacht und Thomas und Christa heben raus, um ihre selbst ausgebaute Stahlyacht zu pflegen. 

Zwischendurch bestaunen wir die Fortschritte auf der schönen SÜDWIND. Auf dem eleganten Holzschiff neben uns wird ebenfalls fleißig gearbeitet.

LA BELLE EPOQUE neben SÜDWIND

 

Und Holz scheint hier auf jeden Fall der richtige Werkstoff zu sein. Immer wieder staunen wir, wenn sich das eine oder andere Hallentor öffnet und bis ins Detail restaurierte und top gepflegte Holzyachten zum Vorschein kommen. Die Werft hat sich in die Arbeit mit Holzyachten spezialisiert und die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Eine gute Wahl

Das heißt nicht, dass der Platz hier nicht auch ideal für uns Stahlratten wäre. Ganz im Gegenteil. Je länger wir hier sind, desto glücklicher sind wir über die Entscheidung, nach Barth gekommen zu sein. 

Aus unseren bisherigen Werft-Erfahrungen wissen wir, dass es längst nicht mehr selbstverständlich ist, eigenhändig auf einer Yacht am Werftgelände arbeiten zu dürfen. Obendrein wird es weltweit immer problematischer, zwischen den GFK-Yachten in herkömmlichen Werften auf einer Stahlyacht schwere Stahlarbeiten ausführen zu dürfen. Auch wir hatten bereits in der Vergangenheit Probleme in den Werften, wenn bei uns die Funken flogen oder sich Stahlstaub auf Nachbaryachten zu unschönen Rosttränen wandelte. 

Abplanen, einhüllen, extra Platz bezahlen, oder die Arbeiten als kostspielige Auftragsarbeit zu vergeben, waren die Lösungen von diversen Werften. Nicht so in der Werft Rammin. Herr Rammin kennt sich mit Yachten aus und steht zu seinem Wort. Wir bekommen einen Platz, auf dem wir ungestört und so laut und lange arbeiten können, wie wir wollen. Benötigen wir dennoch die Hilfe der Werft – bei Sandstrahlen oder für die neue Antriebswelle – erhalten wir stets ein schriftliches Angebot, welches auch ohne wenn und aber eingehalten wird.

Und dass, obwohl die Werft und ihr Boss zur Zeit offensichtlich in Arbeit versinken. Nach den Lockdowns und den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie muss viel Arbeit nachgeholt werden. Lieferverzögerungen helfen dabei nicht. Viele Yachteigner sind ungeduldig, sie möchten längst auf dem Wasser sein und nichts kann schnell genug gehen. Obendrein ist auch noch der Kranführer der Werft unerwartet verstorben.

Das Werftgelände – während es am Platz ruhig zugeht, wird in den Hallen fleißig gearbeitet.

Zum Sandstrahlen wird LA BELLE EPOQUE auf einen neuen Platz verholt.

Dann ist es soweit. Unser Unterwasserschiff wird sandgestrahlt.

Das Unterwasserschiff wird sandgestrahlt

Wir streichen unzählige Lackschichten auf den Rumpf und kümmern uns bald schon ums Deck. Neue Püttinge aus Edelstahl werden von Jürgen verschweißt, die alte Genua-Schiene schmeißen wir von Bord. 

Ich reiße innen die Verkleidungen und einen Teil der Isolierung heraus. Verklebe mit Plastikfolie jene Bereiche im Boot, die halbwegs sauber bleiben sollten. Dann schweißt auch hier Jürgen neue Aufnahmen für die runden Luken ein.

Neue Aufnahmen für die runden Luken

Rund um den Großmast entsteht ein neuer Mastkorb. Er wird in Zukunft für mehr Sicherheit beim Reffen sorgen. Auch werden wir am Mastkorb unsere Trommeln mit Landleinen fahren. 

Irgendwann ist es soweit, und die Schweißarbeiten an Bord sind erledigt. Dann bekommen die Aufbauten und das Deck ein neues Lackkleid. Und wenn wir schon dabei sind, wird auch gleich der Rumpf neu gestrichen. Immerhin haben wir noch rote Farbe aus der Werft in Neuseeland übrig. Sie kann ohnehin nicht endlos lange aufbewahrt werden.

Auch der Rumpf wird neu gestrichen

Dann sind die Schmutzarbeiten erledigt, LA BELLE EPOQUE sieht wieder richtig schick aus.

Wird ja schon ganz gut!

Nun ist das Rigg an der Reihe.

Im Rigg, aus zwei wird eins. Der neue Backstag vom Besanmast.

Wir kürzen den Besanbaum um wenige Zentimeter und riggen den Besanmast neu. Endlich können wir einen einzelnen, fixen Backstag am Besanmast montieren. Die nervige Arbeit mit den laufenden Backstagen am Besanmast wird damit Geschichte.

Auch haben wir uns eine Neuerung geleistet, die zumindest an Bord von LA BELLE EPOQUE fast ein Meilenstein ist: Wir montieren für unsere neue Genua eine Rollreffanlage! Die Profurl-Anlage in schwerer Ausführung haben wir bereits aus Österreich mitgebracht. Palmetshofer Tommy hatte uns ein Angebot gemacht, bei dem selbst die großen deutschen Segelausstatter nicht mithalten konnte. Nun können wir die Anlage endlich installieren und die genauen Abmaße der neuen Genua an UK-Sails weitergeben.

Erstes Anpassen: die neue Rollreffanlage soll in Zukunft die Arbeit mit den Leichtwindsegel erleichtern.

Auf Stagreiter werden wir dennoch in Zukunft nicht verzichten. Sowohl Kutterstag als auch Sturmstag bleiben weiterhin traditionell.

Und weil wir schon beim Rigg sind, tauschen wir gleich noch unsere laufenden Backstagen des Großmastes aus. Anstelle der bisher verbauten Drahtstagen werden uns in Zukunft laufende Backstagen aus Dyneema dienen. Sie sind weniger sperrig beim Arbeiten und dabei auch leichter. Die Zeit wird zeigen, ob wir uns damit auch Nachteile eingekauft haben.

Zurück unter Deck

Jürgen erfüllt mir meinen Wunsch, endlich die Kajüte etwas umzugestalten. Schon lange wünsche ich mir eine bequemere und größere Sitzecke und nach einem Tag messen, planen, zeichnen und Ideensammeln reißen wir die alte Sitzecke heraus. Jürgen schweißt die Aufhängung des Dieselofens neu, um ihn platzsparender verbauen zu können. So bekommt die Sitzecke mehr Platz und aus zwei Bänken mit Tisch wird eine schöne U-förmige Bank, mit Staufächer und genügend Platz, um sich auch im Seegang darauf bequem ausstrecken zu können. 

Die neue Sitzecke entsteht

Dann sind die meisten Arbeiten an Bord erledigt. Knapp tausend Stunden Arbeitszeit haben wir in das Boot gesteckt. Nur die neue Antriebswelle will nicht bei uns eintreffen. Auch die neue Gleitringdichtung henkt im deutschen Zoll fest. Wer weiß, wie lange wir auf die ausstehenden Teile warten müssen.

Gleichzeitig erfahren wir aus Österreich, dass an unserem Haus dringende Arbeiten erledigt werden müssen. Es ist unnütz, hierzubleiben und untätig auf die aussehenden Teile zu warten.

Und damit fällt die Entscheidung. Wir packen unsere sieben Sachen zusammen, putzen den Platz unterm Schifferl und verabschieden uns im Werftbüro. Sie werden Antriebswelle und Propeller zwischenlagern, bis wir, hoffentlich in wenigen Wochen, wieder zurück sind und LA BELLE EPOQUE zurück in ihr Element heben!