Werte

Werte

Dezember 22, 2019 0 Von admin

Es waren einmal ein paar junge Männer, die um die Welt reisen wollten. Sie waren voller Leben, abenteuerlustig, und kein Ziel schien ihnen zu groß. Sie waren so jung, dass sie sich soeben vermählt hatten. Und so zogen sie fort. Sie teilten sich auf. Eine Hälfte ging den einen Weg, die andere Hälfte den anderen Weg über das Land, damit sie sich wieder trafen, wenn sie um die Welt zogen.

Sie reisten und reisten – im Sommer in Lederbooten, im Winter mit Hundeschlitten. Die Jahre vergingen, sie bekamen Kinder, wurden aber nicht müde zu reisen, denn sie wollten nicht das Ziel aufgeben, dass sie sich gesetzt hatten. Schließlich wurden sie alt, und ihre Kinder bekamen wiederum Kinder.

Man erzählt sich, dass sie, als sie aufbrachen, große und schöne Kellen aus Moschusochsenhorn hatten. Aber sie waren so lange gereist und hatten so oft Trinkwasser aus Seen und Flüssen geschöpft, dass am Schluss von den Kellen nur mehr Griffe übrig blieben.

Eines Tages trafen sie sich, als jede Hälfte den halben Weg rund um die Erde gereist war. Aber sie waren jetzt Greise, die von ihren Enkeln geführt werden mussten.

„Die Welt ist groß!“, sagten sie, als sie sich trafen. „Und wir sind inzwischen alt geworden. Aber wir haben richtig gelebt. Und dadurch, dass wir unser Ziel erreicht haben, haben wir Wissen und Weisheit für kommende Geschlechter erworben!“

Skulptur

Ich klappe das Buch zu und wärme mich an dieser schönen Geschichte der Inuit. Eine Geschichte, die das Leben liebt, die Jugendträume bejaht und die in ihrer Einfachheit davon erzählt, wie erfüllend ein Leben sein kann, wenn man wagt, seinen jugendlichen Unternehmungsgeist mit beiden Händen zu packen und für seine Ziele zu leben.

Eine Geschichte, die mich nicht nur in ihrer Einfachheit berührt, sondern die mich mit ihrem Ausgang überrascht!

Denn noch nicht allzu lange ist es her, saßen wir gemeinsam mit Freunden an einem Tisch und unterhielten uns über unsere Reisen, über unser Leben. Wir saßen bei Freunden, die weit gereist waren, die sich ebenfalls für ein Leben abseits des gewohnten Alltages entschieden haben und die versuchen, ihren Träumen treu zu bleiben. Und so erzählten unsere Freunde, dass sie einige bittere mails von fremden Menschen erhalten hatten. Briefe, deren Inhalt die beiden anprangern, dass sie keinen Wert für die Gesellschaft zuhause schaffen würden. Denn sie arbeiten nicht im System, versuchen nicht, so viel Geld wie menschenmöglich zu erwirtschaften. Sie versuchen nicht, das Einkommen zu steigern und den wirtschaftlichen Wachstum zu unterstützten. Sie würden nicht dazu beitragen, dass die Pensionskassen möglichst viel Geld erwirtschaften und sich das System mästen kann.

Klar, andere Wege zu gehen, den eigenen Träumen zu folgen und dabei die Welt zu entdecken, kann wohl kaum geradliniges Wirtschaftswachstum hervorrufen, kann keine alteingesessenen Systeme mit ihren löblichen Grundlagen und schändlichen Wasserköpfen füttern und kann wahrscheinlich auch nur gering dazu beitragen, die Finanzmärkte mit Kaufkraft und billig gespendeten Versicherungsgeldern aufzublasen. Klar, reiselustigen Jugendträumen zu folgen bringt eben mit sich, dass die Zeit fehlt, um die eigene Arbeitskraft zur Gänze dem gesellschaftlichen System zu widmen und aufs wohl verdiente Alter zu warten, um dann die Vorzüge des Systems endlich zu nützen.

Zugegeben, ich war einigermassen erstaunt, von solche Vorwürfe zu erfahren und wunderte mich auch darüber, dass unsere Freunde diese Beschuldigungen zu Herzen nahmen und zweifelten, ob ihr Lebensweg wirklich recht und billig war. Nicht nur deshalb war ich erstaunt, weil ich eben aus eigener Erfahrung weiß, dass unser Lebensstiel uns nicht automatisch aus dem System wirft. Denn auch wir müssen unser Einkommen erwirtschaften, unsere Beiträge und Steuern zahlen und unsere Besitztümer zusammenhalten – auch wenn wir versuchen, mit weniger Geld aus zu kommen und kleinere wirtschaftliche Schritte zu gehen.

Ich war über die Vorwürfe erstaunt, weil ich bisher nie das Gefühl hatte, außerhalb der Gesellschaft zu stehen und – noch schlimmer – wertlos für meinen Kulturkreis zu sein, weil ich nicht versuche, den größtmöglichen wirtschaftlichen Wert zu schaffen. Ich beruhigte unsere Freunde. Denn ihr Wert für die Gesellschaft erscheint mir größer, als auf den ersten Blick vielleicht zu sehen ist. Zuhause erzählen sie über ihre Reisen, berichten über fremde Länder und Abenteuer. Sie füllen das Internet mit Erzählungen und helfen den Menschen zu träumen. Und siehe da, wenn die Menschen zuhause träumen, beginnen sie auch, ganze Wirtschaftszweige mit kleinen Ausgaben anzutreiben. Menschen, die vom Reisen träumen, beginnen, bunte Magazine mit nach Hause zu nehmen. Sie kaufen Bücher, funktionale Kleidung und statten sich mit passenden Ausrüstungsgegenständen aus. Sie suchen sich Hobbys, die zu ihren Träumen passen und inspirieren mehr Menschen, sich ihren Freuden zu widmen. Sie fahren in Urlaub, nutzen ihre Möglichkeiten, die Welt zu sehen und das Abenteuer der Reise zu erleben. Natürlich wollte ich unseren Freunden nun nicht vormachen, dass dies alles nur auf unseren Kappen gewachsen war. Größenwahn gehört nun glücklicherweise nicht zu meinen schlechten Eigenschaften. Doch ich denke schon, dass die beiden (und auch viele andere, die von ihren Reisen berichten) so zur Wirtschaft einen kleinen, feinen Beitrag leisten.

Schade allerdings, dass ich bei unserem gemeinsamen Abend die schöne Geschichte der reisenden Inuit noch nicht kannte. Eine Geschichte, die mich gerade deshalb in ihrem Ende so beeindruck hat, weil sie mir gezeigt hat, dass ich mit meinen Versuch, unserem Leben einen gesellschaftlichen Wert zu zu sprechen, doch auch nur gezeigt habe, wie kleinkariert ich immer noch denke!

Ja, kleinkariert! Wie konnte ich blos übersehen, dass der gesellschaftliche Wert eines Menschen keineswegs im System gefunden werden kann. Wie konnte ich vergessen, dass alle, die ihren Jugendträumen folgen, der eigenen Kultur einen viel langfristigeren Nutzen bringen, als den derzeitigen wirtschaftlichen Standard aufrecht zu halten!

Denn wenn wir alles richtig machen, können wir irgendwann nach Hause kommen und sagen: „Die Welt ist groß! Und wir sind inzwischen alt geworden. Aber wir haben gelebt. Und dadurch, dass wir unsere Ziele erreicht haben, haben wir Wissen und Weisheit für kommende Geschlechter erworben!“