Segeln im Land der drei Jahreszeiten

Etwas verwahrlost und schmutzig wiegt sich LA BELLE EPOQUE sachte im trüben Hafenwasser. Einige traurige Rosttränen verunstalten ihr Deck, an der Wasserlinie haben sich Muscheln festgesetzt. Ein paar Möwen kreischen über unseren Köpfen, bauschige, weiße Wolken ziehen wie auf einer endlosen Parade durch und spiegeln sich im Fjordwasser.

Endlich. Wir sind zurück. Zurück in Flensburg. Unseren gewählten „Heimathafen“ an einem der schönsten Meere der Welt: der Ostsee.

Entlang der Hafenpromenade schlägt uns norddeutsche Lebenslust entgegen. Sonnige Wochenenden sind hier nicht alltäglich und wollen im Freien genossen werden! Aber noch haben wir keine Zeit für Sonnenbad, Fischbrötchen und herbes Bier in einem der unzähligen Gastgärten. Denn zuerst gibt es ordentlich was zu tun.

LA BELLE EPOQUE hat uns unsere lange Abwesenheit doch ein wenig krummgenommen. Das müssen wir einsehen, sobald wir die Luken öffnen. Muffiger Gestank schlägt uns entgegen. Na ja, sogar für norddeutsche Verhältnisse hat es diesen Frühling und Frühsommer unwahrscheinlich viel geregnet. So lässt uns der sympathische  Hafenmeister Lutz wissen. Aber das können wir anhand LA BELLEs Kajüte auch selbst erkennen. Die stickige Feuchte im geschlossenen Boot hat ihre Spuren hinterlassen. Schimmlige Matratzen, muffige Handtücher, stockige Papierkarten und umgefallenes, braunes Wasser in der Klomuschel. 

Gut, dass wir mit dem Camper hier sind. So ziehen wir erst Tage später um – in ein Boot, das nach frisch gewaschener Wäsche duftet, wo eine neue Matratze zur gemütlichen Freiwache einlädt und wo frische Ostseeluft kombiniert mit Orangenreiniger auch den hintersten Winkel erreicht hat.

Noch bleiben wir ein paar Tage in Flensburg. Treffen Kerstin und Helmut, die sich nach 19 Jahre Weltumsegelung mit ihrer LOP TO in Flensburg niedergelassen haben. Sie übernehmen unseren Sprinter, bringen den Wagen zu ihrem Freund. Einem Segler und Hofbesitzer, der sich ohne zu zögern bereiterklärt hat, uns einen kostenlosen Parkplatz zu spendieren. Unkomplizierte Freundlichkeit unter Seglern. Ich gebe Kerstin eines meiner Bücher mit auf die Fahrt, in der Hoffnung, mich trotzdem im September noch persönlich für den Gefallen bedanken zu können.

Dagmar Aaen im Heimathafen in Flensburg

Es ist soweit. Wir sind bereit für die Ostsee. Doch halt. Nicht so schnell. Was ist das für eine schicke Aluyacht, die am Ende des Stegs festgemacht hat? INFINITY leuchtet in weißen Buchstaben an ihrem Bug. Das sollte mir doch etwas sagen, oder? Wie gut, das es das Internet gibt. Ist man sich nicht sicher, ob man ein Schiff nicht schon mal gesehen hat, hilft Mr. Google. Ich werde fündig und lese erstaunt: Martin und Susanne, Leben unter Segel und auf Polarexpeditionen. Dann geht mir der Knopf auf: Martin vom deutschen Forschungsschiff POLARSTERN. Wir hatten vor Jahren ein interessantes Funkgespräch. Interessant, weil: Er – in der Antarktis auf Forschungsfahrt, ich – in der Arktis auf Segelexpedition durch die Nordwest Passage. Ja, die Welt ist klein. Und nachdem Susanne einige Yogaübungen für Jürgens schmerzenden Rücken bereit hält, verschieben wir einfach unsere Abfahrt um einen Tag…

Dann endlich los. Aber wohin soll es eigentlich in Zeiten von Corona genau gehen? Dänemark lässt uns nur rein, wenn wir mindestens sechs Hafennächte vorab reserviert haben. (Auch wenn mir nicht klar ist, wie Hafengeld das Land vor coronaeinschleppenden Touristen schützen soll…) Schweden ist gesperrt. Südnorwegen, da waren wir erst letztes Jahr. 

Also warum nicht endlich jenes Land bereisen, in dem wir uns ohnehin fast zuhause fühlen. Ein Land, das wir viel zu wenig kennen und das uns immer aufs neue mit seiner Schönheit überrascht. Weshalb ist das eigentlich so, dass wir Österreicher zu dösig sind, um Norddeutschland zu erkunden? Alle anderen Segler und Camper haben die Einzigartigkeit dieses Landstriches doch schon längst begriffen, so viele Boote und Mobile hier oben unterwegs sind!

Strandkörbe auf kilometerlangen Ostsee-Sandstränden.

Da kommt mir ein Gedanke: Eine „Erstlingsleistung“ der anderen Art: Als „erste Österreicher“ mit dem Segelboot rund Ostsee! Klingt doch nach was!

Spaß bei Seite. Zumindest heuer gehts für uns nicht rund die ganze Ostsee. Sondern ganz drömelig in die Schlei.

In einer Parade aus Booten segeln wir gemächlich aus der Flensburger Fjorde. Mal mit Rückenwind, dann wieder Gegenwind. Mal mit Sonnenschein, mal leichten Regen. Wolken – die sind am norddeutschen Himmel immer zu sehen. Blauer Himmel – mal mehr, mal weniger.

Angekommen in Schleimünde legt der Wind etwas zu. Unser Anker rauscht trotzdem in der weitläufigen Bucht aus. Wissen wir doch, dass wir eine ruhige Nacht vor uns haben. Hier nimmt der Wind eigentlich jede Nacht ab und lässt uns in aller Ruhe schlafen.

Die Schlei – ein Fjord, der den Eindruck eines ruhigen Flusses macht.

Die Schlei. Ein Fjord, der den Eindruck macht, ein ruhiger Fluss zu sein. In durchschnittlich drei Meter tiefen Wasser folgen wir den Tonnen tief ins Landesinnere. Eine Fahrt ins Grüne. Grün glitzert das brackische Fjordwasser, grüne Schilfgürtel säumen das Ufer. Dahinter ein unglaublich schönes Land: rollende, niedrige Hügel. Gelbe Weizenfelder, satte Kuhweiden. Stolze Eichen, Erlen und Linden, deren Laub im Wind raschelt. Reetgedeckte Bauernhäuser, hölzerne Stege vor kleinen Fischerdörfern. Hier und da drehen moderne Windgeneratoren hoch über den Baumkronen. Die Flügel der alten Windmühlen entlang der Dörfer stehen still. Sie werden nicht mehr genützt, aber doch erhalten.

Siseby in der Schlei

Viele Dörfer bieten Ferienhäuser. Ideales Urlaubsziel für aktive Familien, kommen die wunderschön erhaltenen Fischerhäuser doch mitsamt kleinen Booten, Kanus und mit einem weitläufigen Netz an Radwegen. Und das alles zu Preisen, die uns erstaunen. Deutschland ist leistbar geworden, das zeigen auch die Hafenliegeplätze: 20 bis 30 Euro für Yachten bis 15 Meter. Den Hafenführer gibts gratis dazu. Aber in der Schlei benötigen wir keinen Hafenplatz. Das Wasser ist ruhig und Noore zum Ankern gibts genug.

Was genau ein „Noor“ ist? Wikipedia lässt wissen: Das Wort Noor leitet sich vom dänischen Nor ab und bedeutet so viel wie Haff. 

Gut, nicht, diese norddeutsche Sprache. Fragt sich nur, was den eigentlich ein „Haff“ ist… 

Für mich sehen Noore eigentlich Buchten zum Verwechseln ähnlich, allerdings müssen wir mit unserem zwei Meter tiefen Kiel schon etwas aufpassen, wenn wir hier auf Ankerplatzsuche sind.

Ankern vor Schleswig

Norddeutsches Wetter wird nicht langweilig und so verlassen wir unseren Ankerplatz bei Schleswig, um uns für das kommende, durchziehende Tief in eine kleinere Ankerbucht zu verholen. Keine Stunde zu früh ankern wir über zwanzig Zentimeter Wasser im Missunder Noor, schon fallen die Temperaturen, ein schneidiger Wind setzt ein. Der Bikini ist längst weggepackt, ein dicker Pullover unterm Friesennerz ist angesagt. 18° Wassertemperatur, Windstärke 8 und Nieselregen. Da gibts doch nichts zu meckern, denn echte Nordlichter lassen uns wissen: „Schietwetter“ fängt bei Windstärke 12 an, und sowas gehört doch eher an die Nordseeküste als hierher. Norddeutschland muss man einfach lieben! 

 Wir erleben an einem Tag das Wetter von drei Jahreszeiten: von Sonnenschein bis Hagel. Ein ganz normaler Sommer eben, denn, so lernen wir: Sommer ist, solange die Pfützen nicht zufrieren.

Nur Schnee gibts keinen. Zumindest nicht in freier Natur, werden wir doch später in Eckernförde eine Werbung entdecken, in der ein Wellnesshotel mit einem Schneezimmer in seinem Saunabereich wirbt. 

Irgendwann ziehen wir zurück durch Schleimünde in die Ostsee, besuchen Eckernförde und machen schließlich in Kiel fest, um den NOK zu besuchen und die Wäsche zu waschen. Und genauso langsam wir bis hier gekommen sind, genauso langsam wollen wir auch weiterreisen. Mit den Bug in Richtung Osten. Ach wie schön ist es, sich treiben zu lassen, kein festes Ziel zu haben. Wir machen „Auszeit unter Segel“!

 

 

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